Von dem Hoff- und Stadt- Leben

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz: Von dem Hoff- und Stadt- Leben (1700)

1
Du zweiffelst wie ich seh/ mein Freund nicht mehr daran/
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Daß nur allein der Hoff dich glücklich machen kan.
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Dein Schluß wird hochgerühmt von allen Handwercks-
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Die mit einander schon um deine Kundschafft streiten/
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Weil so ein edler Trieb in deiner Seele brennt/
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Der/ was dir GOtt beschert/ dem armen Nechsten gönnt/
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Und länger nicht den Schatz/ den vormals deine Alten/
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Aus Einfalt beygelegt/ der Welt wil vorenthalten.
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Es wünscht die halbe Stadt den Eltern sanffte Ruh/
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Und rufft dem Erben Glück und viel Vermögen zu/
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Der kein Bedencken trägt/ wenn er/ den Hoff zu zieren/
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So vieler Jahre Frucht in einem sol veriieren/
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Und manches Künstlers Hand durch sein Erfinden übt/
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Das dem verlegnem Gold ein neues Ansehn giebt.
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Verzeih mir/ daß ich offt durch freyes Widersprechen/
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Den Vorsatz/ den du hegst/ gesucht zu unterbrechen/
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Und daß dir/ werther Freund/ mein allzu kühner Raht/
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Die Ruhe des Gemüths bißher verzögert hat.
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Es ist schon lange Zeit/ daß ich von denen Stuffen/
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Die du betreten wilst/ zurücke bin geruffen/
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Drum bild ich mir vielleicht den Welt-Lauff ärger ein/
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Als wie er in der That nicht mag beschaffen seyn.
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Man hat indessen viel von Unbestand gehöret;
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Vielleicht hat sich das Glück/ wie alles umgekehret/
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Ist nun der Tugend hold/ und keinem ungetreu/
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Beschämt des Mahlers Hand und Tichters Phan-
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Die ihm zu stetem Hohn manch schändlich Bild erfun-
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Ja selbst mit finsterm Flohr die Augen zugebunden/
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Und führt uns Sterblichen dich zum Exempel an/
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Daß es Verdienste sieht/ und auch belohnen kan.
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Ich seh schon/ wie mich dünckt/ mit hertzlichem vergnü-
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Dich jungen - - - dem Glück im Schooße liegen/
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Wie manch entlegnes Land sich freuet oder kränckt/
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Nachdem dein kluger Spruch die Waageschale lenckt;
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Und wie der blosse Schein/ mit gnädigstem Belieben/
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Von seinem grossen Staat dem Fürsten übrig blieben/
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Der wie ein zartes Kind/ das an die Brust gewehnt/
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Bey Tag und auch bey Nacht sich ängstlich nach dir sehnt.
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Wolan es müsse nichts als Seegen auf dich schneyen/
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Und die getroffne Wahl dich nimmermehr gereuen!
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Sylvander dieser Wunsch der ist zwar wol gemeynt/
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Und alles Danckens werth/ doch wilst du/ wie es scheint/
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Daß ich sol einen Stich von deinem Schertz empfinden/
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Und kanst den kleinen Groll so leicht nicht überwinden/
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Daß ich für dieses mahl nicht deiner Meynung bin/
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Da doch ein jeder Kopff hat seinen eignen Sinn.
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Doch mercke mit Gedult/ was mich dazu bewogen:
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Vor diesem wär ich gern den Waffen nachgezogen/
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Wenn nur mein Vater nicht mir den Compas verrückt/
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Nun bin ich gar zu alt zum Krieg/ und ungeschickt
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Der jenigen Befehl in Demuht anzuhören/
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Die offt des Himmels Zorn erhebt zu hohen Ehren.
