Ach/ Ach/ ist diß der Tag? Sein das die trüben Zeiten/

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Philipp von Zesen: Ach/ Ach/ ist diß der Tag? Sein das die trüben Zeiten/ Titel entspricht 1. Vers(1654)

1
Ach/ Ach/ ist diß der Tag? Sein das die trüben Zeiten/
2
Da Frewd und Trawrigkeit hart mit einander streiten?
3
Ist diß die Stunde/ da mein Heyland ward gekrönt
4
Mit einer DornenKron und schmählich außgehöhnt?
5
Ach schlaget an die Brust! Ach last den Mund verblassen!
6
Ach last das Angesicht mit ThränenFluten nassen!
7
Brich/ brich/ Melpomene/ die ungebrochne Bahn/
8
Bring Harff- und Seiten mit/ und kom mit auff den Plan.

9
Komt nahet Euch herbey/ und last die heissen Zähren/
10
Die SchmertzenTöchter die/ das Trawren recht gewähren/
11
Salanen mercket auff/ hört mir geneiget zu/
12
Ihr/ die Ihr her versetzt der weisen Füsse Schu;
13
Ihr grossen Väter/ Ihr/ Ihr Musen selbst Erhalter/
14
Die Phöbus liebet selbst/ des Helicons Verwalter.
15
Kom/ kom/ Melpomene/ und setze dich zu mir/
16
Bring Harff- und Seiten mit und laß uns trawren hier.

17
Ihr denen Helicon zuwäht ein süsses sausen/
18
In derer Augen sich die Gratien zu hausen
19
Erkiesen Ihr Losier: Auß derer Lippen lacht
20
Die Hold-Sinn-räuberin Suadela Tag und Nacht/
21
Euch sprech ich trawrig zu: Ich kan es kaum erwähnen
22
Vor Langmut/ helffet mir vermehren meine Thränen:
23
Kom/ kom Melpomene/ und setze dich zu mir/
24
Bring Harff- und Seiten mit/ und laß uns trauren hier.

25
Diß ist der Trawer Tag/ mit kohlpechschwartzen Steinen
26
Zu zeichnen für und für: An dem man billich Weinen
27
Und Schwermuth tragen sol: An dem auß Frewden Leid/
28
Auß Schertzen Schmertzen wird/ auß Lachen Trawrigkeit.
29
Drumb weichet weg von hier/ weicht/ weicht ihr schnöden Sachen/
30
Die Ihr bey Trawren Lust/ bey Weinen regt das Lachen.
31
Kom/ kom Melpomene/ und laß uns trauren hier/
32
Und Titan decke zu der Wangen rothe Zier.

33
Denckt nicht auff ewren Leib/ wie Ihr Ihn wollet zieren/
34
Denckt nur wie Ihr das Hertz wolt sauber außpolieren.
35
Ist daß die Trawrigkeit/ Ihr Jungfern wenn Ihr steht/
36
Wie eine Braut/ wann Sie Ihr HochzeitFest begeht?
37
Ach seht den Himmel an/ Ach seht ihn an von ferne/
38
Wie ist er so vermischt/ wie trawrig stehn die Sterne!
39
Kom/ kom Melpomene/ und laß uns trawren hier/
40
Und Titan decke zu der Wangen rothe Zier.

41
Wie ist es daß man Euch siht durch die Thränen lachen/
42
Mit Lippen angeschminckt? Was sein die schnöden Sachen?
43
Was sol der güldne Glantz? Wie oder wist ihrs nicht/
44
Daß ewrem Bräutigam der Athem selbst gebricht/
45
Der doch Euch Athem gab? Ach stellt die Freundligkeiten
46
Mit dem Xenocrate und Crasso auf die Seiten
47
Fang an Melpomene/ und laß uns trawren hier/
48
Und Titan decke zu der Wangen rothe Zier.

49
Bereitet ewer Hertz dem Heilgen Geist zum Tempel/
50
Die Frawen zeigen Euch ein lebendes Exempel
51
So Jesu folgeten: Es war da keine Pracht
52
Noch Hochmuth nicht gespürt: Die Hoffart war veracht/
53
Zusampt der Uppigkeit: Bey diesen drey Marillen/
54
Bey diesem WeibesVolck/ bey diesen Sionillen.
55
Fang an Melpomene/ mit mir zu trawren hier/
56
Und Titan decke zu der Wangen rothe Zier.

