1
Dein Auge wend' auf dich/ ich mein' auf deine Sünden/
2
Auf deine Schwachheit selbst/ und was an dir zu finden.
3
Erklär' in bösen nicht diß was dein Nechster thut/
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Schau nicht/ ob andre schlimm/ nein ob du selber gut.
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Die Mühe bleibt umsonst/ in solchen Urtheil fällen/
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Man irrt und kan sich offt/ was falsch/ vor Augen stellen.
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Und deßen Zunge stets ein kühnes Urtheil spricht/
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Den stellt sein böses Hertz vor Gottes Zorn-Gericht.
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Erbaulich aber ist/ sich selber anzusehen/
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In Demuht in sein Hertz/ sein eigen Hertz zugehen.
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Zuschauen was uns fehlt/ welch Laster uns gemein.
12
Sein eigner Kenner erst/ denn Richter auch zu seyn.
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Woher mag aber doch ein schlimmes Urtheil rühren?
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Aus Liebe/ denn ich möcht ihn gern zum guten führen/
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So spricht des Tadlers Mund; doch fühlt sein Hertz hierbey/
16
Wie kalt die Lieb' in ihm/ wie heiß die Feindschafft sey.
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Wie/ daß man andere unordentlich will nennen/
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Da Sinnen und Gemüht die Ordnung selbst nicht kennen?
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Mit einem Krancken komt ein Neider überein/
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Dort ist der Leib zuschwach/ hier der Verstand zu klein.
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Wenn unsre Meinung gut/ und nur auf Gott gerichtet/
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Wenn man so himmlisch ist/ daß man sich selbst zernichtet/
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Die weil man Erd und Staub/ so wird man nicht so leicht/
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Bey fremder Tadelsucht vom Brand des Zorns erreicht.
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Allein so sind wir nicht/ und andere desgleichen.
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Die Neigung/ die sich muß in unsre Hertzen schleichen/
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Ein Gegenstand/ so uns von außen an sich zieht/
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Das ist der Grund/ aus dem man jedes Urtheil sieht.
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Die meisten meinen zwar/ sie kennten ihr Gewißen/
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Daß sie kein eintzigmahl zu prüfen sich beflißen.
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Sie dencken: sind wir nur in allem wohl beglückt/
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So sey der Seelen Fried in ihre Brust gerückt
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Allein/ wenn Sturm entsteht/ wenn die Verdrießlichkeiten/
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Die ein Gerücht erweckt/ zu ihren Ohren schreiten/
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So dringt ein jedes Wort/ das ihren Ruhm verletzt/
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Ins Hertz als wär es da in Marmor eingeätzt.
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Inzwischen aber wird nur andern bey gemeßen/
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Daß sie unruhig sind/ daß sie der Haß beseßen.
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Ihr Seelen-Friede spricht nicht eher wieder ein/
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Biß/ welch Gewißen doch/ sie vorgerochen seyn.
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Ach Herr/ wer hat die Schuld/ wenn uns die Unruh plaget?
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Nur der Begierden Macht/ die unsre Hertzen naget.
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Glückseelig/ welcher nicht nach seinem Willen thut;
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Und deßen wohl in Gott/ und keinem Menschen ruht.
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Wer lange Zeit gewohnt nach seinem Sinn zu leben;
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Der findet viele Müh/ ihm recht zu wiederstreben;
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Wer wieder Willen soll auf andern Wegen gehn/
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Der läßet viel Verdruß bey seiner Leitung sehn.
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Ein Himmlisch Feuer soll die kalten Hertzen nehren.
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Herr deine Flamme muß die Eigen-Lust verzehren.
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Es hebt uns deine Hand/ sind wir dir unterthan/
52
Weit über die Vernunfft/ weit über allen Wahn.