Der Messias . Zweyter Gesang

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Friedrich Gottlieb Klopstock: Der Messias . Zweyter Gesang (1751)

1
Jtzo stieg über die Cedernwälder der Morgen herunter.
2
Jesus erhub sich, ihn sahn in der Sonne die Seelen der Väter.
3
Als sie ihn sahn, da sangen zwo Seelen so gegeneinander,
4
Adams Seele, mit ihr die Seele der göttlichen Eva:

5
Schönster der Tage, du sollst vor allen künftigen Tagen
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Festlich und heilig uns seyn, dich soll vor deinen Gefährten,
7
Kehrst du wieder zurück, die Seele des Menschen, der Seraph
8
Und der Cherub, beym Aufgang und Untergange, begrüssen.
9
Steigst du zur Erden herab; verbreiten dich Orione
10
Durch die Himmel; und gehst du beym Throne der Herrlichkeit Gottes
11
Heilig hervor, so wollen wir dir in feyrendem Aufzug
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Jauchzend mit Hallelujagesängen entgegen segnen!
13
Dir, unsterblicher Tag, der du unsern getrösteten Augen
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Gott, den Meßias, auf Erden in seiner Erniedrung entdeckest!
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Wie er so schön ist! O, unser Meßias in menschlicher Bildung!
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Wie sich in seinem erhabenen Ansehn die Gottheit enthüllet!

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Selig bist du und heilig, die du den Meßias gebahrest,
18
Seliger als Eva, die Mutter der Menschen. Unzählbar
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Sind zwar die Söhne von ihr, doch zugleich unzählbare Sünder.
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Aber du hast einen, nur einen göttlichen Menschen,
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Einen gerechten, ach einen unschuldigen theuren Meßias,
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Einen Sohn Gottes, unsterbliche Tochter der Erde, gebohren!
23
Zärtlich mit irrendem Blick seh ich zur Erden hernieder,
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Dich, Paradies, dich seh ich nicht mehr. Du bist in den Wassern
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Weggeschwemmt, in Wassern der allgegenwärtigen Sündflut.
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Deiner erhabnen umschattenden Cedern, die Gottes Hand pflanzte,
27
Deiner friedsamen Lauben, der jungen Tugend Behausung,
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Hat kein Sturmwind, kein Donner, kein Todesengel geschonet!
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Bethlehem, wo ihn Maria gebahr, und ihn brünstig umarmte,
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Sey du mir mein Eden; du Brunnen Davids, die Quelle,
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Wo ich göttlich erschaffen zuerst mich sahe; du Hütte,
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Wo er weinte, sey du mir die Laube der ersten Unschuld!
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Ach hätt ich dich in Eden gebohren, du Göttlicher! hätt ich
34
Gleich nach vollbrachter entsetzlichen That dich, Sohn, gebohren
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Siehe, so wär ich mit dir zu meinem Richter gegangen;
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Da, wo er stand, wo unter ihm Eden zum Grabe sich aufthat,
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Wo der Erkenntnisse Baum mir fürchterlich rauschte, wo Stimmen
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Seiner Donner des Fluchs gefürchteten Richterspruch sprechen,
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Wo ich im bangen Erbeben dahinsank, und sterben wollte,
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Da wär ich zu ihm gegangen: dich, Sohn, hätt ich weinend umarmet
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Und an mein Herze gedrückt, und gesagt; Ach zürne nicht, Vater!
42
Zürne nicht mehr, ich habe den Mann Jehova gebohren!

43
Heilig bist du, und anbetenswürdig und ewig, o Erster!
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Der du dir deinen göttlichen Sohn von Ewigkeit zeugtest,
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Und ihn, nach deinem Bilde gezeugt, zum Erlöser der Menschen,
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Meines von mir beweinten Geschlechts, erbarmend erwähltest.
47
Gott hat meine Thränen gesehen; ihr habt sie gesehen,
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Seraphim, und sie gezählt; auch ihr, ihr Seelen der Todten,
49
Seelen meines entschlafnen Geschlechts, habt sie alle gezählet.
50
Wärest du nicht, o Meßias, gewesen, die ewige Ruhe
51
Hätte mir selbst traurig, und ungenießbar geschienen.
52
Aber in deinem göttlichen Umgang, von deiner Erbarmung,
53
Stifter des ewigen Bundes, sanft überschattet, da lernt ich
54
Selbst in zärtlicher Wehmuth mehr Seligkeiten empfinden.

