Erster Teil

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

John Keats: Erster Teil (1808)

1
Vorzeiten, ehe noch die Feenbrut
2
Satyrn und Nymphen trieb aus Waldeshut,
3
Eh König Oberon mit Krongeschmeide
4
Und Szepter und betautem Blütenkleide
5
Die Faune und Dryaden ganz vertrieb,
6
Daß ihnen nicht ein Binsensaal mehr blieb,
7
Kein Dornendickicht und kein lichter Hain,
8
Kein Wiesengrund mit gelben Blümelein,
9
Floh Hermes, neu entbrannt, den goldnen Thron
10
Und stahl sich fort um süßer Liebe Lohn.
11
Den Wolken Jupiters nahm er das Licht
12
Zur Erdenseite fort, damit ihn nicht
13
Sein hoher Mahner auf der Flucht entdecke,
14
Und flog dann hin zu dunkler Waldesstrecke
15
Auf Kretas Inselufer, denn hier war
16
Ein Nymphlein, dem die ganze Satyrschar
17
Ergeben kniete; sehnende Tritonen
18
Versuchten ihre Schönheit zu belohnen
19
Mit Perlen, die sie ihr zu Füßen legten.
20
Ganz nah den Quellenbächen, grün umhegten,
21
Die Bad ihr gaben, und auf jenen Matten,
22
Die oft schon ihren Schritt getragen hatten,
23
War manche reiche Gabe ausgestreut,
24
Den Musen fremd – doch Phantasie gebeut,
25
Aus ihrem reichen Born nur auszuwählen.
26
Ach, so viel Liebe läßt sich garnicht zählen!
27
So dachte Hermes, und ein himmlisch Glühn
28
Durchflog von den beschwingten Sohlen ihn
29
Bis aufwärts zu den Ohren – sonst so weiß
30
Wie klare Lilien, jetzt wie Rosen heiß,
31
Um die sich dicht die goldnen Locken ballten,
32
Und ringelnd tief auf nackte Schultern wallten.
33
Er flog von Tal zu Tal, von Wald zu Wald
34
Und gönnte keinen Atemzug sich Halt,
35
Kaum daß die Blumen sein Erglühen fühlten.
36
An Flüssen hin, die ihre Ufer kühlten,
37
Flog er, der Nymphe Lager zu erspähn:
38
Doch nirgends konnte er die Süße sehn.
39
So hielt er an verlassner Stelle Rast,
40
Gedankenvoll, von Eifersucht erfaßt
41
Auf jeden Waldgott, ja auf jeden Baum.
42
Da hört er eine Stimme wie aus Traum;
43
So sanfte Stimme, die wohl mildem Herzen
44
All Leiden fortnimmt, bis auf Mitleidschmerzen.
45
»wann werd ich diesem Ringelgrab entsteigen,
46
Wann mich in süßem Leib dem Leben zeigen,
47
Der Liebe und der Lust und rotem Streit
48
Von Herz und Mund? O Arme ich in Leid!«
49
Der taubenfüßige Gott glitt schweigend fort
50
Um Busch und Baum, sacht streifte hier und dort
51
Sein Fuß das Gras und voll erblühte Kraut,
52
Bis er im Dickicht eine Schlange schaut,
53
Die, kreisgerollt, wie Glanz im Düster bebt,
54
Gordischer Knoten, blendend und belebt.

55
Zinnober, golden, grün und blau gefleckt,
56
Mit Kreisen wie ein Leopard bedeckt,
57
Mit Zebrastreifen und mit Pfauenaugen
58
Und Silbermonden, die beim Atemsaugen
59
Zerflossen oder strahlender erglänzten,
60
Mit sanftem Schein den buntern Schmuck umkränzten.
61
So regenbogenstrahlend lag sie dort,
62
Wie schmachverflucht durch Zorn und Zauberwort,
63
Nein, selber schien ein Dämon sie zu sein.
64
Ihr Haupt umgab ein bleicher Feuerschein,
65
Von Sternglanz hell, Ariadnes Tiara gleich,
66
Ihr Haupt war Schlange, doch – wie wunderreich
67
Und bitter süß! – sie hatte Weibesmund
68
Mit schimmerschönem vollem Perlenrund.
69
Und ihre Augen! Konnten solche Augen
70
Zu andrem als zu heißem Weinen taugen,
71
Weil sie, so schön, für solchen Leib bestimmt?
72
Klagt doch Proserpina noch heut ergrimmt
73
Um ihr Sizilien und um seine Pracht.
74
Ihr Hals war Schlangenhals, doch lind und sacht
75
Wie Honig flossen ihre Worte hin,
76
Und Liebessehnen schenkte ihnen Sinn.
77
Und Hermes lag, die Schwingen vorgeneigt,
78
Dem Falken gleich, wenn sich die Beute zeigt.

