Die seufftzende Zion/ Bey Beerdigung Hn. A. W. S. S. Th. D. vor- gebildet/ den 2. Febr. 1665.

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Heinrich Mühlpfort: Die seufftzende Zion/ Bey Beerdigung Hn. A. W. S. S. Th. D. vor- gebildet/ den 2. Febr. 1665. (1686)

1
Jhr Töchter Solyme/ helfft eurer Schwester klagen/
2
Der Schmertz so Zion druckt ist tausend Zehren werth/
3
Erstarr’t nicht daß ihr mich seht beyde Brüste schlagen/
4
Daß mein verhülltes Haupt mit Aschen ist beschwert.
5
Ich reisse Schmuck und Gold von dem gekrönten Haare/
6
Die Thränen seht ihr hier statt rundter Perlen stehn/
7
In meiner heilgen Burg/ des Traurens Ziel/ die Bahre;
8
Auf Schwestern auf und eilt ihr solt zur Leiche gehn!
9
Die Stimme so man vor im Tempel hört’ erschallen/
10
Der Mund so Welt und Tod mit Lehren hat besiegt/
11
Mein Ober-Priester ist/ (unendlich Leid!) verfallen/
12
Ach Angst die allen Schmertz der Schmertzen überwiegt!
13
Muß mir das Neue Jahr auch neue Pein gebären?
14
Schleicht blasse Traurigkeit zu Pfort und Mauren ein?
15
Und ist dem End-Schluß nicht/ der schon vollbracht zu wehren?
16
So muß nur
17
Frolockte nicht mein Volck im Eingang dieser Tage/
18
Hat Harff und Seitenspiel die Andacht nicht geweyht/
19
Als so ein süß Geruch auf so viel Opffern lage/
20
Und meine Priesterschafft den Weyhrauch ausgestreut.
21
Die Kirche schwebt in Wonn’ und unergründten Freuden/
22
Die Himmels-Liebe wies sich scheinbar umbs Altar/
23
Jetzt aber soll in Flor mein Heiligthum sich kleiden/
24
Und vor dem Predigtstuhl erscheint mir Sarg und Bahr.
25
Ich traure nicht vermummt/ wie die verstellten Hertzen/
26
Der Augen reiche Bach entdeckt der Seelen Riß/
27
Sie sind auch nicht so stumm/ es reden tieffe Schmertzen/
28
Die Wunde sperrt sich auf nach eingesetztem Biß.
29
Doch Thränen thun es nicht/ der Weiber beste Würtze/
30
Daß ich den theuren Mann damit soll salben ein/
31
Ich weiß daß klagen nur der Todten Ruhm verkürtze/
32
Daß Jammer und Verdienst ungerne Nachbarn seyn.
33
Das herrliche Gerücht/ so meinen Lehrer zieret/
34
Ist würdig daß es auch der Nachwelt werde kund/
35
Wie er zum Beyspiel hat deß Lebens-Lauff vollführet/
36
Wie GOtt mit Menschen sich bespracht durch seinen Mund.
37
Die Quellen Jsraels sind durch ihn hell geflossen/
38
Sein Finger hat mit Fleiß deß Lebens Brunn entdeckt/
39
Und ein verschmachtend Hertz mit diesem Thau begossen/
40
Dem Jesse Wurtzel gibt/ der nach dem Himmel schmeckt.
41
Der Moyses unsrer Zeit/ hat offt das Volck versöhnet/
42
Wenn GOttes rechte Rach und Eifer war entbrand/
43
Daß neues Glück und Heil die reuigen bekrönet/
44
Und die verdiente Straff in Gnade sich verwand.
45
Ach Hirte sonder Schlaf! ein nnablässig wachen/
46
Hat die vertrauten Schaf/ in Hürd’ und Stall bewahrt/
47
Kein Miedling durffte sich meyneidig dazu machen/
48
Sie schlugen auch nicht umb und wichen von der Art.
