23
Es schien, als könne keine Macht ihn wecken.
24
Doch eine kam, die seine breiten Schultern
25
Mit trauter Hand berührte, da der Stille
26
Nicht sah, wie sie zum Gruß sich tief verneigte,
27
Sie, eine Göttin der noch jungen Welt!
28
So groß war sie, daß selbst die Amazone,
29
Die hochgewachsne, zwerghaft neben ihr.
30
Sie hätte leicht Achill beim Schopf gepackt,
31
Den Nacken ihm gebeugt, und hielte leicht
32
Ixions Rad mit einem Finger an.
33
Ihr Antlitz war so breit wie memphischer Sphinx
34
Verschwiegnes Angesicht, in das Gelehrte
35
Um Kunde von Egypten prüfend blickten.
36
Doch oh, wie wenig marmorn dies Gesicht!
37
Wie schön, wenn nicht der Kummer es verstände,
38
Noch schöner als selbst Schönheit auszusehn!
39
Ein angstvoll Lauschen lag in ihrem Blick,
40
Als habe Unheil eben erst begonnen;
41
Als hätten erste Wolken böser Tage
42
Ihr Übel ausgespien und jetzt ergrolle,
43
Schwer voll von Donner, neues Leidgeschick.
44
Die eine Hand lag fest auf jener Stelle,
45
Wo Menschenherz in Schmerz zu schlagen pflegt,
46
Als fühle dort auch sie die herbste Pein,
47
Sie, die unsterblich doch und göttlich war;
48
Die andre um Saturns gebeugten Nacken
49
Geschmiegt, so bog sie sich zu seinem Ohr
50
Und sprach mit ernster voller Orgelstimme
51
Die Trauerworte, die in unsrer Sprache –
52
Wie kraftlos, ach, verglichen mit den Lauten
53
Der frühen Götter! – dies bedeutet hätten:
75
Wie wenn in tief entrückter Sommernacht
76
Die grünberockten Ratsherrn mächtiger Wälder,
77
Die hohen Eichen, von den ernsten Sternen
78
In Bann gezaubert, träumen und die Nacht,
79
Die ganze Nacht so reglos weiter träumen,
80
Nur dann und wann von Windstoß wachgeschaukelt,
81
Der sachte in das Schweigen stößt und stirbt,
82
Als ebbe hoch in Luft nur eine Woge,
83
So kamen, gingen diese Tränenworte.
84
Sie bog die schöne breite Stirn zu Boden,
85
So daß ihr Haar, ein sanfter seidner Teppich,
86
Saturn zu Füßen ausgebreitet lag. –
87
Ein Mond war mählich wechselnd hingegangen,
88
Und reglos ruhten immer noch die beiden,
89
Wie Steingebild in domgewölbter Grotte:
90
Der Gott erstarrt am kalten Boden kauernd,
91
Die Göttin tränenvoll zu seinen Füßen –
92
Bis nun Saturn den welken Blick erhob
93
Und sah, sein Königreich war fort, und sah
94
Das Dunkel und die Trauer dieses Ortes
95
Und jene schöne Göttin knien und sprach,
96
Indem sein Bart wie Espenlaub erbebte,
97
Mit schwerer, wie von Gram gelähmter Zunge:
98
»o Thea, sanft Gemahl Hyperions,
99
Ich fühl dich mehr, als ich dein Antlitz sehe;
100
Blick auf und laß mich unser Schicksal lesen,
101
Blick auf und sprich, ob dieser schwache Leib
102
Saturn noch ist, ob diese leere Stimme
103
Saturn noch ist, ob diese Runzelstirne,
104
So nackt und ihres Diadems beraubt,
105
Saturnens Stirne gleicht? Wer hatte Macht,
106
Mich arm zu machen? Woher kam die Kraft,
107
Wer nährte sie zu so gewaltgem Sturm,
108
Da Schicksal doch in meiner sehnigen Faust
109
Gefesselt schien? Doch ach, es ist geschehen.
110
Ich bin gestürzt und grabesfern dem Wirken
111
Der Göttlichkeit, der gütigen Gewalt
112
Auf bleiche Sterne und auf Wind und Meer,
113
Dem sanften Segen über Saal und Ernte
114
Und allem Tun, darein erhabne Gottheit
115
Ihr Herz voll Liebe gießt. – Dem eignen Busen
116
Bin ich entflohn und ließ mein wahres Selbst,
117
Mein bessres Ich wohl irgendwo am Thron
118
Und hier am Boden liegen. Thea such!
