Schreiben Monsieur Tr. an Men

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Christian Friedrich Hunold: Schreiben Monsieur Tr. an Men (1701)

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Wehrter Freund/ Du hast mir offt gesagt/
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Die Liebe sey ein Meer verwirrter Eitelkeiten.
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Du sprachst: Wer sich hierauf aus bloßer Wollust wagt/
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Dem muß es mehrentheils den Untergang bereiten.
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Und schiffet man zuletzt gleich in den Hafen ein;
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So muß die Landung doch auch selbst ein Schiffbruch seyn.

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Geehrter Freund/ mein Geist begreist nun deinen Sinn/
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Und wie den Unterricht der Tugend Zweck gewiesen.
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Jedoch die schönste Zeit ist meistentheils dahin/
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Da ich zwar allezeit die Klugheit hoch gepriesen;
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Doch mein bestricktes Hertz/ dem dein Verstand gebrach/
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Erkandte nicht/ was hier bey dir die Freundschafft sprach

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Es war mir alles rein/ was du so weit verwarfst.
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Ist Freundschafft/ sprach mein Hertz/ ist lieben ein Verbrechen?
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Und siehe/ daß du mir in allen trauen darfst/
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So lobt ich meine Glut/ und pflegte wohl zu sprechen:
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Ich liebe Tugendhafft/ und liebe was mich liebt/
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Diß ist mein Paradieß/ so mir der Himmel giebt.

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Ich liebe/ wie man nur in Unschuld lieben kan/
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Ich find ein schönes Kind/ mit ihr ein neues Leben.
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Ich bete sie fast mehr/ als wie den Himmel an/
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Mir kan ein Liebes Kuß das gröste Labsal geben.
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Die Tugend bleibt hierbey der Hertzen Unterpfand/
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Ich liebe sie/ sie mich/ und beyde mit Verstand.

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Doch da die Schlange so in meinen Busen schlich/
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Und mein sonst kaltes Hertz die Flammen wolte mehren/
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Versetzte sie der Brust den nie geglaubten Stich.
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Es muste Gifft und Pein die heißen Adern nehren.
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Und endlich merck ich erst/ daß dieses gantz gewiß/
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Was dein erfahrner Mund mir vormahls hören ließ.

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Mein sonst Vergnügter Geist war allzeit mißvergnügt/
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Er labte sich nicht mehr an keuschen Freundschaffts-Küßen.
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Die Wolluft hatte mich nun gantz und gar besiegt.
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Ich wolte noch was mehr und etwas rarers wißen.
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Und als die freche Faust verbohtne Rosen brach/
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Verlacht ich doch den Dorn/ der mein Gewißen stach.

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Der gantz verirrte Sinn hieß annoch alles gut.
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Vergib/ ich werde sie hinfort
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Denn da ihr gantzes wohl auf ihrem Nahmen ruht:
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Befiehlt mir der
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Ja das/ was ich und sie noch ferner hin gethan/
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Zeigt unsre Fehler zwar/ doch wenig Tugend an.

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Wir lebten also noch in unsrer Liebe fort.
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Da/ wo
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Zu letzt beliebte sie mir ihr
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In meinen Augen war sie gantz alleine schön.
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Und kurtz/ nun wolte Glück und Fall beysammen stehn.

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Der Wechsel/ welcher uns am angenehmsten ist/
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Der Unbestand so meist bey allen Schönen wohnet.
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Die Zeit/ die offt was Treu und redlich heißt/ vergißt/
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Und alles/ was die Brust mit eitel Schmertz belohnet/
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Fand sich auch noch zu letzt bey unsern Lieben ein/
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Und musten mehr vor mich als tausend Hencker seyn.

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Nun stürtzte mich das Glück vom Anmuhts-Gipfel rab/
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Vor mein gelobtes Land must ich die Wüsten sehen.
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Es hieß ihr Wanckelmuht mich ins Verderben gehen.
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Und was
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Fieng sie hernach mit mir/ nur etwas klüger an.

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Es sagt ein guter Freund/ so mich aufrichtig liebt/
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Sie pflege seine Hand an ihre Brust zu drücken.
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Was bey
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Hierein/ versichert er/ kan er sich selbst nicht schicken.
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Sie ist vergnügt/ wenn sie in seinen Armen ruht/
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Und mißvergnügt/ wenn er nur etwas blöde thut.

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Wiewohl es schweigt der Kiel/ da sonst mein redlich Hertz/
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Bey der Erinnerung sich fast zu weit vergehet.
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Doch da ein anderer bey jener schönen stehet:
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So schlag' ich mir mit Recht
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Da ich nicht gantz allein in ihrem Hertzen bin.

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Es muß ein edler Geist sein eigner Meister seyn/
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Es mag
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Mein Leben bleibt hierdurch von Wollust-Flecken rein.
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Ich will nunmehr mit Lust Großmühtig sie verachten
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Gnug/ daß ihr leichter Sinn/ der auch zu Stümpern steigt/
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Mir nun den rechten Weg zur wahren Klugheit zeigt.

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So fieng sich Wehrter Freund/ die erste Neigung an:
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So hatte kaum der Mund das Honig-seim genoßen/
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Da spürt ich bald darauf/ wie Galle schmecken kan/
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Und wie aus
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Und endlich hab ich nun mehr als zu spät erkennt:
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Daß Klugheit schlechter Rauch/ wo Liebes-Feuer brennt.

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Gewiß/ ich werde so/ als wie die meisten klug.
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Mein Schaden muß mich auch zu Wahrer Kenntniß bringen.
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Durch schnöder Wollust-Trieb/ durch Weiblichen Betrug/
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Muß ich mich an den Pol Wahrhaffter Tugend schwingen.
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Verdient mein Lieben gleich gar einen schlechten Preiß:
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So hilfft es doch/ daß ich/ was gut und böse/ weiß.

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Man spricht von alle dem/ als wie ein kleines Kind/
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Das nichts wahrhafftes weiß/ und dennoch etwas nennet/
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Wo nicht Erfahrenheit und Wißen einig sind/
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Wo man die Tugend nicht/ so wie die Liebe kennet.
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Die Tugend/ die verhaßt/ wenn
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Hat bey dem Klügsten offt am Ende noch gesiegt.

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Allein/ mein Hertzens-Freund/ aus Tugend wird hinfort
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Der Liebe schlauer Trieb nicht in dem Hertzen rasen.
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Ich suche nun mit dir der Tugend sichern Port.
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Verstand und Klugheit soll in meine Seegel blasen.
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Es geht mein Schiff nicht mehr nach
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So lang ich unter dir/ und ein

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Friedrich Hunold
(16811721)

* 29.09.1681 in Wandersleben, † 16.08.1721 in Halle (Saale)

männlich, geb. Hunold

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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