Uber die Gnaden-Wahl

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz: Uber die Gnaden-Wahl (1700)

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Wer nicht die Worte hält/ die im Gesetze stehen/
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Dem deutest du den Fluch O GOtt mit Schre-
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Wer aber wird von uns dem strengen Spruch entgehen
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Dieweil kein einiger sich dessen rühmen kan?
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Ja wenn ein Sterblicher gleich alles könt erfüllen/
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Hätt’ er zu deinem Reich darum kein besser Recht.
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Die Wercke gelten nicht. Er thäte deinen Willen/
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Doch wär er immerhin ein armer Sünden-Knecht
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Ich weiß zwar daß dein Sohn sein heilges Blut vergossẽ/
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Und von der Missethat uns alle lößgezehlt.
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Wie vielen aber bleibt der Himmel doch verschlossen!
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Weil du die wenigsten auf Erden auserwehlt.
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Wie soll ich das verstehn/ daß du hast können hassen
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Den Esau der doch nie des Tages-Licht erblickt?
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Wie kan ich mit dem Arm des Glaubens dich umfassen/
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Eh deine Liebe sich zu meiner Schwachheit bückt?
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Du wilst zwar deinen Geist auf Bitte mir gewehren/
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Den Tröster welcher uns zum Weg der Wahrheit
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Wie aber kan ich HErr den Geist von dir begehren/
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Wenn nicht derselbe Geist schon Hertz und Lippen
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Dürfft’ ich als schlechter Thon mit meinem Töpfer streitẽ?
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Dürfft’ ich als ein Geschöpf dem Schöpffer reden ein?
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So fragt’ ich: kanst du mich so leicht zur Freude leiten/
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Warum steht mir es frey der Höllen Raub zu seyn?
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Ist an des Sünders Heyl dir HErr so viel gelegen/
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Wie solches mir dein Mund und Eyd-Schwur saget
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Warum vergönnest du/ daß sich die Lüsten regen?
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Ist Satan/ Welt und Fleisch denn mächtiger als du?
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Ach GOtt! so qvälen mich zum öfftern die Gedancken;
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Noch mehr verwirret mich der Schrift gelehrtẽ Streit/
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Wenn sie sich nach der Kunst um deine Worte zancken;
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Wenn dieser Gnade bringt/ und jener Sterben dreut.
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Es scheint als hätten sie mit dir im Rath gesessen/
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Und da mit dir zugleich das Urtheil abgefaßt/
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Weil sie sich unterstehn nach ihrer Schnur zu messen/
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Was du Unendlicher in dir verborgen hast.
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Bald wil die blasse Furcht mich in den Abgrund stürtzen/
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Bald grübelt die Vernunfft/ doch kan ihr frecher Tand
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Und mein Gewissen nichts als Zweifels-Knoten schürtzẽ
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So gar daß Sicherheit offt nimmet überhand.
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Zuletzt erhohl’ ich mich und flieh’ in deine Wunden/
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Mein Heyland/ die dir nicht ümsonst geschlagen sind!
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Im übrigen sey dir dein Rath-Schluß ungebunden/
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Ich unterwerffe mich dir Vater als dein Kind
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Hilf daß ich wandeln mag/ als wenn durch from̃es Leben
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Ich könt’ erwerben hier die Schätze jener Welt;
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Doch wollest du dabey mir solchen Glauben geben/
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Der mein Verdienst für nichts/ und dich für alles hält.

([Canitz, Friedrich Rudolph Ludwig von]: Neben-Stunden Unterschiedener Gedichte. [Hrsg. v. Joachim Lange]. Berlin, 1700.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz
(16541699)

* 27.11.1654 in Berlin, † 11.08.1699 in Berlin

männlich

deutscher Diplomat und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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