Das Verlohrne Paradies. Vierter Gesang

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John Milton: Das Verlohrne Paradies. Vierter Gesang (1760)

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O! wo ist itzt die warnende Stimme, die laut durch die Himmel
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Jener rufen gehört, dem
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Damals, als auf der zweyten Flucht, der grimmige Drache
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Wüthend vom Himmel herabkam, sich an den Menschen zu rächen.
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5wehe! der Erde Bewohnern Nach Offenbar. Joh. XII. 12. Wehe denen, die auf Erden woh- nen, und auf dem Meer, denn der Teufel kömmt zu euch hinab, und hat einen großen Zorn. N.! daß itzo, indem es noch Zeit war,
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Unsre Stammeltern vor ihm gewarnt, und von dem Herannahn
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Jhres geheimen grimmigen Feindes benachrichtigt, also
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Jhm entgangen wären, vielleicht dem tödtlichen Netze
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Also entgangen wären! Denn itzt kam
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10Von der heftigsten Wuth entflammt. Jtzo der Versucher,
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Dann der Verkläger des Menschengeschlechts
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Auf die Erde herab, sein erstes verlohrnes Treffen,
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Und die schimpfliche Flucht nach der Höll’, am unschuldigen Menschen,
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Am gebrechlichen Menschen, zu rächen. Doch freut er sich wenig
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15Wegen der kühnen eiligen Reise, so unerschrocken
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Er in der Ferne gewesen; er hat auch zu pralen nicht Ursach,
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Da er das grausame Werk itzt beginnt. Der Ausführung nahe,
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Wallt es in seiner aufrührischen Brust, und schlägt auf ihn selber,
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Als ein teuflisches Werkzeug, zurück. Die verwirrten Gedanken
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20Werden von Grausen und Zweifel zerrissen, die in ihm die Hölle
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Von Grund auf entzünden; Denn er bringt mit sich die Hölle,
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In sich, und rund um sich her; und durch die Verändrung des Ortes
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Kann er der Hölle so wenig, als wie von sich selber entfliehen.
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Das Gewissen weckt itzt die Verzweiflung, die in ihm geschlummert;
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25Weckt in ihm die bittre Erinnrung des vorigen Zustands,
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Was er war, was er ist, und was ihm noch schlimmers bevorsteht,
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Denn auf schlimmere Thaten erfolgen noch schlimmere Strafen.
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Manchmal lenkt er voll Gram die traurigen Blicke gen
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Das itzt in lachender Anmuth ihn im Gesicht lag; und manchmal
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30Nach dem Himmel hinauf, und nach der hellglänzenden Sonne,
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Die erhaben itzt saß in ihrem mittäglichen Thurme
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Voll von tausend Gedanken, beginnt er drauf also mit Seufzen:

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Du, mit ausnehmendem Glanze
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Von dem hohen monarchschen Gebiet, als wenn du der Gott wärst
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35Dieser neuerschaffenen Welt; vor welcher die Sterne
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Jhre dunkelern Häupter, so bald du hervorgehst, verhüllen;
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An dich wend’ ich die Stimme, doch nicht die Stimme des Freundes,
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Und ich nenne mit Namen, dich Sonne; damit ich dir sage,
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Wie mir deine Stralen verhaßt sind, die in das Gedächtniß
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40Meinen vorigen Zustand mir bringen, von dem ich gefallen!
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O wie glorreich war er! wie war er ehmals erhaben
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Ueber deiner Sphäre, bis daß der verderbliche Hochmuth,
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Und noch schlimmere Herrschsucht, mich so zu Boden gestürzet,
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Da ich verwegen im Himmel den König des Himmels bekriegte,
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45Dem kein anderer gleicht. Und ach! warum? Er verdiente
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Keine solche Vergeltung von mir, da Er mich geschaffen,
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Was ich war, so glänzend, so hoch erhaben, und niemals
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Seine Güte mir vorwarf! Auch wars nicht schwer ihm zu dienen!
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Was war leichter, als ihn mit Lob und Dank zu bezahlen.
