Armin

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August Heinrich Hoffmann von Fallersleben: Armin (1840)

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Uns ist in alten Sagen gar wunderviel gesagt,
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Wonach in unsern Tagen das Publicum nicht fragt.
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Ich aber will berichten was heute nur geschieht,
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Nur schöne neue Geschichten. Und also hebt sich an das Lied.

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Es kam vom Himmel nieder der deutsche Held Armin,
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Seit grauen Zeiten wieder, er kam, wir sahen ihn;
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Er war noch stets derselbe, er ging ganz frank und frei,
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Er wollte Deutschland sehen, ob's noch dasselbe Deutschland sei.

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Im Teutoburger Walde da ließ er sich herab,
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Er dacht' an Alles wieder was einst sich dort begab.
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Da fragt ihn ein Gensd'arme: „wo haben Sie Ihren Paß?“
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Es erwiedert ihm der Recke: „was kümmert dich denn wunder das?“

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„ich bin ein Officiante, ich thue nur meine Pflicht,
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Und thue gar nichts weiter als was die Vorschrift spricht:
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Wer ohne Paß hier kommet, wer sich nicht legitimirt,
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Der wird von Polizeiwegen sofort hier arretiert.“

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Zum Glücke kam gegangen ein alter Edelmann,
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Der hatte sich von ferne schon gehört die Sachen an;
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Es war ihm aus der Kindheit Armins Porträt bekannt:
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„für diesen Fremden bürg' ich.“ Er nahm ihn gleich auch bei
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der Hand.

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Und führt' ihn durch den Schloßhof in den alten Rittersaal;
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Das Gesinde hieß er kommen, es bracht' ihm einen Pokal,
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Das war ein echter Römer, den schenkt er ganz voll Wein,
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Und bot ihn auf Deutschlands Freiheit dem viellieben Gaste sein.

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„ja, sprach Armin, ich
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Ich bin des Fechtens müde, was hat man auch zuletzt?
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Doch ewig hass' ich die Römer und ewig bei Tag und Nacht,
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Sie haben uns stets das Schlechte, und gewiß auch die Pässe
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hergebracht.“

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Der Edelmann versetzte: „Besänftige dich nur!
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Es ist in der Welt von Römern jetzt kaum noch eine Spur;
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Du hast sie ja vertilget, kein Mensch spricht mehr Latein,
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Du hast ihn ausgelöschet des Römerreiches Glanz und Schein.“

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„es beten zwar die Christen in Latein noch hie und da,
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Auch lernen die Juristen draus ihre Principia;
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Auch treiben es die Gelehrten und halten noch viel darauf,
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Doch, glaub' ich, endlich höret der Bettel mal von selber auf.“

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„so etwas darf nicht kümmern, das ist bei uns der Brauch:
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Ein Deutscher ist ein Gelehrter, drum lernt er Alles auch.
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Du hast in deiner Jugend ja auch gelernt Latein,
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Und bist kein Römer gewesen — Trink aus! ich schenke wieder ein.“

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„doch sei mir gottwillkommen, du hoher Held Armin!
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O laß mich dich umfangen, o laß mich vor dir knien!
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Du bist doch stets derselbe, mit deinem blonden Haar,
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Mit deinem liebevollen, deinem schönen blauen Augenpaar!“

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„vergönne daß ich lese, wie lieb und werth du bist,
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Wie jede deiner Thaten uns hoch und heilig ist — “
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Es las darauf der Edelmann ihm aus dem Lohenstein;
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Bald kam ein süßer Schlummer, Nacht war's, der Held Armin
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schlief ein.

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Und als am hellen Tage Armin erwachet war,
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Da kamen alle und brachten ihm ihren Glückwunsch dar;
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Es kam die Frau mit den Fräuleins, es kam der Edelmann,
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Und alle sahen den Helden mit Blicken minniglichen an.

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Und unterdessen eilte die Mähr' von Mund zu Mund,
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Und durch die Eisenbahnen ward's allen Deutschen kund:
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Er ist da, ist wiedergekommen Deutschlands Befreier Armin!
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Im Teutoburger Walde, kommt her, kommt her und sehet selber ihn!

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Da schickten die Westphalen als Festcomit
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Grobkörnigen und feisten Pumpernickel ihm zu,
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Es schickten die alten Sassen ihm echte Cheruskerwurst,
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Und andre deutschen Stämme dachten an des Helden guten Durst.

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Es sandten ihm die Baiern mit Bock ein Fuderfaß,
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Weil das in ihrem Lande noch immer das beste was;
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Es sandten darauf die Franken Bocksbeutel wohl verpicht
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Und die freien Städte Cigarren aus Havanna, sie hatten
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Deutscheres nicht.

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Und wie ein Schwarm Heuschrecken kamen von Pyrmont herbei
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Die Naturforscher und Aerzte fünfhundert und fünfzigerlei;
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Sie hielten die zehnte Spazierfahrt in solcher Geschäftigkeit,
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Daß sie des Essens vergaßen und zum Trinken sich nahmen keine Zeit.

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Sie wollten die deutsche Trinksucht erforschen am Helden Armin,
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Ob Gott in so frühen Zeiten schon uns dieselbe verliehn,
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Sie wollten nach Pariser Zoller ihm messen seinen Schlund
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Und dann in Oken's Isis promulgieren den Sachbefund.

