Ein Herz tut weh, und schläfriges Erlahmen

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John Keats: Ein Herz tut weh, und schläfriges Erlahmen Titel entspricht 1. Vers(1819)

1
Ein Herz tut weh, und schläfriges Erlahmen,
2
Als hätt ich Gift getrunken, quält mich sehr.
3
Betäubte mich ein Trank aus giftigen Samen?
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Mich hüllt Vergessenheit, ich weiß nichts mehr.
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Doch ist's nicht Neid auf dein so glücklich Los –
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Nur füllt so schwer mit Glück dein Glück mich an:
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Daß du, des Walds beflügelte Dryade,
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In lieblich kühlem Schoß,
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Im Schatten, den das Buchengrün dir spann,
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Der Freiheit jubeln kannst, der Sommergnade.

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O Wein jetzt! Jungen Wein, den Erde kühlte,
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Den dunkelkühl ein langes Jahr gereift,
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Der sonngebräunten Frohsinn tanzen fühlte,
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Und der des Provençalen Lied begreift;
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O einen Becher warmen Südens jetzt!
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O Hippokrene, die zum Rande schäumt
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Und gern und gut Begeisterung bereitet
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Mit Lippen rot benetzt,
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Dich will ich trinken, daß ich ungesäumt
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Zum Wald entschweben kann, von

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Entschweben, ganz vergehn – und ganz vergessen,
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Was du in deinem Walde nie gekannt:
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Die Menschennot, die Mühen unermessen,
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Das Sorgenfieber, das die Herzen bannt;
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Du weißt nicht, wie gelähmtes Alter stöhnt,
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Wie Denken immer nur Sich-härmen heißt,
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Wie Jugend bleicht und schleicht und siecht und schwindet,
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Und wie Verzweiflung höhnt,
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Wo Schönheit, wenn ihr Blick das Leben preist,
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Um Liebe weinen lernt und bald erblindet.
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Hinweg! Zu dir! Doch soll nicht Bacchus Wagen
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Mit Pantherkraft mich ziehn, nein! Poesie
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Soll mich auf unsichtbaren Schwingen tragen,
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Drückt auch dies Hirn noch müde Apathie.
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Schon bin ich bei dir! Milde ist die Nacht,
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Und Luna thront mit lächelndem Gesicht
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Und überblickt ihr Sternenvolk voll Gnade,
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Doch hat sie hier nicht Macht:
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Nur manchmal bläst ein Windhauch etwas Licht
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Durch grüne Dämmernis auf moosige Pfade.

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Ich sehe nicht, was blüht zu meinen Fußen,
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Welch süßer Balsam rings an Zweigen hängt;
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Doch auch im Dunkel ahn ich, was an süßen
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Duftwellen atmend in die Mainacht drängt
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Aus wildem Beerenbaum und Gras und Strauch:
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Ich atme Weißdornduft und Rosenblühn
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Und Veilchen, die in Blätterbetten sterben,
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Und Moschusrosen auch,
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In denen morgens bunte Tropfen glühn
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Und abends Sommerfliegen sich umwerben.

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Im Dunkel lausche ich; und wie Verlangen
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Mich oft schon faßte nach dem stillen Grab,
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Wie ich dem Tod, mich herzlich zu umfangen,
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Schon oft in Liedern liebe Namen gab,
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So scheint mir Sterben jetzt besonders schön.
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Ach, schmerzlos mich zu lösen in die Nacht,
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Indeß dein Sang in heiligen Ekstasen
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Beschüttet Tal und Höhn
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Und doch mein Herz nicht höher schlagen macht,
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Das nur als Duft noch schwingt im blumigen Rasen.

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Du Vöglein wurdest nicht zum Tod geboren!
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Nein, dich zertritt kein hungerndes Geschlecht.
63
Was diese Nacht mir tönt, sang in die Ohren
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Dem ersten König schon, dem ersten Knecht,
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Und ist vielleicht derselbe Sang, der tief
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Der heimwehkranken Ruth zum Herzen klang,
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Als sie in Tränen schritt durch fremde Gassen,
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Derselbe Sang, der tief
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Bezaubernd sich um Märchenschlösser schwang
70
Und Feenreiche, die nun längst verlassen.

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Verlassen! Ach, dies Wort ist wie das Klingen
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Trostloser Glocken, das zu mir mich mahnt!
73
Auch Phantasie kann nicht Erlösung bringen,
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Wenn ihr nicht Hoffnung einen Weg gebahnt.
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Lebwohl! Lebwohl! Dein Schmerzgesang entschwebt
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Zum Wiesengrund aus Waldes hohem Dom,
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Ins Tal hinab und schweigt am dunklen Bache.
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Ward mir ein Traum belebt?
79
Betrog die wachen Sinne ein Phantom?
80
Wer sagt mir, ob ich schlafe oder wache!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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John Keats
(17951821)

* 31.10.1795 in London, † 23.02.1821 in Rom

männlich, geb. Keats

britischer Dichter und Vertreter der englischen Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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