Schuldiges Mitleiden Bey Beerdigung Hn. J. G. Z. jüngsten Söhnleins 22. April. 1665.

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Heinrich Mühlpfort: Schuldiges Mitleiden Bey Beerdigung Hn. J. G. Z. jüngsten Söhnleins 22. April. 1665. (1686)

1
Der Mensch ist ja mit recht ein Gast der Welt zu schätzē/
2
Denn heute kehrt er ein/ und Morgen wieder aus:
3
Die Trachten/ so die Zeit ihm pfleget fürzusetzen/
4
Sind balsamirtes Gifft und überzuckert Grauß.
5
Es sey die Köderung so lieblich als sie wolle/
6
Die Körner erster Lust sind Dörner letzter Pein/
7
Daß nicht ein Aloe auf Julep folgen solle/
8
Wär in dem grossen Saal der Erden ungemein.
9
Und unsre meiste Kost sind rasende Begierden/
10
Jetzt macht uns Hoffnung satt/ bald füllt uns Schrecken an.
11
Den speiset höchst vergnügt ein Auge voller Zierden/
12
Wenn der aus Gelddurst nicht bey Nachte ruhen kan.
13
Wir lassen nicht der Zeit erst Raum uns zu verzehren/
14
Indem vergälter Haß und dürrer Neid uns frist/
15
Denckt man fürm Untergang durch Kräuter sich zu wehren/
16
So ist doch Fleisch und Blut das uns vom Tode list.
17
Wir müssen ingesammt die Würme Schwestern nennen/
18
Und die Verwesung nur als Mutter sehen an.
19
Der Schluß ist längst gemacht/ daß Seel und Leib sich trennen/
20
Die wird dem Himmel/ der der Erden beygethan.
21
Weil Sterben und Geburt sich fest umbwickelt haben/
22
Das Leben und der Todt in gleichen Ketten gehn;
23
So ists kein Unterscheid/ daß dieser früh begraben/
24
Ein ander spät hernach wird auff der Bahre stehn.
25
Betrübtste/ daß mein Wort von keiner Anmuth linde/
26
Und heissen Schmertzen auch noch mehr die Sporen giebt/
27
Erwecket der Verlust ob ihrem zarten Kinde/
28
Das/ weils von Hertzen kam/ das Hertze tief betrübt.
29
Dem Gärtner bringt es Pein wenn seine Lust-Gefielder
30
Ein gifftig Reif bestreicht/ und alle Müh verderbt.
31
Wenn er ersticken sieht des Frühlings schöne Bilder/
32
Und vor den wachen Fleiß nur lehre Stoppeln erbt.
33
Der Garten eurer Eh’ hat zweyfach Frucht getragen/
34
Und mit der doppel-Lust das gantze Haus ergetzt;
35
Run eure Blume fält/ so ist sie werth zu klagen/
36
Und daß der Thränen Thau noch ihre Blätter netzt.
37
Denn ob zwar die Vernunfft hier wil den Meister spielen/
38
Indem sie schleust: Ein Sohn/ der Freuden Sammel-Platz/
39
Der künftig Ehr und Ruhm kan dem Geschlecht erzielen/
40
Des Vatern Ebenbild/ der Mutter Lust und Schatz/
41
Ein Kleinot/ das geneigt hat die Natur gegeben/
42
Ein Gut/ warumb der Mensch/ so sehr nach Gütern denckt/
43
Ein Stab/ woran sich hält das hochbejahrte Leben/
44
Ein Pfand/ das mit der Zeit den reichsten Wucher schenckt:
45
So muß doch die Gedult vernünfftig dis erwegen/
46
Daß auch das Himmelreich den Kindern offen steht.
47
Gott hat es heimgeholt/ ein Kleid ihm anzulegen/
48
Das vor der Sonnenstrahl und Schmuck der Sterne geht.
49
Es hat der reine Geist die Welt nicht sollen schmecken/
50
Die Bisamkugeln weist/ und Wermuth-Knospen reicht.
51
Noch mit der Schmincke sich der Eitelkeit beflecken/
52
So Sünde mit dem Schein der Tugend überstreicht.
53
Die Lasterreiche Kunst Gemüther anzukleiden/
54
Verstellen Hertz und Sinn/ so bald es Nutzen bringt/
55
Und unter vielem Lob des Nechsten Wolfahrt neiden/
56
Hat die so zarte Seel nicht mit dem Netz umbschlingt.
57
Die saubren Glieder sind von Lusten nicht entweyhet/
58
Denn seine Unschuld trotzt auch Perlen/ Lilgen/ Schnee/
59
Er ist von so viel Qual/ die uns noch drückt/ befreyet/
60
Er lauft den Hafen ein/ wir irren auf der See.
61
Hemmt Eltern euren Schmertz. In diesem Trübsals Garten
62
Traurt keine Blume nicht; Drumb ist der liebste Sohn
63
In jenes Land versetzt/ wo ihn die Engel warten/
64
Er wächst/ er grünt/ er blüht/ gleich einer Käiser-Cron.
65
Hier knallt der Himmel offt von harten Donnerschlägen;
66
Dort weht ein Westen-Wind dem Sohn Narcissen zu.
67
Das eitle Blumwerck tilgt Wind/ Nebel/ Schnee und Regen;
68
Die Himmels-Blume hat von allen Wettern Ruh.
69
Sie konte den April der Zeiten nicht vertragen/
70
Drumb ward sie einverleibt dem ewig grünen May.
71
Nun mag kein Hagel auf die edle Pflantze schlagen/
72
Die Pracht bleibt unverletzt/ die Blüten immer neu.
73
Unwiederrufflich ists/ daß Lust ins Grab gewichen/
74
Daß die Ergötzligkeit so aus den Händen fällt/
75
Und mit dem lieben Kind viel Freuden sind verblichen/
76
So mit Verlauf der Zeit sein Wachsthum angestelt.
77
Alleine unser Fuß kan nicht stets Rosen treten/
78
Weil Jammer-Disteln offt verschrencken Weg und Bahn.
79
Der Mensch ist nur zu schwach die Dörner auszujäten/
80
Sie hengen unvermerckt des Lebens-Acker an.
81
Auch jener Weise nennt/ ein todtes Meer/ das Leben/
82
In welchem niemals sich die Kummer-Welle regt.
83
Was hier der Höchste nimmt/ das kan er wieder geben/
84
Weil sein gewaltig Arm das Horn des Heiles trägt.
85
Ein rauher Sassafras gleicht keinem Mußcateller/
86
Und doch der Würckung nach ists ein gesunder Tranck/
87
Nach dickgewölckter Nacht erscheint die Sonne heller/
88
Und durch Verstimmung lauft der zierlichste Gesang.
89
Der Sohn ist Thränen werth/ doch/ weil auch diese schwinden/
90
So kan/ Bekümmerte/ der Schmertz nicht ewig seyn.
91
Die Zeit und die Gedult pflegt Wunden zuzubinden/
92
Da eh ein hitzig Artzt setzt alle Messer ein.
93
Genung: die Flüchtigkeit ist Rosen nicht zu nehmen/
94
Und unsrer Sterbligkeit Insiegel bleibt der Todt/
95
Wer sich dem alten Bund und Recht nicht wil bequemen/
96
Der lästert die Natur und handelt wider GOtt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.