Thränen der Musen Zu Ehren Fr. U. M. v. A. g. v. K. geheiliget den 23. Aug. 1671.

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Heinrich Mühlpfort: Thränen der Musen Zu Ehren Fr. U. M. v. A. g. v. K. geheiliget den 23. Aug. 1671. (1686)

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Deckt/ Schwestern/ euer Haupt mit blassen Leid-Cypressē/
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Denckt auff ein Klage-Lied/ das Felsen machet weich/
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Denn eure Lust und Zier ist nunmehr kalt und bleich/
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Ja von dem grimmen Raub des Todes auffgefressen.
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Apollo unser Fürst kan nicht den Fall ermessen/
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Der ihm höchst-schmertzlich scheint/ und in dem gantzen Reich
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Ein Beyleid hat erweckt; Auff Schwestern! stim̃t zugleich
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Die Leyr/ last uns den Ruhm der Werthsten nicht vergessen.
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Die Thränen trocknen nicht/ so ihr dem Grabe weyht/
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Es wil den Trauer-Klang das Echo hoch erheben/
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Und durch den Lorbeer-Wald dreyfältig wiedergeben
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Des Pindus Blumenstehn vor Wehmuth wie beschneyt.
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Ach Schwestern! ach beklagt die Sonne von den Frauen/
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Bey der Zucht/ Adel/ Witz und Keuschheit war zu schauen!

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Wich dünckt ich sehe noch die halb gebrochnen Blicke/
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So auffdes Liebsten Seel als Pfeile giengen loß;
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Ich seh ein blutend Hertz von diesem Todes-Stoß
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Von Grund aus durchgebohrt/ zerschmettert in viel Stücke.
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Verhängnüß voller Noth und zorniges Gelücke!
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Die ein gesegnet Band der treusten Lieb umbschloß/
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Aus derer Regungen ein gleicher Wille floß/
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Die trennet und entzweyt das himmlische Geschicke!
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Timantes Pinsel muß hier einen Fürhang ziehen
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Es würd ein güldner Mund solch unaussprechlich Leid/
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Das Marck und Blut verzehrt/ und in die Seele schneidt/
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Durch Trost zu legeu hin umbsonst sich nur bemühen.
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Der Inbegrieff von Angst/ der Schau-Platz aller Schmertzē
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Ist/ wenn der Tod zerreist zwey treu-vermählte Hertzen.

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So liegt sein Augen-Trost im Blumen-reichen Lentzen
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Der Jahre hingerafft/ so schweigt der Rosen-Mund/
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Der durch Behäglich seyn den Unmuth wenden kont/
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Und der Gespräch und Schertz nie ließ von seinen Gräntzen?
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So sieht man ferner nicht der Augen Sterne gläntzen/
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Noch Nelck/ und Lilien blühn auff der Wangen Rund/
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So stärckt kein Blick/ kein Kuß hinfort der Liebe Bund/
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Das werth-geschätzte Haupt wird nicht ihr Arm bekräntzen?
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Ach schmertzlicher Verlust! die seine Seele war/
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Ohn derer Gegenwart er nicht zu leben schiene/
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Die eilt aus dieser Welt/ der grossen Trauer-Bühne/
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Und legt sein halbes Hertz zugleich mit auff die Bahr.
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Hoch-Edler/ ausser Streit soll er diß Zeugnüß haben/
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Daß bey der Liebsten Tod er selber sich begraben.

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Die Cedern des Geschlechts sind nicht vom Tode frey/
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Der Ahnen grauer Ruhm kan nicht dem Schim̃el wehrē/
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Sonst könte dieses Grab nicht diesen Schatz verzehren/
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Den unter tausend Ach! und Weh! man leget bey.
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Es wird ohn alles Ziel der
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Jhr hoch-geliebtes Kind Blut-thränende begehren/
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Mit Seufftzen voller Gluth des Himmels Gunst beschweren/
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Ob nicht ihr eintzig Trost zurück zu ruffen sey.
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Nicht seltne Frömmigkeit/ nicht angeborne Tugend/
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Und was die Menschen sonst auff Erden himmlisch macht/
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Vermögen zu entfliehn des schwartzen Grabes Nacht/
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Sie deckt des Alters Schnee und auch den Kern der Jugend.
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Vermöchten diß der Stand/ Zucht/ Schönheit/ holde Sitten/
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Es wär der Seligen ihr Faden nicht zerschnitten.

