Schön Isabell wie eine Lilie rein!

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John Keats: Schön Isabell wie eine Lilie rein! Titel entspricht 1. Vers(1818)

1
Schön Isabell wie eine Lilie rein!
2
Lorenzo einem jungen Palmbaum glich!
3
Des atemlosen Sehnens starre Pein,
4
Wenn sie einander sahn, sie jäh beschlich;
5
Doch durften sie einander nahe sein,
6
So war's als ob ein Alp von ihnen wich;
7
Und einsam, nachts, wenn sie einander fern,
8
Verband sie

9
Mit jedem Tag ward zärtlicher ihr Herz
10
Und zärtlicher und tiefer jede Nacht.
11
In Haus und Feld litt er der Liebe Schmerz,
12
Bis klar vor seinem Blick ihr Bild erwacht.
13
Und süßer schien sein Wort ihr als der Scherz
14
Des Windes, der in Blättern spielt und lacht;
15
Die Laute sang ihr seinen Namen nach,
16
Den ihre Nadel in die Seide stach.

17
Er wußte gut, wenn ihre zarte Hand,
18
Noch eh sie selbst erschien, die Tür berührt;
19
An ihrem Fenster hing sein Blick gebannt,
20
Bis er zu ihm ihr schönes Bild entführt;
21
Er sah zum Sternenhimmel unverwandt,
22
Weil er in ihm ihr Nachtgebet verspürt;
23
In banger Qual verbrachte er die Nacht,
24
Bis auf der Treppe hell ihr Schritt erwacht. –

25
Es war ein langer unruhvoller Mai,
26
Er grämte ihre jungen Wangen bleich.
27
»ich schwöre mir, daß es nun morgen sei,
28
Ja, morgen fleh ich um mein Königreich!« –
29
»o wann, Lorenzo, wird dein Sehnen frei
30
Und spricht ein Wort, ein Wort, das himmelgleich?« –
31
So träumten sie in Nacht und Einsamkeit –
32
Der Tag fand ihn zu reden nicht bereit.

33
Und als der Rosen frohe Pracht erblüht,
34
Ward Isabellens Wange fahl und schmal,
35
Wie einer Mutter Wange, die verblüht
36
Bei ihres Kindes Fieberkampf und Qual.
37
»wie krank sie ist,« sprach er, »o mein Gemüt,
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Nun schweige, – nein, bekenne deine Wahl:
39
Die Tränen, ihre Tränen sind ja dein,
40
Und deinem Leiden wohl gilt ihre Pein.«

41
So sprach er zu sich selbst. Den ganzen Tag
42
War seines Herzens Schlag wie Hammerklang,
43
Weil seine Seele in Inbrünsten lag
44
Und betete um Mut und fiel und rang.
45
Der Hochflut seines Blutes unterlag
46
Der Stimme Kraft und seiner Sehnsucht Zwang;
47
Sie wurde sanft, demütig wie ein Kind:
48
Ja, sanft und dennoch wild, wie Kinder sind.

49
So wär es beinah wiederum geschehn,
50
Daß trüb die Nacht sein Liebesleid umschloß,
51
Hätt Isabella nicht den Blick gesehn,
52
Der hingegeben ihr sein Herz ergoß;
53
Und seine Stirne sah sie bleich vergehn
54
Und wieder jäh sich röten; ach, da floß
55
Von ihren Lippen zag der süße Laut:
56
»lorenzo!« – ihr aus Träumen so vertraut.

57
»o Isabella! Ist es mehr als Traum,
58
Daß ich dir sagen darf von meinem Weh?
59
O Gütige! Gib der Verzeihung Raum,
60
Da ich so kühn, so hoffend vor dir steh!
61
Sieh, meine Seele bebt und atmet kaum,
62
Weil ich in deinem Aug ihr Schicksal seh –
63
Doch keine Nacht soll mehr in Qual vergehn,
64
Nein, frei will ich mein Hoffen dir gestehn!

65
Liebe! Du wecktest mich aus kalter Nacht!
66
Herrin! Du führest mich in Sommerglut!
67
Dem Kuß des Sonnenmorgens sind erwacht
68
Alltausend Blüten, die im Lenz geruht!« –
69
Die Seligkeit von seinem Antlitz lacht,
70
Und seine scheuen Lippen finden Mut.
71
O, ihre Wonne wuchs so licht empor,
72
Wie in den Morgen rings der Blumenflor.