57
Ach seht! Wie ängstig thut doch ewer Heil und Leben/
58
Er zieht gantz Juda durch/ wil zu verstehen geben/
59
Daß diß sein letzter Gang und AbschiedsReise sey/
60
Und übet WunderWerck/ wie Lucas lehret frey:
61
Erwecket Lazarum: Und zeigt von seinem Leiden:
62
Besuchet Solyme/ eh Er wil von uns scheiden.
63
Fang an Melpomene/ mit mir zu trawren hier/
64
Und Titan decke zu der Wangen rothe Zier

65
Auch Kidron spüret noch der weisen Füsse Tritte/
66
Der Bach/ der süsse Bach/ in dem Er drüber schritte
67
Gab einen süssen Klang: Doch war die Seele noch
68
Betrübt biß in den Todt: Hier fing das schwere Joch
69
Des bittern Leidens an; Der gantze Leib erhitzte/
70
So daß Er rothen Schweiß auß seinen Länden schwitzte.
71
Fahr fort Melpomene/ fahr fort zu trawren hier/
72
Und Titan decke zu der Wangen rothe Zier.

73
Ein thewres Pfand lest Er uns Menschen noch zurücke/
74
Das grosse Sacrament/ ein wunderbahres Stücke
75
Da Gott im Brodt und Wein von uns genossen wird/
76
Nicht wie Calvinus lehr/ nicht wie dort Beza irrt;
77
Nun geht das Leiden an/ nun muß Jehova schwitzen
78
Bey annoch frischer Lufft/ Er kan vor Angst nicht sitzen.
79
Fahr fort Melpomene/ mit mir zu trawren hier/
80
Und Titan decke zu der Wangen rothe Zier.

81
Ach Peter kanstu nicht ein wenig mit mir wachen?
82
Ach Jacob dencke doch an deines Meisters Sachen!
83
Johannes schlummerstu? Wil Morpheus bey Euch seyn?
84
Ach betet/ wachet/ rufft/ Anfechtung fällt herrein.
85
Ischarioth der kömt! Ach Vater ist es müglich/
86
So laß mich diesen Kelch außtrincken/ sprach Er klüglich:
87
Fahr fort Melpomene/ fahr fort zu trawren hier/
88
Und Titan decke zu der Wangen rothe Zier.

89
Der freche Judas kömt mit einem grossen Hauffen/
90
Und giebt Ihm einen Kuß: O wiltu so verkauffen
91
Den HERREN deinen Gott? Ich bins/ Ich bins sprach Er/
92
So fiel zu Boden stracks das gantze KriegesHeer/
93
Als liesse Jupiter die Donnerkeilen fliegen/
94
Als müsten sie vor Blitz und Schwefel niederliegen.
95
Fahr fort Melpomene/ fahr fort zu trawren hier/
96
Und Titan decke zu der Wangen rothe Zier.

97
Nun fällt man grimmig zu und nimmet Gott gefangen/
98
Der raue Caiphas erwartet mit Verlangen:
99
Hier geht die Marter an/ man führt Ihn vor Gericht/
100
Das Volck das rennet zu und hört/ was Jesus spricht.
101
Ein schilfin Rohr muß Er vor einen Scepter führen/
102
Ein PurpurRock muß Ihn zu Hohn und Spotte zieren.
103
Fahr fort Melpomene/ fahr fort zu trawren hier/
104
Und Titan decke zu der Wangen rothe Zier.

105
Sein Häupt mit Dornen wird fast gleichsam gantz durchmeisselt/
106
Sein Rücke gleichfalls auch Blutrünstig wird gegeisselt.
107
Er hanget an der Seul im Vorhoff angeknüpfft/
108
Der rothe Schweiß dringt durch und auff das Pflaster trüpfft.
109
Man löset Barrabam und Jesus wird behalten:
110
O Urtheil ohne Recht! Die Warheit wil eralten.
111
Fahr fort Melpomene/ mit mir zu trawren hier/
112
Und Titan decke zu der Wangen rothe Zier.

