Von der Freyheit

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz: Von der Freyheit (1700)

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Ich sehe meinen Leib als ein Gewand verschleissen/
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Was aber in mir wohnt/ und Seele wird geheissen/
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Empfindet einen Trieb/ der nach der Freyheit strebt;
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Doch eh’ ich sie erlangt/ hab’ ich fast ausgelebt.
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Ich habe solchen Wunsch vielleicht bey mir gespühret/
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So bald mein erstes Blut und Othem sich gerühret/
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Wer weiß wie oft ich schon/ ich unvollkommne Frucht/
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Den Fortgang zur Geburth mit Ungestüm gesucht?
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Ob nicht mein freyer Geist/ sich mit den bittern Zähren/
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Hernachmahls für den Zwang der Windeln wollen weh
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Und ob nicht dazumahl mein unvergnügter Mund/
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Wenn ihm der Ammen-Brust nicht bald zu Dienste stund/
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Ein gleiches Klage-Lied aus Ungedult gesungen/
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Als mir bey reiff’rer Zeit der Kummer
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Das weiß ich: da ich erst wie zu mir selber kam/
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Und mich des Lehrers Fleiß in strenger Aufsicht nahm/
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Daß ich mich aus Verdruß gekrümmet und gewunden/
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So offt als der Tyrann/ zu den gesetzten Stunden/
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Durch ein verhaßtes Wort/ mich in dem Spiel gestöhrt/
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Und eh’ich Teutsch gekont/ was Römisches gelehrt.
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Doch möcht ich nur itzund der Kindheit Lust erfahren!
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Der Unmuht nimmt nicht ab/ er wächset mit den Jahren;
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Was nützet der Verstand/ als daß er mit Bedacht
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Die Freyheit schätzen lernt/ die Ketten schwerer macht?
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Ein Baum wars/ nur ein Baum/ dran solche Früchte
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Die dort der erste Mensch solt’ unbetastet lassen;
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Uns aber ist noch mehr zu halten auferlegt/
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Weil nun ein gantzer Wald so viel verbottnes trägt.
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Wir hören überall Verführungs-Schlangen pfeiffen;
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Wir wollen hier und da nach fremden Aepffeln greiffen;
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Wie wässert uns der Mund! die Hand wird ausgestreckt;
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Jedoch des Him̃els-Schluß/ der uns mit Flam̃en schreckt/
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Der heißt so wol die Lust/ indem wir wachen/ zäumen/
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Als selber in dem Schlaaf nach dem Gesetze träumen.
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Wol dem/ der seinen Siñ und Fleisch darnach bequemt!
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Denn wer zu offenbahr und gar zu ungezähmt
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In der Begierden Schlamm gewohnet ist zu wühlen/
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Wird meistens in der Welt auch schon die Rache fühlen;
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Folgt ihm gleich Schwerdt und Mord nicht auf dem Fus-
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So währts doch kurtze Frist/ biß daß in dem Gemach/
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Das man zu Sommers-Zeit/ so wie im Winter heitzet/
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Ihm ein verschwiegner Artzt den alten Adam beitzet;
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Da wird sein Götter-Brodt und Nectar-süsses Naß/
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Ein Zwieback und ein Tranck von lauem Sassafraß.
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So ists: was unserm Fleisch am heftigsten behaget/
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Hat/ wo nicht die Gewalt/ die Furcht doch untersaget/
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Und läßt Gewalt und Furcht noch irgend etwas frey/
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So machen wir es selbst zu einer Sclaverey.
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Seitdem daß uns der Wahn die Augen hat verkleistert/
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Und Hochmuth samt dem Geitz des Hertzens sich bemei-
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So giebt der tolle Mensch den frey-gebohrnen Sinn/
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Sein allerbestes Pfand/ zum Götzen-Opfer hin.
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Wie meines Nachbars Sohn/ ist schon so hoch gestiegen/
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Der kaum als Eigenthum drey Morgen können pflügen?
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Spricht jener/ dem das Glück mit gar zu milder Hand/
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Ein halbes Fürstenthum zum Erbtheil zugewandt/
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Und ich sol unberühmt in meinen Gräntzen bleiben?
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Nein! man sol etwas mehr auf meinen Leich-Stein
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Schafft Roß und Wagen an/ bringt Pantzer und Gewehr!
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Bald wird sein Haußgesind ein kleines Krieges-Heer.
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Zwar wirfft das Ehgemahl sich zu des Ritters Füssen/
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Sein unerzognes Kind läßt herbe Thränen fliessen/
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Die Freunde rahten ab/ der Held wird fast bewegt;
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Doch weil er allbereit die Rüstung angelegt/
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Wird durch den tapffern Muth die Zärtlichkeit bestritten;
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Er eylt/ läßt für den Zug auf allen Cantzeln bitten/
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Begiebt sich in das Joch/ steht allen Kummer aus/
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Verschmeltzt was Geldes werth/ verpfändet Hof und
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Und kom̃t denn abgedanckt und arm nach wenig Jahren/
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In kläglichem Triumph als Krüppel heimgefahren.
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Schaut dort den grossen Mann/ für dem sich alles bückt/
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Der scheint nicht weniger in dem Gehirn verrückt.
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Wer? jenes weises Haupt? der Ausbund des Verstan-
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Ja eben jener Greiß/ der Abgott unsers Landes/
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Auff dessen Ja und Nein/ so manche Wohlfahrt ruht/
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Durch dessen Länderey/ man Tagereisen thut/
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Auf den der Reichthum schneyt/ in dessen Zuñern blincket/
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Womit ein König pralt/ da man den Tagus trincket;
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Der le
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Hätt er nicht einen Feind an seiner Phantasey/
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Er könte seinen Rest der Tage glücklich schliessen/
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Und als sein eigner Herr der güldnen Ruh geniessen/
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Dergleichen nicht einmahl Monarchen wiederfährt/
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Ihm aber ist der Hof/ sein Kercker gar zu werth:
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Und in des Fürsten Gunst noch höher aufzusteigen/
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Wird ihm kein Tritt zu schwer/ kein widriges Bezeigen;
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Damit er andern nur noch länger schaden mag/
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Wacht er bey stiller Nacht/ und rennt den gantzen Tag;
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Die Brunnen die das Gold mit leichten Quellen geben/
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Und dem zuletzt die Scham sich selbst zu überleben/
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Das ists was dergestalt ihn in dem Schwindel hält/
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Daß er was Freyheit gilt fast ins vergessen stellt.
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Zwar sehnt er sich zum Schein/ die eitle Welt zu fliehen/
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Doch die Gemächlichkeit den Diensten vorzuziehen/
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Die er aus treuer Pflicht dem armen Nechsten schenckt/
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Bedünckt ihm so ein Schluß/ der sein Gewissen kränckt;
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Und wer es besser weiß/ kan kaum das Lachen zwingen/
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Weñ einer/ der sich längst verstrickt in Satans Schlingen/
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Mit solcher Heucheley von dem Gewissen spricht;
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Genug! wer Wespen stöhrt/ kriegt Beulen ins Gesicht.
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Ein andrer legte nicht so bald den Griffel nieder/
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Doch mir ist alle Schrifft/ die Stacheln führt/ zuwider.

([Canitz, Friedrich Rudolph Ludwig von]: Neben-Stunden Unterschiedener Gedichte. [Hrsg. v. Joachim Lange]. Berlin, 1700.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz
(16541699)

* 27.11.1654 in Berlin, † 11.08.1699 in Berlin

männlich

deutscher Diplomat und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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