49
Ich kan ihn wol mit Recht den Kirchen-Engel nennen/
50
Der seine Stimme gleich Posaunen hören ließ/
51
Wenn der erlauchte Geist in GOtt fieng an zu brennen/
52
Und die Gemeine scharff im Glauben unterwieß/
53
Erklärte diese Kunst/ die alle Wissenschafften
54
Und Weißheit übertrifft; wie man recht sterben soll/
55
Wies daß deß Menschen Leib nicht blieb im Grabe hafften/
56
Ins Himmels Wohnungen da sey ihm ewig wol.
57
Unsträfflich hat er selbst im Wort und Ambt gelebet/
58
Verfluchet Schmeicheley/ die Priestern nicht geziemt/
59
Und hat behertzt der Schand und Sünde widerstrebet/
60
Die Reden waren nicht mit Falschheit überblümt.
61
Damit blieb unbefleckt das wertheste Gewissen/
62
Das aller Sterblichen unschätzbar Kleinod ist:
63
Ja der Begierden Sturm hat ihn nie hingerisfen/
64
Daß er was Laster war vor Tugend außerkiest.
65
Ob schon das Creutz im Ampt mit nichten aussen blieben/
66
Hat doch Beständigkeit die Sieges-Kron erlangt.
67
Der Kirchen Wolfahrt war ihm tieff ins Hertz geschrieben/
68
Deß Höchsten Ehre blieb sein Schmuck in dem er prangt.
69
Ich Unglückselige muß den Verlust betrauren/
70
Mein Beter ist dahin/ mein treuer Priester tod.
71
Nichts denn nur trübes Weh schallt in den hohen Mauren/
72
Und meine
73
Erweg ich sein Gelück so kan ich es nicht neiden/
74
Ich spreche/ wenn ich seh den edlen Wechsel an/
75
Er lebt nun franck und frey/ er lebt und schwebt in Freuden/
76
Die Seel’ in solchem Glantz/ der Sterne trotzen kan.
77
Er dient für GOttes Stuhl sein eifriger Bekenner/
78
Das Blut des Lammes wischt jetzt seine Thränen ab/
79
Er grüst/ umhalst und küst die auserwehlten Männer/
80
So mit der Herrligkeit vertauscht das finstre Grab.
81
Der hier ein Knecht nur war/ ist dort ein Freyherr worden/
82
Den Fessel eingespann’t/ trägt Kronen ohne Zahl/
83
Jhn labt ein lieblich West/ hier bließ auf ihn der Norden/
84
Nun spürt er Fried und Ruh nach außgestandner Qual.
85
Verklärter Mitgenoß der himmlischen Heerscharen/
86
Glück zu/ zu diesem Stand/ dem Gnad- und Ehren-Reich
87
Ich
88
Zu klagen umb dein Grab/ zu schmücken deine Leich.
89
Jhr Töchter Solyme müst selbst die Bahre tragen/
90
Diß fodert Pflicht und Schuld/ diß heischet Lieb und Treu/
91
Schmeltzt in ein Thränen-Quell und ungehemmtes Klagen/
92
Verkündiget der Welt wer euch gestorben sey.
93
Als im Gebürge Hor der Aaron verblichen/
94
Hat sich gantz Jsrael mit einem Sack belegt.
95
Und als Elias war auß dieser Welt gewichen/
96
Welch herbes Seuffzen hat sein Nachsaß nicht erregt?
97
Der wurd’ ingleichen auch recht bitterlich beweinet/
98
Von dem gesalbten Haupt/ als Zeit und Stunde kam;
99
Wo unsre Wehmuth nicht im höchsten Grad erscheinet/
100
So leb ich nicht vergnügt und bin mir selber gram.
101
Der hochbegabte Mann ist bey mir unvergessen/
102
Den treuen Prediger beseufftzt mein Heiligthum/
103
Klagt/ liebste Schwestern/ klagt/ und windet die Cypressen/
104
Was nur ersinnlich ist/ das thut ihm noch zu Ruhm.
105
Allein auch diese Pracht die kan hier nicht viel dienen/
106
Ich
107
Er ruht in Gottes Hand/ die Todten-Beine grünen/
108
Der müden Jahre Schnee bekrönt ein ewig May.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.