Sankt Agnes Abend – oh, wie fror die Welt!

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John Keats: Sankt Agnes Abend – oh, wie fror die Welt! Titel entspricht 1. Vers(1819)

1
Sankt Agnes Abend – oh, wie fror die Welt!
2
Kalt saß der Kauz trotz dickem Federkleide,
3
Der Hase hinkte matt durchs eisige Feld,
4
Wollpelzige Schafe bebten in der Heide.
5
In starren Fingern hing der Rosenkranz
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Des Beters, dessen Atem dampfend jagte
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Wie gottgefälligen Weihrauchs frommer Tanz
8
Und um der Jungfrau Bild, das strahlend ragte,
9
Wie Wolke wehte, während er Gebete sagte.

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Demütig betet er, der heilige Mann,
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Bis er sein Licht ergreift, um aufzustehen
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Und bleich und barfuß sachten Schrittes dann
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Durch der Kapelle Chorgang fortzugehen.
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Die Totenstatuen geben ihm Geleit,
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Die hinter schwarzen Fegefeuergittern
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Gefangen beten voll Beredsamkeit:
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Er geht vorbei an Damen und an Rittern
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Und denkt der Qual, in der wohl deren Seelen zittern.

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Er wendet nordwärts sich durch enges Tor,
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Da plötzlich singt Musik mit goldnen Zungen –
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In Tränen lauscht der arme Greis empor,
22
Doch nein – ihm hat sein Glöckchen schon geklungen:
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All seines Lebens Freuden sind verhallt,
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Ihn will Sankt Agnes Abend büßend sehen!
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Fort eilt er, sitzt in rauher Asche bald,
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Um nachtdurchwachend Gnade zu erflehen,
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Um Sünders Lohn durch Leid und Reue zu entgehen.

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Ein sanft Präludium hatte er erlauscht;
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Und das kam so: auf standen Tür und Schranken
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Für eiligen Dienst. Bald kam herabgerauscht
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Der silbernen Trompeten helles Zanken.
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Die ebnen Hallen harrten voller Stolz
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Und glühten, tausend Gäste zu empfangen;
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Geschnitzte Engel spähten starr vom Holz,
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Das rückgewehte Haar umfaßt von Spangen,
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Die Flügel kreuzweis unter kindlich runden Wangen.

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Dann brach herein die laute Lustbarkeit
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Mit Feder, Tiara und mit buntem Glanze,
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Zahlreich, wie Schatten zahlreich sind im Leid,
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Und so voll Prunk wie höfische Romanze –
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Die alle denkt euch fort, und wollt euch still
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Und andachtsvoll zu einem Fräulein kehren,
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Die heut Sankt Agnes' Huld erflehen will,
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Um tiefen süßen Liebestraum zu mehren,
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Gut eingedenk der alten Frauen weisen Lehren.

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Sie sagten, daß den Jungfraun Agnes' Nacht
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Entzückende Visionen oft bereite,
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Daß in der honiglichen Mitternacht
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Der Liebste huldigend ans Lager gleite,
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Falls sie nur recht erfüllten das Geheiß:
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Sie müßten ohne Nachtmahl schlafen gehen,
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Sich rücklings betten und um keinen Preis
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Zur Rechten oder Linken um sich sehen,
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Nur mit erhobnem Blick um Wunschgewährung flehen.

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Und Magdalen sann diesem Märchen nach,
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Empfand nicht der Musik verzücktes Tönen,
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Die wie mit Göttermund in Seufzern sprach;
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Ihr Mädchenblick; gesenkt, sah mancher Schönen
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Prunkschleppe gleiten – doch sie achtet's nicht.
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Manch Kavalier, der zarten Gruß ihr sagte,
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Trat still zurück – sie aber blickte nicht,
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Da ihre Seele nach ganz andrem fragte,
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Um Agnes' Traum, den süßesten des Jahres, zagte.

