Erlangte Ruhe Fr. E. S. v. P. g. v. J. den 25. Sept. 1667.

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Heinrich Mühlpfort: Erlangte Ruhe Fr. E. S. v. P. g. v. J. den 25. Sept. 1667. (1686)

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Jhr die ihr auff der See des Kummer-reichen Lebens
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Mit vollen Segeln laufft und neue Hafen sucht/
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Die ihr der Hoffnungs Haupt umbschweiffet gantz verge-
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Und den Genaden-Port verliehrt bey solcher Flucht/
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Was meint ihr? Woll’t ihr Ruh in dieser Unruh finden?
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Da euer Fleisch und Blut stets neuen Auffstand macht/
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Da die Begierden sich als wie ein Feur entzünden/
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Und mancher Donnerschlag’ in dem Gemüt’ erkracht.
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Elende Sterblichen! was eure Ruh zerstöret
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Und mas meineydig offt des Geistes Frieden bricht;
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Das sind die Regungen/ die man liebkosend’ höret/
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Ja die der Selbst-Betrug mit Biesam zugericht.
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So bald nun der Geruch euch ins Gehirne steiget/
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Nimt die verborgne Gifft Vernunfft und Sinnen ein/
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Denn ists nicht wunderns werth daß ihr euch rasend zeiget/
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Von Aberwitz verkehrt/ verblendt durch falschen Schein.
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Man überlege nur das Endziel unsrer Wercke/
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Der wenigste lebt so/ daß er ihm selber lebt.
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Indessen fällt dahin der Jahre Kern und Stärcke/
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Indem der arme Mensch sich lebendig begräbt.
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Wir wären wol geschickt auch Ruh’ allhier zu haben/
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Allein der spröde Geist der wil und mag nicht ruhn/
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Bald heist ihn Neid und Geitz/ bald Zorn und Hochmuth traben/
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Was nur die Reitzung schafft das muß er willig thun.
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Denn zancken wir uns selbst in unsrem eignen Hertzen/
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Verdammen alle Rast/ und lieben steten Streit/
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Gedencken nicht einmal welch Gut wir uns verschertzen/
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Wie weit wir irre gehn vom Weg der Ewigkeit.
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So ruht der innre Mensch. Ob schon des Glückes Sonne
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Von aussen nichts als Gold umb seine Scheitel flicht/
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So quält ihn Angst und Furcht bey höchster Lust und Wonne
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Wird arm durch Uberfluß und kennt sich selbsten nicht.
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Zu dem wohnt schlechte Ruh in prächtigen Pallästen/
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Wer grosse Sorgen führt schläfft selten allzuwol.
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Wie offt fällt heute der/ so gestern stund am festen/
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Und mancher wird gedrückteh’ als er steigen sol.
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Noch thörichter sind die/ so bey der Wollustrasten/
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Und richten ihnen selbst ein Bett’ von Dornen zu/
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Sind Mörder ihrer Zeit/ die sie so sehr nicht hasten/
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Wenn ihr Gemüthe dächt’ auff ungekränckte Ruh.
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Mit kurtzem/ was wir hier geniessen/ das betrübet/
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Auch Weise finden offt nicht bey der Weißheit Rath/
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Und der so vielen Trost und Unterrichtung gibet/
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Beklagt sich/ daß erselbst nicht die Vergnügung hat.
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Armselige! wenn nu der Schauplatz dieser Erden/
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Wie sehr er auch mit Gold und Silber angefüllt/
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Zu einem steten Haus euch nimmermehr kan werden/
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Und Eckel und Verdruß aus euren Thaten quillt.
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Was sehnt ihr euch denn nicht die Hütten zu verlassen/
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Die nichts als Leimen ist und voll Unsauberkeit?
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Flieht ihr Jerusalems gewünschte Freuden-Gassen?
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So sag’ ich daß ihr mehr als unvernünfftig seyd.
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Die
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Der auch die gantze Stadt getreue Thränen schenckt/
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Fand/ was die Welt ergetzt/ an dem nur mißbehagen/
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Jhr Andacht-volles Hertz war Himmelwerts gelenckt.
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Und ob sie zwar die Pracht und irrd’sche Herrligkeiten
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Durch Einfluß des Gelücks auffs mildigste besaß/
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So konte doch den Geist der Schimmer nie verleiten/
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Daß er die Seelen-Ruh zu wünschen je vergaß.
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Der angeborne Muth aus dem berühmten Stamme/
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So der Jessynsker Ruhm den Cedern gräbet ein/
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Wies’ auch durch ihr Gemüth der Tugend helle Flamme/
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Daß Kinder guter Art gleich ihren Ahnen seyn.
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Die Lehrer der Natur/ die melden von den Eschen
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Wie keine Schlange sich zu derer Schatten macht.
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Jhr reiner Wandel/ den die Zeit nicht wird verleschen/
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Nahm solches Waffenbild im Leben auch in acht.
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Sie hat den Eschen gleich/ durch den Geruch der Sitten/
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So von den Tugenden zum besten ausgeschmückt/
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Den Lastern Weg und Steg großmüthig abgeschnitten/
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Und Frommigkeit ins Hertz zum Siegel eingedrückt.
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Wer saget nicht es sey des Hauses Sonn’ entwichen/
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Da man des Liebsten Hertz halbieret mit begräbt?
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Daß früh/ ach allzufrüh/ der Kinder Trost verblichen
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Daß tieffe Traurigkeit sie jetzt mit Flor ümwebt.
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Wie emsig sorgte sie für aller wolergehen/
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Wie wachsam war sie nicht zu dencken auff ihr Heil/
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Die unerschöpffte Müh der Wirtschafft fürzustehen/
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Verzehrt’ ihr manchen Tag und auch der Nächt’ ein Theil.
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Wie reuig der Verlust/ wie schmertzlich dieses scheiden
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Verknüpfften Hertzen sey bezeigt der Thränen-See:
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Jedoch bedencken wir den Wechlel ihrer Freuden/
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Und wie sie hat vertauscht den Abgrund mit der Höh/
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So muß man sie beglückt und dreymahl selig schätzen/
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Der herrliche Gewinn geht über allen Werth.
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Jhr’ Augen können sich an ihrem GOtt ergetzen;
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Die Finster nüß ist hin und was sie vor beschwehrt.
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Sie siht kein Unglück mehr/ sie weiß von keinem Schrecken/
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Jhr Antlitz sättiget sich an des Höchsten Bild.
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Die Ohren wird hinfort kein’ arge Post auffwecken/
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Weil diese Stimm/
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Der Mund so offt geseufftzt; ob schwerer Zeiten Fälle/
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Bricht in ein jauchzen loß und preiset GOttes Macht;
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Lobsagt ihm/ daß er ihn hat von der Todten Stelle
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Ins Land der lebenden mit solchem Glantz gebracht.
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Die Hände so zuvor von Arbeit stets bemühet/
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Die ruhn von Sünd und Creutz und aller Hand-Arbeit.
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Die Füsse gehn nicht mehr durchs Thal/ da Jammer blühet/
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Von Fehl und straucheln sind sie sicher und befreyt.
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Trotzt nun/ ihr Sterblichen/ auff eure Ruh im Leben/
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Da nichts als Unruh ist/ Quaal/ Marter/ Angst und Pein/
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Wer/ wie die Seelige/ nach jener Ruh wird streben/
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Dem kan hier zeitlich wol und dort auch ewig seyn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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