1
Was ist noch sanfter als ein Sommerwind?
2
Als Bienensummen, das so still gelind
3
Von Kelch zu Kelch die Blütenstraße schwingt
4
Und milden Frieden in die Seele bringt?
5
Was ist geruhiger als im Inselgrün
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Der Moschusrose unbemerktes Blühn?
7
Heilsamer als des Talwalds Blätterschwall?
8
Geheimer als das Nest der Nachtigall?
9
Stillheitrer als Cordelias Angesicht?
10
Traumvoller als erhabenstes Gedicht? –
11
Nur du, o Schlaf, der zart die Augen schließt,
12
Ein zärtlich Lied in müde Seelen gießt,
13
Der unser frohes Lager leicht umschreitet,
14
Um Trauerweiden Mohngewinde breitet,
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Der Mädchenlocken schweigend wirrt und wendet,
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Nur du, dem jeder Morgen Hymnen sendet,
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Weil deine Kräfte hell und froh beglücken
18
Die Augen, die zum Sonnenaufgang blicken.
19
Doch was ist höher noch als alles Träumen?
20
Was frischer noch als Frucht von Höhenbäumen?
21
Was wundervoller, sanfter, königlicher
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Als Schwanenschwingen oder feierlicher
23
Als ferner Adlerflug? – Mit nichts vergleichen
24
Läßt sich dies eine und von nichts erreichen!
25
Daran zu denken, heißt sich zu versenken,
26
Sich heiliger Andacht liebend hinzuschenken.
27
Es überschauert uns mit Ungewittern,
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Es rüttelt uns wie unterirdisches Zittern,
29
Und manchmal weht's wie Flüstern von den vielen
30
Geheimnissen, die in den Lüften spielen –
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Von irgend einem Wunder um uns her.
32
Da blicken wir entzückt und spähen sehr
33
Nach fernem Glanz, nach fremden Luftgebilden,
34
Nach einem Ton aus himmlischen Gefilden
35
Und nach dem Lorbeer, der das Haupt uns schmückt.
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Wenn unser Fuß die Erde nicht mehr drückt:
37
Und manchmal kommt es voller Glanz und Glocken,
38
Und aus dem Herzen brausen, oh Frohlocken!
39
Erhabne Worte, die sich gottwärts schwingen,
40
Bis Traum und Glut in Flüstern still verklingen.
41
Ein jeder, der die lichte Sonne sah
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Und alle Wolken, und der rein und nah
43
Des ewigen Schöpfers Gegenwart empfand,
44
Muß fühlen, was ich meine, und in Brand
45
Muß jetzt sein Innres lohn, da ich ihm bringe
46
So lief empfundne heimatliche Dinge.
47
O Poesie! Dir beten meine Worte,
48
Daß einmal du mir auftun magst die Pforte
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Zu deinen Himmeln – oder sollt ich knien
50
Auf Bergeshöhen und die Harmonien,
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Die deinem Mund entfliehn und mich umschweben,
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Als dein getreues Echo wiedergeben?
53
O Poesie! Dir klagen meine Worte,
54
Daß einmal du mir auftun magst die Pforte
55
Zu deinen Himmeln! Möge meinem Flehen
56
Ein Lüftchen nur aus diesen Himmeln wehen,
57
Das – Lorbeerblüten eine luftige Wiege –
58
Mir trunkne Wollust bringt, der ich erliege.
59
Dann steigt vielleicht mein Geist am Sonnenlicht
60
Empor und schaut Apoll ins Angesicht;
61
Und kann ich höchste Seligkeit ertragen,
62
So werd ich bis ins Heiligste mich wagen.
63
Da wird dann moosige laubverborgne Stelle
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Mir zum Elysium – zur ewigen Quelle,
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Zum Buch, drin viel Entzückendes zu lesen
66
Von Blatt und Blume und von Spiel und Wesen
67
Der Wald- und Wassernymphen und von Zweigen,
68
Die eines Mädchens Schlummer kühl umschweigen,
69
Und mancher Vers von seltsam fremder Art,
70
Der wie aus andrer Welt sich offenbart.
