Einladungs-Schreiben an einen guten Freund/ vom edlen Land-Leben

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz: Einladungs-Schreiben an einen guten Freund/ vom edlen Land-Leben (1700)

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Die Zeilen die itzund mir aus der Feder fliessen/
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Die werdẽ abgeschickt/ Herr Bruder/ dich zu grüssen/
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Ob ich gleich einsam bin/ so wil ich doch dabey/
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Daß ich nicht unbekandt bey meinen Freunden sey
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Zu Blumberg ist mein Sitz/ da nach der alten Weise/
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Mit dem was GOtt beschert/ ich mich recht glücklich
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Da ich aus meinem Sinn die Sorgen weggereumt/
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So daß mir nicht von Geitz/ noch eitler Ehre träumt.
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Ich kan das Spiel der Welt/ und ihr verwirrtes Wesen
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Aus dem gedrückten Blat des Zeitung-Schreibers lesen/
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Und weñ gleich alles wird in Blut und Krieg gestürtzt/
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Wird im geringstẽ nicht dadurch mein Schlaf gekürtzt.
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Bleibt Fridrich nur gesund/ und hat sein
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Was ist mir an Namur und Pignerol gelegen?
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Und wenn ich ohne Streit die Garben binden kan/
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Ficht Franckreich mich so viel/ als wie der Mogol an.
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Hier merck ich daß die Ruh in schlechten Hütten wohnet/
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Wenn Unglück und Verdruß nicht der Palläste schonet/
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Daß es viel besser ist/ bey Kohl und Rüben stehn/
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Als in dem Labyrinth des Hofes irre gehn.
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Hier ist mein eigner Grund/ der mir ist angestorben/
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Hier ist kein Fuß breit nicht durch schlim̃es Recht erworbẽ/
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Kein Stein/ der Witwen drückt/ und Wäysen Thränen
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Kein Ort der einen Fluch zum Echo schallen läßt.
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Hier kan ich Schaaf und Rind in den begrünten Auen/
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Die Scheunen voller Frucht/ das Feld voll Hoffnung
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Und wenn kein grosser Hecht hier in die Darge beißt/
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So gilt mein Giebel-Fang/ der offt das Netze reißt.
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Ja wil ein stoltzer Hirsch nicht als ein Räuber sterben/
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So muß er meine Saat sich scheuen zu verderben.
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Von allem bin ich Herr/ was in dem Paradieß
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Der Vater Adam erst mit eignen Namen hieß.
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Mein Reden darff ich hier auf keiner Schalen wägen/
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Auch nicht gewärtig seyn/ wenn mir es ungelegen/
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Daß aus Gewohnheit mich ein falscher Freund be-
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Und wol aus Höfflichkeit in seinem Sinn verflucht.
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Hier leb ich wie ich soll/ mein Wille giebt Gesetze/
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Und keinem Rechenschafft/ ich fürchte kein Geschwätze/
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Wenn da der Hundes-Stern am Firmamente glüht/
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Man mich bey dem Camin im Fuchspeltz sitzen sieht.
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So mach ichs wenn die Lufft mit Regen ist bezogen/
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Wenn Iris aber hat mit dem gefärbten Bogen
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Den Horizont bekrönt/ führt mich auf neue Spuhr
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Das Wunder-grosse Buch der gütigen Natur.
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Mein GOtt! was zeiget uns doch die an allen Seiten?
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Denn halt ich ein Gespräch mit from̃en Arbeits-Leuten/
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Die stellen manchen Schluß in ihrer Einfalt dar/
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Der selbst dem Seneca noch schwer zulösen war.
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Da seh ich was für Wahn uns Menschen offt bedecket/
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Daß viel gesunder Witz auch in den Sclaven stecket/
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Und was ein grosser Mund als ein Orakel spricht/
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Zu weilen mehr betreugt/ als nicht ein Irrwisch-Licht.
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O mehr als güldne Zeit! belobtes Acker-Leben!
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Dem Himmel sey gedanckt/ der mir die Krafft gegeben/
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Daß ich/ der noch nicht gar an viertzig Jahre geh/
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Schon am gewünschtem Ziel so vieler Greisen steh.
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Hier kanst du biß im Herbst/ mich liebster Bruder finden/
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Und wenn du deinen Freund aufs neue wilst verbinden/
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So stelle dich und die bey dir im Hause seyn/
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So bald es müglich ist/ in meiner Armuth ein.
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Was dich bekümmern kan/ das laß zurücke bleiben/
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Ein fröliches Gespräch soll uns die Zeit vertreiben/
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Wird gleich auch manchen Tag der Sonnen-Schein
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Genug daß unser Geist nicht wetterleunisch ist.
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Seit vielen Jahren hat bey mir kein Lied geklungen/
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Die Leyer ist verstimmt/ die Saiten abgesprungen/
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Wer weiß was Phöbus thut/ weñ nur dein Antlitz lacht
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Ob nicht ein neuer Trieb die Adern schwellen macht.
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Mich dünckt ich seh euch schon ihr angenehmen Gäste/
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Wie ihr gefahren kommt zu einer Bauren-Köste/
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Wie in der freyen Lufft/ da alles spielt und schertzt/
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Sich auch Eusebius mit seiner Justgen hertzt.
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Charlotten/ Christian/ und deinen theuren Fritzen/
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Die seh ich eingepackt aufs schmale Bänckgen sitzen;
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Doch wo die Pape bleibt mit ihrer breiten Brust/
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Und aufgethürmten Kopff/ das ist mir unbewust.
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Ich dencke daß sie sich vor dismahl wird bequemen/
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Wo die Bediente stehn/ ein Plätzchen einzunehmen/
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Weil noch kein Handwercks-Mann zu der verdam̃ten
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Die Sprügel und den Raum hat hoch genug gemacht.
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Eins bitt ich/ nehmt verlieb/ wenn ich nach Art der Hirten/
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Euch nicht mit Ortolans und Nectar kan bewirthen/
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Denn man auf meinen Tisch sonst selten etwas trägt
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Das nicht mein Feld/ mein Stall/ mein Teich und Gar-
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Auf! bilde dir nur ein/ du solst nach Hermstorf reisen/
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Und kan ich dir hernach schon nicht desgleichen weisen/
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So tröste dich damit/ daß du mein werther Gast/
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Nicht weniger als dort hier zu befehlen hast.

([Canitz, Friedrich Rudolph Ludwig von]: Neben-Stunden Unterschiedener Gedichte. [Hrsg. v. Joachim Lange]. Berlin, 1700.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz
(16541699)

* 27.11.1654 in Berlin, † 11.08.1699 in Berlin

männlich

deutscher Diplomat und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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