Der 72. Psalm

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz: Der 72. Psalm (1700)

1
Gott wird Israel erfreuen/
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Wenn es Ihn von Hertzen meynt;
3
Und sein Volck noch benedeyen/
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Ob es gleich in Aengsten weint.
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Das ist sicher: Unterdessen
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Hätt’ ich es bey nah vergessen/
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Und gezweiffelt: Ob Er sieht
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Was auf dieser Welt geschieht.

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Denn ich kont es nicht ergründen/
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Daß wer dich O Schöpffer höhnt/
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In dem höchsten Grad der Sünden
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Wird mit lauter Glück bekröhnt.
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Daß er/ wenn er mit Vergnügen
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Seiner Jahre Zahl erstiegen/
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Endlich bläset ohne Grauß
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Den verfluchten Athem aus.

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Er erhebt sich gleich den Zinnen/
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Die von Marmor aufgethürmt;
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Und verzärtelt seine Sinnen/
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Wenn sonst eitel Unglück stürmt.
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Wenn sein Wanst von Hoffart schwillet/
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Muß sein Wünschen seyn erfüllet;
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Ja was er zuweilen träumt/
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Muß ihm werden eingeräumt.

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Er verlästert alle Sachen
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Die nicht sein Gehirn gebiert/
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Und darf selbst darüber lachen
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Wie dein Arm den Scepter führt.
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Wer mag seine Thorheit schelten?
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Was er schafft muß alles gelten;
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Und was er ihm bildet ein/
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Sol uns ein Orakel seyn.

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Weil ihn nun kein Ziel beschrencket/
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Wird der Pöbel irr gemacht/
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Daß er bey sich selber dencket:
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Gott giebt nicht auff Menschen acht/
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Er schläfft in dem Himmel oben/
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Und läßt den Tyrannen toben.
39
Was hilfft uns die Frömmigkeit?
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Wir sind arm und er gedeyht.

41
HeRR/ ich muß die Warheit sagen;
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Mich verdroß der Lauff der Welt/
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Daß ich hätte diesem Klagen
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Bald mein Ja-Wort zugesellt/
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Und gegläubt: daß die dich preisen/
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Sich mit leerer Hoffnung speisen.
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Zwar ich dachte fleißig nach/
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Doch war die Vernunfft zu schwach.

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Endlich ward in deinem Tempel
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Mir eröffnet dieser Schluß:
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Daß der bösen ihr Exempel
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Nicht zur Folge dienen muß.
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Denn/ o GOtt! du läßst sie wallen/
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Daß sie desto härter fallen;
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Es ist eine Zeit bestimmt/
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Da ihr Stoltz ein Ende nimmt.

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Schrecklich werden sie verstieben/
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Leichter als ein Traum vergehn/
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Und was etwan übrig blieben/
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Wird in keinem Seegen stehn.
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Du wirst tilgen ihren Saamen/
62
Und es wird auff ihren Namen/
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(den man erst so hoch geschätzt)
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Seyn ein steter Fluch gesetzt.

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War es müglich? kont ich wancken?
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War ich schlaffend oder blind?
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Durch was thörichte Gedancken
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War ich dümmer als ein Rind?
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Daß ich/ was du gut gefunden/
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Zu bekügeln mich erwunden.
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Dieses was ich ausgeübt/
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Macht mich schamroht und betrübt.

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Künfftig werd ich nicht mehr gleiten/
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Herr/ von deiner Seiten ab;
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Denn du selber wirst mich leiten/
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Dein Raht ist mein Wander-Stab.
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Endlich nach viel Dornen-Hecken/
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Wirst du mir den Ort entdecken/
79
Da ich aller Ehren voll
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Deine Wolthat rühmen soll.

([Canitz, Friedrich Rudolph Ludwig von]: Neben-Stunden Unterschiedener Gedichte. [Hrsg. v. Joachim Lange]. Berlin, 1700.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz
(16541699)

* 27.11.1654 in Berlin, † 11.08.1699 in Berlin

männlich

deutscher Diplomat und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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