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Denn leyder! mancher bringt ein Fähnlein auf die Welt/
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Wird auf der Ammen Arm als Hauptmann vorgestellt/
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Und kriegt/ eh er verdient im Schilderhauß zu stehen/
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Den Feind zum ersten mahl als Obrister zu sehen;
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(wiewol ein solcher Held/ der nur sein theures Blut
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Zum Aderlassen spart/ nicht grosse Wunder thut/
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Und wenn ihm nichts gefehlt/ als Mandeln und Musca-
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Wol eh’ aus Blödigkeit hat Land und Stadt verrathen.)
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Ja sprichst du: folge dem/ was jener Weise schreibt:
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Wol dem der weit entfernt von fremden Händeln bleibt!
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Der nach der Alten Brauch mit seinen eignen Zügen
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Das väterliche Feld bemüht ist zu bepflügen;
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Den nicht der Wucher-Geist mit tausend Sorgen schreckt/
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Den nicht ins Harnisch jagt/ noch aus dem Schlaafe
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Das greßliche Gethön der lermenden Trompeten/
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Der auf der wilden See nicht schwebt in Todesnöthen/
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Der nichts zu rechten hat/ und der nicht mit Verdruß
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Für grosser Leute Thür/ ihm Schutz erbitten muß.
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Ich schelte keinen nicht/ dem ein so stilles Leben/
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In solchem engen Raum kan ein Vergnügen geben/
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Und wünsche daß vielmehr/ Thau/ Wind und Sonnen-
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Und Regen/ allemahl ihm mögen dienstbar seyn.
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Man wird verhoffentlich mir wiederum vergönnen/
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Daß ich solch Lust-Revier mag eine Wüste nennen/
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Wo sich der Müßiggang/ dem für dem Menschen graut/
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Streckt zwischen träges Vieh auf eigner Beerenhaut/
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Und wo wir unser Pfund/ das wir vom Himmel haben/
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Zuweilen Klaffter-tief in dürem Sand vergraben.
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Ich glaube wer Vernunfft und Leibes-Kräffte fühlt/
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Thut wol/ wenn er so fort nach wahrem Lobe zielt/
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Und lässet dermahleins auf seinem Grab-Stein lesen:
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Daß er der Welt genützt/ und sie ihm hold gewesen.
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So war das alte Rom zu seiner Zeit gesinnt/
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Das hielt denjenigen nicht für sein ächtes Kind/
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Der in gemeiner Noht sich faul zu seyn erkühnte/
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Und nicht mit Faust und Witz dem Vaterlande diente;
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Da saß die Tugend recht auf ihrem Ehren-Thron/
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Als die Gemächlichkeit vor schwerer Arbeit-Lohn/
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Und erst ein Curius nach vielen Helden-Thaten/
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Auf seinem Meyer-Hoff die Rüben durffte braten.
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Hab ich die Welt gesehn/ um aus gedruckten Lügen
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Zu schliessen: ob wir bald den Frieden werden kriegen/
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Und unser Krieges-Volck/ das man zu Hülffe führt/
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Vielleicht noch dieses Jahr mein armes Dorff berührt?
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Hat man zu anders nichts/ auf Schulen und auf Reisen/
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Mir manches Reiches Krafft und Schwäche lassen wei-
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Als daß mein Unterthan von Tranck und Freude voll/
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Das weise Regiment des Junckers rühmen sol?
101
Dient mir das/ was ich weiß von Satzung und Gerich-
102
Zu nichts als nach der Kunst der Bauren Streit zu
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Zu rechnen was ein Feld mehr als das andre trägt/
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Wie viel mir ohngefehr der Pachter unter schlägt?
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Und hab ich der Natur Geheimniß forschen lernen
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Von tiefstem Abgrund an/ biß zu dem Lauff der Sternen/
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Allein zu diesen Zweck/ daß ich den rechten Tag/
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Zum propffen und zur Saat im Monath treffen mag?