73
Und scheidend schwebten sie so leichtbeschwingt
74
Wie Zwillingsrosen, die ein Zephir wiegt
75
Und trennt und inniger zusammenbringt,
76
Daß Duft in Duft und Glut in Glut sich schmiegt.
77
Sie schritt und sang: »In meinem Herzen singt
78
Ein Vöglein, das der Liebeslust erliegt ...«
79
Und er stieg einen Hügel schnell hinan
80
Und betete die Abendsonne an.

81
Und eh die Dämmerung den Schleier hob
82
Vom Sternenlicht, war eins dem andern nah,
83
Und eh die Dämmerung den Schleier hob,
84
War jeden Abend eins dem andern nah,
85
In stiller Laube, die Muskat umwob,
86
Wo keiner je sie hörte oder sah –
87
Ach, gut und süß war die Verborgenheit,
88
So fern den Menschen und so fern dem Leid.

89
Doch als das Leiden kam, traf es sie sehr? –
90
O nein! zu tief ist unser Mitgefühl,
91
Die Tränen bittrer Wehmut sind zu schwer,
92
Die Mitleid weint an ihrem letzten Pfühl,
93
Und Liebende, die leiden, gibt es mehr,
94
Die wohl am besten ruhten still und kühl;
95
Nur Theseus, ach, fand selbst im Tod nicht Ruh:
96
Jenseits des Meers nickt sein Gemahl ihm zu.

97
Doch pflegt es in der Liebe so zu sein,
98
Daß ihr ein süßer Augenblick aufwiegt
99
Ein vollgerüttelt Maß von Gram und Pein.
100
Obgleich schön Isabell vom Harm besiegt
101
Und auf Lorenzos Grab kein Marmorstein
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Sich gleißend spreizt – ja dennoch, dennoch liegt
103
In Bitternis selbst Lust, das weiß gar gut
104
Die Biene, die am Giftkelch saugend ruht.

105
Mit zweien Brüdern lebte Isabell;
106
Sie trieben Handel nach ererbtem Brauch.
107
Es plagte sich für sie manch jung Gesell
108
In dumpfer Gruben faulem Dunst und Rauch;
109
Manch kraftgestraffte Lende siechte schnell
110
An Wunden, die die Peitsche hieb, und auch
111
Im Glanzgeflirr des Flusses mancher stand,
112
Der Erzgewinnung opfernd Aug und Hand.

113
Es stieg der Taucher zu des Haifischs Gier
114
Hinab in Indiens Meere nur für sie,
115
Die Robbe schrie, ein pfeilgespicktes Tier,
116
Auf weißer Eisprairie, sterbend für sie,
117
Und Leidgeschlagne gab es tausend schier,
118
Die Tag und Nacht sich schindeten für sie;
119
Wie mahlte doch der Geldgier blinde Sucht
120
Für diese Armen gar so bittre Frucht!

121
Woher ihr Stolz? Weil der Fontänen Strahl
122
Viel stolzer strömt, als müdes Elend weint? –
123
Woher ihr Stolz? Weil sanfter sich zu Tal
124
Orangenhügel stufen, als versteint
125
Die Stufen abwärts führen vom Spital? –
126
Woher ihr Stolz, dem Milde nicht vereint?
127
Woher ihr Stolz, den gar kein Leiden schmolz?
128
Woher in Teufels Namen all ihr Stolz?

129
Es schlossen diese Florentiner so
130
In blinder Gier sich ab von aller Welt
131
Wie zwei Hebräer, die, verfilzt und roh,
132
Von Haß verfolgt, ganz nur auf sich gestellt.
133
Maulesel waren sie, die Gold und Stroh
134
In Speicher schleppten, brüderlich gesellt
135
Dem Lug und Trug und nimmersatten Geiz,
136
Denn nur Gewinn, Gewinn bot ihnen Reiz.