119
Tu auf den ewigen Blick und schick ihn rund
120
In alle Weiten, weit in Sternenraum,
121
Der lichtverlassen, weit in leere Luft
122
Und weit in Feuerschlund und Höllengähnen. –
123
Such, Thea, such! Und sag mir, ob du nicht
124
Ein seltsam schattenhaftes Wesen schaust,
125
Das hoch auf Flügeln oder Feuerwagen
126
Sich Wege bahnt, um Himmel zu erobern,
127
Die unlängst es verlor: es muß, es muß
128
Ans Ziel hinauf – Saturn
129
Ja, kommen muß ein herrlich goldner Sieg;
130
Gestürzte Götter und Trompetenblasen,
131
Triumphgetön und helle Festgesänge
132
Auf goldnen Wolken hoch in Herrscherhöhn,
133
Verkündungsruf und silbersanftes Rühren
134
Von Saitenspiel; und vielfach schöne Dinge
135
Will neu ich schaffen: Lust den Himmelskindern
136
Und Überraschung! Auf! Befehlen will ich!
137
O Thea! Thea! Sag, wo ist Saturn?«
161
In andern Reichen flossen währenddessen
162
Noch schmerzlicher die schweren Leidenstränen,
163
Und Gram war größer, als des Menschen Wort,
164
Als Spruch und Feder wiedergeben können.
165
Titanen, die in Schmach und Fessel lagen,
166
Verlangten nach der alten Lehnspflicht heim
167
Und lauschten leidvoll, ob Saturn nicht rufe.
168
Nur einer aus der Mammuthbrut bewahrte
169
Noch Überlegenheit und Zucht und Größe.
170
Hyperion, der Lodernde, saß noch
171
Auf seiner Feuerkugel, tief umduftet
172
Vom Weihrauch, den zum Sonnengott empor
173
Die Menschen schickten, – Unruh doch im Herzen.
174
Denn wie uns Erdenvolk ein düstres Omen
175
Verwirrt und schreckt, so schauderte auch er –
176
Nicht über Hundelaut und Eulenschrei,
177
Noch über Spuk beim Klang des Totenglöckchens,
178
Noch über Lampenlied um Mitternacht –
179
Viel stärker ist das Graun, das Riesen schreckt
180
Und das Hyperion erbeben machte.
181
Sein strahlender Palast, von Pyramiden
182
Durchglühten Golds umwogt und mild beschattet
183
Von bronznen Obelisken, glomm wie Blut
184
Durch all die tausend Höfe, Bogen, Hallen,
185
Und jeder Vorhang morgenroter Wolken
186
Erglühte bös, und breite Adlerschwingen,
187
Wie Götter nicht noch Menschen je sie sahn,
188
Verdunkelten den Ort; und Rossewiehern,
189
Wie Götter nicht noch Menschen je gehört,
190
Ertönte, und die würzigen Weihrauchwellen,
191
Die heilige Hügel aufwärtsdampften, schmeckten
192
Des Gottes weitem Gaumen garnicht süß,
193
So beißend scharf vielmehr wie giftiges Erz.
194
So kam es, daß der Gott, wenn schläfrig müde
195
Im Westen er nach klaren Tages Schluß
196
Zu sanfter Ruh in Armen von Musik
197
Auf hochgehäuften Kissen Zuflucht nahm,
198
Die Stunden, die ihm Schlummer bringen sollten,
199
Mit riesigem Schritt von Saal zu Saal durchwachte;
200
Indeß in tiefen Winkeln weiter Hallen
201
In dichten Gruppen seine Treuen standen,
202
Erschreckte, angstverwirrte Flügelgeister, –
203
Gleich Menschen, die zu atemlosen Haufen
204
Zusammenrennen, wenn die Erde bebt
205
Und Turm und Häuser durcheinanderrüttelt.
206
Jetzt, als Saturn, aus eisiger Starrsucht wach,
207
Mit Thea Schritt für Schritt durch Wälder nahte,
208
Kam schräg herab auf Westens goldne Schwelle
209
Hyperion, das Zwielicht hinter sich.
210
Wie stets, so flog nun des Palastes Tor
211
In sanftem Schweigen auf, nur Feierflöten,
212
Die Zephir bliesen, gaben heilig süß
213
Und hingehaucht gemessne Melodien.