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Wer nicht zu kleinem Guth ein grössers wil erwerben/
110
Der muß von Gram und Schaam/ wo nicht von Hunger
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Was ehmals einen Rust von grossem Reichthum gab/
112
Wirft itzt nach unser Art die Nothdurft selten ab.
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Und solte denn nur das in meine Renthen fliessen/
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Was mir durch fremden Schweiß der Frohndienst läßt
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Wie kan ich sicher seyn/ daß nicht vielleicht noch heut/
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Mich plötzlich überfällt die bittre Dürfftigkeit.
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Wie? wenn mein mattes Vieh von Gifft und Seuche
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Wie? wenn man leeres Stroh in meine Garben bindet/
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Wie? wenn durch schnelle Gluth das Meinige verfleucht/
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Wie?weñ ein kühner Feind durch unsre Gräntzen streicht.
121
WeñSchoß und Steuer-Geld wird hefftig eingetrieben?
122
Wenn endlich was von Hitz und Frost ist übrig blieben/
123
Was Feuer/ Gifft und Feind/ an Vorrath hat verschont/
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Raubt jener Freunde Schwarm/ der in der Nähe wohnt/
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Wenn das Verhängniß wil/ daß sie mein Hauß zu ehren/
126
Aus nachbarlicher Gunst/ den kleinen Rest verzehren?
127
Wo aber ist der Ort der einen muntern Geist/
128
Geschwinder als der Hoff in seinem Vortheil weist/
129
Und täglich Anlaß giebt/ bey so verschiednen Fällen/
130
Was man begriffen hat/ ans volle Licht zu stellen?
131
Was fehlet einem wol der es so weit gebracht/
132
Daß er in seiner Höh der Mißgunst Pfeil verachtt?
133
Wenn keiner neben ihm dem Fürsten steht zur Seiten/
134
Den er mehr wie ein Freund/ als Diener darf be-
135
Er heißt des Fürsten Arm der unsre Wolfarth stützt/
136
Sein Ohr das uns erhört/ sein Auge das uns schützt/
137
Die Seele die ihn regt auf unser Heyl zu sinnen/
138
Sein Werckzeug das er braucht/ was grosses zu begin-
139
Man schreibts dem Unglück zu wenns etwan übel steht/
140
Und ihm/ daß noch der Staat nicht gantz zu drümmern
141
Ihm danckt der Fürst allein/ daß er so wol gesorget/
142
Wenn der Soldate ficht/ und noch der Kauffmann bor-
143
Ist das nicht folgens werth? wenns einem so gelingt/
144
Daß aller Uberfluß durch Thür und Fenster dringt/
145
Und daß er sein Geschlecht in hohen Flor zu setzen/
146
Darff eines jeden Haupt nach eignem Willen schätzen.
147
Er sieht sein prächtig Hauß wie das von Marmel
148
Sein Bild wie das geprägt aus hellem Golde straalt.
149
Und gar den Leich-Sermon/ den man bey seinem Leben/
150
In Vorrath
151
Ein solcher der sich schaut in so erwünschtem Stand/
152
Hat nicht sein Vater-Gut vergeblich angewandt/
153
Und darf der andern Lust/ in Warheit nicht beneiden/
154
Die ihr Gesicht an Korn/ an Schaaf und Kälbern wey-
155
Die Stunde der Geburt ist zwar nicht allen gleich/
156
Dem gläntzt der Stern des Glücks/und jenem scheint er
157
Für einem der hinauf zum Gipfel ist geklommen/
158
Sind tausend welche kaum biß an die Helffte kom-
159
Glückseelig ist der Mensch/ den ein begrüntes Feld/
160
Von Hochmuth und vom Geitz entfernt beschlossen hält.
161
Und welcher in sich selbst kan ein Vergnügen finden/
162
Daß er nicht nöthig hat an fremdes Glück zu binden;
163
Der Fürsten Gunst zwar hoch/ doch Freyheit höher schätzt/
164
Und nicht des Pöbels Wahn zu seinem Richter setzt.