113
Ach seht der wahre Gott/ der rechte SündenBüsser/
114
Ach seht der Christen Heil/ der trewe Himmelsschliesser/
115
Wird durch Pilatus Wort verurtheilt zum Gericht!
116
Geht/ geht und führt Ihn hin/ der Jüden Richter spricht.
117
So wird Er hingeführt und an das Creutz geschlagen/
118
Und muß es selbsten auch auff seinen Rücken tragen;
119
Fahr fort Melpomene/ fahr fort zu trawren hier/
120
Und Titan decke zu der Wangen rothe Zier.

121
Judæa bistu blind? Pilatus bistu willig
122
Verbländt und Sinneloß? Herodes ist es billich
123
Daß du so hönisch lachst? Wer hat denn dir zuvor
124
O Malchus angesetzt dein halb verlohrnes Ohr?
125
Warstu es Jesu nicht? Und dennoch mustu leiden/
126
Umb solches Wunderwerck und so von hinnen scheiden?
127
Fahr fort Melpomene/ mit mir zu trawren hier/
128
Und Titan decke zu der Wangen rothe Zier.

129
So so gelüstet Euch denselben zu verdammen/
130
Der Euch das Leben gab und seine LiebesFlammen
131
Entzündet hat in Euch? den hasset Ihr nun auch/
132
Und wolt Ihn stürtzen gar in Plutons Schwefelrauch
133
Wanns Euch nur müglich wer: Die Freyheit liegt in Ketten/
134
Auff daß wir dermaleins auch Fried und Freyheit hetten.
135
Fahr fort Melpomene/ fahr fort zu trawren hier.
136
Und Titan decke zu der Wangen rothe Zier.

137
Ach ist das ewer Gott? Geht/ geht und fragt die Blinden/
138
Die Er hieß wieder sehn: Ists der/ der alles binden
139
Und alles lösen kunt/ und dem auff sein Gebot
140
Fluht/ Wind und Teuffel wich? Ach ist das ewer Gott?
141
Ach ist das ewer Gott? Ists dieser den Sibylle
142
Augustus zeigete/ dem Phöbus schwiege stille?
143
Fahr fort Melpomene/ fahr fort zu trawren hier/
144
Und Titan decke zu der Wangen rothe Zier.

145
Wie kranck! wie matt! wie blaß! wie wund ist Er geschlagen!
146
Ach hör ich nicht mit mir Melpomene dort klagen?
147
Ja/ ja sie ist es auch; Ach! Ach ist nicht auch hier
148
Die niemand gleiche Fraw? Ach! Ach wie ist doch dir
149
O nie erkantes Weib? Wie ist dir doch zu Hertzen
150
Wann du dein Kind beschaust? Ach solte das nicht schmertzen!
151
Fahr fort Melpomene/ fahr fort zu trawren hier/
152
Und Titan decke zu der Wangen rothe Zier.

153
Ach Schmertz! ach Weh! ach Leid! wo sein die frechen Worte
154
So Petrus von sich gab? Wo und an welchem Orte
155
Sol man Ihn finden nun? Ach hört wie röchelt Gott/
156
Wie schnaubt Er und verblast der grosse Zebaoth?
157
Ach nun/ nun ist Er hin! Der Atlas jetzt erzittert/
158
Das grosse Firmament auff seinem Halß erschüttert.
159
Fahr fort Melpomene/ fahr fort zu trawren hier/
160
Und Titan decke zu der Wangen rothe Zier.

161
Gott stirbet als ein Mensch damit Er uberwinde
162
Den frechen Satanas und Ihn mit Ketten binde.
163
Er steiget in die Grufft/ zerstört den schwartzen Schlauch/
164
Und stürmet kecklich zu auff Plutons holen Bauch.
165
Erwartet Jonas Zeit: Drey Tage muß Er streiten
166
Mit allen Furien eh Er bekömt die Beuten.
167
Fahr fort Melpomene/ fahr fort zu trawren hier/
168
Und Titan decke zu der Wangen rothe Zier.

169
Ost/ Norden/ Sud und West/ die rissen auß den Klüfften/
170
Und trieben auff die zu die auff dem Meere schifften.
171
Es hört die Seufftzer selbst biß an Cocytus Schlund/
172
Der freche Cerberus der dreygeschnautzte Hund:
173
Und reist sich dreymal loß von seiner stählern Ketten/
174
Und lest die Pforte stehn und wil sich auch erretten.
175
Fahr fort Melpomene/ mit mir zu trawren hier/
176
Und Titan decke zu der Wangen rothe Zier.

