Abend-Lied

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz: Abend-Lied (1700)

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Es ist/ O Mensch/ heut abermahl
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Ein Tag von deiner Jahre-Zahl
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Verflogen/ und in nichts verwandelt.
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Du näherst dich zu deiner Grufft;
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Und zu der Stimme die dich rufft;
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Thu Rechnung wie du hast gehandelt.

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Wer aber giebt die Sicherheit/
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Daß morgen noch um diese Zeit
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Du dieses Leben wirst geniessen/
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Gott
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Vielleicht ist man alsdenn bemüh’t/
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Dich in vier Bretter einzuschliessen.

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Rückt unvermerckt die Zeit heran/
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In der dein Nachbar sagen kan
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Von dir: auch dieser ist verschieden.
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Weil du nun nicht die Stunde weist/
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Wolan/ so rüste deinen Geist/
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Daß er hinfahren mag in Frieden/

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Du hast dich in die Welt vergafft/
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Was aber hat sie dir geschafft?
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Viel trübe/ wenig frohe Stunden.
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Doch hast du ihr aus eitlem Sinn
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Den Lebens-Kern gegeben hin/
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Und GOtt mit Hülsen abgefunden.

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Reiß dich von ihren Stricken loß/
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Allein in deines Vaters Schooß/
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Da ist das höchste Guth zu finden;
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Doch must du wieder als ein Kind
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Seyn redlich gegen Ihm gesinnt/
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Und dich entschlagen aller Sünden.

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Lieb’ Ihn/ weil du Ihn ehren must/
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Und laß dich nicht Gewalt noch Lust
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Von diesem heilgen Vorsatz trennen.
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Nimm das mit frohem Hertzen auff/
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Was Er in deinem Lebens-Lauff/
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Dir zu gebrauchen wil vergönnen.

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Sein Wort sey deiner Augen Zweck;
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Geh immer den geraden Weg/
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Und scheint das Glück dir nicht gewogen/
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So ist der beste Rath: schweig still/
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Denn wer nicht willig folgen wil/
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Wird mit den Haaren fortgezogen.

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Noch keiner hat durch Menschen-Gunst/
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Vielweniger durch eigne Kunst/
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Ihm einen Wohlstand aufgebauet/
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Gott hat die Hand in jedem Spiel/
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Bald giebt Er wenig und bald viel/
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Doch dem genug/ der Ihm vertrauet.

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Wer sich gewehnt auff GOtt zu sehn/
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Und wo die Welt ihr Wohlergehn
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Drauff setzt/ als eitel zu betrachten/
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Der ist an dem Gemüthe reich/
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Sein Vorrath Crösus Schätzen gleich/
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Er aber höher noch zu achten.

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O Mensch du bist ein fremder Gast/
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Und weil du hier nichts eignes hast/
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So must du auf den Himmel dencken.
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Drum laß dich nicht in etwas ein/
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Das dir verhinderlich mag seyn/
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Und auch wol deinen Nechsten kräncken.

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Zwar weiß dein
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Nicht was der Zwang ihm gutes thut/
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Doch must du dich entgegen setzen.
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Und wenn dich böse Lust anficht/
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So sprich: O GOtt hilf daß ich nicht
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Mir mein Gewissen mag verletzen.

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Gelegenheit die dich verführt/
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Zu dem was Missethat gebiert/
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Must du wie Schlangen-Bisse meiden
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Der Satan schleicht/ denck immer dran/
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Daß die geringste Sünde kan
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Mit GOtt dich von einander scheiden.

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Hast du gefehlt so trage Reu
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Doch bald/ und sonder Heucheley/
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Du bist nicht Meister deiner Stunden.
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Und weist du/ der du sicher bist/
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Obs immer GOtt gelegen ist/
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Wenn du mit Ihm wilst seyn verbunden.

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Erneure noch in dieser Nacht
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Den Bund/ den du mit GOtt gemacht/
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Und geh in seinem Namen schlaffen.
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So wird Er auch nach seinem Rath/
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Das was Er dir verliehen hat/
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Vertheidigen mit starcken Waffen.

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Mein Schöpffer/ gib daß was itzund
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Gesungen hat mein schwacher Mund/
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In meinem Hertzen mag bekleiben.
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Und schaffe ferner daß dein Geist/
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Wenn eine neue Frucht sich weist/
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Sie mag zum vollen Wachsthum treiben.

([Canitz, Friedrich Rudolph Ludwig von]: Neben-Stunden Unterschiedener Gedichte. [Hrsg. v. Joachim Lange]. Berlin, 1700.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz
(16541699)

* 27.11.1654 in Berlin, † 11.08.1699 in Berlin

männlich

deutscher Diplomat und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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