Der Tod des ungerechten Geitzhalses

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz: Der Tod des ungerechten Geitzhalses (1700)

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Den Harpax/ welcher sich zum reichen Mann gelogen/
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Und selten einen Spruch im Richter-Amt gethan/
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Den er nicht nach dem Werth der Gaben abgewogen/
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Den griff vor kurtzer Zeit ein brennend Fieber an.
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Die weil es aber fand gar wenig anzuzünden/
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Imdem der schnöde Geitz das meiste weggezehrt/
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Kroch es der Flam̃e gleich/ die auch bey starcken Winden
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Nur langsam durch den Sand verwachsner Aecker
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Vermeynest du/ mein Freund/ daß dieses ihm verdrossen?
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O nein! der weise Mann braucht die Gelegenheit;
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Weil ihm kein Essen schmeckt/ ist seinen Hauß-Genossen
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Auch nur die halbe Kost/ ein Krancken-Mahl bereit.
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Er läßt sie ingesamt vor seinen Stuhl bescheiden/
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Und lehrt was M
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Auch wie von Uberfluß sein Magen müsse leiden/
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Der gleichwol in geheim den falschen Kläger strafft.
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Die Knechte deren Hertz sich noch nicht loß gerissen
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Von dem was Regung heißt/ die sehnen sich nach
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Ihr Hunger der nichts wil von leeren Regeln wissen/
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Wünscht bald dem krancken Wirth/ Gesundheit/ bald
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Die Schwachheit mehret sich; Doch Harpax wil nicht
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Er denckt der Sache nach/ wie kläglich daß es sey:
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Eh’ als die Welt vergehn/ und andre lassen erben;
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Drum suchet er den Raht der Seinigen herbey.
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Die wollen seine Gluth mit Kraut und Eßig brechen/
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Er schlägt es aber ab/ weil er die Kosten scheut/
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Und fragt nach jemand sonst/ der bloß durch Seegen-
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Aus Freundschafft/ ohne Geld/ und anders nichts/
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Der Anschlag geht nicht an: man muß zum Artzte schicken/
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Der kommt/ der Krancke spricht: Es fehlt mir an der
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Und wird mir ener Fleiß in dieser Cur gelücken/
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Sag’ ich zur Danckbarkeit euch meine Dienste zu;
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Ich kenne euren Streit/ und weiß vielleicht von allen
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Mehr Nachricht als ihr selbst und bildet euch nur ein/
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Daß wider euch gewiß das Urtheil werde fallen/
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So bald ein anderer als ich wird Richter seyn.
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Der Artzt dem dieses Wort durch Marck und Beine
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Fällt auf den Krancken zu/ beklammert Pulß und Hand/
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Und weil sein eignes Blut/ aus Furcht und Hofnung
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So setzt er aufs Papier mehr als ihm selbst bekandt.
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Eins kränckt den Harpax noch/ daß er nichts von Pro-
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Des Apotheckers weiß; Doch denckt er/ Zeit bringt
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Bin ich nur erst gesund! Es kommen unterdessen
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Die Mittel welche ihm das Glück verschrieben hat.
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Er aber darf aus Geitz dieselbe nicht geniessen/
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Denn er den Stärck-Tranck schont/ wenn er am besten
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Ihm selbst die Pulver stiehlt/ und steckt sie unters Küssen/
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Ja selbst mit diebscher Faust das Gold von Pillen
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So daß je mehr und mehr die Lebens-Kräffte schwinden;
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Und man schon in der Stadt viel Freuden-Zeichen sieht/
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Weil/ der die Waysen drückt/ und Wittwen pflegt zu
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Nun wie ein halbes Aaß den letzten Athem zieht.
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Der Sohn der allbereit im Geist Ducaten zehlet/
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Die Frau die ihren Sinn auf junge Freyer kehrt/
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Die trauren/ daß er sich und sie so lange quälet/
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Und fragen: Welchen er von Geistlichen begehrt?
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Er spricht: der meinen Sohn zur Tauffe hielt/ Herr Velten/
