1
Bestürtzte/ wo mein Reim nach einer Leiche schmecket/
2
So wisst bey Sterbenden hab’ ich ihn auch gemacht/
3
Wo weder Liebligkeit noch Zucker drinnen stecket/
4
So dencket daß der Tod Kunst/ Witz und Zier verlacht.
5
Euch ist ein liebes Kind/ und mir ein Freund verblichen/
6
Und beyde fallen hin im angenehmen May;
7
Es sind die Gratien von meiner Brust gewichen/
8
Statt eines süssen Klangs erthönt ein Leich-Geschrey.
9
Die Kirchhoffs-Blumen sind nicht nur die grauen Haare/
10
Weil bey den Kindern offt der Tod in Wiegen liegt/
11
Das Grab verzehret auch der Jugend Rosen-Jahre/
12
Man weiß von keinem Held der übern Tod gesiegt.
13
Wenn schon die Stunde schlägt/ kan Esculap nicht rathen/
14
Und gantz Arabiens sein Balsam gilt nicht viel.
15
Der Syrer theures Oel und Indiens Mußkaten
16
Sambt allem Bezoar verlängern nicht das Ziel.
17
Ich weiß/ Apollens Sohn/ wie sehr er sich bemühet
18
Sein allerliebstes Kind dem sterben zu entziehn:
19
Alleine diese Ros’ und Lilg’ ist nur verblühet/
20
Ein Wollust-reicher May der Eltern gehet hin.
21
Es scheinet der Natur Gesetze fast zu wieder/
22
Und stellt mit der Vernunfft schier einen Wett-Streit an/
23
Den Kindern drücken zu die matten Augen-Lieder/
24
Da man doch sonsten wünscht/ daß sie uns diß gethan.
25
Doch unterstehet sich ein Mensch mit GOtt zu rechten?
26
Betagt der Erden-Kloß den Schöpffer für Gericht?
27
Ach nein! ein spröder Thon der kan nicht wieder fechten/
28
Dem Allgewaltigen hält niemand das Gewicht.
29
Es ist dem schönen Kind so übel nicht geschehen/
30
Wie saur es Fleisch und Blut auch immer deucht zu seyn/
31
Die Eltern kränckt es zwar/ daß sie die Lust nicht sehen/
32
So stets den Frühling gab und einen Sonnen-Schein.
33
Der zarten Glieder Schmuck ist freylich jetzt versehret/
34
Der Wangen Nelcke bleich/ der Lippen Scharlach blaß.
35
Der Aeuglein Sternen-Glut hat Finsterniß verstöret/
36
Und diese Tods-Gestalt macht eure Augen naß.
37
Es lacht euch nicht mehr an/ gibt weiter keine Küsse/
38
Und redet/ was den Geist von Grund erquicken kan.
39
Ach ja ich geb es zu/ daß herbe Seelen-Risse/
40
Als Wecker strenger Noth/ euch hefftig greiffen an.
41
Hingegen wann ihr wohl des Höchsten Schluß erweget/
42
Und grimmer Zeiten Lauff vernünfftig überschlagt;
43
So hat ein zeitlich Tod das Kind zur Ruh geleget/
44
Da Unruh/ Furcht und Angst uns alle Stunden plagt.
45
Was ist die Jugend sonst? Ein Jahrmarck schöner Sünden/
46
Worbey ein grüner Sinn fast gar zu geitzig kaufft.
47
Das Blut ist voller Gluth und kan sich leicht entzünden/
48
Daß einer Zügel-loß in sein Verderben laufft.
49
Je länger man hie lebt/ je mehr man sich beflecket/
50
Und in die Gauckeley der schnöden Welt verliebt/
51
Wir spüren nicht das Gifft/ biß daß wir angestecket
52
Und denn/ der Laster-Brand erhitzte Stiche giebt.
53
Die Seele sehnet sich dem Block-Hauß zu entgehen/
54
Wo die Begierden stets erboste Hencker seyn/
55
Sie wil aus dieser Nacht zu den gestirnten Höhen/
56
Und vor das Thränen-Brod/ des Himmels Freuden-Wein.
57
Viel Kummer wird zugleich mit in den Sarch gesetzet.
58
Betrübste/ denn das Kind ist trefflich wohl verwahrt/
59
Wie sehr ihr es geliebt/ wie hoch ihr es geschätzet/
60
Und was von Güttern ihm ihr hättet fürgespahrt/
61
Wär doch nur Sorgen voll und Aengsten reich gewesen.
62
Es hat den Himmel nun/ der grösten Schätze Schatz/
63
Umbzirckt mit lichtem Schmuck/ und kan jetzt recht genesen;
64
Drumb wischt die Zehren ab diß lehrt der Weißheit-Satz.
65
Man ruffet sonst Glück zu/ dem/ der das Ziel erreichet/
66
Der Schiffer singt und springt wenn er den Hafen sieht/
67
Und warumb weinen wir/ daß einst der Mensch verbleichet/
68
Der zu mehr Herrligkeit und Würde nur verblüht.
69
Daß eurer Freude May im ersten May vergangen/
70
Und solche Lebens-Blum aus Mattigkeit verfällt/
71
Thut weh’ und überschwemmt mit Thränen Aug und Wangen:
72
Weil aber sie nunmehr den Engeln zugesellt
73
So treten Freuden ein. Denn ihre schöne Blüthen
74
Hat nicht ein gifftig Wurm noch Schmetterling befleckt/
75
Die Rosen im Gesicht/ die so hochfärbig glühten/
76
Stehn dort noch unverwelckt/ mit neuem Glantz umbsteckt.
77
Bewerfft des Kindes Grab mit Chloris Frühlings-Kindern
78
Denn dieses ist die Thür zu jenem Paradiß/
79
Hier ruht der zarte Leib. Das Leiden wird sich mindern
80
So sich bey Eltern erst unbändig sehen ließ.
81
So weit kan ich nur Trost/ und zwar betrübet/ bringen/
82
Denn wer bey Leichen sitzt/ schreibt selten was ergetzt.
83
Ich sahe meinen Freund gleich mit dem Tode ringen/
84
Als ich theils Reim’ und Thrän’ auff dieses Blat gesetzt.
85
Der Leser wird hier nicht Ziebeth und Amber finden/
86
Denn ein Wacholder-Rauch verdüstert mir den Sinn;
87
Ein Artzt der selber kranck kan Wunden nicht verbinden/
88
Mich wunderts daß ich nicht schon längst ein Grab-Lied bin.
89
Doch sol mein Helicon hinfort der Kirchhoff heissen/
90
Weil jenen Eitelkeit/ den Ewigkeit umschränckt/
91
Wer sich den Banden nicht wil dieser Welt entreissen/
92
Der zeiget/ daß er mehr an Erd’ als Himmel denckt.