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Sind Sarg und Hochzeit-Bett einander so verwand?
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Der gantze Helicon klang voller Freuden-Lieder/
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Die Venus und die Schaar der kleinen Liebes-Brüder
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Entzündten beyder Hertz in angenehmen Brand/
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Und streuten Myrten aus/ und legten Hand in Hand/
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Daß weder Noth noch Tod diß Bündnüß risse nieder.
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Ach aber! eh der Herbst zum vierdten kommet wieder/
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So liegt die Gratie verblast im kühlen Sand.
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Jhr Braut-Krantz ist zu früh verkchrt in Wermut-Sträuche/
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Jhr prächtger Ehren-Rock ins dünne Sterbe-Kleid/
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Die Fackeln erster Lust bezeugen nun das Leid/
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Und sind von Angst geschwärtzt Geferthen bey der Leiche.
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So viel Ergetzligkeit das Hochzeit-Fest gezieret/
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So viel Betrübnüß wird jetzt umb den Sarg gespüret.

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Was/ Schwestern/ last ihr doch so bittre Thränen rinnen?
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Es lebt die Selige in höchster Wonn und Lust/
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Sie liegt als eine Braut dem Heiland an der Brust/
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Und wohnt als Königin in Zions heilgen Zinnen.
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Jetzt wird sie allererst der Herrligkeiten innen/
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Nun sie den Kelch des Heils/ das Brod des Lebens kost.
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Was keines Menschen Aug und Ohren ist bewust/
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Diß kan sie gantz verklärt vor GOttes Thron gewinnen.
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Sie tritt die Sterbligkeit nun unter ihre Füsse/
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Und siehet Sonn und Mond weit niedriger gestellt/
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Sie lacht der Eitelkeit der Grund-erboßten Welt/
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Nachdem sie JEsus labt durch heisse Liebes-Küsse.
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Ach selig/ wer so wol legt ab des Fleisches Kleid!
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Dem ist das finstre Grab ein Thor zur Ewigkeit.

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Es ist der edle Geist dem Ursprung nachgegangen/
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Dieweil der Himmel ihm zum Ziele war gesteckt/
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Damit ihn nicht die Welt das Sünden-Haus befleckt/
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Wo Laster stets an uns wie Kletten bleiben hangen/
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Wo Frömmigkeit erstirbt/ wo Redligkeit gefangen
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Und an den Fesseln liegt/ wo Tugend man verdeckt/
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Hingegen Trug und List im Grund des Hertzens heckt/
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Und/ gleich wie Etna/ brennt von Hoffart und Verlangen.
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Der Kercker voller Qual/ der konte sie nicht halten/
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Wo wahre Liebe schwindt/ wo Glaub und Demuth sinckt/
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Wo eines lachende dem andern Gifft zutrinckt/
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Und alle gute Werck im Christenthum erkalten.
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Drumb hat sie ihren Fuß der Laster-Bahn entzogen/
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Damit sie freudiger schritt’ auffdes Himmels Bogen.

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Hoch-Edler/ seine Seel Urania ist todt/
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Allein ihm bleibt bekand der Wechsel/ den sie troffen/
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Wie viel der Herrligkeit er dermaleins zu hoffen/
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Wenn sie wird neben ihm vereinigt stehn bey GOtt.
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Jetzt ist nicht Wunderns werth/ daß unerhörte Noth
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Und Jammer-reicher Schmertz läst seine Wunden offen/
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Daß in der Thränen-Flut die Geister sind ersoffen/
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Und seine Seele speist der Trübsal hartes Brod.
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Jedoch ein groß Gemüth in Weißheit ausgeübet/
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Mit Tugend wol verwahrt/ und mit Gedult umbsetzt/
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Weiß daß die jenigen/ so GOtt am liebsten schätzt/
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Offt mit dem schwersten Creutz und härtsten Proben übet.
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Wiewol was sorg ich viel mit Trost ihn zu beschencken?
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Er selbst/ der Weisheit Licht/ weiß sich hierin zu lencken.

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Kommt/ Schwestern/ schmückt das Grab/ singt himmlische Gedichte!
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Des Adels schöne Blum/ der Keuschheit Glantz uñ Zier/
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Der Tugend Sammelplatz muß zwar verwesen hier/
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Doch gläntzt die reine Seel in unumschriebnem Lichte.
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Was seufftzt ihr Clarien mit blassem Angesichte?
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Schafft/ daß ein ewig May sproß’ aus der Grufft herfür/
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Und daß die Nach-Welt auch kenn eure Dienst-Begier/
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So meldt den Sternen an ihr herrliches Gerüchte.
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Sonst solt ihr euch nicht mühn ein Denck-Mahl auffzubauen:
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Sie lebt ins Liebsten Hertz durch sich und durch ihr Kind.
123
Wo solche Zeugen nun stets gegenwärtig sind/
124
Da darff man nicht die Lieb in Ertz und Marmel hauen/
125
Sie ist auffs prächtigste der Seelen eingeprägt/
126
Und wird nicht in das Grab/ als wie der Leib/ gelegt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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