Ein Morgen war, da sah ich drei Gestalten

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John Keats: Ein Morgen war, da sah ich drei Gestalten Titel entspricht 1. Vers(1819)

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Ein Morgen war, da sah ich drei Gestalten,
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Das Haupt gesenkt und Hand in Hand geschmiegt,
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Und wie sie feierlich vorüber wallten
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Mit sanftem Schritt, von weißem Kleid umwiegt,
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Wars so, als würde marmornes Gefäß
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Rundum gedreht, den Bildschmuck zu besehen,
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Bis daß des Reigens Anfang wiederkehrt;
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So kamen sie, dem Urnenbild gemäß.
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Und wie wir fremd vor mancher Urne stehen,
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So war auch hier Verstehen mir verwehrt.

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Wie kams, daß ich euch Schatten nicht erkannte?
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Wars Absicht, daß wie starres Maskenbild,
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Den Blick verhüllt, sich keine näher wandte,
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Damit nun Trägheit meine Tage füllt?
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Ihr stahlt euch fort; die Stunde trug so schwer:
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Wie Wolkenschwall kam Indolenz geschwommen,
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In Sommerseligkeit ertrank mein Blick,
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Und Leid und Freude schmolz im sonnigen Meer.
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Was mußtet ihr so mahnend wiederkommen?
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Entschwebt, und laßt mir nichts als nichts zurück!

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Sie nahten sich zum drittenmal und wandten
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Den Blick nach mir – und wandelten vorbei;
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Ich wollte folgen, meine Pulse brannten.
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Euch nach! so riefs in mir, ich kenn euch drei!
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Du bist die Liebe, erste – schönste Maid!
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Du zweite: Ehrsucht mit den bleichen Wangen
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Und müden Augen, – ach, sie schlummert nie!
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Du letzte, viel geschmäht in Haß und Streit,
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Von mir geliebt in schmerzlich süßem Bangen,
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Du bist mein Dämon – du bist Poesie!

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Sie schwanden – und ich sehnte mich nach Schwingen.
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O Torheit! – Liebe? Wem erblüht sie je? –
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Und Ehrsucht? Was kann arme Ehrsucht bringen?
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Was ist sie mehr als eine Wahnidee! –
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Und Poesie? Nein, so beglückt sie nie –
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Mich sicher nie – wie süße Sommerstunden,
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In die des Nichtstuns goldner Honig taut.
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O hinter Mauern seliger Lethargie
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Ein Leben leben, fern von Qual und Wunden,
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Von Tag und Nacht und hastigem Menschenlaut!

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Noch einmal nahten sie wie stumme Frage.
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Weshalb? Mit Träumen war mein Schlaf bestickt,
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Die Seele lag gleich buntdurchblühtem Hage,
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Von Sonnenglanz und Schattenspiel durchblickt;
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Der Morgen war bewölkt, sein Auge schwer
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Von Tränen, doch sie flossen nicht hernieder;
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Durchs offne Fenster lugte junger Wein,
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Drang Knospenglut und klangen Drossellieder –
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O Schatten! Geht und naht euch nun nicht mehr,
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Ich hatte keine Tränen euch zu weihn.

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Ihr könnt mein Haupt nicht heben, das im Grase,
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Im buntdurchblühten, kühl in Ruhe sank;
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Mich lüstet nicht nach Ruhm, nach Lobesphrase,
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Nicht Held zu sein in bürgerlichem Schwank.
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Verweht vor meinem Blick, seid noch einmal
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Wie alter Urne fremde Traumfiguren.
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Lebt ewig wohl! Noch hab ich für die Nacht,
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Noch für den Tag Visionen ohne Zahl.
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Phantome ihr, entschwebt in Wolkenfluren,
60
Mein Geist ruht aus, ihr habt ihn nicht in Macht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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John Keats
(17951821)

* 31.10.1795 in London, † 23.02.1821 in Rom

männlich, geb. Keats

britischer Dichter und Vertreter der englischen Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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