Trauer-Gedancken über dem Absterben/ Fr. H. W. g. S. den 11. Jan. 1664.

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Heinrich Mühlpfort: Trauer-Gedancken über dem Absterben/ Fr. H. W. g. S. den 11. Jan. 1664. (1686)

1
Wer so ein grosses Leid und so ergrimmte Schmertzen
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Mit süssen Worten nur zu überzuckern denckt/
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Der weiß noch nicht wie tieff sie schneiden in die Hertzen
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Und ist ein Cynicus/ den Stein und Stahl umb-
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Die Brust muß Rhodope/ das Blut ein Kiesel werden/
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Eh man empfindlich-seyn auß unsrem Leben nimmt/
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Der Mensch sey wie er will/ er trägt was mehr als Erden/
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Der Geist ist zart und fühlts so bald ein Wetter kömmt.
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Gantz unerschrocken stehn wenn schwartze Donner krachen/
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Kommt einem harten Fels nicht einem Weisen zu;
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Wer in dem Hafen liegt/ der kan der Winde lachen/
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Nicht aber der da irrt in Fluthen sonder Ruh.
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Hochwerthster/ daß wir sehn jetzt Thrän’ auf Thränen stürtzen/
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Daß unerschöpfftes Weh die Seel’ in Stücke bricht/
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Und denckt der Jahre Rest bey solcher Angst zu kürtzen/
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Trifft ein mit der Vernunfft und ist zu wundern nicht.
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Diß was man hertzlich liebt/ muß man nur sehnlich klagen/
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Je grösser der Verlust/ je herber ist das Leid/
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Geringe Schmertzen sind großmütig zu ertragen/
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Den Stoß so ihn jetzt trifft heilt nicht die lange Zeit.
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Gold/ Güter zu verliern/ das Tockenwerck des Glückes/
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Und selbst zerfallen sehn der Ehren schimmernd Glaß/
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Kränckt. Doch wenn weg geraubt vom Hauptschluß des Geschickes/
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Die Seele so man liebt/ denn wird das Aug’ erstnaß.
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Und soll ich weiter noch gefirnster Reden brauchen?
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Nein; seines Hauses Sonn’ und Morgen-Röth’ ist hin/
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Wo Anmuth vor gespielt/ da müssen Lichter rauchen/
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Die vor der schwartzen Bahr das Trauren an heist glühn.
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Wer leugnet/ daß ihm nicht Cometen jetzt geschienen?
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Da gleich der Wunder Stern die schüchtre Welt erschreckt;
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Kan nicht der Jammer-Blick zu einer Warnung dienen/
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Was künfftig über uns des Höchsten Zorn erweckt.
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Und freylich ist sein Leid gedoppelt zu erwegen/
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Was einfach ist das drückt/ gehäuffte Last doch mehr.
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Die Mutter mit der Frucht zugleich zu Grabe legen/
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Prest bittre Thränen auß/ und schmertzt mehr allzu sehr.
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Deß Lebens Eingang ist durchgehend allgemeine/
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Und tausend Arten sind wodurch der Tod uns fällt.
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Die Mutter wird ein Grab/ die Schoß zum Leichen-Steine/
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Des Kindes/ so noch nie gesehn das Licht der Welt.
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Diß ist ja wunderns voll eh Sarch als Wieg’ empfangen/
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Daß in deß Lebens-Brunn der Kelch deß Todes schwebt/
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Den Sterbe-Kittel vor als Wester-Hembd erlangen/
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Den selbst die zarte Haut der Kreisserin gewebt.
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Die so das Leben gab/ kriegt Sterben zum Geschencke/
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Spinnt wie der Seiden-Wurm ihr selbst das eigne Grab/
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Thut wie der Pelican/ daß er die Jungen träncke/
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So schlitzt er seine Brust und reist die Adern ab.
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Daß wir die Körner sehn/ zerbersten die Granaten/
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Offt dorrt die Wurtzel ein/ daß nur die Blume strahlt/
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Dem Schmertzen der Geburt war hier gar nicht zu rathen/
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Er muste mit dem Kind und Leben seyn bezahlt.
