Uberdruß Menschlichen Lebens/ Bey Beerdigung Hn. J. L. D. zu St. E. den 18. Junii 1671.

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Heinrich Mühlpfort: Uberdruß Menschlichen Lebens/ Bey Beerdigung Hn. J. L. D. zu St. E. den 18. Junii 1671. (1686)

1
So schleust du/ Seeliger/ die Wallfarth deiner Tage/
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Und schickst den müden Leib zu der gewünschten Ruh’!
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So hat sein End’ erreicht des Leidens lange Plage/
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Und diß was irrdisch war/ deckt Erde wieder zu!
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Es konte dir die Welt mit ihren schnöden Sachen/
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So blosses Blend-Werck sind und eitles Gauckelspiel/
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Nur Eckel und Verdruß hinfort zu leben machen/
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Weil deiner Seele nicht ihr böses Thun gefiel.
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Du sahft mit Salomon daß alles alles eitel/
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Und wünscht mit Davids-Mund von Mesech weg zu gehn.
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Ja weil wir gantz verderbt vom Fußbret biß zur Scheitel/
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So muste Hiob dir zu dem Beweißthumb stehn.
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Sein abgemartert Leib und außgekreischte Knochen/
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Das Eyter volle Fleisch/ der heßliche Gestanck/
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Die Glied er hin und her vom Fäulniß gantz durchkrochen/
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Er selbst/ sein Folterer und eigne Folterbanck/
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Belehrten/ was der Mensch/ und sein vergänglich Wesen/
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Wie er noch lebendig sich schon zu Grabe trägt;
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Daß immer Noth auf Noth/ so bald er nur genesen/
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Auf seines Lebens Schiff/ gleich einer Welle/ schlägt.
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Und vielen wird der Leib der Mutter auch zum Grabe/
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Viel fallen Blumen gleich im ersten Frühling hin.
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Gesetzt schon/ daß der Mensch von Jahren etwas habe/
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Raubt nicht die Eitelkeit den Rest noch zum Gewin?
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Was ist die Wissenschafft/ in welcher wir uns brüsten?
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Ein Wahn/ der meistentheils aus falschem Grunde quillt.
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Was ist die Weißheit denn/ nach der so viel gelüsten?
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Ein eingebildtes Thun/ so bey sich selbst nur gilt.
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Was ist denn der Verstand? ein unvollkommen Sinnen.
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Was die Erforschung denn? gantz eine leere Müh.
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Daß Reichthum? ein solch Gut/ das flüchtig muß zerrinnen.
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Die Schönheit der Gestalt? der Augen Phantasie.
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Was die Gerechtigkeit? ein Tuch/ das/ sehr beflecket.
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Was Hoheit? ein glatt Eiß/ auf dem man leichtlich fällt.
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Was mächtige Gewalt? ein Nest/ das Sünden hecket:
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Und kurtz; ein Schattenwerck ist aller Pacht der Welt.
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Wenn nun ein feurig Geist in Himmel gantz verliebet/
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Und von der Ewigkeit schon einen Vorschmack fühlt/
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Das Marter-Haus den Leib großmütig übergiebet/
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Wer zweiffelt/ daß er nicht den besten Zweck erziehlt?
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Wir suchen Ruh und Lust auf Erden nur vergebens/
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Vom Kummer abgematt’ von Schmertzen abgezehrt:
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Ja wir empfinden auch den
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Wenn von des Cörpers Last die Seele wird beschwert.
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Was ists nun daß wir uns so lange hier gesäumet/
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Wenn uns zu letzte noch muß vor uns selber graun?
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Wenn meistens der Verstand dem Menschen ist enträumet/
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Und er nicht ferner kan auf sein Gedächtnüs baun:
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Wenn sich die Augen schon in tieffe Nacht verstecken/
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Und sich die kalte Stirn in lauter Runtzeln zeucht/
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Wenn man die Hände nicht vor Zittern auß kan strecken/
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Den siechen Rücken krümt und kaum aus schwachheit kreucht:
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Wenn der Zahn-lose Mund nicht mehr geschickt zum Essen/
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Und den bedrängten Leib bald Frost bald Hitze plagt.
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Der Eckel und Verdruß ist leicht denn zu ermessen/
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Und daß man/
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Wem wächst bey solcher Noth nicht ein erhitzt Verlangen/
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Die Hügel voller Fried in jener Höh’ zu sehn?
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Wer schätzt sich nicht beglückt/ der so dem Sturm entgangen/
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Jm Paradiß anlendt/ wo Freuden-Weste wehn?
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Wir müssen/ Seeliger/ der Kirchen Ruhm und Zierde/
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Auch deiner Pilgramschafft den Seegen ruffen nach.
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Denn wem ist unbekand die hertzliche Begierde/
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In welcher du geeilt auß diesem Angst-Gemach?
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Wie vor des HErren Wort dein Mund hat vorgetragen/
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Wie du/ beständig seyn/ beweglich hast gelehrt/
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Und heisam unterweist in den Gewissens-Fragen/
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Und was den Glanben baut/ und was ihn auch zerstört;
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Wie das ein ewig Weh und ewig Wol uns bleibet/
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Der Himmel oder Hell einst die Belohnung seyn;
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Und daß je mehr den Mensch deß Creutzes Last aufreibet/
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Je mehr er wird erfreut in jenes Reich gehn ein.
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Das hast du an dir selbst zur Probe fürgestellet/
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Der siechen Tage Zahl/ der Schmertzen Bitterkeit/
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Hat die Beständigkeit deß Glaubens nie gefället;
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Du warst mit Helden-Muth zu diesem Kampf bereit.
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Bist wie ein Priester sol/ im Lehren/ Leben/ Wandel/
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Mit Sanfftmuth und Gedult gedrungen durch die Zeit/
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In dem dir wol bewust/ daß nach vollbrachtem Handel/
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Nach Elend/ Creutz und Angst die Krone sey bereit.
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Die Kinder lassen auch nicht dein Gedächtnis sterben/
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Zwey Söhne ziert das Recht und der Hygeen Gunst.
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Du hast den Eydam sehn dein Ehren-Ambt erwerben/
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Durch wahrr Gottesfurcht/
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Ehrwürdiger ruh' wol/ schlaf in der Väter Frieden/
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Der du viel Müh gehabt/ erndst itzt viel Freuden ein.
87
Ach seelig/ wer so wol/ von dieser Welt geschieden/
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Daß ihm kan ewig wol für Gottes Throne seyn!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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