55
Und nun trägst du sein Bild, das Bild des sterblichen Menschen!
56
Gottmensch Erlöser, dich bethen wir an! Vollende dein Opfer,
57
Das du für uns, unsterblicher Gott, zu vollenden herabstiegst.
58
Mache die Erde bald neu, die du zu verneuen beschlossest,
59
Dein und unser Geburtsland. Komm bald gen Himmel zurücke!
60
Komm, sey gegrüßet in deinen Erbarmungen, Gottmensch Erlöser!

61
Also ertönte mit mächtigem Klang die Stimme der Seelen
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Durch die Gewölbe der englischen Burg. Der Meßias vernahm sie
63
Fern in der Tiefe. Wie mitten in heiligen Einsiedleyen,
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In zukünftige Folgen vertieft, prophetische Weisen
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Dich, von fern sanftwandelnde Stimme des Ewigen, hören.
66
Jesus gieng den Oelberg hinab. An der Mitte des Oelbergs
67
Stand ein Palmbaum auf niedrigen Hügeln vor allen erhaben,
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Von leichtschimmernden Wolken des Morgennebels umflossen.
69
Unter dem Palmbaum vernahm der Meßias den Schutzgeist Johannes,
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Raphael ist sein Name, der ihn hier betend verehrte.
71
Liebliche Winde zerflossen vom Palmbaum, und trugen die Stimme
72
Die sonst keine Geschöpfe nicht hörten, zum Mittler hernieder.

73
Raphael komm, rief ihm der Meßias mit freundlichem Anblick,
74
Wandle mir hier ungesehen zur Seite. Wie hast du die Nacht durch
75
Unsers lieben Johannes unschuldige Seele bewachet?
76
Was für Gedanken, die deinen Gedanken, o Raphael, glichen,
77
Hatte sie? Wo ist er itzt? Ich bewacht ihn, sagte der Seraph,
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Wie man die Erstlinge deiner Erwählten, o Mittler, bewachet.
79
Seinen eröffneten Geist umschatteten heilige Träume,
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Träume von dir. O hättest du ihn da schlummern gesehen,
81
Als er dich, Göttlicher, sah! Ein heiliges Frühlingslächeln
82
Füllte sein Antlitz. Dein Seraph hat auch in Edens Gefilden
83
Adam gesehn, da er schlief, und das Bild der werdenden Eva
84
Und des bauenden Schöpfers vor seine Gedanken herabkam.
85
Aber so schön war er nicht, wie dein göttlicher Jünger Johannes.
86
Doch itzt ist er dort unten in traurigen nächtlichen Gräbern,
87
Und klagt einen besessenen Mann, der im Staube der Todten
88
Fürchterlich bleich, wie ein bebend Gerippe, hin ausgestreckt lieget.
89
Jesus, du solltest ihn sehn, du solltest den zärtlichen Jünger
90
Neben ihm voller mitleidigen Kummers und Wehmuth erblicken,
91
Wie ihm vor Menschenliebe sein Herz erbarmend zerfließet,
92
Wie er erbebt. Mir selbst drang eine wehmüthige Thräne
93
Zitternd ins Auge. Da wandt ich mich weg. Das Leiden der Geister,
94
Die du zur Ewigkeit schufst, ist mir stets durch die Seele gedrungen.

95
Raphael schwieg. Das Auge des Mittlers sah zürnend gen Himmel.
96
Großer Vater, erhöre mich itzt! Der Menschenfeind werde
97
Deinen Gerichten ein ewiges Opfer, das jauchzend der Himmel,
98
Das voll Bestürzung und Schand und Schmach die Hölle betrachte!