137
Ach, wie erspähten diese Blinden nur
138
Schön-Isabell im heimlich stillen Nest?
139
Und in Lorenzos Blick die süße Spur
140
Vom Liebesfest? – O ganz Egyptens Pest
141
In ihren Argwohn, der dies Glück erfuhr!
142
Wie kannten diese Blinden Ost und West?
143
Doch wer zu ihnen kam, arglos und mild,
144
Der wurde bald ein müdgehetztes Wild. –

145
O vielberedter, vielberühmter Mann,
146
Boccacc', ich flehe um Vergebung dich;
147
Die Düfte deiner Myrthen fleh ich an
148
Und deine Lilien, deren Rot verblich,
149
Seit deiner Laute Letztakkord verrann,
150
Und deine Rosen, die dem Monde sich
151
Verlobt – vergebt der schrillen Dissonanz
152
In dieses Liedes schlichtem Blütenkranz.

153
Vergib mir, Dichter! Und es wird mein Sang
154
Fortschreiten nun in schicklich ernstem Stil.
155
Welch toller Einfall war es, der mich zwang
156
Um alte Kunde neuer Reime Spiel
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Zu ziehn! Doch ist's geschehn (und wenn's mißlang)
158
Zu deinem Preis, denn sieh, es war mein Ziel,
159
Die Blüte, die dem Süden süß entsprang,
160
Zu wecken in des Nordwinds wildem Klang. –

161
Die Brüder also hatten bald entdeckt,
162
Wie's um Lorenz und Isabell bestellt.
163
Wie wurde da ihr böser Zorn geweckt,
164
Da nun ein langgehegter Plan zerschellt!
165
Sie sahen sich von ihm, der sich erkeckt,
166
Zu ihrer Schwester aufzusehn, geprellt,
167
Denn ihre Habsucht traf schon längst die Wahl:
168
Ein reicher Grundherr nur sei ihr Gemahl.

169
Und haßerfüllt berieten nun die zwei,
170
Und jeder grübelte für sich allein,
171
Bis sie sich einig, was das Beste sei,
172
Von jenem Lästigen sich zu befrein.
173
Und endlich war erdacht die Teufelei,
174
Und endlich kamen beide überein:
175
An irgend einem fernverborgnen Ort
176
Mord zu begehen – schauerlichen Mord.

177
Und so, als einst im frühen Morgenlicht
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Auf dem Altan Lorenzo sich erging
179
Und glücklich war in lieber Zuversicht,
180
Und bunt der Tau an Blatt und Blüten hing,
181
Da riefen sie mit freundlichem Gesicht
182
Zu ihm hinauf: »Lorenzo, komm und schwing
183
Dich schnell aufs Roß, zu reiten durch den Hag,
184
Noch ist es kühl, doch wird's ein heißer Tag.

185
Wir wollen auch ... vielmehr es scheint uns gut ...
186
Kurz – mitzureiten plagt uns ein Gelüst;
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Drum, bitte, komm, eh noch der Sonne Glut
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Den Hagebuttenrosenkranz geküßt.« –
189
Und höflich grüßte er die Schlangenbrut.
190
Und eilte dann, betört von so viel List,
191
Betört auch von des Sommermorgens Pracht,
192
Schnell anzulegen knappe Weidmannstracht.

193
Dann schritt er durch des Hofes Säulengang
194
Und blieb oft stehn und lauschte oft empor,
195
Ob nicht etwa der Herrin Morgensang
196
Herab zu seiner Sehnsucht sich verlor –
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Ganz hingegeben seiner Liebe Zwang.
198
Da schlug ein süßes Lachen an sein Ohr;
199
Er blickte auf und sah so zart und licht
200
Am Gitterfenster lächeln ihr Gesicht.

201
»heil, Isabell!« rief er. »Gebenedeit,
202
Daß ich dich grüßen durfte, eh ich ritt!
203
Drei arme Stunden nur Abwesenheit –
204
Und schon hängt Sorge sich an meinen Schritt.
205
Doch, was der Liebe dieser Tag entleiht,
206
Bringt überreich der traute Abend mit.
207
Lebwohl, du Liebste, du!« »Lebwohl auch du!«
208
Und munter singend grüßte sie ihm zu.

209
Durchs liebliche Florenz ging nun der Ritt
210
Der drei Gefährten zu des Arno Strand,
211
Wo sich die Strömung mit den Strudeln stritt
212
Und an den Ufern tanzend Band bei Band
213
Das scharfe Schilf die schnelle Flut zerschnitt.
214
Die Brüder bleich, Lorenzo liebdurchbrannt,
215
Durchquerten sie den seichten Strom, und bald
216
Umbrauste sie ein grausig düstrer Wald.