79
»o schöner Hermes, holder Himmelsglanz,
80
Umragt, bekrönt von lichtem Schwingenkranz,
81
Ich träumte diese letzte Nacht von dir:
82
Auf goldnem Throne sah ich dich vor mir,
83
Hoch im Olymp, im frohen Götterkreise.
84
Nur du warst traurig, taub der sanften Weise
85
Des Lautenspiels der Musen, taub sogar
86
Apollos Sang, so süß und weh er war.
87
Mir träumt', ich sah dich funkenübersprüht
88
Durch Wolken brechen, hell wie Morgen glüht,
89
Und dann verliebt wie Phöbus' Pfeil so schnell
90
Nach Kreta eilen – und du bist zur Stell!
91
Zu sanfter Hermes, fandest du die Maid?«
92
Da gab der Stern der Lethe so Bescheid:
93
»du Schlange mit dem süßen Frauenmund,
94
Himmlischer Weisheit bist du sicher kund!
95
Du prächtiger Kranz mit schwermutvollem Blick,
96
Dein sei das allerseligste Geschick,
97
Nur sage mir, wo meine Nymphe ruht,
98
Wohin sie floh?« »O Gott, du redest gut,«
99
Die Schlange sprach, »doch gib des Schwures Siegel!«
100
»ich schwöre,« sagte Hermes, »bei dem Spiegel,
101
Der deine Augen sind, bei deinem Glanz,
102
Bei meinem Stab und seinem Schlangenkranz!«
103
Die ernsten Worte flohn ihm leicht vom Munde
104
Und glitten sanft in blütenbunte Runde.
105
Und wieder drauf das schöne Weib und Tier:
106
»zu schwach dein Herz! Denn höre nun von mir:
107
Die Nymphe gleitet unsichtbar wie Luft
108
Hier durch die Wildnis, frei wie zarter Duft
109
Genießt sie ungesehen ihre Tage,
110
Kaum daß ihr flüchtiger Fuß das Gras im Hage
111
Und zarte Blumen streift. Von schweren Zweigen,
112
Gebognen Ranken, die sich lastvoll neigen,
113
Pflückt sie ganz ungesehn die süße Frucht,
114
Sie badet ungesehn in Bach und Bucht,
115
Und meine Macht ist's, die die Schöne hütet,
116
Daß dreiste Gier umsonst in Blicken wütet,
117
Und Faune und triefäugiger Silen
118
Umsonst zu ihr in tiefen Seufzern flehn.
119
Bleich wurde die Unsterbliche vor Leid,
120
Um aller dieser Wilden Dreistigkeit;
121
Da gab ich ihr aus Mitgefühl den Rat,
122
Ihr Haar zu tauchen in ein Zauberbad,
123
Dann könne sie in Freiheit ungesehn
124
Und unbehelligt rings durchs Grüne gehn.
125
Du sollst sie schauen, Hermes, du allein,
126
Willst du, dem Schwur getreu, mir dankbar sein.«
127
Da schwur der Gott, verzückt, noch einen Eid.
128
Die Schlange fühlte tiefe Seligkeit,
129
Als warm und bebend seine Worte klangen,
130
So voll von Glut und Liebe und Verlangen.
131
Sie hob ihr Kirke-Haupt beglückt empor
132
Und hauchte selig nah dem Gott ins Ohr:
133
»ich war ein Weib, – laß mich noch einmal haben
134
Die Weibgestalt und Weibes Reiz und Gaben.
135
Ich liebe einen Jüngling aus Korinth,
136
Mach mich zum Weib und führ mich schnell wie Wind
137
Hin wo er weilt – nun, Hermes, beug dich nieder,
138
Ich hauche – und du siehst die Nymphe wieder.«
139
Er schloß die Schwingen halb und neigte sich,
140
Und über seiner Brauen Bogenstrich
141
Ging leis ihr Atem, und sogleich erschien
142
Die Nymphe beiden sichtbar nah im Grün.
143
Es war kein Traum – doch sagt so, wenn ihr wollt;
144
Der Götter Traum ist Wirklichkeit, und hold
145
Entrollt wie ewiger Traum ihr ewiges Leben.
146
Ein Augenblick gab Glühen und Erbeben:
147
Der Nymphe Schönheit warf den Gott fast nieder;
148
Nun trat er hin ins Grün und blickte wieder
149
Zur bleichen Schlange her und regte sacht
150
Den Arm und übte seines Zaubers Macht.
151
Dann schickte er den Blick zur Nymphe hin,
152
Verehrung stand in Tränenschrift darin,
153
Und schritt zu ihr. Wie Mond erbleicht und sinkt,
154
Wenn hell im Ost der neue Morgen blinkt,
155
Verging sie vor dem Gott, versteckte sich
156
Und schluchzte auf und seufzte bitterlich.
157
Wie Blume war sie, die sich fest verschließt,
158
Wenn Abend seine kühlen Schatten gießt.
159
Doch sanft nahm er die kalt erschreckte Hand,
160
Bis still an seiner Glut ihr Zagen schwand;
161
Da hob sie ihrer Augenlider Flor,
162
Und wie die Blüte in den Tag hervor,
163
Wenn Morgen seinen Bienenschwarm ergießt,
164
Den süßen honigvollen Kelch erschließt,
165
So bot sie selig ihren Honig dar.
166
In grünste Waldestiefen floh das Paar
167
Und schien nicht irdisch Liebenden zu gleichen,
168
Die, krank in Sehnsucht, welken und erbleichen.

