Auf das seelige Absterben Hu. G. W. M. D. den 28. Junii 1669.

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Heinrich Mühlpfort: Auf das seelige Absterben Hu. G. W. M. D. den 28. Junii 1669. (1686)

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Umsonst gedenckt der Mensch dem Tode zu entfliehen/
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Vergebens stürmt sein Witz das Schloß der Sterb-
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Er muß das Leichgewand/ wie klug er ist/ anziehen/
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Und vor dem letzten Stoß ist kein Galen befreyt.
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Es mag der Theophrast sein Perlen-Saltz erheben/
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Womit er Sterbenden die Geister wieder bringt/
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Er mag bald trinckbar Gold bald Hertz-Misturen geben/
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Bald Milch/ die er durch Kunst aus den Granaten zwingt;
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So hält doch nichts zurück der Libitinen Wüten/
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Wie edel die Artzney/ wie hoch der Artzt bewährt/
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Die Parcen haben nur den Faden abgeschnitten/
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Wie sehr man widerstrebt/ und alle Büchsen leert.
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Des Lebens Balsam wird zum Abzug nicht mehr dienen/
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Und kein zermalmt Saphir macht uns vom Tode frey/
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Noch die Smaragd-Essenz/ noch Oele von Rubinen/
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Und so was herrlichers ein Podalir trägt bey.
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Der abgezogne Geist und Farbe von Corallen/
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Womit die kluge Welt sich noch zu retten denckt/
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Ist ohne Macht und Krafft/ wenn schon die Geister fallen/
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Und tieffe Todes Nacht die Augen hat umbschrenckt.
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Da muß auch Mantua mit seinem Pulver weichen/
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Kein gülden Latwerg stärckt das matte Hertze mehr.
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Der abgezehrte Mensch der soll und muß verbleichen/
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Er brauche wie er wil/ und hoffe noch so sehr.
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Die Priester der Natur/ so Erd und See durchkrochen/
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Und jedes Element umb einen Rath gefragt/
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Die müssen ihre Müh beym Hintritt noch verfluchen/
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Und daß sie sich zu weit/ doch ohne Nutz/ gewagt.

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Und es ist wunderns werth/ was menschliches Beginnen
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Aus Steinen hat erprest/ aus Gold und Staal gesaugt/
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In Hoffnung doch noch so der Clotho zu entrinnen/
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Und das was auff der Welt noch für das Sterben taugt.

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Allein es hat daraus gantz Sonnen-klar erhellet/
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Daß in jedwedem Glied der Tod uns finden kan.
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Wird nicht zuerst das Haupt vom Schlag offt so gefället/
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Daß umb den gantzen Mensch im Augenblick gethan?
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Jtzt quält das Aug ein Fluß/ bald wirds das Sternsel drücken/
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Jtzt saust es in dem Ohr/ dann schlägt die Taubsucht zu;
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Bald wird der Nase-Gang ein böß Geschwür bestricken/
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Bald läst die Fäulniß nicht des Mundes Gräntzen Ruh.
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Jtzt ist die Zung erstarrt/ itzt schmertzlich aufgeschwollen/
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Dem macht das Zäpflein weh/ den breñt der Mandeln Glut/
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Des Athems Schwerigkeit wil nicht der Lunge Zollen/
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Und ein sehr truckner Hust benimbt uns Lust und Muth.
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Den färbt die Gelbesucht/ der muß beym Leben schwinden/
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Wird Machtloß und vergeht/ dem eckelt für der Speiß.
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Ein ander kan nicht Ruh für dem Erbrechen finden/
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Drauf kom̃t der Fieber Schaar die macht bald kalt/ bald heiß.
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Was sag ich von dem Hertz und dessen Bangigkeiten?
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Der Leber/ mit Geschwür und Wasser angefüllt?
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Dem Miltz/ so gantz verhärt? dem Stechen in den Seiten?
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Dem argen Nieren-Weh/ bey dem kein Artzney gilt?
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Zerreisset nicht die Gicht die vor geraden Glieder?
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Nimmt nicht die Wassersucht uns/ eh’ mans meinet/ hin?
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Wirft manchen nicht der Fraß hin auf die Erden nieder?
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Wird die Verkrummung nicht die Nerven gantz einziehn?
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Und so muß jedes Glied auch seinen Hencker leiden/
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Die Beine/ so sonst fest/ bricht Zufall/ Zeit und Tod/
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Das Angst-Haus unser Leib lehrt wie wir müssen scheiden/
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Und zeiget wie der Mensch ein’ Handvoll Staub und Koth.
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Auch nicht erfahrner Witz und tieffgegründtes Wissen/
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Erkäntniß der Natur/ die können hier bestehn/
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Sonst dürfte nicht der Artzt die Augen gleichfals schliessen/
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Es würd ein ewig Lob und Leben ihn erhöhn.
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Der vor des Todes-Pfeil offt hat zurück gehalten/
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Apollens grosser Ruhm/ und Meditrinens Sohn
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Muß selbst itzt eine Leich/ als ihrer viel/ erkalten
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Bringt keine Opffer mehr vor der Hygeen Thron.
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Der Edle Wilhelm ligt/ und kan nicht mehr besiegen
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Gepresten/ so er offt glückseelig hat geheilt.
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Es müssen Kunst und Witz und Wissenschafft erliegen/
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So bald die Atropos mit ihrem Faden eilt.
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Doch war ihm wol bekand das himmlische Gesetze/
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Es war des Höchsten Schluß sein Wille unterthan/
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Er liebte vor die Welt der Ewigkeiten Schätze/
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Die keine Zeit nicht raubt/ kein Dieb nicht stehlen kan.
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Und wie ihn Padua mit Lorbern hier gekrönet/
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So hofft’ er einst gekrönt bey seinem GOtt zu stehn;
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Wenn er im Glaubens-Kampff die Eitelkeit verhönet/
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Und liß der Sinnen Flug biß an die Sterne gehn.
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Betrübtste/ die ihr itzt des Vatern Treu vermisset/
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Und Thränen auf sein Grab aus wahrer Liebe streut/
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Als Kinder/ wie ihr solt/ noch seine Asche küsset/
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Und in dem Hertzen fühlt ein recht empfindlich Leid/
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Denckt daß er hat mit Ruhm der gantzen Stadt gedienet/
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Nun aber für dem Thron des Höchsten dienen sol;
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Daß sein Gedächtniß noch in den Gemüthern grünet/
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Er selbst in Freuden lebt und ist ihm ewig wol.
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Der sieche Leib verdirbt der aus der Erden kommen/
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Und wieder Erde wird nach dem gemeinen Schluß:
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Hingegen seine Seel ist herrlich auffgenommen/
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Und fühlt an Lust und Wonn itzt einen Uberfluß/
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Mißgönnt ihm nicht die Ruh/ verzehrt euch nicht in Sorgen/
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Der diesen grossen Bau der weiten Welt regirt/
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Dem ist der Wäisen Klag und Seuffzen unverborgen:
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Denckt daß an Vaters statt er Sorge für euch führt.
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Kein theures Perlen-Oel/ kein Zucker von Corallen/
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Kein Pulver/ Safft noch Kraut macht von derGrufft befreyt.
99
Die Menschen kommen auff und müssen auch verfallen/
100
Der klügste Artzt der ist ein Bild der Sterbligkeit.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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