217
Dort ward Lorenz erschlagen und verscharrt.
218
Doch seine Seele, die so heiß geloht,
219
Die auf der Liebe höchstes Glück geharrt,
220
Sie ächzte nun in unerhörter Not,
221
Ihr warmer Lebensstrom war jäh erstarrt,
222
In Eisesfrost gebannt durch blutgen Tod. –
223
Die Mörder wuschen ihre Schwerter rein
224
Und jagten wieder nach Florenz hinein.

225
Der Schwester sagten sie: nach fernem Land,
226
Mit dringenden Geschäften reich betraut,
227
Sei heut zu Schiff Lorenzo abgesandt. –
228
Nun nimm den Witwenschleier, junge Braut,
229
Leg an der Witwen trauerndes Gewand!
230
O, Fluch der Hoffnung, der du süß vertraut!
231
Du wirst ihn heut nicht sehn und morgen nicht,
232
Und niemals mehr grüßt dich sein Angesicht.

233
Sie weint um Freuden, die nun nicht mehr sind,
234
Sie weinte bitterlich bis in die Nacht.
235
Wie schien ihr sonst der Abend lieb und lind,
236
Weil überreiche Wonnen er gebracht –
237
Jetzt sah ihr Auge sich im Dunkel blind,
238
Bis in den Schatten ihr sein Bild erwacht,
239
Und immer wieder ihrem Mund entfloh
240
Der Schmerzenslaut: »Lorenzo! Wo, oh wo?«

241
Doch Selbstsucht hielt nicht lang in ihrer Brust
242
Der Schmerzen wilden Nachtbrand angeschürt;
243
Wohl bangte sie nach all der süßen Lust,
244
Die mit so flüchtgem Kuß sie erst berührt –
245
Nicht lange doch – denn bald hob sich bewußt
246
Die Trauer, die nichts Kleinliches mehr spürt,
247
Und Sorge, daß der Reise Unrast gar
248
Für ihre junge Liebe voll Gefahr. –

249
Aus Nordlands Höhlen weht wie Todes Hauch
250
Zur Herbstzeit schon des Winters Atem schwer
251
Aufs Laub und wirft es welk von Baum und Strauch,
252
Der kranke West tanzt mit dem toten Heer
253
Den Totentanz im bleichen Nebelrauch;
254
Und liegt das Land ergraut und stumm und leer,
255
Dann stürmt der Winter ein. O Isabell,
256
Auch deiner Schönheit Herbst kam allzuschnell.

257
Denn kein Lorenzo kam. Und welk und bleich
258
Ward ihre Wange von so herbem Gram.
259
Sie fragte oft die Brüder, welch ein Reich
260
Nun für so lange schon ihn von ihr nahm?
261
Da logen sie von Mal zu Mal. Ihr Streich
262
Wie Rauch vom Tale Hinnom auf sie kam;
263
Sie konnten keine Nacht dem Alp entgehn,
264
Die Schwester tot im Totenhemd zu sehn.

265
Sie würde auch, in Leid gestorben sein,
266
Doch da war etwas, das noch finstrer war
267
Als Tod; es kam in plötzlich bittrer Pein,
268
So wie im Todeskampf oft wunderbar
269
Noch einmal glüht des Lebens Widerschein;
270
Es kam wie Lanzenstich, der grausam klar
271
Den Wilden weckt im rauchdurchbeizten Zelt,
272
Daß schreiend er aus tiefstem Schlafe schnellt.

273
Es war ein visionäres Bild: – In Nacht,
274
In träger Mitternacht Lorenzo stand
275
An ihres Lagers Rand und weinte sacht:
276
Erloschen war in Grabes feuchtem Sand
277
Des goldnen Haares sonnenwarme Pracht,
278
Erloschen seiner Lippen roter Brand,
279
Der Stimme Wohllaut tot, und gramestief
280
Am Ohr vorbei die Tränenrinne lief.

281
O grausig klang es, wenn der Schatten sprach;
282
Denn seine arme Zunge mühte sich
283
Zu sprechen, wie sie einst auf Erden sprach,
284
Und Isabella lauschte bitterlich:
285
Wie seine Stimme oft sich zitternd brach,
286
Als wenn ein Wind gelähmte Harfen strich;
287
Als wenn ein heisrer Wind durch Dornen stöhnt,
288
So war von Ächzen jedes Wort durchtönt.