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Mit fernverlornem Blick schritt sie daher,
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Ihr Atem flog, die Lippen bebten trunken,
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Die heilige Frist war nah. Sie seufzte schwer,
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Inmitten all des Lärmens traumversunken.
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Und Flüstern, Lachen, Spott und Liebesschwur
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Und Trommelbraus und Blick voll Dank und Strafe
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Schien Traum zu sein: sie dachte wachend nur
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An Agnes, ihre ungeschornen Schafe
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Und was an Seligkeit sie finden sollt im Schlafe.

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Sie sehnte sich, nun bald allein zu sein –
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Und blieb doch noch. Indes war über Moore
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Jung Porphyro, gequält von Liebespein
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Um Magdalen herbeigeeilt. Am Tore,
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Im Pfeilerschatten harrt er und beschwört
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Die Heiligen, sein Warten zu entgelten
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Mit günstigem Augenblick, der ihm gehört:
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Nur schaun, nur knien vor ihren seligen Welten!
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Und sprechen – fühlen – küssen! – Tat man dies so selten?

82
Er schleicht hinein. O schlummre nun, Verrat,
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Kein Auge spähe! Sonst, sein Herz zu morden,
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Sein liebefiebernd Herz, wär wild genaht
85
Ein Heer von Schwertern, denn barbarische Horden,
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Zornheiße Feindesbrut enthielt dies Schloß;
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Die Hunde würden selbst mit rauher Kehle
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Ihm Flüche heulen, ihm und seinem Troß.
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Ein Weib nur trotzte diesem Haßbefehle,
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Ein altes Mütterchen, das siech an Leib und Seele.

91
Ah, Zufallsglück! Das alte Weibchen kam
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Am Krückstock hinkend langsam hergeschlichen,
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Und da sie ihre Schritte dorthin nahm,
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Wo er, der Fackel und den feierlichen
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Gesängen fern, im Säulenschatten stand,
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Schrak sie zurück mit angstverwirrtem Lallen.
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Doch sie erkannte ihn, nahm seine Hand:
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»oh Porphyro! Hinweg aus diesen Hallen,
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Die ganze Sippe wird dich wütend überfallen!

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Hinweg! Hinweg! Hier ist dir alles feind!
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Zwerg Hildebrand verfluchte dich im Fieber,
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Und selten war ein Fluch so ernst gemeint.
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Und auch Held Moritz säh dich wahrlich lieber
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Tot als lebendig! – Weh, oh weh mir! Flieh!«
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»ach, Freundin! Niemand wird uns hier entdecken,
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Nimm Platz auf dieser Bank und sag mir, wie –«
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»ihr Heiligen! Man wird dich niederstrecken!
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Komm, folge mir! Sonst wird dein Blut den Boden flecken.«

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Durch niedre Bogengänge folgte er,
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Die hohe Feder grau von Spinngeweben.
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Mit Weh und Seufzen schlich die Alte her –
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Dann sah er sich von kleinem Raum umgeben,
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Der kühl und schweigend voller Mondschein schwamm.
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»sag, wo ist Magdalen?« sprach er; »ich flehe
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Bei Agnes' Webstuhl, der so wundersam
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Nur heiliger Schar erlaubt, daß sie ihn sehe,
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Nur heiliger Schwesternschar, daß sie den Faden drehe.«

118
»sankt Agnes! Ah, es ist Sankt Agnes Nacht!
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Doch Menschen morden auch an heiligen Tagen.
120
Du hast wohl über Feen und Elfen Macht
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Und kannst in Hexensieben Wasser tragen,
122
Daß du so kühn bist? Wahrlich, Porphyro,
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Du wunderst mich! – Sankt Agnes Abend heute!
124
Die junge Herrin wartet glaubensfroh,
125
Daß Agnes ihr zukünftige Freuden deute.
126
Ach, lachen muß ich über solche jungen Leute!«

127
Sie kicherte im matten Mondenschein,
128
Und Porphyro betrachtet sie mit Staunen,
129
Wie wohl ein Kind ein altes Mütterlein,
130
Das ihm von Wichteln spricht und von Alraunen.
131
Bald aber leuchtete sein Auge auf,
132
Als seiner Dame Absicht sie berichtet,
133
Sehnsüchtige Tränen stiegen in ihm auf:
134
O junge Seele, die sich gläubig richtet
135
Nach all dem Spuk, den kaltes Alter ihr erdichtet!