99
Also sagt er, und näherte sich den Gräbern der Todten.
100
Unten am mitternächtlichen Oelberge waren die Gräber
101
In zusammengebirgte zerrüttete Felsen gehauen.
102
Dick und finster verwachsene Wälder verwahrten den Eingang
103
Vor dem Blicke des fliehenden Wandrers. Ein trauriger Morgen
104
Stieg, wenn über Jerusalem schon der Mittag sich senkte,
105
Zu den Gräbern noch dämmernd mit kühlem Schauer hinunter.
106
Samma, so hieß der besessene Mann, lag neben dem Grabe
107
Seines jüngsten geliebtesten Sohns in kläglicher Ohnmacht.
108
Satan ließ ihm die Ruh, ihn desto ergrimmter zu quälen.
109
Hier lag er bey den Gebeinen des Knabens in Moder und Asche.
110
Neben ihm stand sein anderer Sohn, und weinte zu Gott auf.
111
Jenen verstorbenen, welchen der Vater und Bruder beweinten,
112
Hatte vordem die zu zärtliche Mutter, durch Flehen erweichet,
113
Mit in die Gräber zum Vater hinab gebracht, welchen Satan
114
Ungestüm und voll grimmiger Wuth bey den Todten herumtrieb.
115
Ach mein Vater! so rief der kleine geliebte Benoni,
116
Und entfloh den Armen der Mutter, die ängstlich ihm nachlief;
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Ach mein Vater, umarme mich doch! und krümmt um die Hand sich,
118
Drückte sie an sein Herz. Der Vater umfaßt ihn, und bebte.
119
Da nun der Knabe mit kindlicher Inbrunst ihn zärtlich umhalste,
120
Da er mit stillem liebkosenden Lächeln ihn jugendlich ansah,
121
Warf ihn der Vater an einen entgegenstehenden Felsen,
122
Daß sein zartes Gehirn an blutigen Steinen herabrann,
123
Und mit leisem Röcheln entfloh die Seele voll Unschuld.
124
Nunmehr klagt er ihn trostlos, und faßt das kalte Behältniß
125
Seiner Gebeine mit sterbendem Arm. Mein Sohn, ach Benoni!
126
Ach Benoni, mein Sohn! so sagt er, und jammernde Thränen
127
Stürzen vom Auge, das bricht und langsam starrend erstirbet.
128
Also lag er und ängstigte sich, da der Mittler hinabkam.
129
Joel, der andere Sohn, verwandte sein thränendes Antlitz
130
Von dem Vater, und sah den Meßias im Grabmal dahergehn.
131
Ach! mein Vater, erhub er voll froher Verwundrung die Stimme,
132
Jesus, der große Prophet, kömmt in die Gräber hernieder.
133
Satan hört es, und sahe bestürzt durch die Oeffnung des Grabmals.
134
So sehn Gottesläugner, der Pöbel, aus düstern Gewölben,
135
Wenn das hohe Gewitter am donnernden Himmel heraufzieht,
136
Und der Rache gefürchtete Wagen in Wolken sich wälzen.
137
Satan hatte bisher nur Samma von ferne gepeinigt.
138
Aus den tiefsten entlegensten Enden des nächtlichen Grabmals
139
Sandt er langsame Plagen hervor. Jtzt erhub er sich wieder
140
Rüstete sich mit Todesschrecken, und stürzt auf Samma.
141
Samma sprang auf, dann fiel er von neuem ohnmächtig darnieder.
142
Seine dem Tode noch kaum entgegenringende Seele
143
Trieb ihn, von dem mördrischen Feinde zum Unsinn empöret,
144
Felsenan. Hier wollt ihn vor deinen göttlichen Augen,
145
Großer Meßias, der Satan am schroffen Felsen zerschmettern.
146
Doch du warest schon da, und deine voreilende Gnade
147
Trug dein verlaßnes Geschöpf auf treuen allmächtigen Flügeln,
148
Daß er nicht sank. Da ergrimmte der Geist des Menschenverderbers
149
Und erbebte. Die kommende Gottheit erschreckt ihn von ferne.
150
Indem richtete Jesus sein helfendes Antlitz auf Samma.
151
Eine belebende göttliche Kraft, mit dem Blicke vereinbart,
152
Gieng von ihm aus. Da erkannte der arme verlassene Samma
153
Seinen Erlöser. Ins bleiche Gesicht voll Todesgestalten,
154
Kam die Menschheit zurück, er schrie, und weinte gen Himmel.
155
Jtzt wollt er reden, allein kaum konnt er von Freuden erschüttert
156
Bebend stammeln. Doch breitet er sich mit sehnlichen Armen
157
Nach dem Ewigen aus, und sah mit getrösteten Augen,
158
Voll von Entzückung, nach ihm von seinem Felsen herunter.
