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Woldem der seine Ruh kan in sich selbsten finden/
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Den keine Regung nicht zu ihrem Sclaven macht/
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Der seinen Willen kan vernünfftig überwinden/
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Und nit nach falschem Schein der hohen Dinge tracht.
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Der/ wie die alte Welt/ ein gleiches Leben führet/
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Die Unschuld erster Zeit ihm zum Exempel stellt/
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Dem nie der Hoffarts-Geist das innre Hertz berühret/
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Der grosser Höffe Pracht für Dampff und Nebel hält:
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Der für sein höchstes Gut ein ruhiges Gewissen/
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Und für den schönsten Schmuck die göldne Freyheit schätzt/
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Der nicht auf Eitelkeit des Pöfels ist beflissen/
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Und seinen gantzen Wunsch auf andrer Schmeicheln setzt;
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Der mit sich selbsten Freund die falschen Freunde hasset/
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Und Einfalt von der List zu unterscheiden weiß/
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In eine solche Form sein gantzes Thun verfasset/
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Die richtig Kugelrund als wie der Erden-Kreiß:
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Der sich zuviel nicht freut/ und nicht zu sehr betrübet/
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Bey hellem Wetter so als wie beym schwartzen sitzt/
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Gott und der Tugend nur sich eintzig übergibet/
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Und wolgemuthet steht wenn gleich der Himmel plitzt.
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Der wird ein grünes Feld vor die Palläst erwehlen/
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Weil dort die Anmuth selbst hier nichts als Kummer blüht/
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Der seine Stunden nicht darff nach der Uhr abzehlen/
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Noch daß er halbbestürtzt auf andrer wincken sieht:
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Ein Blumen-reiches Graß beliebt ihm vor Tapeten/
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Weil jene nur die Kunst und diese Flora mahlt/
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Und darff drauf außgestreckt vor keinem nicht erröthen/
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Und ob er noch so sehr von grosser Hoheit strahlt.
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So lebte Cicero wenn er sein Rom verlassen/
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Und sich der Würde Bürd’ entband in Tusculan/
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Es konte der Horaz mehr frische Geister fassen/
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Entfreit von Schloß und Hof/ entfreit vom Lieb dienen/
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Sein eigen Herr und Knecht/ und doch deß Käysers Freund.
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Sagt nicht der Plinius daß alle Sinnen grünen/
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Wenn er zu Laurentz lebt und da die Sonn ihm scheint?
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Wie lobet Sannazar sein Gut die Marginille?
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Wie sang nicht für Florentz Politian im Thal?
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Schätzt nicht Lotichius der grünen Gärten stille/
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Und einen frischen Brunn mehr als der Printzen Stahl:
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Der Weisen meister Schluß der stimmet hier zusammen/
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Daß wer der Sinnen Ruh und auch des Leibes sucht/
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Des Volckes Meng und Lust und Händel muß verdammen/
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Daß in der Einsamkeit nur blüh des Friedens Frucht.
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Nicht daß man gäntzlich sich den Menschen soll entziehen/
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Und gleich Gefangenen in Kammern sperren ein/
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Daß man in Hölen solt als wie der Timon fliehen/
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Und wie Domitian ein Fliegen-Stecher seyn.
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Nein/ diese fürchteten ihr Lasterhafftes Leben
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Für einer ehrbarn Welt zu bringen an das Licht.
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Diß meyn ich/ wer sich will der Erbarkeit begeben/
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Und etwas gutes thun/ dem nutzt Gesellschafft nicht.
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Zu dem so ist die Art des Lebens untermenget:
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Es kan ein jeder nicht bey Kron und Infeln stehn;
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Wohin der Unbestand sich des Gelückes hänget/
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Auf diese Seite muß der Mensch gehorsam gehn.
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Dem gibt es Gold und Sammt/ und jenem Stroh zur Decke/
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Der sitzet auf dem Stuhl/ ein ander für der Thür:
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Der tauchet sein Gewand ins Blut der Purpur-Schnecke/
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Da mancher armer Mensch sich nicht kan kleiden hier/
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Und alle sind wir nicht zu Sceptern außerkohren/
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Wer nur in seinem Stand mit Gott vergnüget lebt/
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Derselbe hat noch nie die wahre Ruh verlohren/
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Weil in Zufridenheit so Leib als Seele schwebt.
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Der seinen Acker baut/ der seinen Baum beschnitzet/
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Der seiner Früchte Krafft nach seinen Jahren zehlt/
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Dient eben GOtt wie der/ der bey den Hohen sitzet/
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Mit dem sich nichts als Pracht und Herrligkeit vermählt.
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Ja ferner liebet nicht jedweder grosses Wesen/
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Es kiest ein Sternen-Geist ihm vielmahls Cellen aus/
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Und gibt durch Witz und Kunst der grauen Welt zu lesen/
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Daß einem weisen Mann ein jeglich Ort sein Haus.
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Viel wollen durch Geschäfft und Dienste diß erlangen/
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Was nur der Weis’ allein/ und niemand sonst besitzt/
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Doch endlich/ wenn wir kaum im Vorsatz angefangen/
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So hat der Todt bereit die Pfeile schon gespitzt:
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Und wenn wir gar genau das Leben überlegen/
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Was ist es? Angst und Streit und immer neue Noth.
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Will nun ein Mensch auch nicht den Sinnen-Frieden hegen/
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So ist der Lebens-Rest noch ärger als der Tod.
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Wer einsam und vergnügt verlacht den Wahn der Zeiten/
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Gewissen/ Gott und Mensch vorsetzlich nie betrübt/
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Der kan ein Ebenbild der Freuden ihm bereiten/
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Die seinen Gläubigen der Allerhöchste gibt.
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Was ist sonst unser Thun? So bald der Tag erwachet/
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So legen wir zugleich die Kummer-Kleider an/
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Wenn eine gute Stund uns wo der Himmel machet/
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Hängt Eckel und Verdruß zu einem Ausschlag dran.
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Und ob gleich Ehr und Lust das Leben übergolden/
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Abgötter seiner Zier darff es so schlecht besolden/
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Daß nur ein Leinen Tuch die kalten Glieder deckt.
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Denn ist der Nahm ein Ruff/ der stoltze Leib nur Asche.
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Elende Sterblichen denckt eurem Jammer nach!
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Womit die Thränen man bey solcher Noth abwasche/
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Ist Ruh/ und diese stört kein Hertz-erzwungnes Ach/
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Welt/ Teufel/ Fleisch und Blut sind arge Seelen-Feinde/
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Doch wer nur hurtig kämpfft/ erlangt gewiß die Kron/
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Auff seine Müh folgt Ruh/ und er hat Gott zum Freunde/
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Besitzt die Ewigkeit für seiner Arbeit Lohn.
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Herr Bierle der die Ruh und nicht die Eitelkeiten
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Der schnöden Welt geliebt/ ruht jetzt auf ewig wol/
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Es stehn dem reinen Geist die Engel an der Seiten/
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Er liebt das Paradeiß in dem er wohnen soll/
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Weil jetzt die Flora pflegt die Gärte zu verlassen/
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Der Blume prächtig Haupt verwelckt/ und untergebt/
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Sucht er Jerusalems gewünschte Himmels-Gassen/
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Und siht wie unverwelckt der Baum deß Lebens steht.
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Der Wandel den er hier in seinem Leben führte/
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Der bietet ihm auch dort die Unschulds-Lilgen all.
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Die wolbedachte Ruh/ so ihn auff Erden zierte/
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Macht daß er in der Hand deß HErren ruhen kan/