71
Auch Phantasien werden mich umschweben,
72
Mir feierschöne Traumvisionen geben;
73
In frohem Schweigen will ich sie durchziehn,
74
So wie durch Schluchteneinsamkeit und Grün
75
Der Fluß Mäander seine Schleifen zieht.
76
Und komm ich in verwunschenes Gebiet,
77
In Zaubergrotte, in erhabnen Schatten,
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Auf himmelferne grüne Bergesmatten,
79
Die strahlend stehn im bunten Blumenkleid,
80
Verschämt in ihrer eignen Lieblichkeit –
81
Dann schreib ich das, was Menschensinn versteht,
82
Auf meine Tafeln, daß es nicht vergeht,
83
Und werde dieser Welten Vielgestalten
84
Mit Riesenkräften greifen, fühlen, halten
85
Und meinen Geist mit Sporn und Ehrgeiz plagen,
86
Bis an den Schultern ihm die Schwingen ragen,
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Die jedes Hemmnis freudig überwinden,
88
Ihn aufwärts ziehn, Unsterblichkeit zu finden!
89
Doch halt, bedenk! Ein einziger Tag ist Leben –
90
Tautropfen, der aus Wipfellaub soeben
91
Herniederrinnt – des Wilden Schlaf im Kahn,
92
Den Wirbelstrudel riß in Todesbahn.
93
Warum so schmerzliche Vergleiche geben?
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Blühsehnsucht einer Rose ist das Leben,
95
Ein Buch, darin viel Abenteuer sind,
96
Ein übermütiges Mädchentuch im Wind,
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Ein Vogel, der durch Sommersonne gleitet,
98
Ein Knabe, der auf Ulmenästen reitet
99
Und himmelfern von Sorge, Gram und Denken.
100
O nur zehn Jahre, tief mich zu versenken
101
In Poesie! daß ich das Ziel erfülle,
102
Das von mir selbst verlangt mein eigner Wille;
103
Daß ich durch diese Lande, die ich sehe,
104
Mit unermüdlich wachen Augen gehe!
105
Des alten Pan und Floras üppiges Reich
106
Durchstreife ich zunächst; im Gras am Teich
107
Geh ich zur Ruh und pflücke reife Beeren
108
Und darf, was Phantasie nur sieht, begehren:
109
Im Waldversteck die weißen Nymphen fangen,
110
Der Sträubenden viel Küsse abverlangen,
111
Auf zarte Schultern liebevoll vermessen
112
Inbrünstig diese kleine Wunde pressen,
113
Die sie erschauern macht, bis voll Erbarmen
114
Die Spröde mich umfängt mit Weibesarmen.
115
Und andre ruft mit anmutvollem Lächeln
116
Ein Taubenpaar, mir Kühlung zuzufächeln.
117
Und andre tanzt und schwingt mit flüchtiger Hand
118
Rund um den Kopf ihr grünendes Gewand –
119
Und tanzt und tanzt mit wohlgefälligem Fuß
120
Und lächelt Baum und Blumen ihren Gruß.
121
Und andre lockt und winkt und lockt und winkt
122
Mich durch den Hain, der hell in Blüten blinkt,
123
Bis tief in seine Blättereinsamkeit;
124
Dort liegen wir in solcher Traulichkeit
125
Verkettet und verschlungen, wie beisammen
126
Im stillen Muschelhaus zwei Perlen flammen.
127
Und kann ich diese Freuden je verlassen?
128
Ich muß es wohl, um Edleres zu fassen,
129
Ein Leben, das mich alle Leiden lehrt:
130
Was Menschenherz erkämpft, erträgt, begehrt.
131
Denn oh: von dort, wo Bergesklüfte blauen,
132
Gleitet ein Wagen her aus Wolkenauen,
133
Den Mähnenrosse ziehn; der Lenker blickt
134
Aus in den Wind, ehrfürchtig und beglückt.
135
Und jetzt erschauert leise das Gespann
136
Am Wolkenrand; doch munter kommt sodann,
137
Vom Sonnenauge rings umstrahlt mit Gold,
138
In Fröhlichkeit das Rad herabgerollt.