289
Und seltsam – das Phantom entsetzte nicht
290
Das arme Weib; sein Blick war mild und groß,
291
Von Gram verwirrt und doch von Liebe licht;
292
Es redete: es sprach vom Todesstoß,
293
Vom Mord im tiefen Wald, und wie so dicht
294
Sein Grab bewachsen sei mit Kraut und Moos,
295
Wie schwarze Fichten hielten Totenwacht,
296
Dort wo die Mörder ihre Tat vollbracht.

297
Und weiter sprach es: »Süße Liebste du!
298
Waldbeeren reifen über meinem Mund,
299
Ein schwerer Stein deckt meine Füße zu,
300
Die hohen Buchen stehen blätterbunt
301
Und werfen Frucht herab; die Waldesruh
302
Durchirrt ein ferner Ruf von Hirt und Hund;
303
Das Heidekraut ist rot; o komme bald,
304
Komm bald und weine bei dem Grab im Wald.

305
Ich bin ein Schatten nun, der das Gebiet
306
Des Lebens von den Grenzen nur erschaut;
307
Ich singe nun allein das heilge Lied
308
Zum Ruf der Glocken, der mir so vertraut;
309
Und wenn das Kraut ein Bienenschwarm durchzieht,
310
Wie lauscht mein Ohr des Lebens süßem Laut,
311
Des Lebens – darin meine Liebe lebt,
312
Dem ferner, ferner stets mein Geist entschwebt.

313
Ich weiß, was war, ich fühle tief, was ist,
314
Und würde rasen, könnte das ein Geist!
315
Daß du um mich so bleich, so leidend bist,
316
Durchglüht mein Grab, als würde es umgleißt
317
Von einem Glanz der überirdisch ist;
318
Ach, ich vergaß, was Erdenwonne heißt:
319
Doch heiliger die Liebe mich durchdringt,
320
Seit deine bleiche Seele um mich ringt.« –

321
Der Geist entschwand, nachdem er dies gesagt.
322
In leisen Wellen wogte rings die Nacht,
323
So wie das Dunkel tanzt, wenn wir verzagt
324
Im Bett des Tages harte Müh bedacht
325
Und von der stürmenden Gedankenjagd
326
Verfolgt, gehetzt, kein Auge zugemacht.
327
Und Isabella fuhr verwirrt empor
328
Und starrte in den leeren Nebelflor.

329
»so gibt es,« rief sie, »schlimmeres als Qual?
330
So kannte ich des Schicksals Fluch noch nicht,
331
Da ich gemeint, nur dieses sei die Wahl:
332
Glück – oder Tod, wem es an Glück gebricht;
333
Doch hier ist Schuld – des Bruders blutiger Stahl!
334
O Dank, Geliebter! Dank für den Bericht!
335
Ja, morgen grüßt dich meiner Liebe Kuß,
336
Und wenn ich dich im Himmel suchen muß!«

337
Und als der Morgen kam, da war gefaßt
338
Ihr Plan, zu prüfen, was der Geist verriet,
339
Dem Liebsten, den die Brüder so gehaßt,
340
Den letzten Gruß, das letzte Liebeslied
341
Zu weihn. Kaum war der Sterne Licht verblaßt,
342
So eilte sie ins ferne Waldgebiet,
343
Und daß nicht Argwohn folge ihrem Schritt,
344
Nahm sie die alte treue Amme mit.

345
Sieh nur! Sie eilen hin am Uferrain,
346
Und Isabella spricht von ihrem Gram,
347
Vom Heidekraut und von dem schweren Stein
348
Und zeigt ein Messer, das sie mit sich nahm.
349
»o Kind, wie leidest du so harte Pein!
350
Wann wirst du wieder froh?« – Der Abend kam,
351
Da hatten sie Lorenzos Grab entdeckt,
352
In Moos und Kraut und Beeren tief versteckt. –

353
Wer je das grüne Gräberfeld durchschritt,
354
Der wühlte wohl im Geist in Lehm und Sand,
355
Bis er von allen, die die Sense schnitt,
356
Die hohlen Schädel und die Knochen fand,
357
Und schauderte, wie sehr wohl jeder litt,
358
Als würgend ihn erfaßt des Todes Hand ...
359
Ach, qualvoll mochte wohl sein Mitleid sein –
360
Qualvoller noch war Isabellas Pein.