159
Wie die Seele trübsinniger Weisen, die, in sich gekehret,
160
Und an der Ewigkeit ihrer zukünftigen Dauer verzweifelnd,
161
Innerlich bebt; der Unsterblichen schauert vor ihrer Zernichtung;
162
Aber itzt nahet sich ihr der weisern Freundinnen eine,
163
Jhrer Unsterblichkeit sicher, und stolz auf Gottes Verheißung,
164
Kömmt sie zu ihr mit tröstendem Blick. Die trübe Verlaßne
165
Heitert sich auf, und windet mit Macht vom jammernden Kummer
166
Ungestüm freudig sich los; nun jauchzt die ewige segnend,
167
Wie im Triumph, über ihrer verneuten unsterblichen Größe.
168
Also empfand der besessene Mann die Beruhigung Gottes.
169
Und drauf sprach der Meßias mit mächtiger Stimme zu Satan:
170
Geist des Verderbens, wer bist du, der du vor meinem Gesichte
171
Dieß zur Erlösung erwählte Geschlecht, die Menschen, so quälest?
172
Ich bin Satan, antwortet ein zorniges tiefes Gebrülle,
173
König der Welt, die oberste Gottheit unsclavischer Geister,
174
Die mein Ansehn zu etwas erhabnerm, als zu den Geschäfften
175
Himmlischer Sänger bestimmt hat. Dein Ruf, o sterblicher Seher,
176
Dieser dein Ruf drang, wer du auch bist, zur untersten Hölle.
177
Selbst ich verließ sie, sey stolz auf deines Königs Bemühung!
178
Dich, von himmlischen Sclaven verkündigten Heiland, zu sehen.
179
Doch du wurdest ein Mensch, ein götterträumender Seher,
180
Wie die, welche mein mächtiger Tod in die Erde begraben.
181
Darum gab ich nicht Acht, was die neuen Unsterblichen thaten.
182
Doch nicht müßig zu seyn, so plagt ich, das hast du gesehen!
183
Deine Geliebten, die Menschen. Da sieh des Todes Gestalten,
184
Meine Geschöpf, auf diesem Gesicht! Jtzt eil ich zur Hölle.
185
Unter mir soll mein allmächtiger Fuß das Meer und die Erde,
186
Mir anständige Wege zu bahnen, gewaltsam verwüsten.
187
Dann soll die Höll im Triumph mein königlich Angesicht schauen.
188
Willst du was thun, so thu es alsdann. Ich kehre zurücke,
189
Hier auf der Welt mein erobertes Reich, als König, zu schützen.
190
Unterdeß stirb noch, Verlaßner, vor mir! So sagt er, und stürzte
191
Stürmend auf Samma. Allein des ruhigschweigenden Mittlers
192
Stille verborgne Gewalt kam, gleich der Allmacht des Vaters,
193
Wenn er Welten geheim und still den Untergang zuwinkt,
194
Satan im Zorne zuvor; er floh, und vergaß im Entfliehen,
195
Unter allmächtigem Fuße das Meer und die Erde zu schlagen.
196
Unterdeß stieg Samma von seinem Felsen hernieder.
197
Also entfloh vom hohen Euphrates Nebucadnezar,
198
Da ihm der Rathschluß der heiligen Wächter die menschliche Bildung
199
Wiederum gab, und ihn zum Anschaun des Himmels erhöhte.
200
Gottes Schrecknisse giengen nicht mehr, mit dem Rauschen Euphrates,
201
Vor ihm in dunklen sinaischen Donnerwettern vorüber.
202
Nebucadnezar kam auf die stolzen Höhen zu Babel,
203
Nicht mehr als Gott; er lag, von da gen Himmel verbreitet,
204
Dankbar im Staube gebeugt, den Ewigern anzubeten.
205
Also kam Samma zu Jesu herab, und fiel vor ihm nieder.
206
Darf ich dir folgen, du heiliger Mann? ach laß mich mein Leben
207
Das du mir wieder geschenkt, bey dir, Mann Gottes, vollenden!
208
Also sagt er, und schlung sich mit brünstigen zitternden Armen
209
Um den Erlöser, der ihm, mit menschenfreundlichen Blicken,
210
Dieses erwiederte: folge mir nicht, doch verweile dich künftig
211
Mehr als sonst um Golgathas Hügel, da wirst du die Hoffnung
212
Abrahams und der Propheten mit deinen Augen erblicken.
213
Indem Jesus zu Samma so sprach, da wandte sich Joel
214
Zu Johannes, und sagte zu ihm, mit schüchterner Unschuld:
215
Ach du lieber Mann, führe du mich zum großen Propheten,
216
Daß er mich höre, du kennest ihn ja. Der zärtliche Jünger
217
Nahm ihn, und führt ihn zu Jesu, da sagt er in seiner Unschuld;