139
Und immer tiefer wirbeln seine Speichen,
140
Bis sie den grünen Hügelhang erreichen;
141
Dort bleibt der Wagen zwischen Gräsern stehn.
142
Der Lenker spricht – wie seltsam anzusehn –
143
Zu Berg und Bäumen, und alsbald erscheinen
144
Gestalten, die da jubeln, staunen, weinen;
145
Sie wandern her auf grausig düstern Wegen,
146
Wo mächtige Eichen dräun – und rastlos regen
147
Sie müden Fuß, als wollten sie ein Lied
148
Erjagen, das mit flüchtigen Winden flieht.
149
Horch! wie sie murmeln, lächeln, lachen, weinen,
150
Mit herbem Mund, erhobner Hand die einen,
151
Und andre haben tief in ihren Armen
152
Den Kopf begraben; manche gehn im warmen
153
Und hellen Glanz der Jugend durch das Grau,
154
Zurück sehn diese, jene hoch ins Blau.
155
Von tausenden hat jeder seine Weise,
156
Und tausend ziehn vorbei. Im Schwesterkreise
157
Kommt tanzend eine Mädchenschar geschwirrt,
158
Das lange Haar in Locken aufgewirrt.
159
Nun breite Schwingen. Jener dort im Wagen
160
Beugt weit sich vor, und seine Blicke fragen,
161
Er scheint zu lauschen, seine Wangen brennen,
162
Er schreibt – oh dürft ich dies Geschriebne kennen!
163
Die Bilder sind entflohn – Gespann und Wagen
164
Entflohn ins Himmellicht; mich aber plagen
165
Nun doppelt schwer die ganz realen Dinge
166
Es ist, als ob die Seele unterginge
167
In trübem Strom, im Nichts. Doch ich will sehr
168
Mich gegen Zweifel wehren: wach und hehr
169
Sei mir der Wagen und die seltne Fahrt,
171
Hat denn die Gegenwart
172
Nicht Raum genug, daß Phantasie sich hebe
173
Und wie in alten Zeiten hoch entschwebe,
174
Die Rosse schirre, lichtwärts sie zu tragen,
175
Um sonderbare Taten dort zu wagen
176
In Wolkenfernen? Zeigte sie uns nicht
177
Das Atemhauchen des Vergißmeinnicht
178
So gut wie hoch des Äthers reines Wehen?
179
Läßt sie uns nicht den tiefen Sinn verstehen
180
Von Jupiters weitschweifigen Augenbrauen –
181
Und läßt uns doch die kleinen Wiesen schauen
182
Im zarten Frühlingsgrün? Ihr Altar ragte
183
Auch hier auf dieser Insel; wer wohl wagte
184
Den Chor zu übertönen, der ihr scholl,
185
In Harmonien brausend aufwärts schwoll,
186
Bis er im Weltenraum sich selbst verdichtet
187
Und machtvoll kreisend Klang auf Klang geschichtet
188
Zu riesigem Planet, der ewig rollt
189
Und ewig tönend durch Äonen tollt?
190
Ach, damals waren sie noch sehr geehrt,
191
Die edlen Musen, und man hielt sie wert,
192
Und keine Sorge konnte sie bedrücken,
193
Als nur zu singen, singend zu beglücken.
194
Konnt all dies der Vergessenheit verfallen?
195
Ja, Streit und Trug und Barbarei vor allen
196
War schuld, daß sich Apoll errötend wandte.
197
Der galt bei Menschen weise, der nicht kannte
198
Apollos Herrlichkeit; ach, sie regierten
199
Ein hölzern Schaukelpferd und triumphierten
200
Und hießen's Pegasus. O Geistesnacht!
201
Das Weltmeer rollte seine Wogenpracht,
202
Die Himmelswinde bliesen, und das Blau
203
Entblößte seine ewige Brust; der Tau
204
Beperlte hell das Kleid des Schmetterlings
205
Und schmückte alles: Schönheit wachte rings!
