Der Frühling im Winter/ Bey Hn. H. C. G. u. J. A. J. K. Hochzeit dargestellet/ den 28. Jun. 1681

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Heinrich Mühlpfort: Der Frühling im Winter/ Bey Hn. H. C. G. u. J. A. J. K. Hochzeit dargestellet/ den 28. Jun. 1681 (1686)

1
Wje spielet auch im Schnee die gütige Natur/
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Und zeigt sie Lilien aus den gerollten Ballen?
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Ist denn Adonis Blut auff kaltes Eiß gefallen/
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Entsprost die
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So muß der Götter Rath was sonderbahres handeln/
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Und in des Frühlings Lust des Winters Frost verwandeln.

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Hört was Cupido nur nach neulich hat gethan/
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Als Venus und ihr Volck der Schlittenfarth genossen/
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Hat sie den kleinen Schalck ins Cabinett geschlossen/
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Und daß ihn Müssiggang nicht wo verleiten kan/
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Legt sie ihm Arbeit auff/ zu der er sich sol schicken
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Und ein gewisses Theil von Schwanen-Federn pflücken.

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Der Gast/ dem Spiel und Schertz ein süsses Handwerck war/
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Und dessen Zeit-vertreib bey schönem Frauenzimmer/
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Ergrimmte bey sich selbst/ und sprach/ diß thu ich nimmer
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Verschleust der Winter mir denn meine Freuden gar/
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Die Mutter lebt in Lust/ ich sol in Einsamkeiten
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Diß was sonst Nymsen thun mit meiner Hand bereiten.

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Er geht drauff hin und her/ er sucht bald diß bald das
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Biß daß er ohngefehr zu einem Schrancken kommen/
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Da er in langer Reyh viel Gläser wahrgenommen/
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Er siht den Vorath an und denckt welch einen Spaß
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Läst mir der Himmel zu/ trotz aller Winter Wettern
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Ich wil als Venus selbst mich heute mehr vergöttern.

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Kaum hat er ein Gefäß in etwas auffgemacht/
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Das ausgehölet war von reinesten Crystallen/
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Als so ein starck Geruch den Fürwitz angefallen/
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Daß er als wie entzückt/ springt/ singet/ tantzt und lacht
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Ja noch begieriger aus einer andern Flaschen/
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Denckt von dem Nectar-Tranck der Mutter was zu naschen.

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Was Pal
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Und was aus Syrien von Basam kömmt geflossen/
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Was sonst Egypten-Land auff Gräber hat gegossen
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Ist nichts für dem Geruch/ Zibeth und Amber weicht
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Der Pomerantzen-Oel/ der Tuberosen Geister/
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Erkennen diesen Hauch für ihren Ober-Meister.

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Es zog der starcke Dampff dem Knaben in das Haupt/
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Es fängt der Himmel-Wein ihm besser anzuschmecken/
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Als ihm die Farben auch noch grösser Lust erwecken/
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Theils Gläser sind gantz grün mit Reben rings umblaubt/
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Theils leuchten Purpurroth und andre wie Violen/
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Theils schimmern wie ein Gold/ theils glühen wie die Kohlen.

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Er kostet überall/ ihm wächset Hertz und Blut/
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Biß daß der süsse Safft ihn dergestalt durch krochen
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Daß er zu Boden fällt/ die Gläser hat zerbrochen/
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Das gantze Zimmer schwimmt in dieser Balsam-Fluth/
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Und/ höchstes-Wunder-Werck! Wo hin was kömt zuflissen/
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Da siht man Hyacinth und Lilien auffsprissen.

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Statt der Tapeten hengt ein frisch gewachsnes Graß/
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Die Lufft ist lieblich warm wie in den Frühlings-Tagen/
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Die Wände fangen Klee und Schmergeln anzutragen.
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Wo vor in ihrer Ruh die Liebes-Fütstin saß/
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Da hat die Flora itzt ihr Bilder-Werck gestellet/
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Und zu mehr Liebligkeit den Zephyr zugesellet.