136
Da kam ihm ein Gedanke, der wie Blühn
137
Von roter Rose ihm die Stirn betaute
138
Und Aufruhr warf ins Herz; der Plan war kühn,
139
Den er dem armen Weiblein nun vertraute.
140
»oh!« rief sie, »wie du schlecht und gottlos bist!
141
Willst du der Herrin kindlich frommes Walten,
142
Gebet und Traum mit unverschämter List
143
Und frevlerischem Tun zum Narren halten?
144
Geh, geh! Du bist nicht der, für den ich dich gehalten!«

145
»bei Gott! Ich schwör's, ihr soll kein Leid geschehn!«
146
Sprach Porphyro. »O mögen keine Gnaden
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Dereinst an meinem Sterbebette stehn,
148
Käm nur ein Haar auf ihrem Haupt zu Schaden
149
Und säh ich roh in Leidenschaft sie an.
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Sieh, diese Tränen sind ein Wahrheitszeichen!
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Doch willst du, Treuste, mir nicht glauben, dann
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Ruf ich jetzt selbst dem Feind und seinen Streichen,
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Mag diese Meute auch den wilden Wölfen gleichen.«

154
»ach! Was erschreckst du eine Seele so,
155
Die schwach, gelähmt, dem Grabe schon verfallen,
156
Die nur noch eines kann, mein Porphyro:
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Von früh bis spät für dich Gebete lallen.« –
158
Ihr Klagen rührte ihn, und er begann
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Sein stürmend Herz in sanftres Wort zu zwingen,
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Sodaß sein Leid ihr Mitgefühl gewann
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Und sie versprach, in diesen Liebesdingen
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Ihm beizustehen – sollt es ihr auch Unheil bringen.

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Sein Wunsch war der: in aller Heimlichkeit
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Soll sie in Magdalens Gemach ihn führen,
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Versteckt dort will er die geliebte Maid
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Nur sehn, nur seiner Dame Nähe spüren,
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Nur lauschen, was den Feen sie vertraut,
168
Die bleicher Zauber ihr ums Lager malte –
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Vielleicht, vielleicht gewinnen eine Braut! –
170
Niemals. Verliebten solche Nacht erstrahlte,
171
Seit Merlin seinem Dämon höchste Schuld bezahlte.

172
»so sei es, wie du wünschst,« sprach Angela,
173
»ich will dorthin die Festgeschenke bringen,
174
Wie's alter Brauch; das Lautenspiel lehnt nah
175
Bei ihrem Nähplatz. Soll der Plan gelingen,
176
So muß ich eilen – ach, die Zeit vergeht,
177
Mein alter Kopf ist schwach und angstbeklommen!
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Nun warte, Sohn, und kniee im Gebet –
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Wohl, wohl – du sollst zur Ehe sie bekommen,
180
Ich helfe dir – und wär's auch nicht zu unserm Frommen.«

181
Und eilig, furchtsam humpelte sie fort.
182
Wie dehnten sich die sehnenden Minuten.
183
Sie kam zurück mit heisrem Flüsterwort:
184
»komm mit!« Ihr Blick schien Späher zu vermuten,
185
So ängstlich irrte er von Stein zu Stein.
186
Manch dunklen Gang muß Porphyro durchschreiten,
187
Dann sah er sich in keuschem Raum allein
188
Und barg sich gut in Schattendunkelheiten
189
Und fühlte dieses Zimmers reine Seligkeiten.

