Aus der 17. Epistel des Horatii 1. Buchs

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz: Aus der 17. Epistel des Horatii 1. Buchs (1700)

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Wenn du den Morgen-Schlaaf nicht willig kanst verlassen/
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Und ungedultig wirst/ wenn sich auf allen Strassen/
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Ein groß Getümmel regt/ so sitze wo du bist/
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Und dencke daß man auch zu - - - - - - glücklich ist.
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Vergnügen ist nicht nur an Geld und Gut gebunden;
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Und der hat eben nicht das schlimste Theil gefunden/
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Ob gleich kein Zeiten-Buch von seinen Thaten schreibt/
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Der in der Einsamkeit den stillen Wandel treibt.
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Jedennoch wenn du dir/ und auch zugleich den Deinen
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Wilst mehr zu gute thun/ so must du da erscheinen/
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Wo man der Fürsten Huld/ weil doch des Himmels-
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Sie groß/ uns klein gemacht/ in Demuth suchen muß.
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Könt Aristippus Kraut und schlechte Kost vertragen/
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So würd’ er/ gleich als ich/ nicht viel nach Fürsten fra-
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Rief dort Diogenes; doch jener seumte nicht/
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Und hatte dergestalt die Antwort eingerichtt:
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Wenn sich Diogenes bey Fürsten dürffte weisen/
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So würd’ er etwas mehr als Zugemüse speisen.
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Mich dünckt er hatte recht; Denn/ sprach er/ was ich
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Schlägt mir zum Vortheil aus. Dir sieht der Pöbel zu.
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Ich opfre meinen Dienst den Grossen/ die hingegen
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Mit mehr als ich bedarf/ mich mildiglich verpflegen/
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Mein Tisch/ mein Hauß und Stall/ ist kostbar aufge-
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Und du/ der mir vorhin/ mein Schmeicheln vorgerückt/
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Und glaubst dir fehle nichts/ must derer Gnade leben/
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Die aus Barmhertzigkeit dir schmahle Bissen geben.
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In allerley Gestalt/ in was für einem Stand/
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An was für einem Ort sich Aristippus fandt/
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Da war er ohne Zwang/ bereit sich zu beqvemen/
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Dem Glücke nachzugehn/ und auch verlieb zu nehmen.
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Doch wenn Diogenes/ wenn dieses Affen-Bild/
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Der seinen armen Stoltz in doppel-Tuch verhüllt/
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In andre Lebens-Art sich würdig solte fügen/
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So würde mich gewiß die Meynung sehr betriegen.
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Ein Mann/ wie jener war/ bleibt allgemach beliebt/
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Er borgt nicht fremden Glantz der ihm ein. Ansehn giebt;
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Im Kittel wie in Sam̃t weiß er sich aufzuführen/
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Der andre wil für Angst in seinem Zeug verfrieren/
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Und schreyt: mein alter Rock der wird mir besser stehn!
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Gebt ihm den alten Rock/ und laßt den Narren gehn.
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Ein unerschrockner Held/ für den die Feinde beben/
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Kan sich durch sein Verdienst den Sternen gleich erheben/
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Doch ist/ nach seiner Art/ auch ein berühmter Mann/
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Der ihm ein hohes Haupt verbindlich machen kan.
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Wenn hier der eine trifft/ sind viel die neben schiessen/
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Du denckst: ein weniges in Fried und Ruh geniessen
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Ist ja so gut als stets in Furcht und Sorgen seyn.
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Gar wol; doch räume mir hinwieder dieses ein:
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Daß der/ den weder Furcht noch Sorgen können stöhren/
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Und der das Ziel erlangt für jenem ist zu ehren/
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Der an sich selbst verzagt/ und nichts zur Sache thut/
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So ists/ wo Tugend nicht auf blossen Wahn beruht.
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Nun höre noch ein Wort/ weñ dich dein Fürst mag leiden/
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So hast du einerley hauptsächlich zu vermeiden:
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Sey nicht so ungestüm bey deiner Dürfftigkeit;
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Wol dem der schweigen kan; erwarte deiner Zeit.
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Ein anders ist sein Glück bescheidentlich zu bauen/
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Ein anders aber ist mit weitgespanten Klauen
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Als auf den Raub zu gehn. Nim diesen Spruch in acht.
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Wie mancher meynet wol/ er hab es wol bedacht/
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Wenn er/ als ohngefehr/ läßt solche Klagen fliegen:
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Mein Gut trägt wenig ein/ kein Käuffer ist zu kriegen;
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Die Mutter hat kein Brodt/ die Schwester keinen Mann/
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Weil ich nicht Unterhalt noch Brautschatz geben kan.
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Mein Freund/ man kennt die Kunst/ du suchst was zu er-
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Doch wisse/ neben dir stehn andre deines gleichen/
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Die warten hurtig auf/ und sind so voller List/
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Daß wenn was fallen sol man ihrer nicht vergißt.
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Wenn nur die Raben nicht bey ihrem Aase schryen/
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Sie würden minder Zanck und Gäste nach sich ziehen.
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Geschichts daß sich dein Herr mit einer Fahrt ergetzt/
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Und dich zum Zeitvertreib an seiner Seite setzt;
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So sey wohl aufgereumt/ und scheine nicht verlegen
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In Schlossen und in Wind/ und in den schlimsten Wegen;
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Schilt nicht als hätte dir ein Dieb mit frecher Hand
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Den Kasten aufgemacht/ das Reise-Geld entwandt;
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Dis ist der alte Streich verschmitzter Buhlerinnen/
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Die weinen oft um nichts um etwas zu gewinnen.
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Hier ist bald ein Rubin/ ein Armband dort geraubt/
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Wo aber läuffts hinaus? daß ihnen keiner glaubt
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Wenn sonder allen Schertz die wahre Thränen fliessen.
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Du kennest jenen Schalck/ der mit gesunden Füssen
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Zuweilen niederfiel/ als wär er krumm und lahm/
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Und jeden spöttlich hielt/ der ihn zu retten kahm;
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Was aber war sein Lohn? er brach eins seine Knochen/
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Und kam in rechtem Ernst/ als Krüppel hergekrochen.

([Canitz, Friedrich Rudolph Ludwig von]: Neben-Stunden Unterschiedener Gedichte. [Hrsg. v. Joachim Lange]. Berlin, 1700.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz
(16541699)

* 27.11.1654 in Berlin, † 11.08.1699 in Berlin

männlich

deutscher Diplomat und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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