Der Messias. Achter Gesang

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Friedrich Gottlieb Klopstock: Der Messias. Achter Gesang (1756)

1
Die du am Sion den heiligsten unter den Sängern Jehova
2
Sahst, von ihm lerntest, als er, vom ewigen Geiste gelehrt, sang,
3
Den der Richter im Tode verließ, den größten der Todten,
4
Lehr, Sionitinn! mich wieder, du lerntest himmlische Dinge!
5
Komm, und führe den Bebenden, deinen Geweihten, und bebe!
6
Führe mich in des Gekreuzigten Nacht. Des Heiligthums Schauer
7
Faßt mich! Ich will den Sterbenden sehn, ich will die gebrochnen,
8
Starren Augen, den Tod auf der Wange, den Tod in den schönsten
9
Unter den Wunden! dich sehn, du Blut der Versönung! … Es sank ihm,
10
Und er blutet’, es sank ihm sein Haupt, er blutet’, es sank ihm,
11
In die Nacht hin, sein heiliges Haupt; da verstummte der Gottmensch.

12
Von des Richters Angesicht flog Eloa herunter,
13
Kaum den Unsterblichen sichtbar, so eilt er die Himmel herunter.
14
Und er hielt in der Linke die himmlische Krone; die Rechte
15
Schwung die Posaune. Sie tönt. Es tönen der Sphären Gesänge.
16
Und der nächste dem Unerschaffnen, er rief durch die Himmel:

17
Feyert! Es flamm’ Anbetung der grosse, der Sabbat des Bundes,
18
Von den Sonnen zum Throne des Richters! Die Stund ist gekommen!
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Feyert! die Stunde der Nacht ist gekommen! Sie führen das Opfer.

20
Und die Himmel umher vernahmen des Rufenden Stimme.
21
Doch schon war er vorübergeeilt. Zwo Winke, so schwebt er
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Ueber Golgatha. Um ihn herum versammeln der Erde
23
Engel sich eilend. Er rief sie. Jhr strahlenwerfender Kreis schloß
24
Jzt um Eloa sich zu. Eloa stieg aus dem Kreise,
25
Feyerlich stieg er auf Golgatha nieder, und stand auf der Höhe.
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Dreymal neigt er nunmehr sein tiefanbetendes Antliz
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Auf den Staub des Hügels herab, dann erhub er sich, streckte
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Ueber den Hügel den hingebreiteten Arm aus, und schaute
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Auf den Meßias herab, der, in der Ferne, begleitet
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Von Judäa, langsam gen Golgatha herkam, und, schwerer,
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Als sein Kreuz, das Weltgericht, trug! … So sah ihn Eloa,
32
Stand, hielt über den Hügel den hohen Arm hin, und sagte:

33
Hört mich, Himmel, und jauchzt! Du Hölle, vernimm mich, und bebe!
34
In des Auszusönenden Namen! und deß, der zu bluten
35
Kömmt, des Versöners Namen! im Namen des Geistes, der Sünder
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Schafft zu Gerechten, weih ich dich, Hügel, zum Tode des Sohnes!
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Heilig! heilig! heilig! ist der, der seyn wird, und seyn wird!