190
Die Alte ging und griff mit schwacher Hand
191
Im Dunkel nach der Treppenbalustrade,
192
Als plötzlich wie ein Engel vor ihr stand
193
Jung Magdalen, die heut in Agnes' Gnade.
194
Mit hellem Kerzenlicht und Sorgsamkeit
195
Half sie dem Mütterchen zur Halle nieder.
196
Nun Porphyro, nun halte dich bereit,
197
Blick hin zum Bett, schon kehrt die Taube wieder:
198
Wie ist ihr Blick so mild, so strahlend ihr Gefieder!

199
Das Licht erlosch, als sie ins Zimmer lief,
200
Im Mondschein glitt sein kleiner Rauch von dannen.
201
Sie schloß die Tür, sie atmete so tief,
202
Nun waren Geister nah und nicht zu bannen.
203
Kein Laut jetzt – Wehe wär sein Widerhall!
204
Doch hob ihr Herz die Brust in schweren Wellen,
205
Als würde zungenlose Nachtigall
206
Vergeblich ihren Hals zum Singen schwellen
207
Und herzerstickt hinsterben bei des Tales Quellen.

208
Dreibogiges Fenster war in diesem Raum,
209
Üppig umkränzt von Eichenschnitzereien
210
Mit Blüte, Blatt und Frucht vom Rosenbaum,
211
Und Scheiben leuchteten in farbigen Reihen
212
Wie Diamant und bunter Schmetterling.
213
Und zwischen Heiligen in seligem Sinnen
214
Und Waffenzier und Kriegstrophäen hing
215
An Dämmerwand ein Wappenschild darinnen,
216
Mit Blut befleckt von Königen und Königinnen.

217
Hier sah der volle Wintermond herein,
218
Der Magdalen mit rotem Glühen schmückte,
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Auf Brust und Hände fiel's wie Rosenschein,
220
Als sie nun knieend sich herniederbückte;
221
Ihr silbern Halskreuz war wie Amethyst,
222
Ihr Haar von mildem Heiligenschein umgeben:
223
Ein Engel, dem der Himmel offen ist!
224
So fühlte Porphyro in tiefem Beben.
225
Sie schien, in Unschuld betend, erdenfern zu schweben.

226
Wie tiefe Ohnmacht hielt es ihn in Bann,
227
Als sie vom Perlenkranz ihr Haar entblößte,
228
Den warmen Schmuck vom Halse nahm und dann
229
Des Kleides angeschmiegte Bänder löste.
230
Leis knisternd sinkt das Kleid. Ein wacher Traum
231
Läßt sie in ihrem Bett Sankt Agnes sehen,
232
Doch voll zurückzuschauen wagt sie kaum,
233
Sonst würde all das Zauberwerk vergehen
234
Und all ersehntes Träumen bliebe ungeschehen.

235
Bald bebte sie im weichen kühlen Nest
236
Und lag von wacher Ohnmacht ganz benommen,
237
Bis sie der mohnbekränzte Schlummer fest
238
– So Leib wie Seele – in den Arm genommen.
239
Weit floh die Seele nun ins Dunkel fort
240
Und ruhte fern von Schmerz und Lust, verschlossen,
241
So wie ein Meßbuch an unheiligem Ort,
242
Wie Rosenkelch, wenn Regenfluten gossen,
243
Wie keusche Knospen oder erste Frühlingssprossen.

244
Und Porphyro sah hin auf's leere Kleid
245
Und fühlte seiner Pulse wildes Rennen
246
Und stand und harrte voller Bangigkeit,
247
Des Schlummers ruhiges Atmen zu erkennen.
248
Dann kam er zage aus dem Winkel vor,
249
Geräuschlos wie wohl eines Mädchens Bangen,
250
Wenn es in dunkler Wildnis sich verlor;
251
Zum Lager trat er hin mit heißen Wangen
252
Und hob den Vorhang – o wie lag sie schlafumfangen!