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Denn wie ihr wißt so blieb der Pathen-Pfenning aus/
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Steht ihm dergleichen frey/ so muß es mir auch gelten;
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Drum beicht’ ich frey bey ihm/ ich und mein gantzes
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Der Schrifftgelehrte kommt/ mit fast betrübten Blicken/
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Und hofft im Testament zu stehen oben an;
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Er wil Magd/ Frau und Kind mit seinem Trost erquicken/
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Von denen keiner mehr das Lachen bergen kan.
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Man führt ihn stille fort; er pflantzt sich bey dem Kranckẽ/
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Betrachtet die Gefahr/ die mehr als allzugroß/
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Und schüttet ihm dem Sack voll heiliger Gedancken/
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Mit Thränen untermengt/ in seinen matten Schooß.
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Er klagt: daß so ein Mann sein theures Haupt soll neigen/
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Der so viel Tugenden auf Erden ausgeübt/
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Und welcher noch vielleicht w
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Wie er so inniglich das Predigt-Amt geliebt.
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Nein Herr Gevatter nein! schreyt Hapax ihm entgegen/
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Sterb’ ich/ so werdet ihr nicht einen Groschen sehn/
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Doch wenn ihr durchs Gebet den Him̃el könt bewegen/
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Daß ich nicht scheiden darf/ so möcht’ es anders gehn.
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Herr Velten stutzt/ und fängt den Stachel an
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Nachdem der Fuchs-Schwantz nichts beym Sünder
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Und rufst: er solle doch sein Unrecht hier ersetzen/
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Wo nicht/ so sey kein Platz vor ihm im Himmel nicht.
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Er zehlt an Fingern her die falchen Eydes-Schwüre/
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Womit er GOtt und Recht/ und andere verletzt/
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Wie manchen/ der itz und sich nährt vor fremder Thüre/
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Er aus dem Eigenthum des Seinigen gesetzt;
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Wie lang’ er küpffern Geld so häuffig lassen regnen/
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Als seines Fürsten Gunst zum Deckel ihm gedient.
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Was wird Gevatter euch in jener Welt begegnen/
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Wenn ihr euch nicht bekehrt/ und in der Zeit versühnt?
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So warnt sein treuer Mund/ so bald er nur gespühret/
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Daß er kein Erbe nicht vor dißmahl werden soll/
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Der Krancke dem er nie das Hertz so scharff gerühret/
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Spricht mit gebrochner Stim̃/ ach ich erkenn’ es wol!
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Giebt aber diesesmahl des Höchsten Wunder-Güte/
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Auf wenig Jahre nur/ dem schwachen Leibe frist/
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So wil ich/ glaubt es mir/ aus Christlichem Gemüthe
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Ein Werck der Liebe thun/ das recht erbaulich ist.
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Denn/ denen ich vorhin das Ihrige genommen/
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Die sollen wiederum davon den zehnten Theil
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Von mir/ wie sichs gebührt/ um Zinß gelehnt bekom-
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Ach freuet euch mit mir/ daß mein Gewissen heil.
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Man siehet bald darauff Ihn mit dem Tode ringen/
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Der gute Velten wird vom Beten abgeschreckt;
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Doch andre fahren fort mit Sprüchen und mit singen/
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Dadurch die Andacht wird der Sterbenden erweckt;
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Als er nun ohngefehr von seinem Heyland höret/
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Der seine Schuld bezahlt/ die Handschrifft ausgelöst/
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Da wird er so von Geitz und Phantasey bethöret/
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Daß er noch diese Wort aus seinem Rachen stößt:
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Was? meine Schuld bezahlt/ die Sache schwebt im
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Ich werde nichts gestehn/ wer weiß wer noch verliert!
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Damit entfuhr der Geist dem losen Mammons-Knechte/
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Dem jeder nun das Grab mit einem Schelme ziert.

([Canitz, Friedrich Rudolph Ludwig von]: Neben-Stunden Unterschiedener Gedichte. [Hrsg. v. Joachim Lange]. Berlin, 1700.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz
(16541699)

* 27.11.1654 in Berlin, † 11.08.1699 in Berlin

männlich

deutscher Diplomat und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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