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Es befand sich einer drunter, der schien ein Agent zu sein
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Von dem Jenaer beliebten Mineralogen-Verein;
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Der zog ein Diplom aus der Tasche: „dem deutschen Freiheitsstein!“
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Da sprach von Lemgo ein Steinmetz: „mit Nichten, das ist doch
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zu gemein!“

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Auch kamen in selber Stunde von München und von Berlin
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Zwei berühmte Mitglieder der berühmten Akademien:
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Herr Zeüne war der eine, (der fehlt bei keinem Fest!)
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Der andere war Herr Maßmann, die sollten forschen aufs Allerbest.

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Der eine nur erdkundlich, wie Germania damals war,
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Ob blaue Augen hatten die Teutonen und blondes Haar?
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Der andere philologisch wie sich selber schrieb' Armin,
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Ob deutsch, ob teutsch, was richtig und welches vorzuziehn?

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Auch stellte sich Herr Albrich, ein kleines Männlein ein, —
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Er war fast außer Athem vom Philologenverein,
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Der sollt' Arminium fragen, wie man spreche das Latein,
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Und ob damals die Schulmeister in Rom nur Sklaven gewesen sei'n?

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Es kamen auf Flügeln des Sanges die Sänger aus Schwabenland,
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Weil sonst kein anderer Sänger in Zunft und Ansehn stand;
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Sie brachten von der Freiheit gar manchen süßen Bar,
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Da von dieser Freiheit zu singen noch keinem bisher verboten war.

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Sie brachten auch große Listen zu einem Denkmal herbei,
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Genehmigt von allen Fürsten und auch von der Polizei;
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Sie luden mit Subscriptionen jeden biderben Deutschen ein,
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Es sollte das Armins-Denkmal ein Denkmal aller Deutschen sein.

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Es waren von Köln am Rheine elftausend Jungfraun geschickt,
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Die brachten ein seidenes Fähnlein, drin mit Gold und Perlen gestickt,
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Gar lieblich anzuschauen, ein heiliger Hermann stand,
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Weil mit der Heiligen Hülfe Armin befreit das deutsche Land.

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Von Düsseldorf und München kam ein Wagen mit Künstlern an,
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Ihre Aufwartung zu machen dem größten deutschen Mann;
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Sie wollten ihn zeichnen und malen, radieren und modelliern,
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In Stein und Marmor hauen, in Erz gießen und lithographiern.

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Es saß Armin im Sessel, wusste nicht wohin? woher?
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Von allem Sehen und Hören war ihm das Herz so schwer.
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Was andre gerne möchten, das fühlte recht der Held;
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Den Drang nach Ruhme fühlet nur wer berühmt ist in der Welt.

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Armin in heiterem Ernste nahm den Römer in die Hand:
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„hoch lebe die deutsche Freiheit! hoch lebe das Vaterland!“
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Und alle, alle riefen: „sie lebe früh und spat!“
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Zwar war im Saale zugegen gar mancher geheime Rath.

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Armin in heiterem Ernste nahm den Becher wieder jetzund:
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„hoch alle Majestäten und hoch der deutsche Bund!“
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Und alle, alle riefen: „recht lang' in Einigkeit!“
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Zwar waren im Saale zugegen Cherusker genug zur Zeit.

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Kaum war es ausgesprochen, da kam vom Leinestrom
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Ein Zug von Professoren mit einem schönen Diplom.
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Georgia Augusta hatte einstimmig sich resolviert
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Und Armin den hehren Helden zum

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Armin in heiterem Ernste nahm in die Hand das Diplom:
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„gut daß ich es noch erfahre — was ich gethan an Rom
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Ist also Recht gewesen ist Recht bis auf diesen Tag!
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Gott gebe, daß es den Sieben, wie's mir jetzt geht, ergehen mag!“

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Schon war es Nacht geworden, der Wächter blies ins Horn,
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Da kam ein Bote geritten mit einem goldenen Sporn
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Und einem Pergamentbriefe, — er kam noch zu rechter Zeit, —
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Es war darin eine Bulla von Seiner Heiligkeit.

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Armin begann zu lesen, er schüttelte das Haupt;
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Daß er sein Latein verlernet, das hätt' er nicht geglaubt.
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Er ließ von einem Professor sich die Bulla klassisch vertiern
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Und dann zu besserm Verständniß im Tacitusstile expliciern.

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Seine Heiligkeit begehret, daß sich der Held Armin
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Bei seinem großen Einfluß jetzt wolle gern unterziehn,
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Ein Friedenswerk zu stiften von wegen gemischter Eh'n,
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In Germania könn' und dürf' es so uncanonisch nicht mehr gehn.

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Um dazu anzuspornen, erfolg' hier ein Symbol;
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Wer's Wohl der Kirche wolle, erlang' auch so
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Und wen die Kirche begnade, sei begnadet für alle Zeit:
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So, meinte der Philologe, so schriebe Seine Heiligkeit.

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Ihm war so angst geworden, dem edlen Helden Armin,
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Trotz aller Freud' und Wonne wollt' er nach Walhalla ziehn.
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Da hielt den großen Deutschen zu unserm hohen Glück
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Auf einige Minuten ein frohes Ereigniß noch zurück.

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Es kam ein Fürst geritten, der erhob mit eigener Hand
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Und sportelfrei den Helden in den deutschen Adelstand.
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Das war zu viel — da starb er. Nun heißt es doch fortan:
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Das Vaterland hat gerettet ein alter deutscher Edelmann.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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August Heinrich Hoffmann von Fallersleben
(17981874)

* 02.04.1798 in Fallersleben, † 19.01.1874 in Abtei Corvey

männlich, geb. Hoffmann

deutscher Dichter und Germanist, Verfasser des „Liedes der Deutschen“

(Aus: Wikidata.org)

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