253
Als sich der Mond verbarg und silberbleich
254
Ein Zwielicht spann, schob er an Bettes Seite
255
Leis einen Tisch, warf halb in Angst ein reich
256
Gewand darauf, drin Rot, Gold, Schwarz sich reihte.
257
O jetzt ein schläfernd Morpheus-Amulet,
258
Da plötzlich schrill die Festtrompeten werben,
259
Die Kesselpauke und die Klarinett!
260
Die Saaltür fällt zurück – ein jäh Ersterben,
261
So wie Krystall, das schrill zersprang, verstummt in Scherben.

262
Doch hielt azurlidriger Schlaf sie fest
263
In bleichen, duftigen Lavendelkissen;
264
Indessen er aus wohlverstecktem Nest
265
Kandirtes Obst und andre Leckerbissen,
266
Gelees, die linder sind als süßer Rahm,
267
Und seltne Frucht aus südlichen Geländen,
268
Die fern von Fez mit Handelsschiffen kam,
269
Und Spezerein von Syriens Felsenwänden
270
Geschwind zum Tische trug mit fieberheißen Händen.

271
Dies alles häufte er in goldne Pracht
272
Getriebner Schalen und auf Silberplatten,
273
Und alles duftete in kühle Nacht
274
Und gleißte seltsam hell aus tiefem Schatten. –
275
»und nun, mein Lieb, mein Engel du, wach auf!
276
Du bist wie über mir des Himmels Blauen,
277
Und ich, dein Beter, hoffe zu dir auf.
278
O laß mich deine blauen Augen schauen,
279
Sonst wird hier neben dir mein Schmerz in Tränen tauen.«

280
Und kraftlos sank ins Kissen auf ihr Haar
281
Sein warmer Arm. Umsonst sein leises Sprechen.
282
Des Traumes Bann, der Mittnachtzauber, war
283
Unmöglich wie vereister Strom zu brechen.
284
Der Teller Glanz erstrahlt im Mondenlicht,
285
Dem Schmuck und Fransen hundert Spiegel liehen,
286
Doch hinter dunklen Vorhang leuchtet's nicht,
287
Nichts kann die Herrin ihrem Traum entziehen,
288
Der Nacht so tief verstrickten Wunderphantasieen.

289
Er griff zur Laute. Zarte Melodie
290
Entlockte er in schmeichelnden Akkorden:
291
Provencer Lied »La belle dame sans mercy,«
292
Ein altes Lied, das längst schon stumm geworden.
293
Er schlug das Spiel in ihrer warmen Näh.
294
Sie stöhnte klagend, wie von Schmerz betroffen.
295
Er hörte auf – sie keuchte schnell – und jäh
296
Standen erschreckt die blauen Augen offen.
297
Er sank auf seine Kniee, bleich in Angst und Hoffen.

298
Sie blickte offen, und trotzdem sie wach,
299
Hat ihren Traum sie immer fortgesponnen.
300
Der aber war verändert, scheuchte, ach,
301
Des Schlaftraums tiefe und so reine Wonnen,
302
Was ihr die Tränen aus den Augen trieb
303
Und banges Weh aus liebendem Gemüte;
304
Auf ihn jedoch ihr Blick geheftet blieb,
305
Auf Porphyro, der betend vor ihr kniete,
306
Reglos und stumm, als sei sie eines Traumes Blüte.

307
»ach Porphyro!« sprach sie, »wie war doch nur
308
Süß zitternd eben noch in meinen Ohren
309
Dein lieber Klang, des Herzens süßer Schwur.
310
Und wie ist jetzt dein Blick so leidverloren,
311
Wie bist du anders: traurig, bleich und kalt!
312
Du sollst mir alle Wonnen wiedergeben,
313
Mit deiner Augen himmlischer Gewalt
314
Empor aus diesem Höllenweh mich heben.
315
Denn wenn du stirbst, mein Lieb, weiß ich nicht wo zu leben.«

316
In Liebe über Sterbliche erhöht
317
Durch solche Laute, hat er sich erhoben:
318
Ein herzbewegter Stern, der flimmernd steht
319
In lichter Ruh saphirner Himmel droben.
320
In ihren Traum schmolz er hinein, wie Duft
321
Der Rose sich mit Veilchenduft verbindet,
322
Süß aufgelöst. Es bläst die Winterluft
323
Der Liebe Ruf, die Fenster sind erblindet
324
Durch scharfen Hagelschlag; Sankt Agnes' Mond verschwindet.

