Der Messias. Fünfter Gesang

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Friedrich Gottlieb Klopstock: Der Messias. Fünfter Gesang (1751)

1
Und Jehovah saß hoch und voll Ernst auf dem ewigen Throne,
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Neben ihm stand Eloa, und sprach: wie ist itzt dein Antlitz,
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Ewiger, so furchtbar! Wie glänzet aus deinem Auge
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Lauter Gericht! Wie reden die Donner so laut ihre Stimme!
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Die Myriade sprach itzt! Gleich spricht die andre! Nun hör ich
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Schon das Rauschen der dritten von fern! Dort wandelten Sterne.
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Gott, kaum sahst du herab, da waren die Sterne geflohen!
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Warum hör ich nicht um mich herum die Gesänge der Sphären?
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Wo du nur hinblickst, weit um dich her, da schweigen die Sphären!
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Und kein Laut der Seraphim spricht, kein Cherub singt Lieder!
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Keine von allen unüberzählbaren Myriaden
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Singet ein Lied von dem ewigen Sohne? Gar keine von allen?
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Sollt ich euch überzählen, ich müßte Jahrhunderte zählen.
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Jhr schweigt alle? Kein einziger singt von dem ewigen Sohne?
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Alle Flügel hat über sich her, und über ihr Antlitz,
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Bang die Natur verbreitet, den Ewigen anzubeten?
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Willst du dich, Gott, aufmachen, und über eine der Erden
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Weltgericht halten? Denn so ist das Angesicht eines Verderbers!
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Dieß sind Blicke des ernsten Gerichts! Oder hast du beschlossen,
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Satans Reich zu zerstören? Den Lästrer Gottes zu schlagen?
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Willst du ausziehn, im Dunkeln daher, den ewigen Sünder
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Zu vernichten? Und um ihn herum die Tiefen der Hölle?
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Soll sein Name nicht mehr im Buche der Lebenden stehen,
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Die du erschufst? Und er unter den Ewigen ganz vertilgt seyn?
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Oder willst du ihn nur, an seines Thrones Gebirgen,
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Jhn und sein Haupt zerschmettern? Damit er sinnlos im Staube
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Vor dir liege, gedrückt von der Nacht, und deinem Donner?
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Daß das Heulen seiner Verzweiflung die Höll und der Himmel,
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Und die Welten vernehmen, und ein Gestirne dem andern
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Jm Vorübergehn sage: da liegt er verderbt, der Empörer!
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Wenn du das willst, so wafne mich, Gott, und laß mich mit ausziehn,
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Gegen des Schrecklichen Angesicht! Gieb mir aus diesen Gewittern
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Tausend Donner, und Nacht um mich her, und göttliche Stärke,
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Daß ich, deinem Antlitz vorüber, im Thore des Todes,
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Deiner Feinde hochdrohende Häupter zu tausenden schlage.
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Ach wie schrecklich bist du! Wie sendet dein tödtendes Auge
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Lauter Zorn und Gericht! Zorn, ohn Erbarmen, Jehovah!
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Lange schon war ich, ich schau in Ewigkeiten zurücke!
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Als du wurdest, o Welt, da war schon manches Jahrhundert
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Ueber mein Haupt vorübergeflossen, und meine Tage
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Sind nicht eines Sterblichen Tage, der aufblüht, und Staub wird.
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Ewigkeiten sind es, daß ich, Jehovah, dich schaute:
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Aber so hab ich noch nie dein furchtbares Antlitz gesehen!
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Du hast dein ganzes Gericht, und alle deine Verderben,
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Ewiger, angezogen! Und diese Herrlichkeit Gottes,
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Die sonst Liebe nur war, ist ganz zu Zorne geworden!
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Ach, ich habe mich unterwunden, mit dir, Gott, zu reden,
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Der ich eine Wolke nur bin, woraus du mich, Gott, schufst,
49
Und aus deinem Odem ein Hauch, ein endlicher Seraph!
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Zürne nicht, Vater, und schaue mich nicht mit dem schrecklichen Blick an,
51
Mit dem du zu der Erden hinunterblickst, daß ich nicht sterbe;
52
Und dann mein Name nicht mehr im Buche der Ewigen stehe;
53
Und mein Sitz nicht mehr sey am Allerheiligsten Gottes!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Gottlieb Klopstock
(17241803)

* 02.07.1724 in Quedlinburg, † 14.03.1803 in Hamburg

männlich, geb. Klopstock

deutscher Autor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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