Der Messias . Erster Gesang

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Friedrich Gottlieb Klopstock: Der Messias . Erster Gesang (1751)

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Sing, unsterbliche Seele, der sündigen Menschen Erlösung,
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Die der Meßias auf Erden in seiner Menschheit vollendet,
3
Und durch die er Adams Geschlechte die Liebe der Gottheit
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Mit dem Blute des heiligen Bundes von neuem geschenkt hat.
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Also geschah des Ewigen Wille. Vergebens erhub sich
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Satan wider den göttlichen Sohn; umsonst stand Judäa
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Wider ihn auf; er thats, und vollbrachte die große Versöhnung.

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Aber, o Werk, das nur Gott allgegenwärtig erkennet,
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Darf sich die Dichtkunst auch wohl aus dunkler Ferne dir nähern?
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Weihe sie, Geist Schöpfer, vor dem ich im stillen hier bete;
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Führe sie mir, als deine Nachahmerinn, voller Entzückung,
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Voll unsterblicher Kraft, in verklärter Schönheit, entgegen.

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Rüste sie mit jener tiefsinnigen einsamen Weisheit,
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Mit der du, forschender Geist, die Tiefen Gottes durchschauest;
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Also werd ich durch sie Licht und Offenbarungen sehen,
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Und die Erlösung des großen Meßias würdig besingen.

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Sterbliche, kennt ihr die Ehre, die euer Geschlecht verherrlicht,
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Da der Schöpfer der Welt, als Erlöser, auf Erden herab kam:
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So hört meinen Gesang, ihr besonders, ihr wenigen Edlen,
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Theure gesellige Freunde des liebenswürdigen Mittlers,
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Jhr mit der Zukunft des großen Gerichts vertrauliche Seelen,
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Hört mich, und singt den ewigen Sohn durch ein göttliches Leben.

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Nah an der heiligen Stadt, die sich itzt durch Blindheit entweihte,
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Und die Krone der hohen Erwählung unwissend hinwegwarf,
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Ehmals die Stadt der Herrlichkeit Gottes, der heiligen Väter
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Pflegerinn, nun ein Altar des Bluts von Mördern vergossen;
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Hier wars, wo der Meßias von einem Volke sich losriß,
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Das ihn zwar itzo verehrte, doch nicht mit jener Gemüthsart,
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Die vorm schauenden Angesicht Gottes untadelhaft bleibet.
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Jesus verbarg sich vor diesen Entweihten. Zwar lagen hier Palmen
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Des ihm begegnenden Volks; zwar klang dort ihr lautes Hosanna;
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Aber umsonst. Sie kannten den nicht, den sie König nennten,
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Und den Gesegneten Gottes zu sehn, war ihr Auge zu dunkel.
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Gott kam selber vom Himmel herab. Die gewaltige Stimme:
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Er ist verherrlichet, und soll von neuem verherrlichet werden!
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War die Verkündigerinn der gegenwärtigen Gottheit.
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Doch sie waren, Gott zu verstehn, zu niedrige Sünder.
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Unterdeß nahte sich Jesus dem Vater, der wegen des Volkes,
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Zu dem die Stimme geschah, voll Zorn zum Himmel hinaufstieg.
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Vor ihm wollt er noch einmal sein göttliches freyes Entschließen,
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Seine Geliebten, die Menschen, zu heiligen, feyerlich kund thun.

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Gegen die östliche Seite Jerusalems liegt ein Gebirge,
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Welches schon oft den göttlichen Mittler auf seinen Gipfeln,
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Wie ins Heilige Gottes, verhüllt, wenn er einsame Nächte
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Unter dem Anschaun des Vaters in großen Gebeten durchwachte.
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Nach dem Gebirge begab er sich itzt. Johannes alleine
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Folgt ihm bis zu den Gräbern der Seher, in heiligen Grotten,
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Wie sein göttlicher Freund, die Nacht im Gebete zu bleiben.
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Von da erhub sich der Mittler zur obersten Spitze des Berges.
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Da umgab ihn vom hohen Moria ein Schimmer der Opfer,
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Die den ewigen Vater noch itzt im Bilde versöhnten.
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Um und um nahm ihn der Oelbaum ins Kühle. Gelindere Lüfte,
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Gleich dem Säuseln der Gegenwart Gottes, umflossen sein Antlitz.
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Der dem Meßias auf Erden zum Dienste gegebene Seraph,
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Gabriel ist sein himmlischer Name, stand eben am Eingang
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Zwoer umdufteten Cedern, und dachte dem Heile der Menschen
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Und dem Triumphe der Ewigkeit nach, als itzt der Erlöser
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Seinem Vater entgegen vor ihm im stillen vorbeygieng.
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Gabriel wußte, daß nun die Zeit der Erlösung herankam.
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Diese Betrachtung entzückt ihn, er sprach mit zärtlicher Stimme:

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Willst du die Nacht, o Göttlicher, hier im Gebete durchwachen?
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Oder verlangt dein ermüdeter Leib nach seiner Erquickung?
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Soll ich zu deinem unsterblichen Haupt ein Lager bereiten?
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Sieh, es streckt schon der Sprößling der Ceder den grünenden Arm aus,
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Und die weiche balsamische Staude. Beym Grabe der Seher
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Wächst dort unten ruhiges Moos im kühlenden Erdreich.
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Soll ich hieraus, o Göttlicher, dir ein Lager bereiten?
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Wie ist dein Leib, o Erlöser, ermüdet! Wie vieles erträgst du
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Hier auf Erden aus brünstiger Liebe zum Menschengeschlechte!

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Also sagt er. Der Mittler belohnt ihn mit segnenden Blicken,
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Und stand voll Ernst auf der Höhe des Bergs am benachbarten Himmel.
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Gott war daselbst. Hier betet er. Unter ihm tönte die Erde,
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Und ein wandelndes Jauchzen durchdrang die Pforten der Tiefen,
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Als sie von ihm die gewaltige Stimme tief unten vernahmen.
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Denn es war nicht mehr die Stim̃e des Fluchs, die Stim̃e von Stürmen
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Furchtbar verkündiget, und in donnernden Wettern gesprochen,
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Die die Erde vernahm. Sie hörte des Segnenden Rede,
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Der mit unsterblicher Schöne sie einst zu verneuen beschlossen.
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Um und um lagen die Hügel in lieblicher Abenddämmrung,
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Gleich als wären sie schon neuerschaffen, und blühend, wie Eden.
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Jesus redte. Nur er und der Vater durchschauten den Inhalt,
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Unbegränzt: Dieß nur vermag die Stimme des Menschen zu sprechen:

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Göttlicher Vater, die Tage des Heils und des ewigen Bundes
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Nähern sich mir, die Tage, zu größern Werken erlesen,
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Als selbst die Schöpfung, die du durch deinen Sohn ehmals vollbrachtest.
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Sie verklären sich mir so schön und herrlich, als damals,
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Da wir die Reihe der Zeiten durchschauten, und sie in der Zukunft,
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Durch mein göttliches Anschaun vorzüglich bezeichnet, erblickten.
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Dir nur ist es bekannt, mit was für Einmuth wir damals,
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Du, mein Vater, und ich, und der Geist die Erlösung beschlossen.
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In der Stille der Ewigkeit, einsam, und ohne Geschöpfe,
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Waren wir beysammen. Voll unsrer göttlichen Liebe,
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Sahen wir auf Menschen, die noch nicht waren, herunter.
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Ach das arme Geschlecht! Ach unsre Geschöpfe, wie elend
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Waren sie, sonst unsterblich, nun Staub, von der Sünde verstellet!
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Vater, ich sah ihr Elend, du meine Thränen. Da sprachst du:
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Laßt uns das Bild der Gottheit von neuem im Menschen erschaffen!
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Also erfanden wir unser Geheimniß, das Blut der Versöhnung,
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Und die zum ewigen Bilde verneuerte Schöpfung der Menschen.
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Hier erkohr ich mich selbst, das göttliche Werk zu vollenden.
101
Ewiger Vater, das weißst du, das wissen die Himmel, wie brünstig
102
Mich seit diesem Entschluß nach meiner Erniedrung verlangte!
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Erde, wie oft warst du, in deiner niedrigen Ferne,
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Mein erwähltes geliebtestes Augenmerk! Und du, o Canan,
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Heiliges Land, wie oft hieng mein sanftthränendes Auge
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An dem Hügel, den ich vom Blute des Bundes schon voll sah.
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Und, o wie bebt mir mein Herz von süßen wallenden Freuden,
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Daß ich so lange schon Mensch bin, daß schon so viele Gerechte
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Zu mir sich sammlen, und nun bald alle Geschlechte der Menschen
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Durch mich geheiliget werden! Hier lieg ich, göttlicher Vater,
111
Noch mit den Zügen der Menschheit, nach deinem Bilde, gezieret,
112
Betend vor dir: bald aber wird mich dein tödtend Gerichte
113
Blutig entstelien, und unter den Staub der Todten begraben.
114
Schon hör ich dich, du Richter der Welt, allein und von ferne
115
Kommen, und unerbittlich in deinen Himmeln dahergehn.
116
Schon durchdringt mich ein Schauer, dem ganzen Geistergeschlechte
117
Unempfindbar, und wenn du sie auch im grimmigen Zorne
118
Tödtetest, unempfindbar! Schon seh ich den nächtlichen Garten
119
Vor mir liegen, schon sink ich vor dir in niedrigen Staub hin,
120
Lieg, und bet, und winde mich, Vater, im Todesschweiße.
121
Siehe, da bin ich, mein Vater. Ich will dein grimmiges Zürnen,
122
Deine Gerichte will ich mit tiefem Gehorsam ertragen.
123
Du bist ewig! Kein endlicher Geist hat das Zürnen der Gottheit,
124
Und den Unendlichen furchtbar und tödtend, gedacht und empfunden.
125
Gott nur konnte die Gottheit ertragen. Hier bin ich, mein Vater,
126
Tödte du mich, nimm mein ewiges Opfer zu deiner Versöhnung.
127
Noch bin ich frey, noch kann ich dich bitten, so thut sich der Himmel,
128
Mit Myriaden von Seraphim auf, und führet mich jauchzend,
129
Vater, zu deinem unsterblichen Thron im Triumphe zurücke.
130
Aber ich will leiden, was keine Seraphim fassen,
131
Was kein denkender Cherub in tiefen Betrachtungen einsieht;
132
Ich will leiden, den furchtbarsten Tod will ich, Ewiger, leiden!
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Weiter sagt er und sprach: Ich hebe gen Himmel mein Haupt auf,
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Meine Hand in die Wolken, und schwöre dir bey mir selber,
135
Der ich Gott bin, wie du: Ich will die Menschen erlösen!