218
Gottes Prophet, so kann denn mein Vater und ich dir nicht folgen?
219
Aber, o darf ichs wohl sagen, warum verweilest du itzo
220
Hier, wo mein jugendlich Blut vor den Gräbern der Todten erstarret?
221
Komm doch, du göttlicher Mann, in meines Vaters Behausung.
222
Dich soll hier meine verlassene Mutter mit Demuth bedienen.
223
Milch und Honig, die lieblichsten Früchte von unseren Bäumen,
224
Sollst du genießen; die Wolle der jüngsten Lämmer in Auen
225
Soll dich bedecken. Ich selber will dich, o Gottes Prophete,
226
Kömmt die Sommerszeit, unter die Schatten der Bäume begleiten,
227
Die mein Vater im Garten mir gab. Mein lieber Benoni!
228
Ach Benoni, mein Bruder! dich laß ich im Grabe zurücke.
229
Ach nun wirst du mit mir die Blumen künftig nicht tränken!
230
Niemals wirst du am kühlenden Abend mich brüderlich wecken!
231
Ach Benoni! ach Gottes Prophet, da liegt er im Staube!

232
Jesus sah ihn erbarmungsvoll an, und sprach zu Johannes:
233
Wische dem Knaben die Zähren vom Antlitz; ich hab ihn viel edler
234
Und rechtschaffner, als viele von seinen Vätern, erfunden.
235
Also sagt er, und blieb mit Johannes allein in den Gräbern.

