Seliger Hintritt J. A. R. M. den 19. Febr. 1665.

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Heinrich Mühlpfort: Seliger Hintritt J. A. R. M. den 19. Febr. 1665. (1686)

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Bjßhero haben wir verlebte hin getragen/
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Die selbst des Alters Last von Thränen loß gezehlt.
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Nun ändert sich das Spiel/ und was bey zarten Tagen
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In voller Blüthe stund/ hat jetzt den Sarch erwehlt.
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Holdseligstes Geschlecht/ ihr schönen Anmuths-Sonnen/
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Durch welche Breßlau sich gleich Paphos Tempel macht.
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Welch Leid hat über euch die Oberhand gewonnen?
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Vergällt sich eure Lust/ verfinstert sich die Pracht?
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Ach ja! Die Augen sind nur Zeichen rauher Blicke/
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Die Seuffzer Bothen/ so was schweres melden an.
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Und angeborne Hold fleucht/ wie bestürtzt/ zu rücke/
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Wo sind die Rosen hin? Was soll der Majoran?
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Ist die Ergetzligkeit von eurer Brust gewichen?
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Rauscht jetzt kein süsser West durchs Kercker-freye Haar?
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Ist Liebe von dem Mund/ von Wangen Lust geschlichen?
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Kränckt/ was behäglich vor/ ein unverhoffte Bahr?
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Hoch mächtig muß das Leid in weichen Hertzen wütten/
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Nun eures Ordens Ruhm und Blum’ ins Grab verfällt.
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Zu früh hat Atropos den Faden abgeschnitten/
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Der schönen
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Das eintzig werthe Kind/ der Mutter Lust und Prangen/
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Der Freuden Inbegriff/ und aller Hoffnung Schatz/
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Läst freylich hinter sich ein schmertzliches Verlangen/
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Uud einer vollen See/ der Thränen Fluten/ Platz.
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Jm Anfang bester Jahr’/ im Blumen-reichen Lentzen/
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Da man die Jugend fast wie eine Fürstin ehrt/
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Wenn jede Glieder/ wie die göldnen Sterne gläntzen/
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Und der beredte Mund ein wächsern Hertz bethört/
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Verlacht man nur das Grab. Sie aber/ die verschieden/
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Hat ihre Jahre so verschwenderisch nie geliebt/
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Der Wunsch war/ frey zu seyn und hin zufahrn im Frieden/
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Den dort/ den Gläubigen der Allerhöchste gibt.
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Deß engen Lebens frist hat Tugend doch erweitert.
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Es schien das Ebenbild der Gratien an ihr/
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Wenn sich die Stirn in Zucht und Schönheit aufgeheitert/
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Und stellt uns einen May der Liebligkeiten für.
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Die niedliche Gestalt/ die sittsamen Geberden/
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Der Augen rasche Glut und süsser Zwincker-Blitz
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Bestrahlte gleichsam hier den Ball der grossen Erden/
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Und im Gehirue nahm die Pallas ihren Sitz/
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So bald der Mund entschloß das Helffenbein der Pforte/
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Drang kluger Reden Art ins Hertze mehr als tieff/
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Ja sie beseelte selbst die sonst nur todten Worte/
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Wenn die gelehrte Hand auf den Clavieren lieff.
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Wer gönnte nun nicht Raum zu leben dieser Schöuen?
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Die vieler Augen Lust und keusche Wonne war.
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Wer wünscht ihr nicht den Krantz/ sie einst als Braut zu krönen?
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Umsonst: Der Hochzeit-Schmuck liegt mit ihr auf der Bahr.
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Weint/ schönste Schwestern/ weint/ hier zieren euch die Thränen/
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Flecht diese Perlen nur in ihre Kronen ein/
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Ertheilts/ wor nach sich pflag die Seelige zu sehnen/
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Ein herbes Seuffzen/ wird das beste Opffer seyn.
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Küst noch den lieben Mund/ den Geilheit nie beflecket/
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Statt eines Sterblichen ruht sie an JEsus Brust.