136
Jesus sprachs, und stand auf; und in seinem Antlitz war Hoheit
137
Und erbarmender Ernst, und Seelenruh, als er vor Gott stand.

138
Und, unhörbar den Engeln, nur sich und dem Sohne vernommen,
139
Sprach der ewige Vater, und wandte sein schauendes Antlitz
140
Gegen den Meßias: Ich breite mein Haupt durch die Himmel,
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Meinen Arm durch die Unendlichkeit aus, und sag: Ich bin ewig!
142
Sag, und schwöre dir, Sohn: ich will die Sünde vergeben!

143
Also sprach er, und schwieg. Indem die Ewigen sprachen,
144
Gieng durch die ganze Natur ein ehrfurchtvolles Erbeben.
145
Seelen, die itzt wurden, die noch nicht zu denken begonnen,
146
Zitterten, und empfanden zuerst. Ein gewaltiger Schauer
147
Faßte den Seraph, ihm schlug sein Herz, und um ihn lag wartend,
148
Wie vorm nahen Gewitter die Erde, sein furchtsamer Weltkreis.
149
Nur in die Seelen zukünftiger Christen kam sanftes Entzücken,
150
Und ein süßbetäubend Gefühl des ewigen Lebens.
151
Aber sinnlos, und nur zur Verzweiflung allein noch empfindlich,
152
Sinnlos, wider Gott was zu denken, entstürzten im Abgrund
153
Jhren Thronen die höllischen Geister. Als jeder dahinsank,
154
Stürzt auf jeden ein Fels, brach unter jedem die Tiefe
155
Ungestüm ein, und donnernd erklang die unterste Hölle.

156
Jesus stand noch vor Gott, und die Leiden seiner Erlösung
157
Fiengen itzt an. Und Gabriel lag auf seinem Gesichte
158
Fern und anbetend, von neuen Gedanken gewaltig erhoben.
159
Seit den Jahrhunderten, die er durchlebt, (so lang als die Seele
160
Sich die Unendlichkeit denkt, wenn sie sich in feurigem Fluge
161
Wie aus dem Körper verliert,) seit diesen Jahrhunderten hatt er
162
So erhabne Gedanken noch nie empfunden. Die Gottheit
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Jhre Versohnten, die ewige Liebe des göttlichen Mittlers
164
Alles eröffnet sich ihm. Gott bildete diese Gedanken
165
In dem Geiste des Seraphs. Gott selber dachte sich itzo,
166
Als den Erbarmer erschaffener Wesen. Der Seraph erhub sich,
167
Stand, und erstaunt, und betet, und unaussprechliche Freuden
168
Zitterten durch sein Herz, und Licht und blendendes Glänzen
169
Gieng von ihm aus. Die Erde zerfloß in himmlischem Schimmer
170
Unter ihm, wie es ihm vorkam. Jhn sah der göttliche Mittler,
171
Daß er den Gipfel des ganzen Gebirges mit Klarheit erfüllte.