177
Der brennende Morast bey Styx wil uberlauffen/
178
Und speyt vor weissen Schaum rot Feuer auß mit hauffen.
179
Ein Schwefelgelbe Fluht des Phlegetans KriegsSchaum/
180
Dem Pluto wird zu klein der grosse HellenRaum:
181
Tisiphone verwirrt noch siebenmal die Schlangen/
182
Der Nebelrauch und Dampff kömpt in die Lufft gegangen.
183
Fahr fort Melpomene/ fahr fort zu trawren hier/
184
Und Titan decke zu der Wangen rothe Zier.

185
Der Fürhang reist entzwey: Der grosse Tempel zittert!
186
Das Wunderwerck der Welt/ der Mittelpunct erschüttert.
187
Ja Ethna wütet auch/ speyt Flocken Fewer auß/
188
Die Todten hören es/ stehn auff und gehn herrauß/
189
Und zeigen Solyme/ daß Belial bezwungen/
190
Ermordet/ umbgebracht/ zubrochen und verschlungen.
191
Fahr fort Melpomene/ fahr fort zu trawren hier/
192
Und Titan decke zu der Wangen rothe Zier.

193
Natura lebet selbst/ weil jetzt Ihr Schöpffer zaget/
194
Der sonst die Leute speist/ mich dürst/ mich dürst Er klaget:
195
Der EssigGallentranck sol Ihm ein Laabsal seyn.
196
Je pfuy dich/ sprach das Volck/ brich doch den Tempel ein/
197
Und bau Ihn wieder auff. Ach seht der Artzt der kruncket/
198
Und hilfft Ihm selbsten nicht! seht wie der König funcket.
199
Fahr fort Melpomene/ fahr fort zu trawren hier/
200
Und Titan decke zu der Wangen rothe Zier.

201
Ach seht diß ist der Ort/ da man hat können schauen
202
Zuvor den ApfelBaum in jenen MyrtenAuen/
203
Wo sonsten jener Baum des Lebens hingesetzt/
204
Wo sonsten Schlangenlist das kluge Weib verhetzt:
205
Da muß der rechte Baum des Lebens Christus büssen/
206
Und uns den sauren Biß auch wiederumb versüssen:
207
Fahr fort Melpomene/ fahr fort zu trawren hier/
208
Und Titan decke zu der Wangen rothe Zier.

209
Hier hängt der WunderBaum an dem verfluchten Stamme.
210
Wie lieblich zeigt Er doch der Seiten tieffe Schramme/
211
Wie neigt Er doch das Häupt so sehnlich zu uns her?
212
Verfluchet sey der Ort/ verfluchet sey der Speer
213
Der dich geritzet hat/ geliefert Blut und Eyter/
214
Muß dir ein Balsam seyn/ du grosser SchlangenStreiter.
215
Fahr fort Melpomene/ fahr fort zu trauren hier/
216
Und Titan decke zu der Wangen rothe Zier.

217
Ach seht die Augen an! Last das Gesichte schauen
218
Auff den erblasten Mund! ach seht der Glieder Auen
219
Wie sie verwelcket seyn! War nicht das Angesicht
220
Ein rechtes Rosenthal? Wie ist es zugericht?
221
Es haben Ihm durchwühlt Cocytus wilde Schweine
222
Das haaselbraune Haar/ die unzerbrochnen Beine.
223
Fahr fort Melpomene/ mit mir zu trawren hier/
224
Und Titan decke zu der Wangen rothe Zier.

225
Ach seht wie welck/ wie welck/ wie blaß sind seine Hände!
226
Ach seht der Nägelritz! Er ist/ Er ist ohn Ende
227
Gepresst/ gedrückt/ verspeyt/ veracht/ verlacht/ verspott/
228
Verlassen von der Welt und wegen Ihr von Gott.
229
Von Gott sich reisset Gott. Sein Leib ist sehr zerfleischet/
230
Geädert/ Striemen voll/ zerstochen/ außgekreischet.
231
Fahr fort Melpomene/ fahr fort zu trawren hier/
232
Und Titan decke zu der Wangen rothe Zier.