214
Und rosengleich in Farbe, Form und Duft,
215
Das Auge kühlend, stand in Pracht erschlossen,
216
Dem Gotte Einlaß bietend, dieses Tor
217
Zu aller hehren Himmelsherrlichkeit.
218
Er überschritt die Schwelle, doch in Zorn:
219
Sein Kleid goß Flammen hinter seinen Füßen
220
Und gab ein Brausen, wie von Feuersbrunst,
221
Daß all die ätherzarten Stunden flohn,
222
Erschreckt wie Taubenflug. Und weiter flammte
223
Von hohem Säulengang zu Saal und Saal,
224
Durch Bogenhallen voll verhülltem Glanz
225
Und lange lichte Diamant-Arkaden
226
Der Gott bis hin zur ungeheuren Kuppel.
227
Dort stand er feurig still und stampfte auf,
228
Daß tief vom Fundament zu höchsten Türmen
229
Sein goldnes Reich erbebte; und bevor
230
Das Donnerrollen noch geendet hatte,
231
Brach, göttlicher Beherrschung müd, sein Schmerz
232
In diesem Ruf: O Träume Tag und Nacht!
233
O Graungestalten, Bilder ihr von Leid!
234
Geschäftige Geister durch die kalte Nacht!
235
Langohrige Gespenster schwarzer Sümpfe!
236
Was kenn ich euch? Was sah ich euch? Warum
237
Ist so zerstört mein ewiges Dasein, daß
238
Ich neu und immer neu die Schrecken sehe?
239
Saturn sank hin, soll dies auch mir geschehn?
240
Soll ich den Hafen meiner Ruh verlassen,
241
Die Wiege meiner Pracht, dies sanfte Reich,
242
Den stillen Glanz des segensvollen Lichtes,
243
Krystallne Pavillons und reine Tempel
244
All meiner Herrscherherrlichkeit? Nun liegt
245
Mein Zufluchtsort vereinsamt, leer und tot;
246
Die Helle, Freudigkeit und Symmetrie –
247
Ich seh sie nicht – nur Dunkel, Tod und Dunkel.
248
Selbst hier ins Tiefste meiner Schlummerhallen
249
Sind düstre Visionen eingedrungen,
250
Um meine Macht zu kränken und zu stürzen. –
251
Zu stürzen? – »Nein, bei Tellus' salzigem Kleid!
252
Hervor aus Feuergrenzen meines Reichs
253
Will furchtbar dräuend rechten Arm ich recken
254
Und den Rebellen Jupiter vernichten,
255
Den knabenhaften Donnrer, und Saturn,
256
Den Greis, von neuem auf den Thron erheben.« –
257
Er sprach, verstummte; denn noch schlimmres Drohn
258
Würgt' ihn im Hals, doch wagte sich nicht vor.
259
Denn wie ein Lärm, je mehr man Ruhe fordert,
260
Sich durchs Theater weiterpflanzt, so regten
261
Beim Wort Hyperions sich die bleichen Schatten
262
Wohl dreifach grauenvoll und dreifach kalt.
263
Und von der Spiegelfläche, wo er stand,
264
Stieg Nebel auf wie Schaum von glattem Sumpf.
265
Da kroch ein wilder Schmerz durch seinen Leib,
266
Von Fuß zu Kopf, wie muskelstarke Schlange,
267
Die sich geschmeidig windet, Kopf und Nacken
268
In Krampf erstarrt. Erlöst entfloh er dann
269
Zum Tor des Ostens; und sechs volle Stunden
270
Eh Dämmrung ein Erröten schuldig war,
271
Blies an verschlafnes Tor sein heißer Atem,
272
Blies schwere Dünste fort und warf sie weit
273
Auf Meeres eisige Strömungen hinaus.
274
Die Feuerkugel, die ihn jeden Tag
275
Von Ost nach West durch alle Himmel trug,
276
Flog wirbelnd hinter schwarzen Wolkenschleiern;
277
Doch darum nicht verschleiert und verborgen,
278
Denn oft erglommen Kreise und Koluren
279
Und flochten in das milde Dunkel Blitze
280
Tief vom Nadir bis aufwärts zum Zenith –
281
Uralte Hieroglyphen, die die weisen
282
Sterndeuter jener Erdenzeiten lasen
283
Und durch Jahrhunderte erobert hatten –
284
Verloren nun, bis auf die wenigen Zeichen
285
Auf allen Steinen oder Marmortafeln,
286
Ihr Sinn nicht faßbar, ihre Weisheit fort. –
287
Zwei breite Silberschwingen trug die Kugel,
288
Zwei Flügel ihrer Pracht und Herrlichkeit,
289
Die bei des Gottes Nahn verzückt erbebten.