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Seyd mühsam daß der Sarch mit Roßmarin umbstecket/
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Denn ihre Seele grünt/ und schwebt in Engel-Lust.
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Wie hertzlich bat sie Gott umb ein vernünfftig Ende/
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Sie schreckte fast den Tod/ der sonst nur Schrecken macht/
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Und gab die Seel’ erfreut dem Heyland in die Hände/
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Sie sagte wohlgemuth der Erden gute Nacht.
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Es war ein süsser Schlaf und nicht ein Tod zu nennen/
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Der Cherubinen Schaar empfing den müden Geist.
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Die nichts nicht hat vermocht von ihrem Gott zu trennen/
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Ist eine Pilgramin von dieser Welt gereist
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So stirbt die Lilie/ wenn sie viel Regen trincket/
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Der weisse Atlaß schleist/ der morsche Stängel bricht/
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Biß das beperlte Haupt zu seinem Grabe sincket/
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Und nimmt zugleich mit sich der Gärten Schmuck und Licht.
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So muß der Rosen Flamm in Asche sich verkehren/
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Wenn Phöbus Feuer-Rad den Mittel-Kreiß geht ein.
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Der Morgenröthe Glantz kan nicht den Sturm erwehren/
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Der nach dem Aufgang folgt/ und schwärtzt den ersten Schein
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Alleine wenn der Lentz mit linden Westen spielet/
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Bepurpert/ wie zuvor/ die Rose Chloris Feld/
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Die Lilge stehet auf/ nach dem sie Wetter fühlet/
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Aurora hat/ wie vor/ die Morgenwacht bestellt/
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Sie auch/ die Selige/ wird mehr als Blumen blühen/
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Der unverwelckte May des Lebens geht erst an.
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Wenn sie das Lilgen-Kleid der Unschuld an-wird ziehen/
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Den Braut-Rock/ der Gewand der Fürsten pochen kan.
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Die Engel sind nun selbst zu ihren Buhlern worden/
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Der Mund treibt jetzt Rubin/ die Wangen Nelcken ein.
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Weil irrdsche Schönheit stirbt/ ließ sie der Menschen Orden/
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Und liebte vor den Tand der Ewigkeiten Schein.
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Wir trauren ohne Grund/ daß sie zu kurtz gelebet;
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Hofft ein Gefangener nicht endlich freye Lufft?
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So lange Fleisch und Blut an unsern Gliedern klebet.
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Versichert/ daß der Tod uns jede Stunde rufft.
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Das Grab ist unser Ziel/ nach dem wir alle rennen/
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Und ist der Neidens werth der früh den Sieg erhält?
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Muß endlich dieses Rund in grimmen Flammen brennen/
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Wie suchet denn Bestand der Mensch/ die kleine Welt?
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Durchgrüble diß und das/ betrübtes Frauen-Zimmer/
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Wie hoch die Schönheit ist/ der Tod wird nicht verliebt.
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Und von der Perlen-Haut der angenehme Schimmer
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Ist nur ein dünnes Netz/ das Erd und Staub umbgibt.
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Der Jugend-Röthe bleicht/ die Wunder-holde Sitten
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Verrauchen mit der Zeit; die auserles’ne Zier/
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Hat oft ein eintzig Stoß der Kranckheit überstritten/
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Und mit den Jahren fällt die reitzende Begier.
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Der Sarch/ wie schwartz er ist/ macht uns doch erst vollkommen/
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Deckt alte Schädel mit den krausen Locken zu/
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Der Anmuth Licht/ wie klar/ wie lang’ es auch geglommen/
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Verlescht/ der Heßliche find bey dem Schönen Ruh.
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Die Selige die lehrt/ wieweit die Welt zu achten.
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Viel bau’n zwar einem Leib/ der zart ist/ ein Altar/
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Doch wenn wir mit Vernunfft die Eitelkeit betrachten/
108
Eh noch das Opffer glimmt/ so fault er auff der Bahr.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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