206
Was waret ihr nicht wach? Doch ihr wart blind
207
Für das, was fremd euch war – ein Labyrinth
208
Kleinlicher Regeln, elender Gesetze
209
Hielt euch gefangen, und in diesem Netze
210
Lieft ihr einher und fingt euch Verse ein –
211
Die wußtet ihr in Ordnung aufzureihn
212
Und zuzustutzen. Leicht war das Geschäft,
213
Handwerker ihr, die lüstern nachgeäfft
214
Der Poesie! O, wie ihr gottlos wart!
215
Ihr lästertet des Gottes Gegenwart
216
Und wußtet's nicht – o nein! Ihr gingt einher
217
Und schwenktet eure arme Fahne sehr,
218
Die schales Motto trug, darunter groß
221
Und ewig unsre grünen Höhn umschwebt,
222
O ihr, vor denen meine Seele bebt
223
In so viel Ehrfurcht, daß sie wahrlich nicht
224
Die heiligen, verehrten Namen spricht
225
Vor so unheiligem Volk. – Hat euch die Schande
226
All derer nicht entsetzt? Hat euch am Strande
227
Der Themse das Gejammer wohl ergötzt?
228
Hat euer Weinen nie das Land genetzt
229
Am schönen Avon, niemals dort geklagt?
230
O nein, ihr habt wohl ganz lebwohl gesagt
231
Der Gegend, die den Lorbeer nicht mehr kannte,
232
Und nur gezögert noch, um euch verwandte
233
Einsame Seelen liebend zu umfangen,
234
Die schon in Jugend sich zu Tode sangen? –
235
Doch ich will nicht der schweren Zeiten denken,
236
Es brachen schönre an, denn mit Geschenken,
237
Mit frischen Kränzen habt ihr uns beglückt,
238
Und an so manchem Ort hört man entzückt
239
Viel süßeste Musik: bald ist's ein Schwan,
240
Des schwarzer Schnabel auf krystallner Bahn
241
Das Wasser weckte – und des Wassers Singen;
242
Bald tropft ein melancholisch Flötenklingen
243
Aus Dornendickicht, traut im Tal verschlossen;
244
Die Erde ist von zartem Laut umflossen:
245
Beglückt seid ihr und froh!
247
Oft donnergrollend der Gesang und höhnte
248
Die edle süße Majestät der Kunst:
249
Das Plumpe, Bärenhafte kam in Gunst,
250
Und Polypheme, die sich Dichter nannten
251
Und als Zerstörer gegen Throne rannten,
252
Begannen roh durchs große Meer zu wühlen.
253
Doch Poesie ist anders, ist zu fühlen
254
Als breiter ewiger Strom des Lichts, – ist Macht,
255
Die niemals schläft, doch stets nur milde wacht:
256
Sie ruht, und mit dem Schwung der Augenlider
257
Zwingt sie sich Tausende gehorsam nieder,
258
Und Güte ist ihr Szepter; Kraft allein,
259
Auch Musenkraft, kann nur ein Engel sein,
260
Der fiel und Freude hat an Nacht und Dornen,
261
An Grab und Leichentuch und an verworrnen
262
Und aufgewühlten Dingen und vergißt,
263
Daß aller Dichtung Ziel die Liebe ist,
264
Die freundlich tröstet und den Sinn erhebt.
265
Doch ich frohlocke, denn aus bittrem Kraut
266
Hebt – schöner als ihn Paphos je erschaut –
267
Ein Myrthenbaum die vollbeladnen Äste
268
Und feiert seine immergrünen Feste
269
Mit all den Vögeln, die voll Fröhlichkeit
270
In seinem Schutz zu Scherz und Spiel bereit,
271
Und die den Blüten ihre Lieder singen.
272
So laßt uns durch das Dickicht zu ihm dringen
273
Und um ihn her die Dornenbrut vernichten,
274
Dann finden einst die jungen Rehe dichten
275
Und blumigen Rasen hier – nichts störe sie
276
Als eines Liebenden gebeugtes Knie,
277
Nichts andres teile ihre Einsamkeit
278
Als eines Träumenden Gelassenheit!
