Auf den seeligen Tod des Autoris erster Gemahlin

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz: Auf den seeligen Tod des Autoris erster Gemahlin (1700)

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Sol ich meine Doris missen?
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Hat Sie mir der Tod entrissen?
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Oder bringt die Phantasey
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Mir vielleicht ein Schrecken bey?
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Lebt Sie? Nein Sie ist verschwunden;
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Meine Doris deckt ein Grab;
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Schneid/ Verhängniß meinen Stunden
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Ungesäumt den Faden ab!

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Solt’ ich dich noch überleben/
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Der ich mehr als mir ergeben/
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Die ich in mein Hertz gedrückt;
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Dich/ die du mich so beglückt/
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Daß die Welt mit Cron und Reichen
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Mich zu keinem Neid gebracht/
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Weil ich sie/ dir zu vergleichen/
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Niemahls groß genug geacht?

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Doris kanst du mich betrüben?
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Wo ist deine Treu geblieben/
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Die an meiner Lust und Graam
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Immer gleichen Antheil nahm?
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Du eylst zur bestirnten Strassen/
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Und hast nun zum ersten mahl
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Mich und unsern Bund verlassen;
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Deine Wonne schafft mir Quaal!

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Was für
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Schlagen über mich zusammen!
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Unaussprechlicher Verlust/
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Wie beklemmst du meine Brust!
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Und wie kom̃ts? da ich mich kräncke/
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Werd ich gleichsam wie ergetzt/
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Wenn ich nur an die gedencke/
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Die mich in das Leid gesetzt.

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Möchte mir ein Lied gelingen/
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Sie nach Würden zu besingen!
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Doch ein untermengtes Ach
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Macht mir Hand und Stimme schwach;
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Worte werden mir zu Thränen/
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Und so muß ich mir allein/
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In dem allergrößten Sehnen/
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Der betrübte Zeuge seyn.

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Ihr die ihr mit Schrifft und Tichten
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Könnt die Sterblichkeit vernichten/
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Singt die Angst die mich verzehrt/
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Und der Doris ihren Werth;
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Daß man sie nach langen Jahren
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Mag bedauren/ und auch mich;
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Doch ihr könnt die Arbeit spahren;
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Wer kennt beydes so wie ich?

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Ihrer edlen Seelen Gaben
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Hielt sie zwar nicht als vergraben;
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Nein/ sie waren Stadt und Land
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Meistens/ mir doch mehr bekandt.
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Manches Weib wird hoch gepriesen/
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Das kaum so viel Tugend zehlt/
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Als die Seligste vor diesen
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Aus Bescheidenheit verhehlt.

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Daß sie wol mit GOtt gestanden/
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Sieht man/ da sie von den Banden
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Dieses Lebens wird befreyt;
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Seht wie Sie der Tod bedräut/
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Aber selbst beginnt zu zittern!
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Denn sie zeigt ihm lächlend an/
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Daß/ der die Natur erschüttern/
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Ihren Schlaaf kaum hindern kan.

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In dem eiteln Welt-Gedrenge/
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Ward sie von der grossen Menge/
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Die man allenthalben spührt/
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Der Verführten nicht verführt.
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Riemahls hatte sie erkohren
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Einen Gifft der Zucker hieß/
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Weil ihr etwas angebohren/
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Das so fort die Probe wieß.

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Doch/ in Worten und in Wercken/
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Ließ sie einen Umgang mercken/
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Der nicht fremdes Thun verhönt/
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Und das Seinige beschönt.
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Was für kluge Tugend-Sätze
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Macht indessen nicht ihr Mund/
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Und für ungemeine Schätze
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Noch vielmehr ihr Wandel kund!

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Gütig jederman begegnen/
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Lieb und Wolthat lassen regnen/
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Das war Ihre beste Kunst;
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Auch der höchsten Häupter Gunst/
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Und ihr innerstes Vertrauen/
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Hat Sie nie zum Stoltz bewegt.
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Wir/ und das worauf wir bauen/
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Sprach Sie/ wird in Staub gelegt.

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Durch verstelletes Beginnen
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Fremden Beyfall zu
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War ein zu verächtlich Spiel/
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Das Ihr niemahls wolgefiel;
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Und was hatte Sies vonnöthen?
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Ihre Stirn die nie betrog/
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Machte so den Neid erröthen/
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Als Sie Hertzen an sich zog.

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Von der Anmuht ihrer Sitten
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Fand ich mich schon längst bestritten/
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Doch in unserm Ehestand
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Ward ich hefftiger entbrandt/
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Weil ich so ein Hertz erlesen/
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Das/ wenn Unglück auf uns stieß/
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Eben so ein sanfftes Wesen/
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Als im Glücke spüren ließ.

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Bey der liebsten Kinder Leichen
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Gab Sie kein verzagtes Zeichen/
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Hof und Hauß vergieng in Gluth/
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Aber nicht Ihr Helden-Muth;
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Regung/ Sinn und Wunsch zubrechen
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Nach des weisen Schöpffers Raht/
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Und mir tröftlich zuzusprechen/
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Das war alles was Sie that.

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Mit was lieblichem Bezeigen
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Gab Sie sich mir gantz zu eigen!
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Und wie sehr war Sie bemüht/
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Biß Sie meine Neigung rieth;
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Alles das hab ich verlohren!
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Ach wie werd ich Traurens voll!
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Hat mein Unstern sich verschworen/
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Daß ich sterbend leben foll?

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Seldst das Pfand von unserm Lieben/
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Das von Sieben übrig blieben/
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Wenn ichs in der Unschuld seh/
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Machet mir ein neues Weh;
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Weil sein aufgeweckt Geblüte/
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Seiner Mutter frohen Geist/
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Und sein unverfälscht Gemüthe/
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Ihren wahren Abdruck weist.

([Canitz, Friedrich Rudolph Ludwig von]: Neben-Stunden Unterschiedener Gedichte. [Hrsg. v. Joachim Lange]. Berlin, 1700.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz
(16541699)

* 27.11.1654 in Berlin, † 11.08.1699 in Berlin

männlich

deutscher Diplomat und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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