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50Eine so leichte Vergeltung! Wie billig war sie! Und dennoch
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Ward in mir alle sein Gutes zu lauter Bösem, und brachte
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Lauter Verderbniß hervor. So hoch erhaben, verdroß mich
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Unterwerfung. Noch höher, nur Eine Stufe noch höher,
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Dacht’ ich der Allerhöchste zu werden, und dachte sogleich auch
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55Von der endlosen Dankbarkeit unermeßlichen Schulden
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Mich zu befreyn; so schwer, auch wenn sie bezahlt worden, doch noch
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Jmmer schuldig zu bleiben, vergaß ich was ich beständig
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Von ihm empfieng, und sah es nicht ein, daß ein dankbar Gemüthe,
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Wenn es die Schuld erkennt, nichts schuldig ist, immer bezahlet;
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60Zwar in Schulden fällt, doch auch zugleich die Schulden entrichtet Nach dem Cicero, Gratiam autem et qui retulerit, habere, et qui habeat, retulisse. Bentley..
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Welche Last denn? O hätte mich doch sein mächtiges Schicksal
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Zum geringern Engel gemacht, so stünd ich vielleicht noch
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Glücklich; und täuschende Hoffnung, die keine Schranken mehr kennet,
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Hätte nicht meinen Ehrgeiz erregt. Doch warum nicht? Wer weis es,
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65Ob nicht ein andrer Geist, so mächtig, wie ich, sich empöret,
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Und alsdenn mich geringern auf seine Seite gezogen?
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Aber andre Mächte, mir gleich an Glanz und an Größe,
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Sind nicht gefalln, und stehn unerschüttert; von innen und außen
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Wider alle Versuchung gestählt. Hattst du denn denselben
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70Freyen Willen, dieselbe Macht, zu stehn? Ja du hattst sie!
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Wen oder was denn kannst du verklagen, was sonst, als des Himmels
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Freye Liebe, die allen gleich mitgetheilt wird. — So sey denn
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Seine Liebe verflucht, da Haß und Liebe mir gleich ist,
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Und zu ewger Pein mich verdammt, — doch nein, sey du selber,
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75Sey du selber verflucht, da du freywillig erwählet,
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Wider seinen Willen erwählt hast, worüber du itzo
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Dich mit so viel Rechte beklagst. Wie soll ich, Elender,
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Seinem unendlichen Zorn entfliehn — der Verzweiflung entfliehen,
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Die mich beständig verfolgt! Wohin ich flieh, ist die Hölle;
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80Ich bin selbst mir die Hölle! und in der tiefesten Tiefe
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Find ich noch eine tiefere Tiefe, die, mich zu verschlingen,
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Jhren drohenden Schlund mir immer eröffnet. Die Hölle
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Die ich leide, scheint gegen sie Himmel! Ergieb dich denn endlich!
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Ist kein Platz für die Reu, ist keiner für die Vergebung
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85Uebrig gelassen? Nein keiner, als durch Unterwerfung. Mein Hochmuth
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Untersagt mir dies Wort; die Furcht vor der Schande verbeut mirs
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Bey den Geistern dort unten; Ich habe mit andern Versprechen
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Sie verführt, mit anderm Prahlen, als Unterwerfung,
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Da ich mich, den Allmächtgen zu überwinden, gerühmet.
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90O ich Armer! Sie wissen es wenig, wie viel mich dies stolze,
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Dieses vergebliche Prahlen kostet, und wie ich inwendig
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Unter den tiefsten Quaalen erliege, wenn sie mich mit Ehrfurcht
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Auf dem Throne der Höllen anbeten. So hoch mich mein Zepter,
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Und dies Diadem, vor andern erhebt, so viel tiefer
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95Fall ich herab; der Oberste zwar, jedoch nur im Elend.
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Solche Freude findet der Ehrgeiz. Doch wenn ich zur Reue
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Mich entschließen könnte, wenn ich durch Gnad und Vergebung
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Meinen vorigen Zustand erlangte; wie würde die Höh bald
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Wieder hohe Gedanken erwecken; und bald wiederrufen.
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100Was Unterwerfung verstellt geschworen! wie würd ich im Glücke
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Meine Gelübde für leer, und für erzwungen, erklären,
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Die ich im Unglück gethan! (Wahrhafte Versöhnung kann nimmer
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In dem Herzen wachsen, von Wunden des tödtlichsten Hasses
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So durchdrungen) zu schlimmerm Zurückfall, zu schwererm Hinabsturz,
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105Würde mich dieses nur leiten. So würd ich mit doppelten Schmerzen
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Theuer den kurzen Stillstand erkaufen. Dies weis mein Bestrafer,
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Und ist deshalb so wenig geneigt mir Frieden zu geben,
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Als ich geneigt bin, von ihm ihn zu betteln. So ist denn die Hoffnung,
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Alle Hoffnung gänzlich verlohren! Und siehe! statt unser,
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110Die wir verstoßen, ins Elend gejagt sind, sein neues Vergnügen,
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Dieses geschaffne Geschlecht der Menschen; und für dies Geschlechte
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Diese herrliche Welt. — So fahre denn wohl, o Hoffnung,
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Fahre, wohl, o Furcht, und du, o Reue! Für mich ist
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Alles Gute verlohren; sey du mein Gutes, o Uebel!
