Der Sternseher. An Herrn ‒‒ ‒‒ ‒‒ ‒‒

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Johann Wilhelm Ludwig Gleim: Der Sternseher. An Herrn ‒‒ ‒‒ ‒‒ ‒‒ (1744)

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Der Kenner aller Welten,
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Der in dem Sterngewölbe
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Kometen und Trabanten
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Und neue Sonnen suchet,
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Und ohne Scherz und Liebe
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Durch alle Nächte wachet,
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Bewog mich iüngst am Abend
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Zu frieren und zu wachen.
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Den holen Raum des Himmels
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Erhell’ten tausend Sterne,
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Wie tausend helle Lampen
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Den weissen Saal erhellen.
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Sie brannten in dem Blauen,
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Und warfen kleine Stralen,
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Wie Lichter Stralen werfen;
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Und oft sah ich, verwundernd,
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Wie sie sich selber putzten.
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Sie brannten still und sicher,
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Bis Lun
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Den Abgrund heller machte;
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Schnell waren von der Menge
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Die kleinsten ausgelöschet.
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Ich rief dem Mond entgegen:
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So dulde doch, Tiranne,
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Bei deinem grossen Schimmer,
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Die kleinen Himmelslichter!
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Allein der Sternbeseher
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Beseufzte meine Dumheit,
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Und rief beim letzten Seufzer:
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Du Dummer, steh doch stille!
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Ich stand; er rief: Steh veste!
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Und legt auf meine Schulter
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Ein Rohr, als wollt er schiessen.
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Ich bat ihn um mein Leben,
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Allein ich muß ietzt lachen,
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Es schlt ihm Rohr und Pulver,
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Denn die vermeinte Flinte,
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Das Rohr auf meiner Schulter,
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War nur ein langes Auge,
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Womit er durch die Lüfte
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Den Mond herunter holte.
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Er holt’ ihn auch herunter,
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Und sah ihn in der Nähe,
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Und sprach: Ich will im Monde,
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Die Thäler voller Tannen,
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Und alle Wälder zälen;
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Ich will die Berge messen,
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Und alle Flüsse zälen.
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Er zälte schon bis zwanzig;
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Allein, indem er zälte,
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Erhub er schnell die Stimme,
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Und rief, wie Wächter rufen:
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Im Monde wohnen Mädchens!
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Er, der noch nie gelächelt,
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Fing plötzlich an zu lachen,
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Und sahe nach dem Monde,
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Und lachte plötzlich wieder,
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Und sprach, noch halb im Lachen:
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Ich sehe kleine Mädchens;
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Sie tanzen unter Knaben,
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Sie tanzen nach Figuren,
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Nach Winkeln und Quadraten,
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Nach Zirkeln und Ovalen,
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Und spielen mit dem Zirkel,
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Und stehn auf hohen Gipfeln,
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Und sehn mit längern Augen,
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Als Neuton und Copernik.
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Ich habe nie mit Mädchens
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Getanzet noch gespielet;
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O! könnt ich doch im Monde
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Mit diesen Mädchens spielen.
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Ach lieber Sternbeseher!
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So sprach ich, blöd’ und furchtsam,
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Ach laß mir doch die Mädchen
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Mit meinem Auge sehen.
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Gleich grif er an mein Auge,
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Und sprach, wie Zaub’rer sprechen:
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Dis Auge werde länger.
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Indem er dieses sagte,
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Ließ ein vergnügtes Mädchen,
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Das mich und ihn beschaute,
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Das mich und ihn verlachte,
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Die schwarzen Augen funkeln.
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Schnell rief ich: Weg vom Auge!
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Mein Auge soll nicht wachsen.
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Besieh du deine Mädchens.
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Ich will mit diesem spielen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wilhelm Ludwig Gleim
(17191803)

* 02.04.1719 in Ermsleben, † 18.02.1803 in Halberstadt

männlich

Dichter der Aufklärungszeit

(Aus: Wikidata.org)

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