Wohlbeschlossenes Alter/ Hn. T. S. v. L. den 11. Octobr. 1667.

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Heinrich Mühlpfort: Wohlbeschlossenes Alter/ Hn. T. S. v. L. den 11. Octobr. 1667. (1686)

1
Was klagt/ ihr Sterblichen/ die Wenigkeit der Tage/
2
Daß eurer Jahre Ziel so kurtz ist abgefast?
3
Legts Leben und den Brauch des Lebens auf die Wage/
4
Gewiß/ das letzte macht euch nur die gröste Last.
5
Viel leben gantz verkehrt/ viel lernen niemals leben/
6
Ein Theil schätzt sich beglückt daß Jahr und Zeit verraucht:
7
Wenn nun die Stunde schlägt/ und man soll Abschied geben/
8
So seufftzt man nur umbsonst/ daß dieses Gut verbraucht.
9
Wir hätten langen Raum der Tugend nach zusetzen/
10
Und gar bequeme Frist die Weißheit anzuschaun/
11
So lassen wir allhier uns die Begierden hetzen/
12
Und pflegen Babels Thurn hoch in die Lufft zu baun.
13
Der vor der Thüren steht/ und auf Genaden harret/
14
Der Aempter bettelt aus/ und neue Titul sucht/
15
Weiß nicht wie liederlich er seine Zeit vernarret/
16
Und wie viel Monat ihm zerfliessen sonder Frucht.
17
Ein ander stirbt verwirrt in zweiffelhafften Rechten;
18
Die von dem Ehrgeitz frey/ die fällt der Gelddurst an.
19
Theils leben unversöhnt/ und wollen immer fechten/
20
Was hat unreine Brunst bey manchen nicht gethan?
21
Wer so sein Leben nutzt/ da hat es freylich Flügel/
22
Ist schneller als ein Pfeil/ der durch die Lüffte streicht
23
Denn hilfft uns vor den Tod kein Freybrieff oder Siegel/
24
Das Ende/ das man so gesuchet/ ist erreicht.
25
Hier kan man endlich wol noch einen Fürhang machen/
26
Verstellen Aug’ und Hertz; dort steht die Seele bloß/
27
Und wenn diß Wort erschillt: Thu Raitung deiner Sachen/
28
So geht der Aengsten Angst mit vollem Hauffen loß.
29
Gar einen andern Zweck sein Leben wol zu schliessen/
30
Zu dienen GOtt/ und auch dem Nechsten nutz zu seyn/
31
Hat ihm der
32
Den man nun Lebenssatt dem Grabe sencket ein.
33
Des Geistes Fertigkeit/ der muntern Jahre Kräffte/
34
Hat Arbeit außgeschärfft/ und steter Fleiß vergnügt;
35
Es rühmt ein jederman den Fortgang der Geschäffte/
36
Das noch der Stadt gar wol im Angedencken liegt.
37
Biß daß sein Alter ihn hieß auf die Ruhe dencken/
38
Auf eine solche Ruh/ die Weise stets geliebt/
39
Die sicher von dem Neid/ die Hoffart nicht kan kräncken/
40
In welcher Helden sich vor jener Zeit geübt.
41
Er hat auf seinem Gut ein Unschuld-volles Leben/
42
Als wie die Tugend lehrt/ in reiner Lust geführt;
43
Den Anreitz kont’ ihm da jedwede Pflantze geben/
44
So zu deß Schöpffers Lob stund prächtig außgeziert.
45
Der Alten Waffen sind die Ubungen der Tugend/
46
Mit welchen meisten sie die Laster schon bekämpfft;
47
Das Blut brennt nicht vor Glut/ wie in der ersten Jugend/
48
Die Regungen sind auch durch grauen Witz gedämpfft.
49
Sie leben ihnen selbst/ was übrig von den Zeiten/
50
Verzehrt ein kluges Buch/ und ein gelehrt Gedicht:
51
So lebte
52
Zu unser Zeit
53
Was ist wol seeligers als ist den freyen Feldern/
54
Bey einem grünen Baum/ und Silber-hellen Bach/
55
In einem tieffen Thal/ und Schatten-reichen Wäldern/
56
Dem Elend dieser Zeit vernünfftig dencken nach.
57
Es ließ der
58
Und/ welchen es gebührt/ umb Kronen seyn bemüht/
59
Er konte beßre Lust auf seiner Brief’ erjagen/
60
Wenn er in Garten sah/ wie alles aufgeblüht.
61
Da jedre Zeit deß Jahrs gab Anlaß nachzusinnen;
62
Der Sommer/ so bereit sein volles Wachsthum zeigt/
63
Entdeckte/ daß wir auch erwachsen nützen können/
64
Und daß der Künste Frucht auß weissen Knospen steigt.
65
Der Herbst/ ein Ebenbild der außgewürckten Jahre/
66
Die voll sind an Verstand/ wie jener Trauben-reich/
67
Daß da deß Menschen Sinn die schwersten Ding erfahre/
68
Und seine Fruchtung sey Pomonens Baumwerck gleich.
69
Sah’ denn der
70
Die Flüsse gantz geharnscht/ die Felder gantz beschneyt;
71
So schloß er/ daß nun so sein Leben abgenommen/
72
Die
73
Erblickt’ er denn auffs neu deß güldnen Frühlings prangen/
74
Wenn alles sich verjüngt/ und grünes Laub gewan/
75
Entsprang bey ihm zugleich das sehnliche Verlangen
76
Deß Himmels Paradiß/ und Gott zu schauen an.
77
Er wuste wie das Graß sprost auß der Schoß der Erden/
78
Wie jede Blum ihr Kleid und Schönheit wieder nimmt.
79
Athen rühm’ immer hin des Epicurus Garten/
80
Und schätze seine Lehr/ und Schlüsse wunder groß:
81
Wer so der Sterbekunst im Leben lernt abwarten/
82
Und täglich daran denckt/ erlangt der Freuden Schloß.
83
Es hat der werthe Greiß auch sattsam sich ergetzet/
84
Wenn er an seinen Sohn/ Apollens Arm/ gedacht;
85
Der selbst durch Bücher ihm ein ewig Denckmahl setzet/
86
Und bey der Nachwelt sich schon längst unsterblich macht.
87
Ein Stecken/ Stab/ und Trost bey den verlebten Jahren/
88
Die Krone so anitzt gar wenig Väter ziert/
89
Ja was von Kindern mehr für Treu ihm widerfahren/
90
Ist unnoth daß es erst mein kurtzer Reim berührt.
91
Wiewol er nun gelebt/ wie seelig er gestorben/
92
Und vieler Jahre Zahl Gottsfürchtig hingelegt/
93
Wie er durch Tugend ihm ein gutes Lob erworben/
94
Bedarff nicht erst der Müh/ daß mans in Marmel prägt.
95
Der Schiffer jauchtzt und springt/ wenn er den Port erreichet/
96
Man rufft dem Glücke zu/ so in dem Kämpffen sigt.
97
Nun unser
98
Und zu der himmlischen Gemeinschafft sich verfügt/
99
So sol man sich mit Recht ob seinem Glück erfreuen/
100
Das keinen Zusatz will/ auch keinen Zufall kennt.
101
Der ist gewiß/ wer so beschleust deß Alters Reyen/
102
Daß weder Noth doch Tod von Gottes Lieb’ ihn trennt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.