Streit der Keuschheit und Liebe. Serenata

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Johann Georg Gressel: Streit der Keuschheit und Liebe. Serenata (1716)

1
Augen/ die dem Glantz der Sonnen
2
Mehr als doppelt abgewonnen/
3
Müssen meine Fackeln seyn.
4
Solche Blicke zu verstricken/
5
Daß sie gleich ein Hertz berücken
6
Gebe ich den
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Augen/ die den Glantz der Sonnen
8
Mehr als doppelt abgewonnen
9
Müssen meine Fackeln seyn.

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Ich zwinge alle Welt
11
Zu meiner süssen Dienstbarkeit/
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Ein Hertz von Stein und Stahl/
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Wird bald durch einen Strahl/
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Und holden Blick gefält.
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Es kan sich keiner retten/
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Aus meinen starcken Ketten.
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Zu mahl da solche Schönen
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Zu meinem Dienst bereit/
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Die Pracht und Anmuht kröhnen.
20
Auch keine Lust/
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Jm Himmel und auf Erden/
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Kan einer Brust
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Beliebter werden/
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Als wenn man liebt/
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Und Schönheit wieder Küsse giebt.

26
Wo reine Zucht und Tugend blüht/
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Da ist der Himmel auf der Erden.
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Nichts giebt dem klugen Frauen-Zimmer
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Mehr Ruhm und grössern Tugend-Schimmer/
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Als wenn die Keuschheit sich bemüht/
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Daß es zur Göttin möge werden.
32
Wo reine Zucht und Tugend blüht
33
Da ist der Himmel auf der Erden.

34
Wer in vergnügter Ruh
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Den Frühling seiner Jahre
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Wil in der Blühte sehn/
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Der gebe ja kein Lieben zu/
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Sonst fält er zeitig auf die Bahre/
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Und muß in kurtzer Zeit vergehn.

40
Liebe ist die Pest der Seelen/
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Liebe ist ein scharffes Gifft;
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Zucker scheint sie zwar zu seyn/
43
Doch der herbe Wermuhts-Wein/
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Muß zuletzt die Geister quählen.
45
Liebe ist die Pest der Seelen/
46
Liebe ist ein scharffes Gifft.

47
Wie!
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Ist
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Kennt ihr
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Wo ihr offtmahls mit Begier
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Gantze Nächte habt gesessen/
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So daß auch das Sternen-Heer/
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Euch von euren süssen Küssen/
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Hat zurücke ruffen müssen/
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Wenn des Brudern güldner Schein
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Ließ die Berge feurig seyn.

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Was Götter und Menschen mit Anmuth ergötzet/
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Was Himmel und Erden mit Wollust vergnügt/
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Sind eintzig der Liebe
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Annehmliche Triebe.
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Was Götter und Menschen/ was alles besiegt/
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Ist eintzig die Liebe/ die lieblich verletzet.

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Die
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Denn wo die Augen Sonnen/
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Und wo die Schönheit blitzt/
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Da muß sich alles biegen/
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Ich selbst muß unterliegen
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Mein Ansehn mich nicht schützt.
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So offt
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Mich hat verletzet/
71
So offte hat mein Heyl
72
Die

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Wer kan ihr nun widerstehen?
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Da den Donner-Gott sie zwingt.
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Wer kan ungefesselt sehen
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Wunder-schöne Augen an?
77
Die mit Anmuht an gethan.
78
Wer kan ihr nun wiederstehen/
79
Da den Donner-Gott sie zwingt?

80
Nun Mutter seyd vergnügt/
81
Auch unser Freude zu vermehren/
82
So lasse ich mich jauchtzend hören.

83
Ich muß zu meinem Siegen
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Mich freudig zu dir fügen.

85
Jo! jo!

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O! ungerechtes Siegen.
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Jhr Thränen brecht hervor/
88
Jhr Augen weint/
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Beweint mein Ungelücke/
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Das widrige Geschicke
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Hebt
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Und läst mich niederliegen.
93
Der Keuschheit ist man feind;
94
Ob schon der Schönheit-Strahlen
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So Wang’ als Brust bemahlen/
96
So ist man doch nicht schön;
97
Weil man die Keuschheit liebet/
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Und nicht das Buhlen übet.
99
Ach! ach! ich muß vergehn.
100
O! ungerechtes Siegen/
101
Die Keuschheit soll darniederliegen.

102
Jhr Schönen sucht ihr ein Vergnügen/
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So bleibt der Freyheit zu gethan/
104
Denn wird euch keine List besiegen/
105
Wie schlau sie es auch fänget an:
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Da/ wo verliebte Geister weinen
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Könnt ihr vergnügt alsdenn erscheinen.
108
Jhr Schönen sucht ihr ein Vergnügen/
109
So bleibt der Freyheit zugethan.

110
Wie so verzagt
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Jhr steckt im falschen Wahne/
112
Die Keuschheit bleibt geehrt/
113
Die Liebe wird gepriesen/
114
Wenn ihr den Argwohns-Riesen
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In einen Zwerg verkehrt/
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So zeigt sich/ daß die Liebe
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Der Schön-und Keuschheit Schwester ist.
118
So bin ich schon vergnügt/
119
Jhr Augen lacht/ seyd nicht mehr trübe/
120
Ich habe mit gesiegt.

121
Keuscher Seelen ihr Ergötzen/
122
Kan gantz wol die Liebe seyn.
123
Wer sich Tugendhafft verliebt/
124
Ein berühmtes Beyspiel giebt
125
Zu den Sternen sich zu setzen.
126
Keuscher Seelen ihr Ergötzen
127
Kan gantz wol die Liebe seyn.
128
Cupido.Frau Mutter seyd vergnügt/
129
Wir siegen und verliehren/
130
Zwey angenehme Schönen/
131
Die Zucht und Schönheit ziehren.
132
Die machen/ daß ihr siegt/
133
Und wollen auch

134
Selbst die Vollkommenheit lobt dis Geschwister/
135
Sie sind an Zucht und Schönheit schön/
136
Die Augen sind der Liebe-Spiegel/
137
Jhr Strahl durchdringet Stein und Riegel/
138
Die Wangen voller Rosen stehn.
139
Selbst die Vollkommenheit lobt dis Geschwister/
140
Sie sind an Zucht und Schönheit schön.

141
Diese Schönen sollen werden
142
Auf der Erden/
143
Was ihr in dem Himmel seyd.
144
Doch mit diesem Vorzugs-Rechte/
145
Daß eure Eigenschafften
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An jeder müssen hafften.
147
Es steige ihr Geschlechte
148
An Ruhm und Würdigkeit/
149
Bis an die blauen Bühnen/
150
Die uns zur Wohnung dienen.

151
Tutti.So scheint ihr angenehmen Sonnen
152
Zu dieser Stadt Zufriedenheit
153
Jupiter.Das Glücke selbsten soll euch dienen/
154
Diana.Niemahls sey eur Vergnügen weit.
155
Venus.An Schönheit müst ihr täglich grünen/
156
Cupido.Euch soll einjeder Dienstbahr seyn/
157
Mercurius.Kein Neid verdunckle euren Schein.
158
Tutti.So scheint ihr angenehmen Sonnen
159
Zu dieser Stadt Zufriedenheit.

(Celander [i. e. Gressel, Johann Georg]: Verliebte-Galante/ Sinn-Vermischte und Grab-Gedichte. Hamburg u. a., 1716.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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