169
Allein gelassen fing die Schlange an
170
Sich zu verwandeln; durch den Körper rann
171
Ihr Blut wie toll, und Schaum troff ihr vom Mund
172
Und machte Gras und Kräuter welk und wund;
173
Die Augen starrten schwer in Angst und Qual
174
Und glänzten auf wie überhitzter Stahl
175
Und gluteten in grellem Phosphorschein,
176
Und keine Träne kühlte ihre Pein.
177
Die Farben ihres Leibes schossen Flammen
178
Und krampften sich in Purpurschmerz zusammen;
179
Und tiefes sattes Gelb verwischte ganz
180
Der anmutvollen Silbermonde Glanz;
181
Wie Lava eine bunte Wiese leckt,
182
So war ihr Kleid von Düster überdeckt,
183
Die Streifen, Flecke, Monde, Sterne blichen.
184
Und schon nach wenig Augenblicken wichen
185
Die blauen, grünen, amethystnen Ringe;
186
Und all die silber-roten Schmetterlinge,
187
Die sie geziert, verblichen Stück für Stück,
188
Nichts blieb als Schmerz und Häßlichkeit zurück.
189
Noch glomm die Krone, doch auch sie entglitt,
190
Und da verschwand sie selber plötzlich mit.
191
Und durch die Lüfte läutete ihr Wort:
192
»o Lycius, lieber Lycius!« Schwebte fort
193
Mit hellen Nebeln, die um Höhen flogen –
194
Sie war aus Kretas Wäldern fortgezogen.

195
Wohin floh Lamia, eine Schönheit nun,
196
Wo wird ihr lichter Weibesteib jetzt ruhn?
197
Sie floh in jenes Tal, das der betritt,
198
Der von Kenchreas' Ufern lenkt den Schritt
199
Hin nach Korinth, und hielt erst rastend an,
200
Als sie das wilde Hügelland gewann,
201
Wo Bäche sich durch rauhe Schluchten drücken,
202
Und jenen andern Grat mit zackigem Rücken,
203
Den Nebeldunst und Wolkenwulst bedeckt
204
Und der südwest sich bis Kleone streckt.
205
Sie stand, wie junges Vöglein flattert, schön,
206
Auf grünem Hang der moosbewachsnen Höhn
207
Vor eines klaren Bächleins Spiegel da,
208
Entzückt, daß sie ihr Bildnis also sah,
209
Entronnen jener schreckensvollen Zeit.
210
Narzissen küßten sanft ihr Mädchenkleid.

211
Glück, Lycius, dir! denn schöner war wohl nie
212
Ein Zöpfe flechtend Mädchen, ach, als sie,
213
Ein schämig Mädchen, das mit Seufzern bang
214
Durch blumige Wiesen schritt beim Vogelsang.
215
O Jungfrau, der, so schuldlos auch ihr Mund,
216
Doch alle tiefste Liebesweisheit kund,
217
Nicht eine Stunde alt, doch voll Verstehen,
218
Daß Lust und Leiden nah zusammengehen,
219
Und klug, die zarten Grenzen zu erkennen
220
Und eins vom andern immer wohl zu trennen,
221
Als habe dich Kupido selbst belehrt,
222
Wie man mit List und Schlichen sich bewehrt –
223
Und du, die lieblich lässige Schülerin,
224
Du hieltst voll Sehnsucht alles wohl im Sinn!

