Das Verlohrne Paradies. Fünfter Gesang

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John Milton: Das Verlohrne Paradies. Fünfter Gesang (1760)

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Jtzo nahte mit Rosenschritten Dies ist der erste Morgen nach Satans Ankunft auf der Erde. So wie Homer den Morgen mit Rosen- fingern mahlt: ; so giebt ihm Milton Rosenfüße, und im sechsten Buche v. 3. eine Rosen- hand. Der Morgen ist zuerst grau, und wird, wenn die Sonne höher kömmt, rosenfarbig. N. der Morgen im Osten,
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Und besäte die Erde mit orientalischen Perlen:
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Als, so wie er gewohnt war,
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Luftig und leicht; von reiner Verdauung, und sanften und milden
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5dünsten erzeugt; vom bloßen Schalle der säuselnden Blätter,
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Und der rauchenden Bäche, (dem Fächer
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Süßen Morgengesange der Vögel auf jeglichem Zweige
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Leicht zerstreuet. Um desto größer war seine Verwundrung,
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Als er
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10Und mit glühenden Wangen, in einem unruhigen Schlummer
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Fand. Halb aufgerichtet, auf seine Seite gelehnet,
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Hieng er mit Blicken voll herzlicher Lieb’, in süßem Entzücken,
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Ueber ihr, und beschaute die Schönheit, die schlafend, und wachend
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Jmmer besondern Reiz um sich her schoß. Mit lieblicher Stimme,
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15So wie Zephir Floren Als wenn die sanften westlichen Lüfte über Blumen wehn. Dies ist außerordentlich schön und poetisch. Richardson. anhaucht, und indem er die Hand ihr
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Sanft berührte, lispelt er zärtlich ihr also: Erwache,
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Meine Schönste, meine Vermählte
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Letztes, bestes Geschenke des Himmels, o du, mein Alles,
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Du mein immer neues Vergnügen, erwache! der Morgen
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20Stralt; uns ruft das thauigte Feld; wir verlieren die Frühzeit,
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Wo wir beobachten können, wie unsre gewarteten Pflanzen
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Aufschossen, wie der Myrthenbaum tropft und die Balsamgesträuche;
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Wie die Natur die Farben mahlt, und die fleißige Biene
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Auf den Blumen sitzt, und fließende Süßigkeit auszieht.

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25Also lispelnd weckt er sie auf; doch mit starrendem Auge
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Sah sie auf