236
Unterdeß gieng Satan, mit Dampf und Wolken umhüllet,
237
Durchs Thal Josaphat, über das todte Meer finster hinüber.
238
Von da kam er zum wolkichten Carmel, vom Carmel gen Himmel.
239
Hier durchirrt er mit grimmigem Blicke den göttlichen Weltbau,
240
Daß er noch durch so viele Jahrhunderte, seit der Erschaffung,
241
In der ersten von Gott ihm gegebnen Herrlichkeit glänzte.
242
Gleichwohl ahmt er ihm nach, und änderte seine Gestalten
243
Durch ätherisches Glänzen, damit nicht die Morgensterne
244
Ueberall, wo er den irrenden Fuß ins Weltgebäu setzte,
245
Ueber sein finstres Ansehn in stillem Triumphe sich freuten.
246
Doch dieß helle Gewand war ihm bald unerträglich; er eilte,
247
Aus deu Bezirken der göttlichen Herrschaft zur Hölle zu kommen.
248
Jtzo hatt er sich schon bey den äußersten Weltgebäuden
249
Stürmisch herunter gesenkt. Unermeßliche dämmernde Räume
250
Thaten vor ihm wie unendlich sich auf. Die nennt er den Anfang
251
Seiner von ihm durchherrschten Bezirke. Hier sah er von ferne
252
Flüchtigen Schimmer, so weit die äußersten Sterne der Schöpfung
253
Noch das unendliche Leere mit matten Strahlen durchirrten.
254
Doch hier sah er die Hölle noch nicht; die hatte die Gottheit
255
Fern von sich und ihren Geschöpfen, den seligen Geistern,
256
Weiter hinunter in ewige Dunkelheit eingeschlossen.
257
Denn in unserer Welt, dem Schauplatz ihrer Erbarmung,
258
War kein Raum für Oerter der Quaal. Der Ewige schuf sie
259
Furchtbar, zum Verderben, zu seinem strafenden Endzweck,
260
Prächtig und vollkommen. In drey erschrecklichen Nächten
261
Schuf er sie, und verwandte von ihr sein Antlitz auf ewig,
262
Jenes, mit welchem er huldreich nach seinen Geschöpfen herabsieht.
263
Zween von den heldenmüthigsten Engeln bewachten die Hölle.
264
Dieß war Gottes Befehl, da er sie mit mächtiger Rüstung
265
Segnend umgab. Sie sollten den Ort der dunklen Verdammniß
266
Ewig in seinen Bezirken erhalten, damit nicht Satan
267
Kühn mit seiner verfinsterten Last die Schöpfung bestürmte,
268
Und das Antlitz der schönen Natur durch Verwüstung entstellte.
269
Wo sie beym Eingang der Hölle mit herrschendem Angesicht sitzen,
270
Von da senkt sich ein strahlender Weg, wie von Zwillingsquellen
271
Ein krystallener Strom, in geradefortlaufender Länge
272
Gegen den Himmel gekehrt, nach Gottes Welten hinüber,
273
Daß es ihnen in ihrer Entfernung an frommen Vergnügen,
274
Ueber die mannichfaltige Schönheit der Schöpfung, nicht fehle.
275
Neben diesem helleuchtenden Wege kam Satan zur Hölle,
276
Und gieng unsichtbar durch die eröffneten Höllenpforten.
277
Drauf hub er sich in einem von Schwefel dampfenden Nebel
278
Langsam auf seinen gefürchteten Thron. Jhn sahe kein Auge
279
Unter den Augen, die Nacht und Verzweiflung trübe verstellten.
280
Zophiel nur, ein Herold der Höllen, entdeckte den Nebel,
281
Der die erhabenen Stufen hinaufzog, und sagte zu einem,
282
Der gleich neben ihm stand: kehrt Satans oberste Gottheit
283
Etwa zur Hölle zurück? Verkündigt der dampfende Nebel
284
Seine von allen Göttern so lange gewünschte Zurückkunft?
285
Indem, da er noch sprach, so floß der umhüllende Nebel
286
Ringsum von Satan; er saß auf einmal mit zornigem Antlitz
287
Fürchterlich da. Gleich eilte der flüchtige sclavische Herold
288
Gegen die Feuergebirge, die sonst mit Strömen und Flammen
289
Satans Ankunft dem Abgrund in allen Gegenden kund thun.
290
Zophiel stieg auf Flügeln des Sturms durch die Hölen des Berges
291
Gegen die dampfende Mündung empor. Ein feuriges Wetter
292
Machte darauf den ganzen Bezirk der Finsterniß sichtbar.
293
Jeder erblickte den schrecklichen König in schimmernder Ferne.
294
Alle Bewohner des Abgrunds erschienen. Die mächtigsten eilten
295
Neben ihm auf die Stufen des Throns sich niederzusetzen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Gottlieb Klopstock
(17241803)

* 02.07.1724 in Quedlinburg, † 14.03.1803 in Hamburg

männlich, geb. Klopstock

deutscher Autor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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