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115Wenigstens werd ich durch dich das Reich mit dem König des Himmels,
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Theilen; vielleicht auch durch dich noch mehr als die Hälfte regieren,
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Wie in kurzem der Mensch und diese Welt soll erfahren!

118
Als er so sprach, ward sein Antlitz von jedem Affekte verdunkelt,
119
Und erblaßte dreymal vor Zorn, und Neid, und Verzweiflung
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120Sein geborgtes Gesicht ward entstellt, und hätte verrathen,
121
Daß es nachgemacht sey, wenn irgend ein Aug’ ihn gesehen.
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(denn von solchen häßlichen Trieben sind himmlische Seelen
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Allezeit heiter.) Er nimmt sich deshalb in Acht, und besänftigt
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Jeden Sturm des Gemüths in tiefer Stille von aussen
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125Des Betrugs Erfinder, er war der erste, der Falschheit
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Unter heiligem Scheine verübt; die tiefeste Bosheit,
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Schwanger von Rachgier, zu verbergen. Doch hatt’ er genug nicht
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Sie verübt, den einmal gewarnten Wächter der Sonne,
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Uriel, zu betriegen. Er war mit forschenden Blicken
130
130Seinen Weg ihm herunter gefolgt, und sah ihn entstellet
131
Auf dem
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Jemals es werden können. Er sah die wilden Geberden,
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Und sein tobend Betragen, indem er allein, unbemerket,
134
Ungesehen, zu seyn sich schmeichelt. So eilet er weiter,
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135Und kömmt an die Gränzen von Eden, wo itzo voll Anmuth
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Näher das Paradies mit einer grünen Umfassung
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Einer Landwehr gleich, das Haupt einer felsichten Wildniß
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Krönte, deren haarichte Seiten mit dicken Gesträuchen
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Ueberwachsen, grotesk, und verwildert, den Zugang versagten.
140
140Hohe dunkele Schatten, von unübersteiglicher Höhe,
141
Ragten über dem Haupt hervor; die Ceder, die Tanne,
142
Und die Ficht’, und die Palme mit weitverbreiteten Zweigen,
143
Eine waldichte Scene; und so wie Schatten auf Schatten
144
Stufenweis aufsteigen, standen sie da, ein Waldtheater,
145
145Von dem prächtigsten Anblick. Weit über die schattichten Gipfel
146
Ragte der grünende Wall des Paradieses herüber.
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Unser Stammvater schaute von da mit offener Aussicht
148
In sein niederes Reich, das nachbarlich rund um ihn herlag.
149
Höher noch, als der Wall, stand eine zirkelnde Reihe
150
150Mit den schönsten Früchten beladner herrlichen Bäume.
151
Frucht und Blüthe sah man zugleich, von güldenem Glanze,
152
Mit dem bunten Schmelze der muntersten Farben vermischet.
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Auf sie drückte weit freudger die Sonne die lachenden Stralen,
154
Als bey ihrem Abschied in schönen Abendgewölken;
155
155Oder im feuchten Bogen, wenn Gott die Erde getränkt hat.
156
So voll Anmuth erschien hier die Landschaft. Aus reinen Lüften
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Kam er in reinre. Sein Herz empfand ein solches Vergnügen,
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Solche Frühlingslust, die fähig war, alle Betrübniß
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Zu vertreiben, nur nicht die Verzweiflung. Nun schüttelten sanfte
160
160Lispelnde Lüfte die Schwingen, mit süßen Gerüchen beladen,
161
Und verstreuten gewachsenes Rauchwerk; und flisterten säuselnd,
162
Wo sie die Balsambeute geraubt. Wie Seefahrer fühlen,
163
Wenn sie das
164
Und nun
165
165Weht der Nordostwind sie itzt vom spezereyvollen Ufer
166
Des
167
Sind sie doch mit dem Verzug wohl zufrieden. Der
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Manche Meile lang fort, am holden Geruch sich ergötzend.
