Trost-Elegie An Hn. J. E bey Beerdigung seiner Ehelieb- sten/ den 24. Septemb. 1664.

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Heinrich Mühlpfort: Trost-Elegie An Hn. J. E bey Beerdigung seiner Ehelieb- sten/ den 24. Septemb. 1664. (1686)

1
Wil mich der Himmel denn in nichts als Flor verhüllen?
2
Muß Myrrh und Aloe mein Rosen-Zucker seyn?
3
Der Mutter Asche brennt/ und ist noch nicht zu stillen/
4
Als sich gehäufftes Leid nun wieder findet ein.
5
Die tieffe Traurigkeit so meinen Geist umfangen/
6
Hat mich ein Grabelied zu singen stets gehemmt.
7
Nun itzt die Seelige/ mein Vetter/ nachgegangen/
8
So wird mein Aug’ aufs neu mit Thränen überschwemmt.
9
Mit Thränen die sein Leid bezeigen/ doch nicht brechen/
10
Weil das zerschlagne Hertz in heissen Aengsten pocht/
11
Ob seiner Liebsten Tod; wer wil da Trost zusprechen/
12
Wenn beyder Augen-Quell die Zähren-Lauge kocht.
13
Jen’ hieß des Lotos Frucht des Vater-Lands vergessen/
14
Der wahren Lieb und Treu vergist man ewig nicht/
15
Wenn Hertzen in der Eh’ in solchem Fried gesessen/
16
Welch Jammer ist es doch wenn eins der Tod zerbricht.
17
Die Liebe die ergetzt/ die macht auch Seelen-Wunden/
18
Jhr Zunder giebt zwar Licht/ beynebenst Glut und Brand/
19
Der Tod/ der Ehen bricht/ wird allzuhoch empfunden/
20
Daß dem betrübten Sinn kein Trost-Wort ist bekant.
21
Hier kan nicht die Vernunfft die Sieges-Fahnen tragen/
22
In ihre Palmen flicht sich blasser Wermuth ein/
23
Der unverhoffte Stoß wird allen Trost verjagen/
24
Die Trauer-Nacht bedeckt der Weißheit Sonnenschein.
25
Ich suche wo ich wil ein Labsal zu erfinden/
26
Der Götter Panace ist hier nur Gauckeley/
27
Des Chirons kluger Arm kan Wunden nicht verbinden/
28
Die in die Seele gehn und brechen sie entzwey.
29
Nicht starcker Bezoar/ nicht fette Mastix-Klösser/
30
Und was vor kostbar Oel Aegyptens Bürger schickt/
31
Benehmen hier den Schmertz/ das Leiden wird nur grösser/
32
Jemehr mans euserlich mit Nard und Salben schmückt.
33
So läst es sich auch nicht durch süsse Lieder zwingen/
34
Und die Tarantula ertödtet nicht den Schmertz.
35
Er wird noch hefftiger durch Marck und Adern dringen/
36
Jemehr man Perlen-Tränck ertheilt dem matten Hertz.
37
Es muß was höhers seyn/ das Seelen ein kan wiegen/
38
Wenn so ein schmertzlich Fall sie fast zu Boden reist.
39
Gottseelige Gedult kan über alles siegen/
40
Und Hoffnung die uns recht im Glauben unterweist.
41
Er gebe diesen Platz bey solchem Sturm der Zeiten/
42
Mein Vetter/ GOtt und Zeit heilt Streich’ und Wunden zu.
43
Daß Trauren billich sey/ wil ich nicht wiederstreiten
44
Nur diß erweg’ er wol die Liebste lebt in Ruh.
45
Sie lebt/ ob wir gleich nicht ein irrdisch Leben spüren/
46
Ob schon der Seelen Kleid der Leib im Sarg erbleicht/
47
Sie kan nun keine Noth noch arges Drangsal rühren/
48
Da aller Wetter-Brunst auf unsre Köpffe streicht.
