Ehren-Gedächtnüs Hn. A. v. B. Studiosi. 1659. den 25. Mertz

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Heinrich Mühlpfort: Ehren-Gedächtnüs Hn. A. v. B. Studiosi. 1659. den 25. Mertz (1686)

1
Mensch/ dessen Uhrsprungs-Quell aus Staub und Erden fleuft/
2
Wilstu dein irdisch Haus und seinen Fall beweinen/
3
So laß ohn unterlaß die Jammer-Thränen scheinen/
4
Dieweil ein ewig Weh dein gantzes Thun beschleust;
5
Fang an in Mutterleib von Noth und Angst zusagen/
6
Biß man dich wieder wird zu deiner Mutter tragen.
7
Du hast ja kaum das Licht der güldnen Sonn erblickt/
8
So müssen dich alsbald die strengen Windeln binden/
9
Und gleichsam Fessel seyn/ an welchen nichts zu finden/
10
Als Zeugen dieser Noth/ die dich von Anfang drückt.
11
Die Kindheit kennt sich nicht/ und weiß von keinen Jahren/
12
Biß daß sie erst darnach derselben Flucht erfahren.
13
Denn tritt die Jugend an/ des Alters Leutz und May/
14
Der voller Rosenblüth/ und schöne Blumen heget/
15
Die die Ergetzligkeit auff weichen Händen träget/
16
Daß auch der meisten Hertz entbrennt in Raserey.
17
Der selbst ein Spiel der Zeit/ verspielet seine Zeiten/
18
Und jener läst sich Furcht und Hoffnung überstreiten.
19
Dem sinckt die Lieb ins Hertz/ gleich wie ein schneller Pfeil/
20
Die Gluth dringt durch das Blut/ und wallet in den Gliedern/
21
Der angenehme Blitz der aus den Augenliedern
22
Mit holder Anmuth spielt/ macht seine Wunden heil.
23
Diß ist der gröste Wunsch/ so sucht man sein Verderben/
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Und so wil auch der Mensch auff Wollust-Federn sterben.
25
Den dürst nach Menschen-Blut/
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Vermischt Verzweiffelung mit Zagheit offt zusammen/
27
Und suchet seinen Tod/ wo die Carthaunen Flammen/
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Und Blitz und Hagel speyn/ den findet er auch hier.
29
Ein ander schwächt den Leib mit ungeheurem sauffen/
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Und pflegt ihm für sein Geld die gröste Noth zu kauffen.
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Wen treibt nicht die Begier durch Erde/ Lufft und See?
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Der wil die gantze Welt in seinen Kopff einschliessen/
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Und jener frembde Sünd aus frembden Landen wissen/
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Und wo die Uppigkeit im besten schwange geh’
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Er setzt die Rechnung auff und richtet sich nach Sachen/
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Die auch die Eitelkeit weit eitler könte machen.
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In zwischen Furcht und Angst/ in zwischen Freud und Leid
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Muß der geklemmte Geist in seinem Kercker schwitzen/
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Wann Hochmuth und der Geitz bey uns zu rathe sitzen
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Da den der Ehren-Dunst/ und jenen Geld erfreut.
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Das Geld und auch das Gold/ das blaß von heissen Zähren/
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Sol nach der meisten Spruch den Himmel uns gewehren.
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So fährt die Zeit dahin/ biß an der Jahre Schnee/
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Das Leben kocht in Angst/ die Seel in tausend Schmertzen/
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Wenn in dem Munde Lust und süsse Worte schertzen:
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Offt liegt beym Zuckerrohr ein bittres Aloe.
47
So ist des Lebens Glantz ein Englisch seyn von forne/
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Das Teufflisch uns bekriegt/ die Rose steckt im Dorne.
49
Leg einen Purpur um/ gewinne Cron und Thron/
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Häng’ einen Diamant an den gesalbten Nacken;
51
Und du nimm einen Hut von Stroh und eine Hacken/
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Laß sehn ob auch der Tod nach gleichen Würden lohn?
53
Es ist ein gleicher Schluß/ der Jugend guldne Haare/
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Der alten graues Haupt bedecket eine Baare.
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Wiewohl die Sterbligkeit gewisse Schrancken hat!
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Der stirbt noch eh er stirbt/ und noch für seinem Leben/
57
So ist er schon dem Tod zum Opffer hingegeben/
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Und kriegt in Mutterleib auch seine Grabestatt.
59
Der sucht den Tod im Bett und findt ihn auff der Gassen/
60
Ein ander liebt das Grab/ ein ander pflegts zu hassen.
61
(meer/
62
Der fällt durch Schwerd und Brand/ der stirbet auff dem
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Der geht mit frischem Muth aus seinen Heimaths-Gräntzen/
64
Und muß noch vor der Nacht/ und vor der Sterne gläntzen/
65
In seinem Sande seyn; den frisset die Beschwer
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Die Kranckheit ausgebrüt bey vielen sichen Tagen/
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Und jener wird zu tod auff einer Reiß erschlagen.
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Elende sterblichen/ gebrechliches Geschlecht/
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Entsinnet bey euch selbst wie eitel euer Leben/
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Und einem ieden Blick und Zufall unter geben/
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Ich weiß ihr sprecht mir selbst die wahre Dentung recht.
72
Das Leben ist ein Traum/ der Mensch des Lebens Schatten/
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Zu dem sich Angst und Pein in steter Reyhe gatten.
74
Wir müssen es an dir/
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Und wolte wolte GOtt daß dieses Klag-Gedichte/
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Uns auff ein ander Werck verpflichter Freundschafft richte/
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Nun aber ists mit dir/
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Wie tief der schnelle Tod uns in die Seele schneidet/
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Das weiß ein ieder Mensch der gleiche Wehmuth leidet!
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Muß diß der letzte Dienst bey dir/
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Wirstu von unsrer Brust so zeitlich weggerissen!
82
Muß unser Hertz in Leid und Thränen gantz zufliessen!
83
Ach wie so gar zu früh stellt sich der Tod itzt ein!
84
Des Leibes frische Krafft/ die Stärcke deiner Glieder
85
Der Jugend Liebligkeit fällt plötzlich gantz darnieder.
86
So schweigt der liebe Mund der uns so offt ergetzt/
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Wenn uns ein gleicher Tisch und gleiche Treu verbunden/
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Wenn wir die Lehr-Begier der Wissenschafft empfunden/
89
Wenn uns der Musen-Quell mit seinem Naß benetzt.
90
Der Sitten Höffligkeit/ der Freundschafft reine Liebe/
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Die macht daß ieder sich ob diesem Fall betrübe.
92
Du hast so liederlich wie mancher nicht gethan/
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Der Honig in dem Mund und Gall im Hertzen führet/
94
Der offt ein höfflich Wort mit frembden Farben zieret/
95
Und hängt das Schlangen-Gifft zu einen Ausschlag dran.
96
Dein ungefärbtes Hertz must’ allen offen stehen/
97
Du warest nicht gewohnt mit Lügen umzugehen.