225
Weshalb das schöne Wesen es erwählt
226
Am Weg zu warten, sei euch bald erzählt;
227
Erst aber sei gesagt, wie sie versonnen
228
So manchen wundersamen Traum gesponnen,
229
Als sie in Schlangenleib gefangen war.
230
Ihr Geist war frei und sah und hörte klar,
231
Was sie nur hören oder sehen wollte:
232
Wie dort, wo grüne Wogenlocke rollte,
233
Die Nereide über Perlenstiegen
234
Hinglitt, in Thetis' Schattensaal zu liegen,
235
Wie Bacchus, seligen Becher in der Hand,
236
Traumfreudig unter harziger Pinie stand,
237
Und wie die Gärten Plutos Schönheit tragen,
238
Wo Mulcibers metallne Säulen ragen.
239
Und in die Städte glitt ihr Träumen auch,
240
Um mitzutun bei frohem Festesbrauch.
241
Und so, als einst ihr Traum bei Menschen weilte,
242
Da sah sie Lycius, der vorübereilte
243
Auf schwankem Wagen und zum Ziele jagte.
244
Wie junger Jupiter, so blühend ragte
245
Der Jüngling mit geruhigem Angesicht –
246
Da traf die Liebe sie mit Erzgewicht.
247
Nun wußte sie, daß heut, wenn Dämmrung kam,
248
Er diesen Weg vom Strande heimwärts nahm,
249
Hin nach Korinth, denn Ostwind blies daher.
250
Und eben jetzt schob sich sein Schifflein schwer
251
Mit erznem Schnabel an der Mauer fort,
252
Um in Kenchreas wohlgeschütztem Port
253
Zu ankern; von Äginas Inselland,
254
Wo hoch für Jupiter ein Tempel stand,
255
Kam Lycius nun zurück, vom Gott erhört,
256
Der, was er wünschte, gnädig ihm gewährt.
257
Denn irgend eine Laune fügt' es so,
258
Daß er die Nähe der Gefährten floh,
259
Ermüdet wohl von zu geschwätzigem Wort,
260
Und einsam ging er gen Korinth hin fort.
261
Gedankenlos zunächst, doch als zur Nacht
262
Am Himmelsdom der Abendstern erwacht,
263
Verstieg sein Träumen sich zu fernen Matten
264
Im sanften Dämmerlicht platonischer Schatten.
265
Ihn konnte Lamia näher, näher sehen,
266
In trübem Gleichmut dicht vorübergehen –
267
Sein sanfter Schritt durchfegte Moos und Grün –
268
Er sah sie nicht, sah nicht ihr Auge sprühn;
269
Er ging vorbei, geheimnisvolles Bild,
270
Sein Geist gleich ihm in Mantel eingehüllt.
271
Sie wandte fürstlich weiß den Hals ihm nach,
272
Bis sie »o hehrer Lycius!« bittend sprach,
273
»du läßt mich auf dem Hügel hier allein?
274
O blicke Mitleid mir ins Herz hinein!«
275
Er tats, verwundert nicht und nicht voll Weh,
276
Er sah wie Orpheus auf Eurydice;
277
So süß die Worte, die sie liebend sang,
278
Ihm war, er liebte sie schon sommerlang.
279
Sein Auge trank die Schönheit auf voll Glück,
280
Ließ keinen Tropfen in dem Kelch zurück,
281
Doch blieb verwirrend voll der Kelch – indessen
282
Er bang, die schuldige Ehrung zu vergessen,
283
Bevor sie schwände, Anbetung begann.
284
Scheu sah ihr Blick ihn ganz in ihrem Bann.
285
»allein dich lassen! Göttin, sieh mich hier,
286
Wie könnt' mein Aug sich wenden je von dir!
287
Aus Mitleid trüge nicht dies trübe Herz –
288
O bleib! Entschwebst du, brichts in Todesschmerz.
289
Ob du Najade auch aus fernen Flüssen,
290
Dir werden sie auch fern gehorchen müssen!
291
O bleib! Und wären grünste Wälder dein,
292
Den Regen trinken können sie allein!
293
Und wenn Plejaden deine Schwestern wären,
294
Wird ihrer keine leiten deine Sphären?
295
An deinerstatt harmonisch silbern scheinen?
296
Dein süßer Gruß, er kam so süß zu meinen
297
Entzückten Ohren, – schwändest du mir nun,
298
Das Deingedenken ließe nie mich ruhn,
299
Zu einem Schatten bliche ich dahin –
300
Aus Mitleid, steh!« – »Und hätte ich im Sinn,«
301
Sprach Lamia, »länger hier im Lehm zu stehn,
302
Mit wundem Schritt durch Stachelkraut zu gehn,
303
Was tätest du, das soviel Reize hätte,
304
Daß ich darum vergäß die Heimatstätte?
305