49
Dort wütet Seuch und Pest/ hier brennt die Krieges-Flamme/
50
Indem die sichre Welt in Schimpf und Schande sinckt/
51
Die Zweige fallen ab von des Piastus Stamme/
52
Worüber Schlesien unendlich Thränen trinckt.
53
Wer wünscht nicht aufgelöst zu seyn von diesen Banden/
54
Die unser Göttlich Theil der Seelen fesseln an?
55
Die Liebst ist nun im Port/ ihr Schiff kan nicht mehr stranden/
56
Weil auff der wüsten See irrt unser Lebens-Kahn.
57
Den schmertzlichen Verlust/ daß sie hinweg gerissen/
58
Daß so ein bittres Weh die süssest Eh’ entzweyt/
59
Wird ihr Gedächtniß nun bey ihm ersetzen müssen
60
Dem schon zum Tempel ist sein treues Hertz geweyht.
61
Die reine Liebe wird in güldnen Ampeln schimmern/
62
Jhr unbeflecktes Feur gantz unausleschlich seyn/
63
Was wil er/ werthster Freund/ sich denn so gar bekümmern?
64
Dort gehen sie aufs neu die werthe Freundschafft ein/
65
In höchster Heiligkeit/ und einzig reinem Wesen/
66
Sie geht den Weg zuvor/ den er einst treten muß/
67
Wer Rosen sammlen wil/ muß vor die Dornen lesen.
68
Der Biene Stachel schützt den süssen Honigfluß.
69
Es kan ihr Tugend-Ruhm auch seine Schmertzen mindern/
70
Wie brünstig sie geliebt/ GOtt/ Kirchen und Altar:
71
Es wird ihr häußlich seyn die grosse Wehmuth lindern/
72
Wie sie bey Tag und Nacht nur auff die Nahrung war/
73
Und eine Thais/ nicht die stets beym Spiegel stehet/
74
Nicht eine Tanaquil die nur zu herrschen denckt/
75
Nicht eine Cynthia so ausser Hause gehet/
76
Und ihre Zucht und Ehr mit frembden Küssen kränckt.
77
Sie hat stets eine Macht auf ihrem Haupt getragen/
78
Und Fried und Einigkeit mit ihrer Hand gepflantzt/
79
Sie hub die Sorgen auf/ so Geist und Sinnen plagen/
80
Und hat durch Wachsamkeit das Haus als wie umbschantzt.
81
So ein vollkommen Chor der Tugenden verschwindet?
82
So seltne Frömmigkeit verläst die böse Welt?
83
Genung/ daß sie alldort/ was wir verlangen/ findet/
84
Daß sie schon im Besitz/ wornach wir trachten/ hält.
85
Aus heisser Liebe stieg der Orpheus in die Hölle/
86
Zu hol’n Euridicen sein liebstes Ehgemahl/
87
Umbsonst/ er brachte sie nicht wieder an die Stelle/
88
Sie blieb an jenem Orth wo weder Licht noch Strahl.
89
Und so viel that die Lieb: Ach wären Wünsche kräfftig/
90
Sie hätten hier noch mehr auf ander Art gethan/
91
Die Lieb und werthe Treu entbrandten allzuhefftig/
92
So daß den Jammer nicht die Feder melden kan.
93
Allein der arme Mensch kan diß nicht hintertreiben/
94
Was schon des Höchsten Rath hat über ihn bestimmt.
95
Wir müssen in Gedult bey diesem Willen bleiben/
96
Weil ausser sein Bewust kein Haar uns wird gekrümmt
97
Die Seelige ruht wol/ ihr Grabmahl auszuzieren/
98
Darff aus Numidien kein scheckicht Marmel seyn/
99
Noch daß man irgend wolt erhöhte Thürm’ aufführen/
100
Jhr guter Nachruf ist ihr schönster Leichenstein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.