Das Verlohrne Paradies. Dritter Gesang

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John Milton: Das Verlohrne Paradies. Dritter Gesang (1760)

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Sey mir gegrüßet, heiliges Licht Diese Anrede unsers Dichters an das Licht, und die Klage über sei- ne eigne Blindheit, möchte vielleicht einigen strengen Kunstrichtern ein Feh- ler wider die Regeln der Epischen Poe- sie scheinen; wenn es indeß auch ein Fehler seyn sollte, so wird man ihn doch dem Poeten Dank wissen, da er zu so großen Schönheiten Gelegenheit gegeben, und uns mit seinen Umstän- den und seinem Gemüthscharakter ge- nauer bekannt macht. N.! Des schaffenden Himmels
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Erste Geburt! Mitewiger Stral vom ewigen Strale,
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Möcht ich so dich untadelhaft nennen; indem Gott das Licht ist
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Und nie anders, als nur in unzunahlichen Lichte
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5wohnte von Ewigkeit her; in dir also wohnte, du heller
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Ausfluß eines reinen, und unerschaffenen Wesens.
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Oder hörest du lieber den lautern ätherischen Strom dich
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Nennen? Die Quelle, wer kennt sie? Noch vor der Sonn’ und den Himmeln
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Warst du, und umhülltest, auf Gottes allmächtige Stimme,
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10Wie ein Mantel, die Welt der dunkeln nächtlichen Wasser,
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Welche heraufstieg, nachdem sie dem weiten unförmlichen Leeren
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Abgewonnen worden. Mit kühnern Schwingen besuch ich
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Jtzo dich wieder, nachdem ich den
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Obgleich lange genug in diesem finsteren Abgrund
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15Zu verweilen gezwungen. Auf meinem verwegenen Fluge,
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Welcher mich durch die äußerst’ und mittlere Finsterniß
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Sang ich mit andern Tönen, als
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Von der ewigen Nacht, und dem
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Unterrichtete mich, die dunkle Hinabfahrt zu wagen,
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20Und mich wieder herauf zu schwingen; so schwer, und so selten
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Dieses Unternehmen auch ist. Gerettet, besuch ich
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Jtzo dich wieder; und fühl ich die herrschende Lebenslampe:
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Aber du besuchst mich nicht wieder; nicht wieder die Augen,
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Die vergeblich sich rollen, um deine durchdringenden Stralen
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25Wiederzufinden; sie finden sie nicht! und keine Dämmrung
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Bricht zu ihnen hindurch; so hat ein verfinsternder Tropfen,
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Oder ein trübes Gewölke, die helle Scheibe verhüllet.
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Dennoch hör ich nicht auf, an lieblichen Oertern zu wandeln,
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Welche die Musen bewohnen; an klaren rieselnden Quellen,
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30Oder im schattichten Hain, und auf dem sonnichten Hügel,
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Von der Lieb entzündet zum heilgen Gesange. Besonders
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Komm ich, o
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Zu den blumichten Bächen, die deine geweihten Wurzeln
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Waschen, und murmelnd über sie fließen. Indem ich nicht selten
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35An den blinden Thamyr, und blinden Möonides Mäonides ist Homer, von seinem Vater Mäon also benamt, und ist es kein Wunder, daß unser Dichter dem an Nachruhm gleich zu seyn wünschte, dessen Schriften er so fleißig gelesen, bewundert, und nachgeahmt. Tha- myris ist nicht so bekannt. Homer gedenkt seiner Jl. II. 595. und Eusta- thius setzt ihn mit dem Orpheus und Musäus unter die berühmten Poeten und Tonkünstler. Tiresias von The- ben, und Phineus, König von Ar- kadien, waren beyde blinde Dichter und Propheten des Alterthums; dann das Wort Prophet bedeutet oft bey- des zugleich, wie im lateinischen Va- tes. N. denke,
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(sie, die Beyden, im Schicksal mir gleich, o möcht ich im Nachruhm
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Jhnen so gleich seyn!) und jene der alten Weissager,
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Und
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Welche von selber harmonisch fließen; dem Vogel der Nacht gleich,
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40Der in dicker Finsterniß sitzt, und unter der Decke
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Hoher Schatten sein nächtliches Lied ertönen läßt. Also
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Kehren die Jahreszeiten zurück, doch kehret der Tag nicht
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Mir zurück, noch die süße Ankunft des Abends und Morgens;
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Noch der Anblick der Frühlingsblume, der Rose des Sommers,
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45Oder der Heerden; und nicht des Menschen göttliches Antlitz.
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Sondern statt dessen umringt mich ein immerwährendes Dunkel,
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Dick als Wolken; ich bin vom holden Umgang der Menschen
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Abgeschnitten; an statt des Buchs der schönen Erkänntniß,
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Liegt nur ein weißes Blatt vor mir da; die herrlichen Werke
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50In der Natur, sind für mich getilgt, und ausgelöscht worden,
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Und die eine Pforte der Weisheit ist ganz mir verschlossen.
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Scheine du also, himmlisches Licht, in mir desto stärker,
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Und bestrale durch alle Kräfte die hellere Seele!
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Pflanze du Augen allda; zerstreue die finstern Nebel,
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55Die sie umhüllen; und weihe sie dir; damit ich, gereinigt,
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Dinge seh, und erzehle, der Sterblichen Augen unsichtbar!