279
Heil euch, ihr lieben, hoffnungsvollen Träume!
280
Nun bahnt sich Phantasie durch enge Räume
281
Den Weg zu allem Lieblichen und Schönen,
282
Und die wird man zu Dichterkönigen krönen,
283
Die herzensfrohe, schlichte Dinge geben.
284
O dürft ich diese Freuden noch erleben!
285
Wird man nicht sagen, meine Rede sei
286
Gar sehr verwegen, solche Schwärmerei
287
Verstumme lieber und verberge sich,
288
Denn unklug sei es sehr, so wissentlich
289
Sich abzuwenden von den breiten Pfaden,
290
Den Donnerkeil auf sich herabzuladen?
291
Nein! Flüchte ich, so sei es nur zur Schwelle
292
Der Poesie, in ihre Tempelhelle!
293
Und fall ich hier, so wird man mich bestatten
294
In tiefem feierstummen Pappelschatten:
295
Geschornes sanftes Gras wird mich bedecken
296
Und ein Gedenkwort die Erinnrung wecken.
297
Doch fort, Verzweiflung! Elendes Verderben!
298
Dich sollten die nicht kennen, die da werben
299
Um edles Ende, denen ewig dürstet!
300
Obgleich kein breites Wissen mich gefürstet
301
Und ich nicht weiß, wie sich die Winde drehen,
302
Die hier- und dorthin auseinander wehen,
303
Was Menschen tief ersannen, und obgleich
304
Nicht helle Einsicht aus dem dunklen Reich
305
Der Seele kommt, besiegend jede Schranke,
306
Rollt doch vor mir ein Stern, ein Weltgedanke,
307
Der mich durchstrahlt und der mich frei gemacht,
308
Sodaß in mir ein klares Bild erwacht
309
Von Zweck und Ziel der Poesie; so klar
310
Ist mir dies Wissen wie: daß jedes Jahr
311
Vier Zeiten hat – so hell und fest gegründet
312
Wie auf dem Dom das Kreuz; und so verkündet
313
– O welch ein Feigling wär ich, wenn ich zagte –
314
Mein Mund getrost, was ich zu denken wagte.
315
Ach, lieber laßt mich wandeln blind und toll
316
Am Rand des schwarzen Abgrunds, lieber soll
317
Mein Schwingenpaar an Sonnenglut zergehen,
318
Daß ich kopfüber stürze! – Still, laß sehen!
319
Mein Innres mahnt zu mehr Bedachtsamkeit:
320
Ein dunkles Meer dehnt unermeßlich weit,
321
Besternt mit Inseln, seine breiten Wellen.
322
Welch rastlos Mühn! Welch ungeheures Schwellen!
323
Wie könnt ich je dies ganze Meer durchziehen!
324
Vermessenheit! Nun müßt ich auf den Knieen
325
Das widerrufen, was ... Unmöglich! Nein!
326
So will ich ruhig und bescheiden sein.
327
Mag dieser stürmende Versuch, der zart
328
Begann, verebben auf gleich sanfte Art,
329
Und Friede sei! Und herzlich sei gedacht
330
Der Freundschaft, die so hilfreich sanfter macht
331
Den rauhen Pfad zum Ruhm, der Brudergüte,
332
Die gern ihn schmückt mit mancher lieben Blüte, –
333
Des innigen Händedrucks, der Herzen bindet,
334
In Herzen tiefe Freudigkeit entzündet,
335
Daß unbewußt wohl ein Sonett entsteht
336
Und uns wie Traumwort von den Lippen weht,
337
Begeistrung weckt und andachtvolles Schweigen.
338
Ein ähnliches Empfinden mag sich zeigen,
339
Wenn wir mit kindlich ehrfurchtsvoller Hand
340
Aus seinem stillen Platz im Bücherstand
341
Ein sehr geliebtes Buch geholt und nun
342
Uns freun, den ersten Blick hineinzutun.
