Gesetzter Leichen-Stein Hn. B. S. den 31. Julii 1670.

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Heinrich Mühlpfort: Gesetzter Leichen-Stein Hn. B. S. den 31. Julii 1670. (1686)

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Weil unser Fleisch und Blut sind Kleider die verwesen/
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Und dieses irrdne Haus verfällt in seinen Sand/
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So ließ die kluge Welt noch ihr Gedächtnüß lesen/
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Und hat den grösten Fleiß auff Gräbern angewand.
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Rom wolt’ ein ewig Licht den Abgelebten brennen/
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Aegypten führte Thürm/ und hohe Säulen auff;
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Viel gaben die Begier durch Tempel zu erkennen/
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In welchen einverleibt der Todten Lebens-Lauff.
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Es muste Morgenland den besten Balsam schicken/
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Und angenehmes Oel/ sie mit zu salben ein.
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Der letzte Wille hieß das Grab mit Fleiß zu schmücken/
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Und es mit Lilien und Rosen zu bestreun.
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Es stunden Redner auff/ die mit beredter Zungen
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Der grimmen Sterbligkeit entgegen sich gesetzt/
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Es ward des Todten Ruhm durch Lieder abgesungen/
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Der besten Thaten Ruff in Stein und Stahl geetzt.
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Ich wil den grauen Mund der alten Zeit nicht fragen/
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Noch frembder Völcker Recht und Bräuche führen an;
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Denn wo wir mehr zu sehn nur ein Verlangen tragen/
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So ist der
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Jhr Eifer/ der sie trieb die Gräber auffzubauen/
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Die Liebe so sie auch die Steine legen hieß/
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Und drein mit kluger Kunst ein Angedencken hauen/
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So voller Weißheit war/ diß macht uns schon gewiß.
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Und einen grossen Ruhm begriffen kurtze Zeilen/
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Das Schwerdt wormit sie offt den stoltzen Feind erlegt/
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Hing an dem Leichen-Stein/ als wie an Ehren-Säulen/
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In die der Helden Lob und Thaten eingeprägt.
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Auff diese Weise nun blieb feurigen Gemüthern
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Des Namens Ewigkeit zu stifften eingepflantzt/
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Sie sahn den Untergang von allen irrd’ schen Gütern/
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Und daß des Menschen Thun mit Noth und Tod umbschantzt.
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Allein die Eitelkeit hat Meister hier gespielet/
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Vergessenheit nnd Neid was reissen sie nicht ein?
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Was hat die Tyranney der Zeiten nicht durchwühlet/
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Daß solche Gräber nun ein Hauffen Steine seyn?
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Sol denn ein Ehren-Mahl auff dieser Welt uns bleiben/
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Das nicht gebrechlich ist/ und so/ wie wir/ vergeht/
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So muß die Tugend uns die Grabe-Zeilen schreiben/
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Die ists/ wenn gleich die Welt wird brennen/ so besteht.
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Herr S
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Und nach bekandtem Brauch der Erden anvertraun/
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Kan die gemeine Stadt/ was rühmlich ist/ nachsagen/
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Die Tugend wil ihm auch ein ewig Denckmahl baun/
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Das keine Zeit verletzt/ das in den Hertzen grünet
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Der jenen/ so ihm sind mit Freundschafft beygethan:
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Denn wer getreu und recht/ GOtt/ und dem Nechsten dienet/
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Der legt zu stetem Lob ihm selbsten Zunder an.
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Der hurtige Verstand der zierte seinen Handel/
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Zu dem Erfahrenheit ihr Theil getragen bey.
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War nicht im übrigen sein gantzer Lebens Wandel
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Von alter Redligkeit/ und sonder Heucheley?
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Verstellen Hertz und Sinn/ diß reden/ jenes dencken/
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In Worten milde seyn/ in Wercken aber karg/
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Ist zwar ein Meisterstück von den Welt-klugen Rencken/
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Jedennoch zieren sie gar selten Grab und Sarg.
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Nein/ unser Seeliger prangt in gar andrer Seide/
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Die ihm sein’ Unschuld spinnt/ ein rein Gewissen webt/
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Den Zeug so er auch braucht zu seinem Ehren-Kleide/
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Ist/ daß die Bürgerschafft sein gutes Lob erhebt.
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Daß er den Aemtern wol und embsig fürgestanden/
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So von der Oberkeit ihm wurden überreicht/
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Daß keine Mängel nicht bey solcher Pflicht verhanden/
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Und jetzt sein Ehren-Ruhm in reinen Flammen leucht.
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So viel entführt uns nun der Tod mit seinem Netze/
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Zerreist das Band der Eh’/ macht Wäisen/ raubt den Freund/
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Jedoch weil nichts nicht hemmt die himmlischen Gesetze/
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Und GOtt doch Vater bleibt/ wie frembd es immer scheint/
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So muß/
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Gedult bey solcher Noth das beste Pflaster seyn:
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Weil selbst der Seelige ein klares Beyspiel giebet/
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Mit was vor Muth er hat gelitten seine Pein/
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Wie sehr den siechen Leib des Steines Marter plagte/
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Und ihn noch lebende den Leichen gleich gemacht/
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Wie bey der höch sten Qual sein Hertze nicht verzagte/
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Und auffgelöst zu seyn ihm wünschte Tag und Nacht.
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Der müste steinern seyn/ dem dieses Steines Leiden
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Nicht das Geblüte rührt/ und zur Erbarmnüß bringt/
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Diß kont euch Hertz und Seel/
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Diß ist/ was Thränen-Saltz aus beyden Augen zwingt.
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Hergegen wenn ihr nun den Wechsel überleget/
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Die unaus sprechlich’ Angst vertauscht mit höchster Lust/
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Daß seinen Leichen-Stein er nicht mehr bey sich träget/
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Und dort im Paradies ligt an des Heilands Brust/
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Hier aber Gottesfurcht den Leichen-Stein ihm setzet/
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Worauff die Tugend selbst die Grabe-Schrifften schreibt/
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So findet ihr vielmehr was euren Geist ergetzet/
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Und was bey solchem Werck die Thränen rückwerts treibt.
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Ein langes Leben ist nur ein verlängtes quälen/
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Wo täglich neue Noth die müden Jahre frist/
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Wo wir mehr Sorgen als wol Morgen werden zehlen/
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Und statt der Früchte man die Kummer-Disteln list.
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Glückselig wer den Lauff so wohlgemuth vollendet/
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Und kämpfft den guten Kampff im Glauben und Gedult/
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Der trägt den Preiß darvon/ und wenn sein Leben endet/
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So bleibt den Tugenden die Nach-Welt dennoch huld.
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Den Marmel bricht die Zeit/ der Rost verzehrt das Eisen/
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Und was kan Ewiges von Menschen Händen seyn?
99
Das Leben und der Tod des Seeligen die preisen
100
Herr

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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