38
Also weiht Eloa, und staunt. Des Unsterblichen Schimmer
39
Wurde Dämmrung, so staunt er! Und nun verstummt er nicht länger,
40
Senket gegen den Mann von Erde gefaltete Hände,
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Welcher die Tief herauf, sein niederbeugendes Kreuz trug,
42
Sieht ihn unter dem wankenden Kreuz, fällt nieder aufs Antliz,
43
Betet: O du, der dem Altar sich naht, zu sterben den schönsten
44
Und den wunderbarsten der Tode, du Menschenfreund! Schöpfer!
45
Mitgebohrner, und Sohn des Geschlechts, das Gräber begraben!
46
Bethlehems Kind! … du weintest, wir sangen dir Jubel! Du läßt dich
47
Bis auf Golgatha nieder: die tiefre Verwundrung verstummt dir,
48
Mehr zu jauchzen! O Sohn! Sohn Gottes! und … der Gebohrnen!
49
Unerschaffner! (kein Endlicher sang da Jubel!) Vollender
50
Alles deß, so das Höchste, das Wundervollste, das Beste,
51
Das ganz Herrlichkeit ist! tiefangebeteter Gottmensch!
52
Wiederbringer der Unschuld, der gottgefallenden Unschuld!
53
Todtenerwecker! Vertilger des ewigen Tods! Weltrichter!
54
Oder, wie deine Menschen dich nennen, du Lamm, das erwürgt wird!
55
Höre mein tiefes Gebet! vernimm des Endlichen Stimme,
56
Die vom Staube, worauf dein Blut wird bluten, dir betet.
57
Wenn dein Auge nun bricht; die lezte Blässe des Todes
58
Ueber dich, Geopferter, strömt; die Himmel der Himmel
59
Nun erzittern, und fliehn; nun, nur Jehova, mit vollem
60
Hingehefteten Blicke den Sterbenden anschaut: o stärke
61
Dann aus der hangenden Nacht mich, in die dein Leben hinabstirbt,
62
Stärke, grosser Vollender! mich dann, damit ich nicht hülflos,
63
Nicht zu bebend, unter die Gräber der Erde versinke,
64
Und, wenn in schwim̃ender Däm̃rung um mich die Schöpfung nun wanket,
65
Ich, so dunkel mein Aug auch hinstarrt, im Tode dich sehe! …
66
Tod! o Tod des Sohnes! du nahst dich, Tod! Von dem ersten,
67
Der ein Sterblicher ward, bis zu dem lezten von Adam,
68
Dessen jungem Leben der Auferstehung Posaune
69
Wegzuathmen gebeut, sie alle wirst du versönen;
70
Wenn du, noch einmal Schöpfer: Es ist vollendet! nun ausrufst.
71
Tod! o Tod des Sohnes! Und du, des Geopferten Vlut! … Heil!
72
Heil, den erlösten Seelen! Sie kommen, und wandeln, und jauchzen!
73
Jhre Kleider sind hell in des Todten Blute gewaschen!

74
Drauf erhub sich Eloa, vertheilte die Engel der Erde
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Weit um Golgatha her. Auf niederhangenden Wolken
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Sammlen sie sich; bedecken die breiten Rücken der Berge;
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Oder schweben über der Ceder, und gehen voll Tiefsinn
78
Mit den wallenden Wipfeln: er selbst stand über des Tempels
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Höhen; ein weitumkreisendes Heer! der allmächtigen Vorsicht,
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Die von fern herrscht, furchtbare Diener: Engel des Todes
81
Und des Weltgerichts; Hüter der Menschen; künftiger Christen
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Hüter! und, weil sie die Hüter der Märtyrer wurden, am Throne
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Deß, dem der palmentragende Märtyrer blutet, die Ersten!

84
Gabriel aber (ihn hatte zur Sonne der Gottmensch gesendet,)
85
Ließ mit silbertönendem Flug auf Uriels Burg sich
86
Nieder, und stand vor den Seelen der Väter, und sagte zu ihnen:

87
Kommt nun näher, ihr Väter der Menschen! Jhr seht ihn! (Hier wies er
88
Mit der bebenden Rechte.) Da trägt der Sündeversöner
89
Gegen den Hügel sein Kreuz. Dieß ist der Hügel des Todes!
90
An dem erhabnerem dort, der mit zween Gipfeln heraufragt,
91
Ging er ins erste Gericht. Von diesem sollt ihr ihn sehen,
92
Wenn er, für eure Kinder und euch, sein Leben wird bluten.
93
Kommt, Erlöste! Die Enkel der Enkel, die noch die Geburt nicht
94
Zu Unsterblichen schuf, er geht, er eilt, er versönt sie!