361
Ihr Blick durchdrang der Grube dunklen Schlund,
362
Doch sah er Tod und Wurm und Moder nicht:
363
Sah wie aus klaren Quells krystallnem Mund
364
Lorenzos Leib, Lorenzos Angesicht.
365
Wie eine Lilie, die in Grabes Grund
366
Die Wurzel schlug, so stand sie ernst und licht;
367
Dann sank sie hin und grub so fiebernd heiß,
368
Wie nur der Schmerz sich einzugraben weiß.

369
Bald lag ein Handschuh aufgewühlt, von ihr
370
Einst selbst mit bunter Stickerei geschmückt –
371
Wie küßt sie nun die fast verblaßte Zier!
372
An ihrer süßen Brust, die nie beglückt
373
Sich füllen sollte für des Säuglings Gier,
374
Verbirgt sie ihn, und seine Kälte drückt
375
Wie Todeshand ihr Herz. Sie sprach kein Wort,
376
Strich nur das Haar zurück – und suchte fort.

377
Betroffen stand die alte Magd dabei,
378
Bis mit der Armen Mitleid sie empfand,
379
Und sie begriff, wie schwer die Arbeit sei
380
Für Isabellas ungeübte Hand;
381
Sie kniete hin und stand der Herrin bei.
382
Drei Stunden gruben sie so unverwandt;
383
Da endlich war's geschehn – und ernst und licht
384
Blieb Isabell und schrie und raste nicht. –

385
Was öffne ich des Grabes Moderschacht,
386
Daß schwarz sein schaudervoller Rachen gähnt? –
387
Ach, ob des alten Liedes süßer Pracht,
388
Des Liedes, dem die Sage ich entlehnt!
389
O Leser, der für solcher Liebe Macht
390
Noch tiefres Wort, noch reinern Klang ersehnt,
391
Lies die Romanze, lies den alten Sang,
392
Der machtvoll alle Herzen einst bezwang! –

393
Wohl war viel stumpfer als des Perseus Schwert
394
Der Stahl, der jetzt ein Haupt vom Rumpfe schnitt,
395
Doch war's ein Haupt, so schön und liebenswert,
396
Daß selbst im Tode nicht sein Zauber litt.
397
Die Liebe höret nimmer auf! So lehrt
398
Ein altes Wort. O wie in Liebe stritt
399
Jung Isabella um Lorenzos Haupt –
400
In Liebe, die kein Grabeshauch beraubt!

401
Und Isabella nahm den Kopf mit fort
402
Und kämmte seines Haars verblaßten Schein
403
Und pflegte sorglich ihren heiligen Hort:
404
Um seiner Augen hohle Kämmerlein,
405
In denen Licht und Liebe jäh verdorrt,
406
Flocht Locken sie und weinte still hinein
407
Und wusch den Schatz mit Tränen kühl und klar
408
Und küßte ihn und kämmte neu sein Haar.

409
Sie nahm ein Tuch, dem seltne Spezerein
410
Gar auserlesnen Wohlgeruch verliehn,
411
Und tauchte es in einen Saft hinein
412
Von Blumen, die nur in Arabien blühn;
413
Das sollte nun des Kopfes Bahrtuch sein.
414
Sie barg ihn gut darin und legte ihn
415
In einen Topf und pflanzte süßes Kraut,
416
Basilikum, darauf und weinte laut.

417
Und sie vergaß das Mond- und Sternenlicht,
418
Und sie vergaß den blauen Sonnentag,
419
Und sie vergaß, was Wind und Welle spricht,
420
Und sie vergaß den bunten Herbst im Hag;
421
Und wenn der Tag erstarb, sie sah es nicht,
422
Und sah den neuen Morgen nicht: sie lag
423
Nur immer weinend bei dem lieben Kraut,
424
Das bis ins Herz mit Tränen sie betaut.

425
Und so getränkt wie nie ein Kraut zuvor
426
Erhob es sich in grüner Üppigkeit
427
Und duftete wie nie ein Kraut zuvor
428
Auf Florentiner Beeten weit und breit.
429
Wann sproß auch je Basilikum empor
430
Auf einem Boden, so voll Fruchtbarkeit
431
Wie Menschenleid, wie Herzensnot und Tod!
432
Wann war's ein Menschenkopf, der Dünger bot!