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Was nur die Trefligkeit der Gärten zeigen kan/
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Und was die Götter ie in Blumen nur verkehret/
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Das wird hier diesem Platz durch Wunder-Art gewehret/
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Narcissus siht sich hier als wie im Brunnen an.
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Der Myrrhen Rinde weint und Clytie die lachet/
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Daß sie des Phöbus Gunst zu einer Braut gemachet.

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Die Tulpen haben hier ein tausend färbig Kleid/
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Die Nelcken fodern sie auff Wechsel der Gestalten/
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Es wil der Rosen-Sammt die Ehr allein behalten/
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Kurtz/ einem Inbegriff der weichsten Zärtligkeit
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Stellt diese Gegend für/ die für Olympens Zimmern
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Der güldnen Sternen-Burg/ noch schöner pflegt zu schimmern.

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Das eingeschläffte Kind Cupido lag da bloß/
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Frey/ sicher unbesorgt was er zuvor begangen/
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Als neben seinem Haupt in ungemeinem Prangen
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Von Balsam auffgeblüht/ ein Anemonen-Roß?
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Anmuthig von Gestalt/ voll Blumen/ voller Leben/
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Dergleichen Zierath ihr nicht Flora weiß zu geben.

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Nicht die Pöonie ist so viel-Blättrich reich/
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Dergleichen Purpur darff kein andre Blume tragen/
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Indeß kömt Venus heim auff ihrem Schlitten-Wagen/
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Als sie der Celadon begleitet und zugleich
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Ersuchet umb Gehör/ den Kummer zuerzehlen/
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Womit er Tag und Nacht sein Leben müsse quälen.

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Sie hat ins Cabinett kaum ihren Fuß gesetzt/
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Und siht verwundernd’ an; dort den Cupido liegen
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Und wie zu einem Haupt die Blum ist auffgestiegen/
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So durch ihr Anmuth auch der Venus Aug ergetzt/
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Daß sie zurück gedenckt was sie zuvor genossen/
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Ob von Adonis Blut die Anemon’ entsprossen.

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Erblickt sie wiederumb/ was das verwegne Kind
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Vor Schaden angericht so heist der Zorn sie straffen.
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Cupido der erwacht/ spricht: Mutter deine Waffen
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Sind ja nur Küß/ und Gunst: Schnee/ Wetter/ Kält und Wind
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Hab ich in May verkehret/ den Winter in den Lentzen
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Und solte nicht mein Haupt ein Myrthen-Schmuck bekräntzen?

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Wie aber
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Wil er der Frühlings-Lust im Winter sich bedienen?
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Muß ihm zu seinem Trost die
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Der Blumen Königin/ der Garten Schmuck und Zier.
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Sind Menschen eh verkehrt in schöne Blumen worden/
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So setze Venus doch die Blum in Menschen Orden.

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Dione rührte nur der Blumen Stengel an/
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So würd’ ein Engel-Bild die blühend’ Anemone/
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Vorhin des Lentzen Ruhm itzt aller Nymfen Krone.
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Der nackte Flügel Gott laufft was er lauffen kan/
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Schreyt/ kommt ihr Gratien/ seht Wunder über Wunder/
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Es fängt der Celadon von Anemonen Zunder.

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Es hatte Venus schon der Treu-verliebten Zwey
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Geist/ Hertz und Seel verknüpfft/ als auch die Nymfen kommen
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Und haben für das Graß Smaragden-Schmuck genommen/
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Damit die Anemon’ im Winter grüne sey/
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Für Nelcken lieffern sie die brennenden Rubinen/
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Und für gefrohren Eiß sol lichter Demant dienen.

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Es schätzte
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Denn Anemone war sein Frühling/ seine Sonne/
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Der Jugend Morgen-Röth und keuscher Augen Wonne.
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Cupido der sich wol zu Hochzeit Freuden schickt/
113
Nahm das vermählte Paar und sprach in euren Gründen
114
Sol man bey Winters-Zeit auch Anemonen finden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Mühlpfort
(16391681)

* 10.07.1639 in Breslau, † 01.07.1681 in Breslau

männlich, geb. Mühlpfort

deutscher und lateinischer Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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