Soll ich mit dir durch Tal und Höhen streifen,
306
Wo Tod und Trauer ist, vorüberschweifen?
307
Lycius, du bist gelehrt, und weißt du nicht,
308
Daß eure Erdenluft zu schwer und dicht
309
Für zartre Seelen ist? – Ach, armer Knabe,
310
Welch reinere Luft bringst du als Schmeichelgabe
311
Verführend dar? Welch lichtere Paläste,
312
Für alle meine Sinne Freudenfeste,
313
Da hundert Wünsche dann erfüllt sich sehen?
314
Es kann nicht sein – lebwohl!« – Und hoch auf Zehen
315
Reckt sie sich auf, die Arme weit gebreitet;
316
Er, krank vor Ängsten, daß sie ihm entgleitet,
317
Sank hin in Ohnmacht, bleich in Liebesschmerz.
318
Sie zeigte für sein Weh kein liebend Herz,
319
Doch ihre Augen, die so strahlen konnten,
320
Noch strahlender an seinem Bild sich sonnten,
321
Ihr neuer Mund an seinen Lippen hing,
322
Das Leben, das in ihrem Netz sich fing,
323
Ihm neu zurückzugeben; doch erwacht,
324
Umfing ihn wiederum nur Angst und Nacht.
325
Da hub sie, die in Glück und Liebe so
326
Und Glanz und Schönheit überirdisch froh,
327
Ein Liebeslied zu singen an, so süß,
328
Daß jeder Stern sein flimmernd Atmen ließ
329
Und selig lauschte ihrem Himmelssang.
330
Dann wieder sprach sie Flüsterwort so bang
331
Und innig, wie nur die einander sagen,
332
Die sich allein nach vielen Trennungstagen
333
Beisammensehn und mehr denn Blicke geben;
334
Sie bat ihn sacht, das liebe Haupt zu heben,
335
Den Zweifel abzutun: sie sei ein Weib,
336
Und Blut durchpulse ihren Menschenleib,
337
Ihr schwaches Herz sei ganz dem seinen gleich,
338
An Liebesseligkeit und -Schmerzen reich.
339
Dann sprach sie ihr Verwundern aus, daß er
340
Sie nie gesehen in Korinth bisher,
341
Wo, sagte sie, ihr Leben heiter fließe,
342
So schön, als es mit Gold sich leben ließe;
343
Zwar ohne Liebe, doch in stillem Frieden,
344
Bis ihn zu sehn ihr eines Tags beschieden,
345
Beim Venustempel im Vorübergehn;
346
Da sah sie ihn an einer Säule stehn,
347
Tief in Gedanken; rings im Kreise standen
348
Viel Körbe voll von Blumen und Guirlanden,
349
Wars doch der Abend vor Adonis' Fest.
350
O wie sie da die Augen zugepreßt,
351
Sein Bild zu halten, und wie Tränen kamen
352
Und ihres Herzens süßen Frieden nahmen.
353
Und Lycius wachte auf, und staunend sah
354
Die Wundersame er noch immer nah
355
Und hörte ihren herzlich lieben Sang.
356
Da wich Bestürzung, und Entzücken rang
357
Sich ihm durchs Herz, als er ihr Wort vernahm,
358
Das so aus tiefster Weibesliebe kam.
359
Und jedes ihrer Worte lockte sacht,
360
Bis er zu vollstem Glücksgefühl erwacht.
361
Ja, mögen Dichter noch so gerne singen,
362
Daß Feen nur und Peris Freude bringen, –
363
Sie alle, die in Grotte, See und Fluß
364
Sich bergen, schenken niemals den Genuß,
365
Wie echtes Weib, dem alle Ahnen kamen
366
Aus Pyrrhas Kieseln oder Adams Samen.
367
Auch Lamia hatte listig jetzt erkannt,
368
Daß Lycius ihr, in Ehrfurcht festgebannt,
369
Nicht Liebe schenken könne; also ließ
370
Die Göttin sie beiseite und verhieß
371
Ihm größre Lust, indem sie Mensch sich nannte
372
Und ihn allein durch Mädchenschönheit bannte,
373
Die, wo sie niederwirft, auch Hoffnung spendet,
374
Daß alle Sehnsucht in Erfüllung endet.
375
Beredte Antwort gab ihr Lycius dann,
376
Der jedes Wort mit Seufzern heiß umspann;
377
Und nach Korinth hinzeigend fragte er,
378
Ob ihrem zarten Fuß der Weg zu schwer.
379
Wie kurz war der, da Lamias Zauber wachte,
380
Der Schritte nur aus langen Meilen machte.
381
Doch Lycius merkte dieses Wunder nicht:
382
Blind machte ihn ihr strahlend Angesicht.
383
Durchs Stadttor schritten sie so sacht und leis –
384
Er ging wie einer, der von Traum nur weiß.