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Medea die hat recht/ so lieber dreymal sterben/
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Für ihrem Feinde will ans erste Glied gestellt/
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Als daß sie kreisten soll/ und ihr diß Weh erherben/
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So noch vom ersten Biß als Erb’ auff Weiber fällt.
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Ach unbegreifflich’ Angst! die bey so strengen Nöthen/
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Der angesippten Seel’ als wie ein Schwerdt durchdrang/
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Es konte fast diß Leid die treuste Mutter tödten/
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Als noch viel grössre Pein deß Liebsten Hertz besprang.
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Sein eintzig Angen-Trost und Leit-Stern der Gedancken
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Entwich; das Ebenbild der Liebligkeiten starb/
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Der reitzende Magnet von dem sein Sinn zu wancken/
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Noch schretten nie vermocht; ward krafftlos und verdarb.
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Der Weinstock der geprangt mit mehr als göldnen Früchten/
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Der Oelbaum welchen selbst Minerva eingesetzt/
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Verlohr Knosp’ und Gewächs/ als schon der Tod zu nichten
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Den Kern der Wurtzel wolt’ und seinen Zahn gewetzt.
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Der Artzt war ohn’ Artzney bey so gestalten Sachen/
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Ob ihn auch Esculap sonst Sohn und Erben nennt/
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Es konte Gottes Schluß kein Oele linder machen/
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Besonders weil der Tod noch Safft/ noch Pulver kennt.
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Sie eilte nur ins Grab/ der Außbund schöner Frauen/
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Der Mutter Wonn’ und Lust/ deß Liebsten Hertz und Heil/
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Bey welcher wesentlich die Tugend war zu schauen/
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Und die auf gleicher Wag’/ Huld/ Lieb/ und Treu bot feil.
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Sie war der Livia gar wol an Witz zu gleichen/
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Und der Sulpitien kam ihre Sanfftmuth nah’/
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Jhr must Aspasie an Scham und Demuth weichen/
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Und die Cornelia sampt der Gedult stand da.
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Was sonst den Weibern karg von der Natur gegeben/
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Daß Schönheit mit Verstand/ und Witz mit Zucht sich paart/
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Das sah man unzertrennt bey ihr vollkommen leben/
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Die Sinnen ohne Falsch/ die Sitten guter Art.
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Noch hemmt und ändert nichts der Sterbligkeit Gesetze/
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Das unverschränckte Wort sagt daß man sterben muß/
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Wie hoch zwar dieser Fall das treue Hertz verletze/
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Machaons Ruhm und Lust/ bezeugt sein Thränen-Fluß.
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Alleine wenn er denckt/ wie herrlich sie verkläret/
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Und was vergänglich war mit Ewigkeit versetzt/
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So heist es Gott und Recht/ daß er dem Trauren wehret/
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Der Sarch wird nur beschwert/ je mehr er wird benetzt.
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Ob schon die Augen hier in tieffe Nacht versincken/
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Der Rosen-rothe Mund sich falltet und verbleicht/
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So werden sie doch dort als wie die Sternen blincken/
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Der Purpur ist sehr hoch der Mund’ und Aug’ anstreicht.
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Die Klarheit übertrifft auch der Eoer Steine/
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Der Glieder helle Pracht wird für die Sonne gehn/
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Der gantze Leib bestrahlt mit einem solchen Scheine/
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Der ohne Wandelung bleibt an dem Himmel stehn.
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Berühmter Podalier/ so unermeßne Schätze/
102
Die keine Fäulnüß frist und die kein Dieb entführt/
103
Mißgönnt er seinem Schatz? Nein: Daß er sich ergetze/
104
Heischt dieser Ehren-Schmuck der jetzt die Liebste ziert.
105
Der Erden Liebe muß der himmlischen nur weichen/
106
Wie Finsternüß verschwind vor einer lichten Flamm/
107
Es ist gewiß/ obs schon mit Worten nicht zu gleichen/
108
Die Schaffin betet an das unbefleckte Lamm.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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