98
Ein jeder liebte dich und dir war jeder lieb/
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Ja weder Zanck noch Streit ist unter uns entsprossen/
100
Es sind nun fast drey Jahr zu Leipzig weggeflossen/
101
Als dich dein eigner Sinn hieher zu reisen trieb/
102
Nun aber wirstu so in srembden Sand gescharret/
103
Und hast noch zu Athen dein Lebens-End erharret.

104
Zwar es ist vieler Wunsch/ in ihrem Vaterland/
105
Und für das Vaterland auch ihren Geist zu geben/
106
Doch der gemeine Schluß der machet alles eben/
107
Man schläfft so wohl in dem/ als einem andren Sand.
108
Es ist kein Unterscheid üm unser Grab zu suchen/
109
Der Geist-beraubte Leib der ruht bey allen Knochen.

110
Die Seele nur allein/ die keinen Zufall kennt/
111
Und unverweßlich ist/ steigt über alle Lüffte/
112
Bricht durch die tieffe Nacht der dunckeln stillen Grüffte/
113
Verlacht ihr irrdisch Haus/ das Zeit und Tod zertrennt.
114
Den Leib fällt Fäulniß an mit Stanck und grauem Schimmel/
115
Der Himmels-werthe Gast/ die Seele/ geht in Himmel.

116
So zeuch nun frölich aus du unbefleckter Geist/
117
Und nimm die Klarheit an in der die Engel leuchten/
118
Muß schon ein Thränen-Naß die Augen itzt befeuchten
119
So bistu doch gar wohl zu deinem GOtt gereist.
120
Man setzet zwar den Leib/ der Erden ist/ in Erden/
121
Doch er sol wiederumb zu Stern und Perlen werden.

122
Die Augen die vergehn/ auff daß ein ewig Blitz
123
Aus ihren Winckeln strahl; und ob der Mund verbleichet/
124
So denckt daß ihn die Schaar der Engel roth anstreichet/
125
Und daß er in dem Schoß der Ewigkeiten sitz’.
126
O unerschöpffte Lust/ o angenehme Wonne!
127
Wohl dem der zeitig kömmt zu dieser Lebens-Sonne!

128
Wir/ werther Seeliger/ wir können nichts mehr thun/
129
Als daß wir dieses Lied zu deinem Grabe singen/
130
Und schöne Lilien und Hyacinthen bringen/
131
Zu schmücken deinen Leib/ auff daß er wohl mag ruhn.
132
Wir sehn das gantze Chor der Musen traurig gehen/
133
Und Treu und Redligkeit bey deinem Grabe stehen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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