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O du einzger, in dem ich mit allen meinen Gedanken
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Ruhe finde; mein Ruhm, und meine Vollkommenheit! Fröhlich
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Seh ich dein Antlitz aufs neu, und die Rückkehr des Morgens! Ich träumte
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30Diese Nacht, (und ich habe nie eine Nacht noch, wie diese,
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Hingebracht;) finster träumt’ ich, wofern es anders geträumt war,
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Nicht, so wie ich gewohnt bin, von dir, noch von den Geschäften
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Des verflossenen Tages; noch von des künftigen Morgens
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Arbeiten; sondern von Harm und Beleidigung, wovon ich vor dieser
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35Unglückseeligen Nacht nichts gewußt. Es dünkte mich, jemand
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Rufte mir nah an meinem Ohre mit freundlicher Stimme,
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Mit ihm zu gehn; ich hielt sie für deine Stimme; sie sagte:
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Warum schläfst du,
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Und am kühlsten, am stillsten; bloß da nicht, wo horchend die Stille
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40Vor der nächtlichen Sängerinn weicht, die wachend ihr süßtes
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Liebebegeistertes Lied itzt tönen läßt; itzo regieret
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Durch die Himmel der volle Mond; die Fläche der Dinge
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Zeigt er im sanfteren Schatten mit angenehmerem Lichte.
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Aber vergebens, wenn niemand es sieht. Es wachet der Himmel
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45Jtzt mit allen Augen, wen sonst, als dich, zu betrachten,
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Dich, den Wunsch der Natur, bey deren himmlischem Anblick
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Alle Dinge sich freuen, und, voll vom mächtgen Entzücken,
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Angezogen durch deine Schönheit, ohn’ Aufhören schauen,
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Als ob deine Stimme gerufen, erhub ich mich; aber
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50Fand dich nicht, und verfolgte drum meinen Pfad, dich zu finden.
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Und ich gieng, wie mich dünkt, allein, und auf Wegen, die plötzlich
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Zu dem Baum der verbotnen Erkenntniß mich brachten. Er schien mir
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Schön, und meiner Einbildungskraft viel schöner noch, als er
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Mir bey Tage geschienen. Indem ich ihn wundernd betrachte,
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55Stand daneben Einer, gestaltet, und recht so beflügelt,
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Wie die Bewohner des Himmels, die oft uns erscheinen; es tropften
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Seine thauigten Locken Ambrosia
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Diesen Baum an, und sprach: Du schöne Pflanze, mit Früchten
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Ganz überladen, würdigt dich niemand, dich deiner Bürde
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60Zu entledgen, und deine vortrefflichen Früchte zu kosten,
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Weder Gott, noch Mensch? Ist Erkänntniß so sehr denn verachtet?
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Oder verbietet es Neid, oder sonst was, von dir zu essen?
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Es verbiet es, wer will; doch mir soll niemand das Gute
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Länger noch vorenthalten, so du von selber mir anbeutst.
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65Und weswegen wärst du denn hier gepflanzet? — Indem er
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Dieses gesprochen, zögert er nicht; mit verwegenen Händen
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Pflückt’ er davon, und aß. Ein kalter Schauder ergriff mich
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Bey so frechen Worten, mit einer eben so frechen
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That bekräftigt. Doch er, als wie von Freuden berauschet,
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70Sprach: O göttliche Frucht! zwar an sich selber so süß schon,
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Aber süßer noch, also gepflückt. Verboten hier, scheinst du
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Bloß für Götter bestimmt zu seyn; doch wärst du, aus Menschen
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Götter zu machen, geschickt. Und warum nicht Götter aus Menschen,
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Da das Gute nur mehr überfließt, je mehr es sich mittheilt,
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75Und der Schöpfer dadurch nicht verringert, nur mehr noch geehrt wird.
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Komm denn, glückseelges Geschöpf, du schöne englische
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Koste du gleichfalls davon. Du bist sehr glücklich, doch kannst du
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Noch viel glücklicher werden; nur nicht vortrefflicher. Kost es
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Und sey künstighin eine Göttinn unter den Göttern.
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80Nicht an die Erde gefesselt, erheb in die Lüfte dich manchmal
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So wie wir; und steige zuweilen zum Himmel auf, der dir
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Nach Verdiensten gebührt, und sieh, was dorten die Götter
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Für ein Leben genießen, und lebe du gleichfalls wie Götter.
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Als er so sprach, trat er näher, und hielt mir dicht vor die Lippen
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85Einen Theil von der herrlichen Frucht, die er abgepflückt hatte,
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Und der reizende süße Geruch erweckte so heftig
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In mir die Begierde zum Essen, daß ich, wie mich dünkte,
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Kosten mußte. Schnell flog ich mit ihm hinauf in die Wolken;
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Und ich sah unten die Erde weit ausgestreckt, unermeßlich
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90Liegen in weiter veränderten Aussicht, ganz voller Verwundrung
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Ueber meinen aufsteigenden Flug, und die schnelle Versetzung
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In so einen erhabenen Stand. Mein Führer indeß war
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Plötzlich verschwunden; und ich, so wie es mir vorkam, sank nieder,
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Und fiel in Schlaf. Doch ach! wie fröhlich war ich erwachend,
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95Als ich fand, dies sey bloß ein Traum. — So erzählet ihm Eva
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Jhre Nacht

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Bestes Bild von mir selbst, du, meine theurere Hälfte,
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Mich auch betrübet die Unruh, die diese Nacht durch im Schlafe
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Deine Gedanken empört. Auch will dein seltsamer Traum mir
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100Nicht gefallen; ich fürchte, vom Bösen sey er entsprungen.
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Aber woher denn das Böse? In dir kann kein Böses nicht wohnen,
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Denn du bist rein erschaffen. Doch wisse, verschiedene Kräfte
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Sind, geringer als unser Verstand, in unserer Seele,
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Die ihm als ihrem Oberhaupt dienen; und unter denselben
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105Hat nach ihm oft die Einbildungskraft ihr Amt zu verwalten.
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Diese formieret in uns von allen äußeren Dingen,
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Welche von unsern fünf wachsamen Sinnen uns vorgestellt werden,
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Phantasien und Luftgestalten, die unsre Vernunft dann
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Trennet, oder verbindet, und alles aus ihnen erbauet,
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110Was wir bejahen, oder verneinen, und was wir Erkenntniß,
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Oder Meynung nennen. Zu ihrer einsamen Zelle
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Weicht sie, wenn die Natur itzt ruht; doch wachet nicht selten
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Gaukelnd die Einbildungskraft, wenn sie entfernt ist, und sucht sie
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Nachzuahmen; allein indem sie viel ungleiche Bilder
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115Mit einander verbindet, so schafft sie oft wilde Geburten
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Und besonders in Träumen, in denen sie alte Geschichte
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Oft mit neuern Reden unschicklich zusammensetzt. Etwas
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Aehnlichs mit unsern letzten Gesprächen des Abends entdeck’ ich
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Auch in deinem Traum, wie mich dünkt, doch mit seltsamem Zusatz.
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120Sey indessen nicht traurig. In Gott und des Menschen Gemüthe Gott bedeutet hier nur so viel als Engel, wie in verschiedenen an- dern Stellen dieses Gedichts. N.)
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Kann das Böse kommen, und wieder weichen; wofern es
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So gemißbilligt wird, und läßt deshalb in der Seele
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Weder Flecken, noch Tadel. Dies heißt mich hoffen, du werdest
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Nimmer wachend das thun, was du zu träumen verabscheut.
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125Sey denn nicht niedergeschlagen; umwölke nicht diese Blicke,
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Die gewohnt sind, freudger zu seyn, und heitrer zu stralen,
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Als wenn über die Erde der schöne Morgen uns lächelt.
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Laß uns im Lustwald uns itzt zur frischen Arbeit erheben,
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Oder am Quell, und unter den Blumen, die itzo den Busem
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130Voll von den besten Gerüchen eröffnen, worinn sie die Nacht durch
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Sie verschlossen gehalten, und bloß für dich sie versparet.