385
Und wie des Träumers wirres Wortetasten,
386
So murmelte Korinth mit all dem Hasten
387
Belebter Straßen, rühriger Paläste,
388
Durchwogter Tempel und verruchter Feste:
389
Wie Sturmwind nähersummt aus weiten Fernen,
390
So sprach Korinth hinauf zu Nacht und Sternen.
391
Denn Mann und Weib und Arm und Reich belebte,
392
Sobald der kühle Abend niederschwebte,
393
Die weißen Straßen, und erst jetzt erwachte
394
Die Plauderlust; und aus dem Dunkel sachte
395
Glomm Licht um Licht und warf bewegte Schatten,
396
Die seltsam tanzten über Marmorplatten,
397
In Tempelwinkel sich zusammenduckten
398
Und geisterhaft um Säulenschäfte zuckten.

399
Er barg das Antlitz tief in Mantelfalten,
400
Um ungesehn zu sein; und doch, wie krallten
401
Sich seine Finger fest um ihre Hand,
402
Als unerwartet Einer nahe stand
403
Und näher schlürfte über den Granit,
404
Den seine Tracht als Philosoph verriet:
405
Mit scharfen Augen, grauem Lockenbart,
406
Das mächtige Greisenhaupt fast unbehaart.
407
Lycius verbarg sich tiefer, als er kam;
408
Es war, als ob ihm Angst den Atem nahm;
409
Und Lamia bebte; flüsternd fragte er:
410
»geliebte, sag, was schauderst du so sehr?
411
Weshalb schmilzt deine Hand in Furcht dahin?«
412
Und Lamia sagte: »Weil ich müde bin.
413
Doch sage mir, wer ist der alte Mann,
414
Auf den ich mich nicht recht besinnen kann?
415
Weshalb verbargst du dich, als er uns sah?«
416
»'s ist Apolonius,« sagte Lycius da,
417
»mein weiser Lehrer; heute Nacht doch scheint
418
Er wie ein Geist, der reines Glück verneint.«

419
Noch sprach er so, da kamen beide vor
420
Gedeckter Säulenhalle hohes Tor,
421
Wo einer Silberampel Phosphorschein
422
Auf Stufen schwamm von reinstem Marmorstein
423
Wie mild ein Stern im Wasser; denn die Farbe
424
Des Steines war so ohne Fleck und Narbe,
425
Und wie durch Wasser rannen dunkle Adern
426
Durch den krystallnen Schliff der Marmorquadern:
427
Für Götterfuß gefügt! Aus Angeln klangen
428
Äolische Töne, als die Flügel sprangen
429
Und Raum enthüllten, den noch keiner fand –
430
Auf Zeitlang diesen beiden nur bekannt
431
Und einer fremden persischen Dienerschar:
432
Man sah sie auf den Märkten jenes Jahr;
433
Wo wohnten sie? Die Neugier ward betrogen,
434
Die ihren Spuren heimlich nachgezogen.
435
Der fledermausbeschwingte Vers allein
436
Muß – selbst im spätern Leid – wahrhaftig sein,
437
Wenngleich es manchem Herz wohl mehr gefiel,
438
Man ließ die rohe Welt hier aus dem Spiel.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

John Keats
(17951821)

* 31.10.1795 in London, † 23.02.1821 in Rom

männlich, geb. Keats

britischer Dichter und Vertreter der englischen Romantik

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.