165
Treibt das Verhängniß mich zu einem grossen Mann/
166
Der selten helffen wil/ und immer schaden kan/
167
Der mit so leichter Müh die herrlichsten Palläste/
168
Als Karten-Häuser baut/ der täglich auf das beste
169
Trutz seinem Fürsten lebt/ in dessen Zimmer blinckt
170
Damit ein König pralt/ wo man den Tagus trinckt;
171
Der sein Vermögen schon nach Millionen schätzet/
172
(hat diesen sein Verdienst in solchen Stand gesetzet?
173
O nein/ das Einmahl eins hat ihn empor gebracht/)
174
- - - -
175
Mein GOtt/ wie muß ich mich in Zeit und Stunden schi-
176
Eh mir es widerfährt/ sein Antlitz zu erblicken/
177
Zum öfftern wil er nicht im Schlaffe seyn gestöret/
178
Oö man von weiten gleich sein Bretspiel klappen höret/
179
Zuweilen eh wirs uns am wenigsten vermuthen/
180
Schwim̃t er als wie ein Fisch durch der Clienten Fluthen/
181
Wol mir/ wann er alsdenn so lange sich verweilt/
182
Daß mir ein kurtzes Nein zur Antwort wird ertheilt/
183
Dieweiln gemeiniglich es ihm also beliebt/
184
Daß er durchs Hinterhauß sich in die Flucht begiebt.
185
- - - - -
186
Wo findet man den Hoff da Tugend wird geachtet?
187
Sie wird/ weil Heucheley der Fürsten Ohr bestritten/
188
In dem Gedrange kaum des Vorgemachs gelitten.
189
Ein aufgeschnitnes Wams/ die Tracht der alten Zeit/
190
Scheint nicht so lächerlich als itzt die Redlichkeit/
191
Wer ihr ergeben ist/ der folgt verbotne Lehren/
192
Wer Gold erbitten wil/ muß güldne Kälber ehren/
193
Du must/ wenns nöthig ist bey einem wolzustehen/
194
Den andern besten Freund vertraulich hintergehen/
195
Der Grossen Heimlichkeit bemühet seyn zu wissen/
196
Und dem der dich verletzt die Hand in Demuth küssen/
197
Wenn jemand würdiger als du der Ehren scheint/
198
So ist es schon genug/ halt ihn für deinen Feind/
199
Wenn ein verschlagnes Weib/ sich mischt in Händel ein/
200
So opfre alles auf in ihrer Gunst zu seyn/
201
Damit du magst durch sie des Mannes Hertz besiegen/
202
Und von der Deltla des Simsons Locken kriegen/
203
Der noch nicht in das Buch der Heyrath eingeschrieben/
204
Dann ist zu seinem Glück ein Pfortchen offen blieben/
205
Geh in Philemons Hauß/ da wirst du treffen an/
206
Die mit was wichtiges dein Seufftzen lohnen kan/
207
Nur hüte dich genau nach ihrem Thun zu fragen/
208
Der Vorwitz ist ein Werck/ mit dem sich Narren plagen/
209
Verachte mit Vernunfft den Wahn der dummen Welt/
210
Wird doch der Uberfluß im Horne vorgestelt/
211
Ja sprichst du: ihr Geschlecht: Ach laß den Irrthum fah-
212
Sieh unsern Nachbar an in seinen alten Jahren/
213
Der/ wenn ihn offt die Last der bittern Armuth drückt/
214
Mit ritterlicher Hand sein altes Strohdach flickt.
215
Was hilfft sein Adelstand/ wenn dich die Schuldner
216
Dann schützet dich kein Schild von allen sechzehn Ah-
217
Und wilst du deinen Sohn im Hohenstifft zu sehn/
218
Indessen weil du lebst großmüthig betteln gehn?
