Kampff wider die Sünde

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz: Kampff wider die Sünde (1700)

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Empöre dich mein Geist/ es muß gewaget seyn/
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Auf! setze dich dem Schwarm der Lüste frisch entge-
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Greiff an das grosse Werck/ dran alles ist gelegen/
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Und räume deinem Feind nicht allen Vortheil ein.
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Versuch obs besser sey/ wenn du den Schöpffer ehrest/
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Von dessen starcken Hand du überzeuget bist/
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Als wenn du immerhin/ das Maaß der Sünden mehrest/
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Die deinen Cörper schwächt/ und deine Kräffte frißt.

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Denck was in schnöder Lust für Stacheln sind versteckt/
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Was oft ein Augenblick macht für betrübte Stunden/
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Wie gnau daß der Genuß und Eckel sind verbunden/
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Wie in der Freude selbst dich was verborgnes schreckt;
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Wie du/ als Cain dort/ vor GOttes Antlitz fliehest/
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Wie oft dich in dem Schlaaf des Satans Larve stöhrt/
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Wie du des Himmels Grim̃ auf dein Geschlechte ziehest/
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Und wie der MenschenGunst sich endlich von dir kehrt.

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Bedencke daß der Tod/ der alles zu sich reißt/
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Dich führet bey der Hand und über jede Schwelle/
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Und immer unvermerckt zur finstern Grabes-Stelle/
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Du weist nicht ob er dich nicht heut zu Boden schmeißt/
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Diß aber weist du wohl: Solt’ itzt das Band zerspringen/
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Daß dich und diesen Leib/ O Geist/ zusammen hält/
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Du würdest schlechten Zeug vor deinen Richter bringen/
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Erwege nur den Spruch/ den das Gewissen fällt.

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Was dein verderbtes Blut beweget und ergetzt/
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Hast du von Jugend an am eyffrigsten getrieben/
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Hingegen in der Furcht des HErren dich zu üben/
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Bleibt als ein Neben-Werck auf künfftig ausgesetzt.
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Worin dein Gottesdienst besteht/ ist daß zu weilen
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Ein Seufzer ohngefehr aus lauher Andacht fliegt/
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Denn du pflegst dergestalt dein Leben einzutheilen/
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Daß dessen Kern die Welt/ und GOtt die Hülsen kriegt.

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Dein Christenthum ist nichts als Dunst und Sicherheit/
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Warum/ du machest GOtt zum Götzen deiner Sinnen/
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In dessen Gegenwart du Dinge darffst beginnen/
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Und die ein frecher Mensch sich für den andern scheut.
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Dein alter Adam pflegt den Moses auszudeuten/
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Uñ macht des Heylands Wort zu deinẽ Fleisch beqvem.
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Und wenn zwey Lehrer sich um eine Meynung streiten/
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Ist der/ so deinen Trieb entfesselt/ angenehm.

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Von stoltzem Eigensinn/ dem alles weichen soll/
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Von Wahn/ der in der Lufft entfernte Schlösser bauet/
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Von Mißgunst/ die allein des Nechsten Fehler schauet/
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Und aller Laster-Bruth/ O Seele/ bist du voll.
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Du schwebst in einem Schiff/ das auf den wilden Wellen
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Bald hie/ bald wieder da/ auf neue Klippen geht/
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Und bist doch nicht bemüth die Segel hinzustellen
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Nach dem erwündschten Port/ der dir für Augen steht.

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Ach Seele weil du siehst die scheußliche Gestalt/
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Die dich zum Greuel macht: die Noth in der du schwebest;
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Ists müglich daß du nicht in allen Gliedern bebest/
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Und suchst dein wahres Heyl mit eusserster Gewalt.
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Ists müglich daß du nicht mit bittern Thränen-Bächen
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Die Wangen über schwemmst/ und deine That bereust/
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Und dañ bey deinem GOtt/ den du durch dein Verbrechen/
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Zum Zorn gereitzet hast/ um die Vergebung schreyst.

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Wie ists? ist über dir ein steter Fluch verhengt/
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Du fängst/ ich merck es wol/ ein wenig an zu wancken/
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Doch sieh/ wie sich ein Tand der flüchtigen Gedancken/
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Ein höllisch Gauckelspiel in deinen Vorsatz mengt.
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Noch ist in deinem Thun kein rechter Ernst zu spüren;
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Komm JEsu/ dessen Huld die Sünder nicht verstöst/
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Komm oder du wirst bald ein irrend Schaaf verlieren/
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Das du mit eignem Blut so theuer hast erlöst.

([Canitz, Friedrich Rudolph Ludwig von]: Neben-Stunden Unterschiedener Gedichte. [Hrsg. v. Joachim Lange]. Berlin, 1700.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz
(16541699)

* 27.11.1654 in Berlin, † 11.08.1699 in Berlin

männlich

deutscher Diplomat und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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