290
Jetzt spreiteten sich vor aus Dämmerdunkel
291
Die riesigen Federn, eine nach der andern,
292
Bis alle flugbereit gebreitet lagen.
293
Noch immer aber schwamm der Ball in Dunkel,
294
Hyperions Befehl entgegenbebend.
295
Gern hätte er befohlen, gern den Thron
296
Bestiegen und den Tag beginnen lassen –
297
Er durfte nicht – er, der Urgötter einer –
298
Weh dem, der heiligen Zeitenlauf verrückt!
299
So hielt das Morgenweben zögernd inne
300
Und harrte, wie es hier beschrieben steht.
301
Die Silberschwingen schwammen schwesterlich,
302
Des Flügelschlags begierig. Hohe Tore
303
Enthüllten offen weite Nachtbereiche.
304
Und der Titan, in Weh und Wahnsinn bebend,
305
Dem Beugen ungewohnt, er beugte nun
306
Den Sorgen dieser Zeit die starre Seele.
307
Und weit entlang auf grausen Wolkenrücken,
308
An schmalem Grenzgebiet von Nacht und Tag,
309
Streckt er in Gram und matten Glanz sich hin.
310
Als so er lag, sah Himmel mit den Sternen
311
Mitleidig nieder, und aus Weltallräumen
312
Drang Coelus' Stimme leis und ernst zu ihm:
313
»o hellstes meiner lieben Kinder du,
314
Den Himmel zeugte, Erde mir gebar,
315
Sohn von Geheimnissen, selbst denen dunkel,
316
Die dich geschaffen: seltsam süße Freuden
317
Und Herzgefühle, die mir Wunder waren,
318
Mich, Coelus, wunderten, woher sie kamen.
319
Und Wunder waren dieser Freuden Früchte,
320
Klar sichtbare und göttliche Symbole,
321
Wie Offenbarung jenes schönsten Lebens,
322
Das ungesehn durch ewige Weiten strömt:
323
Von diesen Neugeschaffnen bist auch du,
324
Sind jene Göttinnen und deine Brüder!
325
Doch wehe! Streit ist unter euch, Empörung
326
Des Sohnes gegen seinen Herrn. Ich sah,
327
Sah meinen Ältesten vom Throne sinken!
328
Zu mir reckt' er die Arme, sandte Rufe
329
Hervor aus Donnersturm, der ihn umtost.
330
Erbleichend barg ich mein Gesicht in Wolken.
331
Droht solch Geschick auch dir? Dies ängstet mich,
332
Denn wenig göttlich seh ich meine Söhne.
333
Als Götter wurdet ihr erschaffen; göttlich,
334
In Würde, himmelhehr und ungestört
335
Gleich hohen Göttern lebtet, herrschtet ihr.
336
Jetzt seh ich Furcht in euch und Leid und Hoffen,
337
Und Wut und Leidenschaft durchloben euch,
338
Als wärt ihr nichts denn niedre Staubgeborne
339
Und Todessöhne. – Dies ist Leid, o Sohn!
340
Verfall und Angst und Sturz! Doch ringe du,
341
Der du, ein wahrer Gott, dich regen kannst
342
Und jeder bösen Stunde Körperkraft
343
Und Wesenheit entgegensetzen kannst.
344
Ich selbst bin nichts als Stimme, und mein Leben
345
Ist Leben nur von Strömungen und Stille,
346
Nur Strömungen und Stille dienen mir. –
348
Ja, halt des Feindes Pfeile auf, bevor
349
Die straffe Sehne summt. – Hinab zur Erde!
350
Dort findest du Saturn und seine Klagen.
351
Ich will indessen deine helle Sonne
352
Und deiner Zeiten rechten Lauf behüten.« –
353
Eh halb dies Weltgeflüster niederkam,
354
War auf Hyperion; die gebogenen Lider
355
Zu Sternen hochgerichtet, horchte er,
356
Bis Stille ward. Und schaute immer noch
357
Und noch hinauf in feierliche Sterne.
358
Dann, wie der Taucher taucht in Perlenmeere,
359
Bog sachte er die breite Brust nach vorn
360
Und stieß von luftiger Küste weit hinab
361
Und tauchte lautlos unter in die Nacht.