219
Und wann die Worte dir nicht bald nach Wunsch gelin-
220
So wird doch dein Geschenck/ durch Thür und Schlösser
221
Dein vorgesetztes Ziel ist wol der Mühe wehrt/
222
Denn wenn erst deine Faust in fremden Beutel fährt/
223
Hast du nichts nöthig mehr zu stehn im festen Glücke/
224
Als nur ein Quentin Witz und Centner loser Tücke/
225
Wann ich denn kalt und matt auf meine Ruh bedacht/
226
Ist schon was neues da das mich verzweiffeln macht/
227
Ich finde mich umringt von einem Bettler-Hauffen/
228
Ich der ich möchte selbst für fremden Thüren lauffen/
229
Die sonder bahres Geld/ und wollen mit dem Nein
230
Das ich davon gebracht/ nicht abgewiesen seyn.
231
Kaum kan ich mich hernach aufs Ruhbett niederlegen/
232
Um den verwirrten Lauff des Glückes zu erwegen/
233
So klofft ein Fremder an/ den ich sonst nie gekandt/
234
Und spricht: er sey mit mir im sechsten Grad verwandt/
235
Wil einen Dienst durch mich als seinen Blutsfreund
236
Und im Proceß zugleich den Gegenpart besiegen/
237
Legt auch darauf getrost mehr Schrifften an den Tag/
238
Als mancher Cantzler kaum im Jahre lesen mag.
239
Schwür ich gleich/ daß ich nicht in solchem Stern geboh-
240
Der mich zu andrer Schutz auf Erden hat erkohren/
241
Daß zwar der Wille gut/ doch mein Vermögen schlecht/
242
So ist die Antwort da/ er schertzt mit seinem Knecht.
243
In dem reitzt abermahl mich was zur Ungedult/
244
Ein Dieb ein Cramer pocht/ und macht mir eine Schuld/
245
Die ich/ wie selbst sein Buch und Quittung muß besa-
246
Schon im verwichnen Herbst ihm richtig abgetragen;
247
Mag ich so gut ich kan mich dieser Gäste frey/
248
So ist doch lange nicht mein Ungemach vorbey/
249
Man sieht ein sichres Volck an Höfen und in Städten/
250
Das/ wie ums Tagelohn/ das Pflaster pflegt zu treten/
251
Das/ weiln es Arbeit haßt/ und doch nicht stille sitzt/
252
Aus Vorwitz in dem Schooß des Müßigganges
253
Dergleichen Leute sind die Diebe meiner Stunden/
254
Es ist ihr höfflich-seyn mit Ungestüm verbunden/
255
Da heißts/ wie geht es euch/ in euer Einsamkeit/
256
(ich dencke zimlich wol/ wenn ihr nicht bey mir seyd)
257
Das Wetter nach dem Sturm hat sich schon aufgekläret/
258
Auch wünsch ich hätt es doch biß in die Nacht gewähret/
259
So drünget ihr vielleicht als nun bey Sonnenschein/
260
Mit eurem Mückenschwarm nicht in mein Zimmer ein.
261
Der eine wiederholt aus den gedruckten Lügen/
262
Wie starck m
263
Und weis’t als ein Prophet/ der nicht betriegen kan/
264
Versailles zum Quartier dem Printz von Baden an.
265
Ein ander dem das Glück nicht wil nach Wunsche lachen/
266
Dräut wie er bald den Hof wil öd und wüste machen/
267
Und schwert daß er zum Schimpf der Grossen dieser
268
Den Abzug aus der Stadt nunmehro fest gestellt.
269
Der streichet pralend aus wie viel in n
270
Ihm reiche Tochter sind zur Heyraht angetragen;
271
Und jener wie sein Fürst sich stündlich nach ihm sehnt/
272
Nicht anders als ein Kind das an die Brust gewehnt/
273
Jagd/ Karten/ Kleider/ Tantz/ und hundert andre Pos-
274
Sind aller Unterhalt biß daß die Zeit verflossen/
275
Die mir des Himmels Zorn zur Züchtigung bestimmt/
276
Und bis zu meinem Trost/ ein jeder Abschied nimmt.