325
's ist dunkel! Windgepeitschter Hagel schlägt.
326
»dies ist kein Traum, o Magdalen, du Meine!«
327
's ist dunkel; Sturmwind stößt und Hagel schlägt.
328
»kein Traum ach, ach! Und Weh ist all das Meine!
329
Porphyro läßt mich hier in Harm und Schmerz.
330
O welch ein Frevel, dich hierher zu bringen!
331
In deins verloren ist mein ganzes Herz.
332
Ich fluche nicht dem grausamen Gelingen:
333
Verlassne Taube ich mit kranken jungen Schwingen!«

334
»mein Magdalen? O Traum, o Himmelsbild!
335
Darf dein Vasall ich ewig sein – gesegnet?
336
Ich deiner Schönheit herzgeformter Schild?
337
Vor dir, Altar, ruht aus, wer dir begegnet!
338
Dem müden Pilger soll ein Wunder licht
339
Die krankzerquälte Seele nun erneuen.
340
Ich fand dein Nest, berauben will ich's nicht –
341
Nur um dein süßes Selbst, wenn ohn Bereuen
342
Schön Magdalen vertraun will – keinem Ungetreuen.

343
Horch! 's ist ein Elfensturm aus Feenland,
344
Sehr teuflisch polternd, doch für uns voll Gnade:
345
Steh auf – steh auf! Schon glüht der Morgenbrand;
346
Die vollen Zecher sehn nicht unsre Pfade!
347
So laß uns eilig fliehn und froh, du Mein!
348
Denn keiner hört, kein Fuß vermag zu stehen, –
349
Betrunken sind sie all von Met und Wein:
350
Wach auf! Steh auf! Und laß uns furchtlos gehen,
351
Und hinterm Moor sollst du bei mir die Heimat sehen.«

352
Sie eilt bei seinen Worten – angstbedrückt,
353
Denn schlafend rings viel gierige Drachen liegen, –
354
Hellwach vielleicht, den Todesspeer gezückt.
355
Sie hasteten hinab die Dämmerstiegen.
356
Im ganzen Hause ist kein Menschenlaut,
357
Nur Fackeln flackern wild in Eisenringen;
358
Und über lose Stofftapeten haut
359
Der Sturm ein Wogenspiel von Geisterschwingen,
360
Die tobend durch die hohe zugige Halle dringen.

361
Die beiden gleiten wie Phantome fort,
362
Durch weiten Gang zum eisernen Portale,
363
Berauscht und schnarchend lag der Wächter dort,
364
In seinen Fingern noch die nasse Schale.
365
Der Bluthund hebt sich, schüttelt Fell und Strick,
366
Doch sieht und wittert er den Hausgenossen.
367
Und Bolz und Riegel gleiten leicht zurück,
368
Der Schlüssel dreht – das Tor ist aufgeschlossen
369
Und öffnet sich in ächzenden Scharnierkolossen.

370
Und sie sind fort. Vor langen Jahren flohn
371
Die Liebenden hinaus ins Ungewitter.
372
In jener Nachtzeit träumte der Baron
373
Von manchem Feind, auch waren seine Ritter
374
Schwer alpbedrückt von Hexe, Wurm und Wicht
375
Und Höllenspuk und eklen Grabgestalten.
376
Die Alte starb mit gräßlichem Gesicht. –
377
Der Beter schlief nach langem Händefalten
378
In seiner kalten Asche, stets für fremd gehalten.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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John Keats
(17951821)

* 31.10.1795 in London, † 23.02.1821 in Rom

männlich, geb. Keats

britischer Dichter und Vertreter der englischen Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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