95
Feurig sagt es der Seraph. Verstummt vor Wehmut und Wonne,
96
Folgen die Väter ihm schon. Sie eilen. Der schnelle Gedanke,
97
Der aus der Seele voll Andacht von Sternen zu Sternen hinaufdenkt,
98
Eilt nur eilender! Gabriel führte den schimmernden Haufen.
99
Jtzo betrat ihr schwebender Fuß den liegenden Oelberg.
100
Adam betrat ihn zuerst, sank nieder, und küßte die Erde.

101
Mütterlich Land, (so sprach er,) ich seh, o Erde, dich wieder!
102
Seit den Jahrhunderten, da mein Gebein am Abend des Todes
103
Du in deinen friedsamen Schooß, o Mutter, zurücknahmst,
104
Stand ich nicht über dem Staube der todtenvollen Gefilde!
105
Nun, nun steh ich darauf. Sey mir, o Erde, gegrüsset!
106
Seyd mir, Gebeine der Todten, gegrüßt: ihr werdet erwachen!
107
Meine Kinder, ach, meine Kinder! ihr werdet erwachen!
108
Und, o Stunden, ihr nahenden Stunden, o seyd mir, im Jubel.
109
Jm Triumphe, genannt! Jhr entlastet die Erde vom Fluche!
110
Jhrem heiligen Staub erschallt des Blutenden Seegen!
111
Halleluja! er kömmt, er kömmt der Erdegebohrne!
112
Siehe, der Allerheiligste kömmt, und naht sich dem Tode!

113
Also sprach er. Noch hielt er sein Herz, das in himmlische Wehmut
114
Aufzuschauern begann; er hielts noch, und schwieg, und schaute.
115
Aber Eloa stand auf dem Tempel, und sahe die Väter
116
Kommen. Jzt wandt’ er sein Antliz, und sieht hoch über dem Kreuze
117
Satan und Adramelech im wilden Triumphe schweben;
118
Satan wegen des Werks, das er schon vollendet, und beyde
119
Wegen künftiger Thaten! Eloa sieht die Empörer,
120
Wie sie, erhoben über die Wolken der wandelnden Erde,
121
Jm weitkreisenden Schwunge die höhern Wölbungen messen.
122
Und in seiner Herrlichkeit hub sich Eloa vom Tempel
123
Gegen die ewigen Sünder empor. Er ging in dem Glanze
124
Dieses gefeyrtesten Tags, vor allen Tagen der Feyer.
125
Gottes Schrecken schwebten um ihn. Die dünneren Lüfte
126
Wurden vor ihm zu Stürmen, und rauschten! Des Kommenden Gang war
127
Eines Heers Gang, welchem die tragenden Felsen erzittern.
128
Und der Unsterbliche tönt’, und glänzte daher! Die Empörer
129
Sahn, und hörten ihn kommen, und zwangen umsonst ihr Erstaunen
130
Zu verbergen. Sie standen, und wurden dunkler. So stehen
131
In den lezten Tiefen der Hölle zween nachtvolle Felsen!
132
Aber, mit Einer lezten Erhebung, trat Eloa
133
Vor die Verworfnen, und sprach: Jhr, deren Namen der Abgrund
134
Nenne! verlaßt, ihr seht der hohen Unsterblichen Lichtkreis!
135
Diesen verlaßt, und entlastet von euch die heilige Stäte.
136
Siehe, so weit der äusserste Schimmer der Seligen, Gränzen
137
Euren Empörungen, strahlt; schwebt da nicht über der Wolke!
138
Kriecht da nicht am Staube der Erde! Der Seraph gebot so.
139
Aber wie zwey Gewitter, die an zwo Alpen herunter
140
Dunkel kommen, (ein stärkerer Sturm tönt ihnen entgegen,
141
Wird sie verstreun!) wie die in ihrem Schoosse den Donner
142
Fliegend reizen, damit er die krummen Thäler durchbrülle:
143
Also rüsten zur Antwort sich wider Eloa die Stolzen.
144
Was die Wut Entsezliches hat, die Rache Verwegnes,
145
Runzelt’ auf ihrer Stirne sich, rollt’ in den flammenden Augen!
146
Aber mit herrschendem Blick schaut ihnen Eloa ins Antliz:

147
Erst verstummt! dann flieht! Käm ich mit der siegenden Stärke,
148
Die Jehova mir gab; so sollte von diesem erhobnen,
149
Treffenden Arm euch ferne von mir mein Donner verschleudern.
150
Aber ich komm in dem Namen des Sohns von Adam, der (schaut ihn!)
151
Dort sein Kreuz trägt! Jm Namen des Ueberwinders der Hölle:
152
Flieht! … Sie flohen dunkler, als Nächte. Nacheilende Schrecken
153
Heften sich an die Ferse der Flucht, und treiben sie seitwärts
154
Auf die Trümmern Gomorra im todten Meere. Die Engel
155
Sahen sie fliehn, es sahen sie fliehn die Väter. Eloa
156
Stieg, zur Zinne des Tempels, in seiner Herrlichkeit nieder.

157
Jesus war zum Todeshügel gekommen. Ermattet
158
Schwankt er am Fusse des Hügels. Die blutbegierigen Haufen
159
Zwangen einen Wanderer, welcher an Golgathas Hange
160
Furchtsam hinabstieg, daß er das Kreuz dem Ermatteten trüge.
161
Unter dem Volk, das ihm folgte, beweinten ihn Einige; weiche,
162
Wutlose Seelen, doch die mit ganzem Herzen am Eiteln
163
Hingen, und kaum den Göttlichen kannten. Jhr flüchtiges Mitleid
164
War nur sinnlich; nicht edel, nicht Mitleid der Seele! Der Gottmensch
165
Hört sie klagen, und wendet sich um, und spricht zu ihnen:

166
Warum weinen Jerusalems Töchter? Beweinet mich nicht!
167
Weinet über euch selber, und über eure Kinder!
168
Denn es nahn sich die Tage der Angst. In den furchtbaren Tagen
169
Werden sie jammern: O selig die Unfruchtbaren! die Leiber,
170
Die nicht gebohren! die Brust, die nicht säugte! Dann werden sie sagen
171
Zu den Bergen: Fallt über uns her! und den Hügeln: Bedeckt uns!
172
Denn, geschahe das mir, was wird den Sündern geschehen!

173
Jzt war er auf die Höhe des großen Altars gekommen.
174
Und er schaute zum Richter empor. … Die Kreuziger nehmen
175
Jhm das Kreuz ab, errichten es unter Todtengebeinen.
176
Und das Kreuz erhub sich gen Himmel, und stand. Der geweihte,
177
Festliche Tag, er schimmert noch sanft; noch freut sich die kleinste
178
Schöpfung im Labyrinthe der lebenathmenden Lüfte
179
Doch Ein Wink, so fängt in ihrem Schoosse die Erde
180
In den geheimsten entlegensten Tiefen mit leiser Erschüttrung
181
An zu beben. Und über dem Antliz der schauernden Erde
182
Rüsten Stürme sich, wirbeln, und heulen in hangenden Klüften.
183
Und es schwankte das Kreuz. Der Gottmensch stand bey dem Kreuze! …

184
Adam sah ihn, und hielt sich nicht mehr. Mit glühender Wange,
185
Mit hinfliegendem Haar, mit ofnen bebenden Armen,
186
Eilt’ er hervor zum äussersten Hange des Bergs, sank nieder.
187
Als er hinsank, flammte der Himmel im schanenden Auge
188
Des nicht Sterblichen mehr. Er lag, und weinte vor Wonne,
189
Wonn’ und ewiges Leben und Schauer, und Wehmut, und Staunen,
190
Ueberströmten sein Herz. Des vollen Herzens Empfindung
191
Wurd izt Stimme; nun betet’ Adam. Die Kreise der Engel
192
Hörten die Stimme des Beters! Er blickt auf die Gräber und betet:

193
Nein! der Seraph nennt dich nicht aus! Die Unsterblichen weinen,
194
Wenn sie, in deine Liebe vertieft, die tausendmal tausend
195
Herrlichkeiten zu nennen beginnen, und betend verstummen!
196
Ach! ich nenne dich Sohn! und verstumm, und weine mit ihnen!
197
Jesus Christus mein Sohn! mein Sohn! wo wend ich mich hin? wo?
198
Daß ich dieß unnennbare Heil, die Wehmut ertrage?
199
Jesus Christus! mein Sohn! … O, die ihr früher, als ich, wart,
200
Aber nicht früher, als er! schaut auf ihn, Engel, herunter!
201
Schaut herunter! Er ist mein Sohn! Dich segn’ ich, o Erde!
202
Dich, o Staub, aus dem ich gemacht ward! O Wonne! du volle
203
Ewige Wonne! die ganz die Begier des Unsterblichen ausfüllt!
204
O der grosse, der tiefe, der himmelvolle Gedanke,
205
Dein Gedanke, Jehova: Du schufst! da schufst du auch Adam!
206
Adam aus Staube, damit er der Vater des Ewigen würde!
207
Steh hier still, unsterbliche Seele! durchschau die Tiefe,
208
Diese weite Tiefe der Wonne! … Was sind es, ihr Himmel!
209
Was für Augenblicke, die izt die Unsterblichen leben!
210
Jeder ist göttlich, und ieder, er trägt auf dem eilenden Flügel
211
Ewigkeiten der Ruh! und die wird Adam durchleben!
212
Nun ist dieser nicht mehr! nun dieser! Erhabnere kommen
213
Jmmer näher, noch näher! O eure Stimmen, ihr Himmel!
214
Gebt mir eure Stimmen, daß ichs durch die Schöpfungen alle
215
Laut ausrufe: Das Opfer, es steht am Schatten des Todes!
216
Mache dich auf, erhebe dein Haupt, komm, stehe vom Staub auf,
217
Menschengeschlecht, und schmücke dich schön mit betenden Thränen!
218
Denn der Allerheiligste steht am geöfneten Grabe.
219
Meine Kinder! ach, meine Kinder, ihr seyd die Geliebten!
220
Euch versönt er! O, kommt zu dem Sterbenden, Kinder von Adam!
221
Wer im Palaste mit Golde bedekt wohnt, lege die Krone
222
Nieder, und kommt! Jhr, die sich mit Hütten von Erde beschatten,
223
Laßt die niedrigen Hütten, und kommt! Ach, aber sie hören
224
Meine Stimme, die Stimme des Liebenden nicht. Jhr Verwesten,
225
Welche die Gräber und das Gericht mit Tode bedecken,
226
Hört sie auch nicht! … Du bist, der du dich opferst, auf ewig
227
Bist du Erbarmer! … Vollender! du gnadenvoller Erdulder!
228
Siehe, du wirst es vollenden! Und nun … (Unaussprechliche Wehmut
229
Ueberfällt mich, und dringt in iede Tiefe der Seele!)
230
Nun, nun geht er dahin. O stärk mich Endlichen, stärk nun
231
Mich den ersten der Sünder, und der die Verwesung gesehn hat,
232
Du, der ihn im Tode verläßt, Weltrichter Jehova!