172
Gabriel, rief er, verhülle dich itzt, du dienst mir auf Erden.
173
Mache dich auf, dieß Gebet vor meinen Vater zu bringen,
174
Daß die edelsten unter den Menschen, die seligen Väter,
175
Daß der versammelte Himmel der Zeiten Fülle vernehme,
176
Nach der er sich so brünstig gesehnt. Hier kannst du mit Glanze,
177
Als der Gesandte des hohen Meßias, vor Gott erscheinen.

178
Schweigend, mit göttlich erheiterten Minen, erhub sich der Seraph.
179
Jesus sah vom Oelberg ihm nach. Der Gottmensch erblickte
180
Schon sein ganzes Betragen vorm Sitze der Herrlichkeit Gottes,
181
Eh noch der eilende Seraph des Himmels Gränzen erreichte.

182
Jtzo erhuben sich neue geheimnißvolle Gespräche
183
Zwischen ihm und dem Vater, von hohem tiefsinnigen Inhalt,
184
Selbst Unsterblichen dunkel, Gespräche von Dingen, die künftig
185
Gottes Erlösung vor allen Erlösten verherrlichen werden.

186
Unterdeß war der Seraph zur äußersten Gränze des Himmels
187
Aufwärts gestiegen. Hier füllen nur Sonnen den heiligen Umkreis.
188
Hell, gleich einem vom Lichte gewebten ätherischen Vorhang
189
Zieht sich ihr Glanz um den Himmel herum. Kein dunkler Planete
190
Naht sich des Himmels verderbendem Blick. Entfliehend und ferne
191
Geht die bewölkte Natur vorüber: da fliehen die Erden
192
Klein und unmerkbar dahin, wie unter dem Fuße des Wandrers
193
Niedriger Staub, von Gewürmen bewohnt, aufwallet und hinsinkt.
194
Um den Himmel herum sind tausend offene Wege,
195
Lange, nicht auszusehende Wege, von Sonnen umgeben.

196
Durch den glänzenden Weg, der gegen die Erde sich kehret,
197
Floß, nach ihrer Erschaffung, vom himmlischen Urquell entspringend,
198
Ein verklärter ätherischer Strom nach Eden herunter.
199
Auf ihm, oder an seinem Gestade, von Wolken erhoben,
200
Kam dazumal bald Engel, bald Gott, zum vertraulichen Umgang,
201
Zu den Menschen. Doch schnell ward der Strom zurücke gerufen,
202
Als sich durch Sünde der Mensch von Gottes Freundschaft entfernte.
203
Denn die Unsterblichen wollten nicht mehr, in sichtbarer Schönheit,
204
Gegenden sehn, die vor ihnen des Todes Verwüstung. entstellte.
205
Damals wandten sie schauernd sich weg. Die stillen Gebirge,
206
Wo noch die Spur des Ewigen war; die rauschenden Haine,
207
Die das Säuseln der Gegenwart Gottes sonst sanft beseelte;
208
Selige friedsame Thäler, vordem von der Jugend des Himmels
209
Liebreich besucht; die schattichten Lauben, wo ehmals die Menschen,
210
Ueberwallend von Freuden und süßen Empfindungen, weinten,
211
Daß sie Gott ewig erschuf; die Erde lag unter dem Fluche,
212
Jhren vordem unsterblichen Kindern ein allgemein Grabmal.
213
Aber dereinst, wenn sich die Weltgebäude verjüngen,
214
Und aus der Asche des großen Gerichts triumphirend hervorgehn,
215
Wenn Gott alle Bezirke der Welten mit seinem Himmel
216
Durch gleich allgegenwärtiges Anschaun zusammen vereinbart,
217
Alsdann wird der ätherische Strom vom himmlischen Urquell
218
Wieder mit hellerer Schöne zum neuen Eden sich senken.
219
Nie wird dann sein Gestade von hohen Versammlungen leer seyn,
220
Die auf Erden den Umgang der neuen Unsterblichen suchen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Gottlieb Klopstock
(17241803)

* 02.07.1724 in Quedlinburg, † 14.03.1803 in Hamburg

männlich, geb. Klopstock

deutscher Autor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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