233
Doch Todt/ du süsser Todt/ du uns hast so das Leben/
234
Das rechte HimmelBrot/ den GötterTranck gegeben.
235
O Todt/ O süsser Todt! Durch den der Himmel ist
236
Geöffnet angelweit: Olympus ist gerüst
237
Die Frommen auffzuziehn/ da sie mit Frewd und Wonne
238
Ersehn den SeelenArtzt/ die rechte LiebesSonne.
239
Hör auff Melpomene/ hör auff zu trawren hier/
240
Entdecke Titan auch der Wangen rothe Zier.

241
Jehova sey gepreist die Cherubinen singen:
242
Erlöser sey gegrüst/ hört man bey Ihnen klingen:
243
Den Heilgen Geist sey Lob/ das durch die Wolcken wallt/
244
O Heilig schallet hier/ dort Heilig wiederprallt:
245
O Schiloh sey gegrüst/ der du hast auffgerügelt
246
Den Eden wiederumb/ und Pitho todt geprügelt.
247
Hör auff Melpomene/ hör auff zu trawren hier/
248
Entdecke Titan auch der Wangen rothe Zier.

249
O rechter Isaac! Der du selbselbst getragen
250
Das Holtz zum Opffer hast. Ach solte man nicht klagen?
251
O rechter Pelican/ der durch sein Blut belebt
252
Der Jungen todte Zucht so in dem Neste klebt
253
Durch Schlangen so erwürgt. O Priester! O Levite!
254
O mehr als Jonatan! O Simson! O Japhite!
255
Hör auff Melpomene/ hör auff zu trawren hier/
256
Entdecke Titan auch der Wangen rothe Zier.

257
O mehr als der/ dem Gott die Handschrifft auffgeschrieben
258
Hin in die weite Lufft mit Farben schön durchrieben/
259
So wir noch offte sehn zum Zeugnüß seiner Trew/
260
Daß Er nicht uberschwemm hinfür das Weltgebäu.
261
O Phönix sey gegrüst O Adler sey gepreiset!
262
Der du das Grab besucht und wieder rauff gereiset!
263
Hör auff Melpomene/ hör auff zu trawren hier/
264
Entdecke Titan auch der Wangen rothe Zier.

265
O ewigfreyer Printz! Von Ewigkeit erkohren/
266
Von Ewigkeit erkiest/ von Ewigkeit gebohren!
267
Gesalbter sey gegrüst/ Messias sey gepreist/
268
Der man dich Warheit nennt/ Liecht/ Heil und Leben heist.
269
Friedmacher sey gegrüst: Vor dessen Krafft verbleichet
270
Der Printz der güldnen Zahl; Ja dem der Himmel weichet.
271
Hör auff Melpomene/ hör auff zu trawren hier/
272
Entdecke Titan auch der Wangen rothe Zier.

273
O Creutze sey geehrt! O Creutze sey gegrüsset/
274
An den der Schöpffer hat/ der dich gemacht/ gebüsset.
275
O heilige Figur! Wie weicht der Hellsche Beer/
276
O mehr als Agetstein! O würcklicher als Er/
277
Den rauen Satanas und Pluto zuverscheichen:
278
Des Levi Sohn muß jetzt mit seinem Fluche weichen.
279
Hör auff Melpomene/ hör auff zu trawren hier/
280
Entdecke Titan auch der Wangen rothe Zier.

281
Allhier nimt auch jetzund die Endschafft das Gesetze
282
Der Jüden groß Geplerr/ und reissen das Geschwätze.
283
Hier ist das LebensBuch/ das newe Testament:
284
Jehova selbst ist hier/ den noch kein Jüde kent.
285
Das Leid/ der Schmertz ist weg; Jetzt nimt man Ihn herunder/
286
Versenckt Ihn in das Grab/ erwartet seiner Wunder.
287
Kom nun Terpsichore/ und setze dich zu mir/
288
Bring Harff und Lauten mit und laß uns spielen hier.