169
So ergötzte sich
170
170Welcher sie zu vergiften itzt kam, obgleich sie ihm besser
171
Als dem
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Sohn und seiner Verlobten ihn trieb, als, ihn zu bestrafen,
173
Er nach Aegypten gesandt ward, mit festen Ketten gebunden.

174
Satan hatte nunmehr in tiefen Gedanken, und langsam,
175
175Sich dem Aufgang des steilen verwilderten Hügels genahet,
176
Aber fand keinen weitern Weg; so dick in einander
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Waren die zackigten Sträucher, und dichten Gebüsche verwachsen,
178
Einer fortlaufenden Hecke gleich; daß Menschen, und Thiere,
179
Die hier giengen, nicht durchbrechen konnten. Nur eine Pforte
180
180War hier, die auf der andern Seite nach Osten zu schaute.
181
Als der Erzverräther sie sah, verschmäht er verächtlich
182
Den gehörigen Eingang, und sprang mit fliegendem Sprunge
183
Ueber alle Hügel, und über die höhesten Wälle,
184
Und ließ innerhalb sich auf seine Füsse hernieder.
185
185Wie ein räubrischer Wolf, den nagender Hunger nach Beute
186
Forttreibt in fremde Bezirke, wo wachsam die Schäfer am Abend
187
Jhre Heerden auf sichern Gesilden, in feste Schranken
188
Eingesperrt halten, mit leichtem Sprung über niedrige Hürden
189
In die Heerde hinabspringt; und wie ein Dieb, der die Kisten
190
190Eines wohlhabenden Manns zu plündern gedenket; die Thüren
191
Stark, und massiv, sind wohl verwahrt mit eisernen Stangen;
192
Keinen Anfall fürchtend; er aber steiget zum Fenster,
193
Oder zum Dach herein. So stieg er, der Erste, große
194
Räuber in Gottes Schaafstall, so steigen die Miethlinge nachher
195
195In die Kirche des Höchsten. Jtzt flog zum Baume des Lebens
196
Satan aus; (er stand in der Mitte der höchste der Bäume)
197
Und saß auf demselben gleich einem Meerraben
198
Aber erlangte dadurch nicht wahres Leben
199
Weissagend allen, die lebten; auch dacht er nicht an die Tugend
200
200Dieser lebengebenden Pflanze; zur Aussicht allein nur
201
Braucht er, was besser genutzt, ein Pfand der Unsterblichkeit für ihn
202
Wäre geworden. (So wenig weis jemand, als Gott nur, den Werth oft
203
Eines Gutes, das vor ihm liegt; die nützlichsten Dinge
204
Werden, wo nicht zum schlimmsten, zum kleinsten Gebrauch oft verkehret:)
205
205Unter sich sah er nunmehr mit neuem Wunder den Reichthum
206
Und die Schätze der ganzen Natur; im engen Bezirke
207
Lagen sie offen vor jedem Vergnügen der menschlichen Sinnen,
208
Und es schien hier ein Himmel auf Erden. Denn Gottes Garten
209
War das glückliche Paradies, von ihm in dem Osten
210
210Edens gepflanzt 1 B. Mos. II. 8. Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen den Morgen. Auran Haran, Charran, oder Charrä eine Stadt in Mesopotamien, am Euphrat. Seleucia, eine Stadt vom Seleucus, einem Nachfolger Alexanders des Gros- sen an dem Tigris erbaut. N.. Und Eden versteckte sich ostwerts von Auran
211
Bis zu den Königsthürmen der großen
212
Von den
213
Lange zuvor in
214
Seinen noch schönern Garten im schönsten Boden gepflanzet.
215
215Alle Bäume der edelsten Art, sowohl für die Augen,
216
Als den Geruch, und Geschmack, entsproßten dem fruchtbaren Erdreich
217
Auf sein Wort; — und in der Mitte stand unter denselben,
218
Hoch erhaben, der Baum des Lebens; Ambrosische Früchte
219
Reifenden Goldes blühten auf ihm; es wuchs nächst am Leben
220
220Unser Tod, der Baum der Erkenntniß; des Guten Erkenntniß
221
Durch die Erkenntniß des Uebels nur allzutheuer erkaufet.