343
Kaum kann ich weiterschreiben, denn es heben
344
Sich Melodien, die Erinnern geben
345
An manches, was mich damals tief beglückte,
346
Als es zuerst die Seele mir entzückte:
347
Und es erscheinen mutige Gestalten,
348
Die sichern Griffs den heißen Renner halten –
349
Und Finger seh ich prächtige Locken teilen –
350
Und Bacchus wild zu Ariadne eilen.
351
Und vieles zieht aus flüchtigem Wort herauf,
352
Schlag ich versonnen ein Portfolio auf.
353
Derartige Dinge sinds, die eine Fülle
354
Von Bildern wecken: durch die Abendstille
355
Im Binsenwald des Schwans geruhiger Zug,
356
Im Dorngeheg des Hänflings hastiger Flug,
357
Ein durstiger Falter, der zur Rose fliegt
358
Und lustdurchbebt die goldnen Flügel wiegt,
359
Und manches Schöne mehr weiß ich zu finden;
360
Vor allem ihn mit seinen Mohngewinden,
361
Den stillen Schlaf, denn was an diesem Sang
362
Zu schätzen, dank ich ihm zumeist: der Klang
363
Geliebter Stimmen hatte Platz gemacht
364
Dem gleich geliebten Wort der stillen Nacht,
365
Und in die Kissen lehnt ich mich zurück
366
Und sann dem Tage nach und seinem Glück.
367
Es war in eines Dichters Haus; da haben
368
Geweihte Stätten alle Freudengaben.
369
Rings von den Wänden lächelten der alten
370
Und großen Barden ewige Gestalten
371
In Bild und Büste still einander an.
372
Wohl dem, der auf die Zukunft hoffen kann
373
Für seinen Liebling Ruhm! – Dann sah ich hier
374
Der Faune und der Satyrn wilde Gier
375
Im duftigen Weinlaub wühlen und mit kecken
376
Gebärden braune haarige Hände recken
377
Nach eines Apfelbaumes reifer Frucht;
378
Dann ragte eines Tempels Marmorflucht,
379
Zu dem ein Mädchenzug sich hinbewegte,
380
Auf grünem Teppich schöne Füße regte:
381
Die Lieblichste hielt hoch die weiße Hand
382
Dem Glanz des Sonnenaufgangs zugewandt;
383
Dann zweier Schwestern freundliche Gestalten,
384
Die sich bedächtig an den Händen halten,
385
Und zwischen ihnen tappt ein kleines Kind;
386
Und andre stehn und lauschen in den Wind,
387
Der tauiges Flötenspiel herüberbringt. –
388
Ein ander Bild: Diana nah umringt
389
Von kecker Nymphenschar im kühlen Bade!
390
Dorf wo das Wasser schaukelt ans Gestade,
391
Ist es von Wasserlinsen ganz verhangen
392
Mit grünem Schleier, der in tiefen, langen,
393
Rhythmischen Atemzügen steigt und fällt,
394
Ganz wie der Wasserspiegel ebbt und schwellt.
395
Auch Sappho stand mit halbem Lächeln dort,
396
Der sanften Stirne herber Ernst war fort,
397
Und milden Blicks und heitren Angesichts
398
Sah sie herab und lächelte ins Nichts.
404
Petrarcas Herzerschrecken und Erblassen
405
Beim Anblick Lauras, und sein Blick, der nicht
406
Von ihrem Antlitz läßt! O hier ist Licht
407
Und höchstes Glück, denn über ihnen waltet
408
Der Glanz der Poesie, und frei entfaltet
409
Sie ihre Schwingen und erschaut im Kreis
410
Viel Dinge, die ich nicht zu nennen weiß. –
411
Schon das Bewußtsein, wo ich war, genügte
412
Den Schlummer fern zu halten, doch es fügte
413
Sich überdies Gedanke an Gedanke
414
Und bannte mich, so daß des Morgens schwanke
415
Lichtpfeile mich noch immer wachend fanden,
416
Da bin ich frisch und fröhlich aufgestanden,
417
Um auszuführen, was ich mir ersann:
418
Dies Bildgewebe, das ich schlaflos spann,
419
Mir festzuhalten. Ist's nicht gut, so wißt,
420
Mir ist es lieb, weil es mein Odem ist.