Beyleid Bey Beerdigung Hn. G. N. M. D. Töchter- lein den 4. May 1665.

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Heinrich Mühlpfort: Beyleid Bey Beerdigung Hn. G. N. M. D. Töchter- lein den 4. May 1665. (1686)

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Bestürtzte/ wo mein Reim nach einer Leiche schmecket/
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So wisst bey Sterbenden hab’ ich ihn auch gemacht/
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Wo weder Liebligkeit noch Zucker drinnen stecket/
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So dencket daß der Tod Kunst/ Witz und Zier verlacht.
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Euch ist ein liebes Kind/ und mir ein Freund verblichen/
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Und beyde fallen hin im angenehmen May;
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Es sind die Gratien von meiner Brust gewichen/
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Statt eines süssen Klangs erthönt ein Leich-Geschrey.
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Die Kirchhoffs-Blumen sind nicht nur die grauen Haare/
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Weil bey den Kindern offt der Tod in Wiegen liegt/
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Das Grab verzehret auch der Jugend Rosen-Jahre/
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Man weiß von keinem Held der übern Tod gesiegt.
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Wenn schon die Stunde schlägt/ kan Esculap nicht rathen/
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Und gantz Arabiens sein Balsam gilt nicht viel.
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Der Syrer theures Oel und Indiens Mußkaten
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Sambt allem Bezoar verlängern nicht das Ziel.
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Ich weiß/ Apollens Sohn/ wie sehr er sich bemühet
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Sein allerliebstes Kind dem sterben zu entziehn:
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Alleine diese Ros’ und Lilg’ ist nur verblühet/
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Ein Wollust-reicher May der Eltern gehet hin.
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Es scheinet der Natur Gesetze fast zu wieder/
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Und stellt mit der Vernunfft schier einen Wett-Streit an/
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Den Kindern drücken zu die matten Augen-Lieder/
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Da man doch sonsten wünscht/ daß sie uns diß gethan.
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Doch unterstehet sich ein Mensch mit GOtt zu rechten?
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Betagt der Erden-Kloß den Schöpffer für Gericht?
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Ach nein! ein spröder Thon der kan nicht wieder fechten/
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Dem Allgewaltigen hält niemand das Gewicht.
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Es ist dem schönen Kind so übel nicht geschehen/
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Wie saur es Fleisch und Blut auch immer deucht zu seyn/
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Die Eltern kränckt es zwar/ daß sie die Lust nicht sehen/
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So stets den Frühling gab und einen Sonnen-Schein.
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Der zarten Glieder Schmuck ist freylich jetzt versehret/
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Der Wangen Nelcke bleich/ der Lippen Scharlach blaß.
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Der Aeuglein Sternen-Glut hat Finsterniß verstöret/
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Und diese Tods-Gestalt macht eure Augen naß.
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Es lacht euch nicht mehr an/ gibt weiter keine Küsse/
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Und redet/ was den Geist von Grund erquicken kan.
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Ach ja ich geb es zu/ daß herbe Seelen-Risse/
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Als Wecker strenger Noth/ euch hefftig greiffen an.
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Hingegen wann ihr wohl des Höchsten Schluß erweget/
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Und grimmer Zeiten Lauff vernünfftig überschlagt;
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So hat ein zeitlich Tod das Kind zur Ruh geleget/
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Da Unruh/ Furcht und Angst uns alle Stunden plagt.
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Was ist die Jugend sonst? Ein Jahrmarck schöner Sünden/
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Worbey ein grüner Sinn fast gar zu geitzig kaufft.
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Das Blut ist voller Gluth und kan sich leicht entzünden/
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Daß einer Zügel-loß in sein Verderben laufft.
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Je länger man hie lebt/ je mehr man sich beflecket/
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Und in die Gauckeley der schnöden Welt verliebt/
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Wir spüren nicht das Gifft/ biß daß wir angestecket
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Und denn/ der Laster-Brand erhitzte Stiche giebt.
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Die Seele sehnet sich dem Block-Hauß zu entgehen/
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Wo die Begierden stets erboste Hencker seyn/
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Sie wil aus dieser Nacht zu den gestirnten Höhen/
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Und vor das Thränen-Brod/ des Himmels Freuden-Wein.
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Viel Kummer wird zugleich mit in den Sarch gesetzet.
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Betrübste/ denn das Kind ist trefflich wohl verwahrt/
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Wie sehr ihr es geliebt/ wie hoch ihr es geschätzet/
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Und was von Güttern ihm ihr hättet fürgespahrt/
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Wär doch nur Sorgen voll und Aengsten reich gewesen.
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Es hat den Himmel nun/ der grösten Schätze Schatz/
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Umbzirckt mit lichtem Schmuck/ und kan jetzt recht genesen;
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Drumb wischt die Zehren ab diß lehrt der Weißheit-Satz.
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Man ruffet sonst Glück zu/ dem/ der das Ziel erreichet/
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Der Schiffer singt und springt wenn er den Hafen sieht/
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Und warumb weinen wir/ daß einst der Mensch verbleichet/
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Der zu mehr Herrligkeit und Würde nur verblüht.
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Daß eurer Freude May im ersten May vergangen/
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Und solche Lebens-Blum aus Mattigkeit verfällt/
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Thut weh’ und überschwemmt mit Thränen Aug und Wangen:
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Weil aber sie nunmehr den Engeln zugesellt
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So treten Freuden ein. Denn ihre schöne Blüthen
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Hat nicht ein gifftig Wurm noch Schmetterling befleckt/
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Die Rosen im Gesicht/ die so hochfärbig glühten/
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Stehn dort noch unverwelckt/ mit neuem Glantz umbsteckt.
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Bewerfft des Kindes Grab mit Chloris Frühlings-Kindern
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Denn dieses ist die Thür zu jenem Paradiß/
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Hier ruht der zarte Leib. Das Leiden wird sich mindern
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So sich bey Eltern erst unbändig sehen ließ.
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So weit kan ich nur Trost/ und zwar betrübet/ bringen/
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Denn wer bey Leichen sitzt/ schreibt selten was ergetzt.
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Ich sahe meinen Freund gleich mit dem Tode ringen/
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Als ich theils Reim’ und Thrän’ auff dieses Blat gesetzt.
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Der Leser wird hier nicht Ziebeth und Amber finden/
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Denn ein Wacholder-Rauch verdüstert mir den Sinn;
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Ein Artzt der selber kranck kan Wunden nicht verbinden/
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Mich wunderts daß ich nicht schon längst ein Grab-Lied bin.
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Doch sol mein Helicon hinfort der Kirchhoff heissen/
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Weil jenen Eitelkeit/ den Ewigkeit umschränckt/
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Wer sich den Banden nicht wil dieser Welt entreissen/
92
Der zeiget/ daß er mehr an Erd’ als Himmel denckt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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