222
Südwerts rauschte durch
223
Hielt er den Lauf, und floß, vom dürren Sande verschlungen,
224
Unter den waldichten Hügel hindurch; denn dieses Gebirge
225
225Hatte Gott über dem reißenden Strom, dem Garten zum Grunde
226
Hoch erhaben; der Fluß quoll durch die Adern der Erde,
227
Aufgezogen mit lieblichem Dufte, hervor, als ein Springbrunn,
228
Welcher mit manchen rieselnden Bach den fruchtbaren Garten
229
Wässerte, bis er vereint den steilen Hügel hinabschoß,
230
230Und sich unten zum Strome mischte, der itzo von neuem
231
Aus den finsteren Grotten, die er durchflossen, hervorkam.
232
In vier Hauptflüssen
233
Durch so manches berühmte Reich, wovon zu erzehlen
234
Hier nicht nöthig ist, nöthiger wär es, wofern es die Kunst nur
235
235Abzuschildern vermöchte, wie aus dem saphirnen Brunnen
236
Die sich kräuselnden Bäch’, in labyrinthischen Krümmen,
237
Unter hangenden Schatten, sich über Perlen und Goldsand
238
Rollten, und Nektar rannen; der jede Pflanze besuchte,
239
Jede Blume nährte, des Paradieses so würdig;
240
240Welche die feinste Kunst nicht auf Beeten, und zierlichen Feldern,
241
Sondern allein die gütge Natur verschwendrisch hervorbringt
242
Auf den Ebnen, im Thal, und auf dem fruchtbaren Hügel,
243
Da wo die Morgensonne zuerst die offenen Felder
244
Sanft erwärmt, oder da, wo undurchdringliche Schatten
245
245Kühle mittägliche Lauben schwärzen. Der Ort war also
246
Ein anmuthiger Landsitz von mancher lachenden Aussicht.
247
Lustwälder, wo die köstlichen Bäume wohlriechendes Gummi,
248
Oder Balsam weinten; von andern hiengen die Früchte
249
Glänzend mit güldenen Schaalen voll Anmuth herunter; hier wurden
250
250Die Hesperischen Fabeln wahr, hier allein, oder nirgend.
251
Früchte vom schönsten Geschmack. Es lagen blumichte Wiesen,
252
Lachende Auen, zwischen den Wäldern, mit grasenden Heerden.
253
Oder Palmenhügel, und manche gewässerte Thäler,
254
Schlossen den Blumenschooß auf, und zeigten die duftenden Schätze,
255
255Blumen von allen Farben, und ohne Dornen die Rose.
256
An der andern Seit’ erblickte man schattichte Höhlen;
257
Grotten mit kühlen Gemächern, worüber der fruchtbare Weinstock
258
Seine purpurnen Trauben verspreitet, und anmuthsvoll fortkriecht,
259
Murmelnde Wasser fallen indeß die Klippen herunter,
260
260Welche sich theilen, oder im See die Fluthen versammeln,
261
Der dem Ufer, mit Myrthen gekrönt, den krystallenen Spiegel
262
Vorhält; die Vögel erheben dazu die melodischen Chöre;
263
Und die süßesten Lüfte, holdseelige Frühlingslüfte,
264
Welche die holden Gerüche der Fluren und Wälder aushauchen,
265
265Stimmen dazu mit sanftem Geräusche die zitternden Blätter.
266
Mit den Gratien, und mit den Stunden, in Tänze geschlossen,
267
Leitet der allgemeine
268
Ueber die Fluren einher. Die schönen Gefilde von
269
Wo Proserpina Blumen gepflückt, und selbst als die schönste
270
270Blume vom dunklen Dis gepflückt ward, welches der Ceres
271
Durch die Welt sie zu suchen so vielen Kummer gekostet,
272
Noch der liebliche Hayn vom
273
Noch auch jene begeisternde Quelle
274
Mit dem Paradiese von Eden streiten; so wenig
275
275Als die Nyseische Insel vom Flusse Triton umgürtet,
276
Wo der alte
277
Oder den
278
Mit ihr, ihren blühenden Sohn, den jungen
279
Seiner Stiefmutter
280
280Abyssiniens Söhne verborgen die Jugend durchleben,
281
Amara, das Gebirge, von vielen für das wahrhafte
282
Paradies gehalten, nah an der Quelle des
283
Unter der
284
Von helleuchtenden Klippen von Bergkrystall, eine ganze
285
285Lange Tagreise Joch; von diesem Assyrischen Garten
286
Noch viel Meilen entlegen — der Feind sah alles Vergnügen
287
Hier mit Mißvergnügen; und aller Geschöpfe Geschlechter,
288
Die dem neugierigen Blick noch so neu und ungewohnt waren.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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