433
Verbirg, o Muse, trauernd dein Gesicht
434
Und raste stumm, wo dumpf Verzweiflung stöhnt
435
Wie eine Stimme, die aus Grüften bricht
436
Und hohl in dunklen Tiefen wiedertönt.
437
Hier laß den Tod sich freuen, der verspricht,
438
Daß sich in ihm der tiefste Gram versöhnt;
439
Er setzt ein mildes Licht auf alle Pein:
440
Im Totenhof den bleichen Marmorstein.

441
Ihr trauertiefen Töne schluchzt und bebt!
442
O weint, ihr Saiten meiner Leier, weint,
443
Daß wild aus euch des Schmerzes Sturm sich hebt
444
Und mit des Windes Klage sich vereint!
445
Wann hätte je ein Weib wie sie gelebt,
446
Dem so das Schicksal alles Glück verneint!
447
Der Palme gleich, die man des Safts bestahl,
448
So stirbt sie hin in langsam bittrer Qual.

449
O stört ihr sanftes Sterben nicht! O quält
450
Sie nicht noch roh ins nahe Grab hinein! –
451
Doch ach, die Brüder, deren Herz verstählt
452
Von Gier und Geiz, sie konnten nicht verzeihn,
453
Daß ihre Schwester sich dem Gram vermählt,
454
Statt eines reichen Grundherrn Braut zu sein;
455
Und auch Verwandte forschten oft und viel,
456
Warum sie mied der Jugend Tanz und Spiel.

457
Die Brüder hatten staunend bald entdeckt,
458
Daß dem Basilikum ihr Weinen galt:
459
Das blühte wunderprächtig, wie erweckt
460
Durch Zauberwortes wirkende Gewalt;
461
Doch welcher Wert lag denn darin versteckt,
462
Daß Isabell dem Kraut zuliebe kalt
463
Für alle Freuden war und wahnbestrickt
464
Selbst

465
Sie harrten lange auf Gelegenheit
466
Dem Rätsel heimlich auf den Grund zu sehn,
467
Doch nie entfernte Isabell sich weit
468
Und wollte kaum zum Beichtgang sich verstehn.
469
Und wie's den Vogel treibt zur Brütezeit
470
Ins teure Nest zurück mit Windeswehn,
471
So flog sie unruhvoll zum Hort zurück
472
Und weinte dort bei dem begrabnen Glück.

473
Und dennoch stahlen sie das Kraut ihr fort,
474
Durchwühlten es bis auf der Wurzeln Grund:
475
Ein Totenkopf, Lorenzos Kopf lag dort –
476
Wie schnell erkannten sie den grausen Fund!
477
So rächte furchtbar sich der frevle Mord.
478
Entsetzt entflohen sie zur selben Stund –
479
Fort von Florenz und fort von Hab und Gut,
480
Verbannt, verdammt durch feig vergossnes Blut!

481
Verbirg, o Muse, trauernd dein Gesicht!
482
O weint, ihr Saiten meiner Leier, weint –
483
Wie eine Stimme, die aus Gräbern bricht
484
Und mit des Windes Klage sich vereint!
485
Ach, Isabell ertrug dies Letzte nicht,
486
Zu tief schon hat ihr bittres Leid geweint:
487
Vom Harm verwirrt, neigt einsam sie das Haupt,
488
Des letzten Trosts, der Tränen selbst beraubt!

489
Wie blickte Mitleid bittend sie umher
490
Und sprach die toten Dinge zärtlich an
491
Und fragte sie, wo ihr Basiltopf wär.
492
Und kam des Wegs vorbei ein Wandersmann,
493
Sie hielt ihn an und bat und flehte sehr,
494
Und wenn er ratlos schwieg – wie klagte dann
495
In stumpfen Schmerz sie stets das gleiche Wort:
496
»was nahmt ihr mein Basilikum mir fort!«

497
So starb sie einsam hin in müdem Gram,
498
Nach dem Basiltopf fragend bis zum Tod.
499
Da war es ganz Florenz, das Anteil nahm
500
Und solchem Liebesleid sein Mitleid bot –
501
Bis daß ein Lied von Mund zu Munde kam,
502
Ein traurig Lied von Isabellas Not;
503
Und heut noch singt das alte Volkslied dort:
504
»was nahmt ihr mein Basilikum mir fort!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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John Keats
(17951821)

* 31.10.1795 in London, † 23.02.1821 in Rom

männlich, geb. Keats

britischer Dichter und Vertreter der englischen Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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