277
Und wer kan jeden Weg/ wodurch der falsche Wahn/
278
Die tumme Sterblichen/ zur Knechtschafft leiten kan/
279
Und alles Marter-Zeug/ das wir uns selber wehlen/
280
Zum Vorwurff der Natur/ so bald zusammen zehlen?
281
Wann der geringste Lärm im nechstgelegnen Wald/
282
Um eine stille Trifft der blöden Schaafe schalt/
283
Und eins erst schüttern wird/ beginnt ein gantzer Hauf-
284
Durch Blat Gebüsch und Strauch dem Flüchtling nach-
285
Der Mensch/ das kluge Thier/ getraut ihm selber nicht/
286
Sein eigner Tacht verglimmt er folgt ein fremdes Licht/
287
Greifft selbst kein Ruder an/ pflegt furchtsam fort zu wal-
288
Und lebet/ (ja noch mehr) stirbt andern zu gefallen.
289
Erfreue dich mein Sinn daß dir ein guter Geist/
290
Den unbekanten Schatz der edlen Freyheit weist;
291
Ich weiß du wirst die Schnur/ sey nur bemühet/ finden/
292
Dich aus dem Labyrinth des Pöbels loß zu winden.
293
Gebrauch den Lauff der Welt zu deinem Zeitvertreib/
294
Sieh doch das Possenspiel/ wie dieser sich ein Weib/
295
Weiln jener so gemacht/ läßt aus der Fremde bringen/
296
Wie jener seinen Wanst läßt in ein Schnürleib zwingen/
297
Die Kost/ die ihm sonst schmeckt/ nach andern Zungen
298
Und sein bequemes Hauß/ so fort zu Boden stürtzt/
299
Auf daß die gantze Stadt mag mit verwundern schauen/
300
Daß er dem Nachbar gleich auch kan Palläste bauen;
301
Verwirf den Richterspruch/ den die Gewohnheit fällt/
302
Es ist dir die Vernunfft umsonst nicht zugesellt.
303
Der Tod klopfft an die Thür es wechseln alle Sachen/
304
Und keiner kans doch nicht der Welt zu Dancke machen/
305
Der mich verwundet hat/ vom Jach-Zorn angetrieben/
306
An dem wird das Gesetz bald seinen Eyfer üben;
307
Wie aber geht es dem für so genossen aus/
308
Der nur mit Vorbedacht fällt in mein eigen Hauß/
309
Und da mit eitelm Tand/ den er mit Worten spickt/
310
Aus Freundschafft einen Dolch biß in dem Hertzen drückt.
311
Du freyer Blumenberg und Schutzwehr meiner Lust/
312
Bey dir ist mir ja nichts von allem dem bewust/
313
Hier aber seh ich wol/ in Wällen und Pasteyen
314
Ist keine Sicherheit für solchen Rasereyen/
315
Und der/ dem dieser Zwang und Weise nicht gefällt/
316
Wird als ein Wunderthier zum Schauspiel aufgestelt/
317
Fort Kutscher folge mir/ ich wil am letzten Garten/
318
Der in der Vorstadt liegt/ zu Fusse deiner warten/
319
Hernach so sol es frisch im vollen Trabe gehn/
320
Biß wir den spitzen Thurm in unserm Dorffe sehn.
321
Und solte mich auch dort die Räuber Schaar entdecken/
322
So wird mich Wald und Busch für ihrem Wuth versteckẽ.

([Canitz, Friedrich Rudolph Ludwig von]: Neben-Stunden Unterschiedener Gedichte. [Hrsg. v. Joachim Lange]. Berlin, 1700.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz
(16541699)

* 27.11.1654 in Berlin, † 11.08.1699 in Berlin

männlich

deutscher Diplomat und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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