Todes-Gedancken

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz: Todes-Gedancken (1700)

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Das/ was der Erden weite Raum
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Begreifft in seinen Schrancken/
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Verfleucht als wie ein leichter Traum;
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Ich selbst/ dem die Gedancken
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Der Nichtigkeit itzt fallen ein/
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Ich kan vielleicht der nechste seyn/
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Von abgekürtztem Leben
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Ein Beyspiel abzugeben.

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Bin ich aus besserm Zeug gebaut
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Als andre meiner Jahre/
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Die man noch gestern frisch geschaut/
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Und heut legt auff die Baare?
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Zu was dient mir der Nahrungs-Safft/
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Als daß er neuen Zunder schafft/
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Der/ wenn es GOtt verhänget/
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Leicht Gifft und Kranckheit fänget.

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Alsdann gibts keine
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Den Schaden zu ergäntzen.
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Wir sehn der Haare Silber-Schnee/
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Auff wenig Scheiteln gläntzen.
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Der Tod/ der ist es so gewohnt/
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Daß er der Jugend wenig schont/
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Und die noch harte Trauben/
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Am liebsten pflegt zu rauben.

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Was mehr ist/ manchem wird das Hertz
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Durch seinen Griff gerühret/
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Eh er noch Schwachheit oder Schmertz/
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Als seine Boten spühret.
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Es sind ja leyder! Schlag und Fluth/
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Geschoß/ Wurff/ Stickfluß/ Mord und Gluth/
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Und Fälle vieler Arten/
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Die stündlich auff uns warten.

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Dieweil nun alles dis/ mein GOtt/
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Mir vor den Augen schwebet/
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Wie kommts/ daß nicht in dieser Noth
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Mein träger Cörper bebet/
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Und daß die Seele ruhig ist/
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Als hätte sie noch lange frist/
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So wie in fremden Sachen/
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Den Uberschlag zu machen?

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O kindischer und toller Wahn/
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Der bey mir eingerissen!
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Ich weiß gewiß/ ich muß daran/
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Nur wil ich es nicht wissen.
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Wie manch berühmtes Haupt geht ab!
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Selbst Cron und Purpur fält ins Grab!
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Nur ich wil unterdessen
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Mein Wohl und Weh vergessen.

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Die Zeit zerstöret überall
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Die schönste Seltenheiten/
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Die Zeit die Marmor und Metall
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Kan fressen und bestreiten.
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Sie reißt was ewig scheinet/ hin/
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Nur ich/ der mehr zerbrechlich bin/
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Ich dencke meinetwegen
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Soll sich ihr Wüten legen.

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Wenn ich die Gottes-Aecker seh/
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Und alles könte lesen/
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Was der/ auff dessen Grufft ich geh/
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In seinem Sinn gewesen.
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Was man für Hoffnung scharret ein/
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So würd ich überzeuget seyn/
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Das/ was man dort bedecket/
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Auch mir im Busen stecket.

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Ach GOtt vertreib den dicken Dunst
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Der irdischen Beschwerden!
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Das sey nur meine beste Kunst/
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Bey Gräbern klug zu werden.
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Der Reichthum sey von mir verflucht/
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Den man nicht in den Särgern sucht/
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Mir müsse bey den Leichen
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Mit Lust die Zeit verstreichen.

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Daß ich mich vor der kalten Hand
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Des Todes nicht entfärbe/
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So mache mich mit ihm bekandt
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Vorher/ noch eh ich sterbe.
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Wenn schnöde Wollust mich erfüllt/
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So werde durch ein Schrecken-Bild
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Verdorrter Toden-Knochen/
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Der Kitzel unterbrochen.

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Laß mich nicht in das Gauckel-Spiel
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Der rohen Welt vergaffen/
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Und zeige du mir selbst das Ziel/
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Dazu du mich erschaffen.
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Wenn auch mein ungewisser Schritt/
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Nicht stets auff gleicher Bahne tritt/
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So heile mein Gewissen
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Durch innigliches Büssen.

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Gib/ daß ich dich/ du höchstes Gut/
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In reiner Brunst betrachte/
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Daß ich Glück/ Ehre/ Gut und Blut/
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Nicht vor mein eigen achte;
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So wird auch/ wenn die Stunde kömmt/
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Die du zum Abdruck hast bestimmt/
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Was du mir hier verliehen/
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Mich nicht zurücke ziehen.

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Dir sey es gäntzlich heimgestellt/
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Wie/ wo und wenn ich scheide/
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Wer unter deinen Flügeln fällt/
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Wird frey von allem Leide.
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Doch wündsch’ ich/ daß ich wohlgeschickt
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Von hinnen werde weggerückt/
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Und allzu schweres Kämpffen
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Nicht die Vernunfft mag dämpffen.

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Laß mitten in dem finstern Thal
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Mich dein Verdienst erquicken/
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Und den bestirnten Freuden-Saal
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Hier unten schon erblicken.
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Dann/ HErr/ so ende meinen Lauff/
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Und löse sanfft den Knoten auff/
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Der in dem Reich der Deinen/
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Soll neu-geknüpfft erscheinen.

([Canitz, Friedrich Rudolph Ludwig von]: Neben-Stunden Unterschiedener Gedichte. [Hrsg. v. Joachim Lange]. Berlin, 1700.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz
(16541699)

* 27.11.1654 in Berlin, † 11.08.1699 in Berlin

männlich

deutscher Diplomat und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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