289
Jetzt naht herzu der Tag der offte wird gegrüsset/
290
Da Trübsal/ Angst und Noth/ mit Frewde wird durchsüsset.
291
O Tag/ O schöner Tag! Dem nichts als Frewd und Lust/
292
Dem nichts als Fröligkeit/ als Frewde werden must.
293
Lescht bald die Kohlen auß/ schreibt bald mit weisser Kreiden/
294
Der liebe Tag komt an/ die Stunde voller Freuden.
295
Kom/ kom Terpsichore/ und setze dich zu mir/
296
Bring Harff und Lauten mit und laß uns spielen hier.

297
Wie endert sich doch schon Natur und Ihr Geschöpffe!
298
Seht/ seht/ wie recken auff die Blumen ihre Köpffe!
299
Seht/ seht wie lacht das Feld/ wie die Aurora sich
300
Mit Tafelwerck bemahlt/ der Sonnen Fenderich
301
Erschwingt die gelbe Fahn: Eous und die andern/
302
So Phöbus bey sich hat/ am hohen Himmel wandern.
303
Kom/ kom Terpsichore/ und setze dich zu mir/
304
Heb an ein FrewdenLied/ jetzt bricht die Lust herfür.

305
Ach hör ich nicht schon dort vier Nachtigalen singen!
306
Ach hört wie lieblich sie die Tagesweise schwingen!
307
Die eine summt den Baß; die ander den Tenor;
308
Die dritte ziht den Alt/ den Alt sehr hoch empor:
309
Ach hört wie lieblich kan die vierde doch formieren
310
Das Zünglein zum Discant und artlich solmesieren.
311
Kom/ kom Terpsichore/ und setze dich zu mir/
312
Heb an ein FrewdenLied/ jetzt bricht die Lust herfür.

313
Jehova nim vorlieb/ Messias nim vorwillen/
314
Wie könt ich sterblicher dein Gnügen anerfüllen?
315
Indem die Menschheit mir den rechten Paß verhieb
316
Die Gottheit anzuziehn; Jehova nim vorlieb/
317
Jehova nim vorlieb; Es ist wol da das wollen/
318
Es mangelt aber viel/ wann wirs vollbringen sollen.
319
Hör auff Terpsichore/ die Schmertzenwenderin
320
Die kühle Nacht geht an/ die ArbeitsTrösterin.

321
Ach hett ich auch gelebt damals zu Josephs zeiten/
322
Ich hette dir mein GOTT auch wollen zubereiten
323
Ein Büschlein Aloen/ Granaten/ Cinamen/
324
Die hetten stets bey dir im Grabe sollen stehn:
325
Der Narden starcke Krafft/ die blaulechten Violen/
326
Das frembde Bezoe hett ich auch wollen holen.
327
Hör auff Terpsichore/ die Schmertzenwenderin
328
Die kühle Nacht entspringt/ die Ruhgebehrerin.

329
Ach hette doch der Wind von Myrrhen so entstehet!
330
Ach hette doch die Lufft so von den Rosen gehet
331
Dich lieblich angehaucht! Ach hette man doch dich
332
Mit Balsam angefrischt/ und deiner Seiten Stich
333
Mit Balsam außgefüllt! Der hette sollen bringen
334
Die Unverweßligkeit/ und den Gestanck bezwingen.
335
Hör auff Terpsichore/ verstopffe deinen Quell/
336
Die Nacht dringt starck herrein/ der Monde scheinet hell.

337
O Jesu nim vorlieb/ gieb daß wir dich erkennen/
338
Daß wir von deiner Lieb entzündet mögen brennen!
339
Ach were doch der Noth/ die uns jetzund betrifft/
340
Der Grimmigkeit des Mars/ der Schwefelblauen Gifft.
341
Sey noch zu letzt gegrüst/ O Alpha außerlesen.
342
Blutbürge sey gelobt/ Omega groß von Wesen.
343
O Liebe sey gelobt/ O Gnade sey gegrüst/
344
O Sohns und Vaters Huld zu preisen sey erkiest!

345
Mein Cösi fahr so fort! Mit Klagen und mit Singen
346
Von JESU bittern Todt! Er wird dir auch denn bringen
347
Was selbst Er sich gebracht. Daß dir nach Angst und Pein/
348
Bald hier und auch denn dort die FrewdenOstern seyn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Philipp von Zesen
(16191689)

* 08.10.1619 in Priorau, † 13.11.1689 in Hamburg

männlich, geb. von Zesen

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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