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Adam tröstete so die schöne betrübte Vermählte,
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Und sie ward getröstet
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Eine holdseelige Thräne fallen; mit ihren Haaren
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135Trocknet sie traurig sie ab; zwey andere kostbare Tropfen
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Standen in jeder krystallnen Schleuse bereit schon, zu fließen;
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Aber er küßte sie auf, eh sie fielen, als werthe Zeichen
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Eines zärtlichen Kummers, und einer frommen Besorgniß,
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Unrecht gethan zu haben. Aufs neu war alles erheitert,
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140Und sie eilten aufs Feld. Indem sie unter dem Dache
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Hoher Lauben hervorgehn, zur weiten offenen Aussicht
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Des anbrechenden Tags, und der eben aufgehenden Sonne,
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(welche, mit ihren Rädern noch über dem Ocean hangend,
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Gleich mit der thauigten Erde die Stralen herabschoß,) und vor sich
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145Ganz den Osten des Paradieses in weiter Landschaft
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Mit den hellen glücklichen Ebnen von
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Beugten sie tief sich zur Erden, und beteten an, und erhuben
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Jhre Seufzer, die jedweden Morgen sie pflichtmäßig thaten
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In verändertem Ausdruck; denn weder veränderter Ausdruck,
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150Noch auch fromme Begeistrung, war ihnen versagt, mit Gesängen
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Jhren Schöpfer geschickt zu preisen; sie sprachen und sangen,
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(solche fertige Wohlredenheit entströmte den Lippen,)
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Ohne darauf zu sinnen, in Pros’ und harmonischen Versen,
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Musikalscher, als daß sie der Laute noch Harfe bedurften
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155Sie noch angenehmer zu machen. Drauf huben sie so an:

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Dieses sind deine herrlichen Werke, du Vater des Guten,
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Großer Allmächtiger; Dein ist dieser gesammte Weltbau,
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Den du so wunderbar schön geschaffen; wie wunderbar mußt du
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Selbst denn nicht seyn, du Unaussprechlicher, der du erhaben,
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160Ueber diese Himmel erhaben, unsichtbar für uns bist,
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Oder nur dunkel gesehn wirst, in deinen niedrigsten Werken.

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Aber auch diese verkündigen weit über alle Gedanken
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Deine Güt’ und göttliche Kraft. Jhr Söhne des Lichtes,
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Die ihr am besten zu sprechen vermögt, sprecht ihr, o ihr Engel,
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165Denn ihr seht ihn. Jm Tag ohne Nacht umringet ihr jauchzend
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Seinen Thron mit lauten Gesängen und schallenden Chören.

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Jhr, im Himmel! Auf Erden verbindet euch, ihn zu erheben,
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All’ ihr Geschöpfe, und preist ihn zuerst, und zuletzt, in der Mitten,
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Und ohn’ Ende

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170Und du, o schönster der Sterne So nennt ihn Homer II. XXII. 318. Und Ovid drückt sich auf eben die Art aus: Met. II. 114. — diffugiunt stellae, quarum agmina cogit Lucifer, et cœli statione nouissimus exit. Es entfliehen die Sterne, indem die glänzenden Schaaren Lucifer forttreibt; und aus dem Him- mel der letzte verschwindet. Addison., der du am Himmel der letzte
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Vom Gefolge der Nacht bist, wofern du zur ersten Dämmrung
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Nicht mit größerem Rechte gehörst; du sicherstes Zeichen
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Vom anbrechenden Tage, der du mit der stralenden Krone
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Den sanftlächelnden Morgen bekrönest; in deiner Sphäre
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175Preis ihn, beym kommenden Tag, in der süßen Stunde der Frühe.

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Du auch, das Auge, die Seele, von diesem vollkommenen Weltbau,
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Sonne! für deinen größern erkenn ihn! So wohl wenn du steigest
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Und den hohen Mittag erreicht hast, als wenn du ins Meer sinkst,
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Laß auf deinem ewigen Laufe sein Loblied erschallen!

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180Und du, o Mond, der du itzo der Sonne des Morgens begegnest,
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Bald mit den Fixsternen läusst, die in den bestimmten Kreisen
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Fliehn; und ihr andern fünf wandelnden Feuer, die mystisch in Tänzen
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Sich, nicht ohne Gesang, herum bewegen, verkündigt
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Dessen Lob, der das Licht aus der Finsterniß Schooße hervorrief.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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