Der Vermittler

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Johann Wilhelm Ludwig Gleim: Der Vermittler (1744)

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In dem Garten, den ich liebe,
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Wolt ich, mitten unter Rosen,
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Mit der artigsten Brunette
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Frohe Gartenspiele spielen.
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Schatten, West und Nachtigallen
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Pries ich ihr als Spielgefellen;
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Aber die vergnügte Schöne
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Ließ sich nicht zum Spiele reitzen;
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Ob sie gleich die Lust zum spielen
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Röthend auf den Wangen zeigte.
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Neue Gründe, neue Bitten
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Schaften endlich Ja und Willen,
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Daß ich mir mit Rosenknospen
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Ihren Kuß erwerben solte,
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Wenn ich sie damit, von weiten,
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In der Laube treffen könnte.
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Niemals hab ich mehr gezielet,
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Als ich mit den Knospen zielte;
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Niemals traf mein Bogen besser.
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Aber Doris, die Geliebte
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Weigerte den Preis der Wette
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Dem Gewinner abznliefern,
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Und versprach bei iedem Treffer
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Alle Schulden auszulöschen,
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Wenn noch eine Knospe träfe.
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Als nun eine unter dreien
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Treffen oder fehlen solte,
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Traf sie plötzlich an den Busen
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Eine schwere Rosenknospe.
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Augenblikks, indem sies fühlte,
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Oefnete die Rosenknospe
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Das Behältniß der Gerüche,
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Und, ihr Schönen, welch ein Wunder!
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Amor kam heraus gesprungen.
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Kleine Anmuts volle Lokken
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Fielen von der zarten Scheitel,
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Von den Küssenswerten Lippen
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Treufelten die Küsse sichtbar,
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Und ein Trupp verliebter Geister
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Und ein Schwarm vergnügter Silfen
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War geschäftig, sie zu sammlen.
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Mit vergnügten Wollustminen
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Lächelte der Götterknabe.
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Schwebend flog er, wie ein Engel,
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Zwischen mir und meiner Schöne,
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Welche voller Furcht und Schrekken
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Hurtig aus der Laube flohe.
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Aber Amor rief sie freundlich:
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Kleines Närrchen, bist du blöde?
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Bleib nur hier, sonst schießt mein Bogen,
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Und du wirst ihm nicht entrinnen.
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A
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Kam sie wieder nach der Laube,
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Wo sich Amor ihren Augen,
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Ohne Kleid und Hemde zeigte.
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Hurtig wandte sie die Augen
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Nach der Gärtnerin im Garten;
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Wie sie schamhaft kluge Schönen,
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In Gesellschaft wehrter Freunde,
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Von geschnitzten Liebesgöttern
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Lieber nach Citheren wenden.
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Aber Amor flog ihr näher,
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Und befahl mir, daß sies hörte:
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Liebling, pflükke Rosenknospen,
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Ich will sehn, ob deine Knospen
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So, wie meine Pfeile, treffen.
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Ich gehorchte dem Befehle;
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Als ich aber unterwegens
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Die gepflükten Rosenknospen
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In die Tasche stekken wollte:
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Fand ich, Freunde glaubt dem Finder!
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Beßre Knospen in der Tasche.
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Diese nahm ich, statt der andern,
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Und indem mich Amor winkte,
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Und indem sie Amor küßte,
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Ließ ich schnell die Knospe fliegen.
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Kaum war sie der Hand entflogen,
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Als mich schon der Wurf gereute;
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Denn sie sank in Amors Arme,
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Und ich dachte, meine Knospe
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Hätte sie so stark getroffen,
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Daß sie hurtig sterben würde.
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Denn sie seufzte: Welche Wunde!
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Seht nur her! ich bin verwundet!
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Aber Amor lachte frölich,
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Und besichtigte die Wunde,
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Und wies mit dem kleinen Finger
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Knosp und Pfeil und Wund am Busen.
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Siehst du, sprach er, deine Knospe
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Muste diesen Pfeil verwahren,
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Denn du soltest diese Lose,
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Die mich oft, wie dich, verspottet,
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Für die Spötterei bestrafen.
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Laß sie noch ein bisgen quälen,
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Und dann nimm den Liebesbalsam,
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Das Geschenk von meiner Mutter,
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Und bestreich damit die Wunde.
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Küsse sie, nun wird sie küssen;
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Laß dir den Gewinst bezalen,
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Und bezale du sie wieder,
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Wenn sie dich in Zukunft mahnet;
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Denn, mein Freund, so und nicht anders
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Hab ich dich und sie vermittelt.
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O wie oft, wie sanft, wie zärtlich
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Küßte mich die liebe Schöne,
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Als sie Amors Vorwurf hörte!
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Reuerfüllte Freudentränen
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Flossen von den schönen Wangen.
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Amor ließ sie von den Silfen,
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Die wie Sonnenstäubchen schwärmten,
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In ihr Kußgefässe sammlen,
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Wo sie, wie mir Amor sagte,
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Seine Küsse feuchten solten,
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Daß sie frisch und reitzend blieben,
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Bis er zu der schönen Mutter
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Wieder in den Himmel käme.
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Wie vertraut, wie froh, wie freundlich
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Sprach mit uns der Gott der Liebe!
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Könt ihn doch mein Pinsel malen,
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Daß ihn alle Schönen sähen,
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Das die Anmut seiner Glieder,
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Ob sie gleich nicht männlich stehen,
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Dennoch sie zum Kusse reitzte!
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Könt ich doch die kleinen Geister,
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Die auf Pfeil und Bogen lachten,
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Die um Kinn und Wangen schwärmten,
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Mit der Göttersprache malen!
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Könt ich doch den blöden Schönen
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Die Erscheinung sichtbar machen!
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Doch sie werden dem Erzälen
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Meiner lieben Doris glauben,
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Denn man weiß, sie kan nicht lügen.
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Ja, sie werden alles glauben,
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Wenn sie künftig sehen werden,
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Daß die Rosen nie verwelken,
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Die auf ihrem Busen blühen.
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Doris soll zwar viel erzälen,
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Aber das, was ich verschweige,
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Soll sie ebenfalls verschweigen.
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Welche seltne Heimlichkeiten
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Hat uns Amor nicht entdekket,
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Eh er schnell, vor unsern Augen,
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Wieder in die Knospe flohe,
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Oder in den Götterhimmel.
145
Drei Minuten nach dem Wunder
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Blühten beide Wunderrosen,
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In der schönsten Rosenblüte,
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Auf dem Busen meiner Doris.
149
Brüder, wollt ihr es nicht glauben?
150
Geht nur hin, und seht die Rosen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wilhelm Ludwig Gleim
(17191803)

* 02.04.1719 in Ermsleben, † 18.02.1803 in Halberstadt

männlich

Dichter der Aufklärungszeit

(Aus: Wikidata.org)

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