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Und der allmächtige Vater wandt itzo vom stralenden Throne,
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(wo er im reinesten Empyreum hoch über den Himmeln,
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Ueber alle Hoheit erhöht sitzt; die Augen hernieder,
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60Seine Werk', und ihre, mit Einem Blick zu beschauen Das ist, die Werke seiner eignen Werke, die Verrichtungen seiner eignen Geschöpfe, der Engel, Menschen, Teu- fel. N..
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Um ihn her standen die Heilgen des Himmels, so dicht als die Sterne,
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Und genossen von ihm und seinem göttlichen Anschaun
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Wonn’ ohn’ Ende. Sein einziger Sohn, als seiner Ehre
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Stralendes Ebenbild
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65Unsre beyden Stammeltern erst, die einzigen Zwey noch
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Von dem Menschengeschlecht; in jenem glücklichen Garten,
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Wo sie unsterbliche Früchte von Lieb’ und von Freuden genossen;
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Ununterbrochne Freuden, und unbeneidete Liebe,
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In glückseeliger Einsamkeit. Dann sah er die Hölle,
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70Und den Golfo dazwischen; sah, wie dort Satan des Himmels
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Mauren von dieser Seite der Nacht bestrich, in der hohen
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Dunkeln Luft; und bereit itzt war mit ermüdeten Schwingen,
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Und mit willigen Füßen sich auf der unfruchtbaren Seite
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Dieser Welt herunter zu lassen, die festes Land schien
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75Ohne Firmament; ob im Ocean, oder der Luft, war
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Ungewiß. Als ihn Gott sah von seiner erhabenen Aussicht,
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Wo er alles, was war, und was ist, und was seyn wird, erblicket;
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Sprach er vorhersehend also zu seinem einigen Sohne:

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Siehst du, mein einziger Sohn, welch eine wüthende Rachsucht
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80Unsern Gegner entflammt, den keine bestimmten Gränzen,
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Nicht die Riegel der Hölle, noch alle Ketten, die dorten
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Auf ihn gehäuft sind — den selbst des Abgrunds gewaltige Klüfte
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Nicht zurückhalten können? So scheint er, voller Verzweiflung,
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Fortgerissen zur Rache; doch falle die Rache zurücke
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85Auf sein eignes rebellisches Haupt! Er fliegt itzt, nachdem er
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Alle Hindernisse gebrochen, nicht ferne vom Himmel,
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Durch die Vorbezirke des Lichts, gerade herunter
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Nach der neuerschaffenen Welt, und dem Menschen, dem ich sie
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Eingeräumet zur Wohnung; er sucht mit Gewalt ihn entweder
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90Zu zerstören; und fehlt er in dieser schmeichelnden Hoffnung,
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Will er ihn, welches noch schlimmer, mit falschem Betruge verführen;
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Und er wird ihn verführen. Der Mensch wird den gleisenden Lügen
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Willig Gehör verleihn; mein einzigs Gebot übertreten,
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Seines Gehorsams einziges Pfand. Und so wird er fallen
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95Er, und sein ganzes treulos Geschlecht. Und was ist die Ursach,
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Wer hat Schuld, als er selbst? Er hatte, der Undankbare,
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Was er von mir nur haben konnte. Gerecht und aufrichtig
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Schuf ich ihn; vermögend zu stehn, doch frey auch, zu fallen.
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Und so hab ich sie alle geschaffen, die Geister des Himmels,
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100Beyde die stunden, und fielen. Frey stunden die, welche gestanden,
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Und frey fielen die, welche gefalln. Wie konnt ich von ihnen,
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Ohne Freyheit, aufrichtige Proben von treuem Gehorsam
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Oder beständiger Lieb’ erwarten, wofern sie nur thaten,
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Was sie thun mußten, und nicht was sie wollten? Wie konnten von mir sie
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105Einiges Lob verlangen? Was konnt ich an solchem Gehorsam
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Für Gefallen empfinden, an solchem gezwungnen Gehorsam
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Wo die Vernunft, (Vernunft auch ist Wahl) und mit ihr der Wille,
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Beyde vergeblich, unnützlich, der Freyheit beyde beraubet,
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Beyde nur leidend gemacht, der bloßen Nothwendigkeit dienten
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110Und nicht mir. Ich habe sie also mit Recht so erschaffen,
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Und sie können mit Grunde nicht ihren Schöpfer verklagen,
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Jhre Schöpfung, oder ihr Schicksal; daß ihren Willen
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Eine Vorherbestimmung, ein unwidertreiblicher Rathschluß,
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Oder hohes Vorwissen zwang. Sie selber beschlossen
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115Jhren Abfall, nicht ich; wußt ich vorher ihn Dies soll nicht die geringste Ungewißheit anzeigen, sondern bedeutet nur, ob ich gleich vorher ihn gewußt. N., so hatt' es
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Keinen Einfluß in ihren Fehler, der immer erfolgte,
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Wenn ich auch nicht vorher ihn gewußt. So sind sie gefallen
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Ohne den mindesten Antrieb, ohn’ einigen Schatten vom Schicksal
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Oder durch etwas, so ich unhintertreiblich vorhersah.
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120Sie sind selber von allem die Urheber, was sie erkennen,
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Was sie erwählen; so schuf ich sie frey; frey müssen sie bleiben,
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Bis sie selber sich fesseln. Sonst müßt ich ihr Wesen verändern,
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Und den erhabnen, ewgen, unwidertreiblichen Rathschluß
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Wiederrufen, der frey sie erklärte; sie selber beschließen
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125Jhren Fall. Es fielen die ersten durch eigenen Antrieb,
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Und verführten sich selber, verderbten sich selber. Der Mensch fällt
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Durch die ersten betrogen. Der Mensch soll dieserhalb Gnade
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Finden, die andern nicht. So wird mein Ruhm in dem Himmel,
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Und auf Erden, an Gnade sowohl, als Gerechtigkeit, leuchten;
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130Aber zuerst und zuletzt soll die Gnad' am hellesten scheinen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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