233
Adam rief es. Indem trat, dessen Namen die Himmel
234
Ewig nennen, näher ans Kreuz, hub seine Hand auf;
235
Hielt sie vor sein Antliz, und neigte sich tief, und sagte,
236
Was kein Seraph vernahm, und kein Erschaffner verstünde!
237
Aber vom Throne des dunkeln Gerichts antwortet Jehova.
238
Von der Antwort erklangen des Allerheiligsten Tiefen,
239
Und es bebte des Richtenden Thron. Die Kreuziger nahten
240
Sich dem Versöner. Indem betreten die Welten alle
241
Mit weitwehendem Rauschen des Kreislaufs Puncte, von denen
242
Sie die Versönung verkündigen sollten. Sie standen. Die Pole
243
Donnerten sanfter herab, und verstummten. Die stehende Schöpfung
244
Schwieg, und zeigte des Opfers Stunden die Himmel herunter.
245
Auch du standest, du Welt der Sünder und Gräber! das Grabmal
246
Deß, der bluten sollte, mit dir! Nun schauten mit allen
247
Jhren Unsterblichkeiten die Engel. Es schaute Jehovah,
248
Schaut, und hielt die Erde, die sank, es schaute Jehovah,
249
Siehe, der seyn wird, und seyn wird, auf Jesum Christum herunter
250
Und sie kreuzigten ihn! … Die du unsterblich, wie sie bist,
251
Welch’ ihn sahen, o du, die seine Wunden auch sehn wird,
252
Neige dich tief ans unterste Kreuz, umfaß es, verhülle
253
Dich, o Seele, bis dir die bebende Stimme zurückkömmt!

254
Als wenn über die Schöpfung umher ein allmächtiger Tod läg,
255
Und in allen Welten nur stille Verwesungen schliefen,
256
Nun kein Lebender auf der Verwesenden Staube mehr stünde:
257
So mit todter feyrlicher Stille schauten die Engel,
258
Und die Väter auf dich, Gekreuzigter! Aber sein Leben,
259
Da sein unsterbliches Leben begann mit dem stärksten der Tode
260
Nun zu ringen, und nun sein erstes Blut floß; da wurde,
261
Seraphim, euer Erstaunen zur Stimme! Sie jauchzten, und weinten,
262
Und es hallten die Himmel von neuen Anbetungen wieder.
263
Nun noch einmal, und nun noch einmal blickt’ Eloa
264
Nach dem Blutenden nieder! und nun, mit einer Erhebung,
265
Wie ihn noch nie ein Unsterblicher sah, mit lautem Erstaunen,
266
Schwung er sich in die Himmel der Himmel, und rufte, (so tönen
267
Eilende Stern’ im kreisenden Lauf) er rufte: Sein Blut fließt!
268
Flog in der Tiefe des Unermeßlichen, rufte: Sein Blut fließt!
269
Und drauf schwebt er mit stiller Bewundrung herauf zu der Erde.
270
Als er durch die Schöpfung einherkam, sah er die Engel
271
Auf den Sonnen, die ersten der Engel, an ihren Altären
272
Stehen. Sie standen feyernd, und von den goldnen Altären
273
Flammten Morgenröthen hinauf zum richtenden Throne.
274
Durch die weite Schöpfung herunter flammten die Opfer,
275
Bilder des blutenden Opfers am Kreuz: ein himmlischer Anblick!
276
Also sahn die siebzig Aeltesten des gottgewählten
277
Und lautzeugenden Volks auf Sina die Herrlichkeit Gottes;
278
Oder so hub sich, dem heiligen Volke den Weg zu gebieten,
279
Von der Hütte, worinn dein Allerheiligstes ruhte,
280
Offenbarter, die Säule der Flammen in donnernde Wolken!

281
Aber der Gottmensch blutet. Jzt schaut er auf Juda hernieder,
282
Das, von Jerusalem an, bis nah zum Kreuze, gedrängt stand.
283
Sieh, er neigte sich hin, und rief den Hügel herunter:

284
Vater! sie wissen es nicht, was sie thun. Erbarme dich ihrer!
285
Stille Bewundrungen wandelten dir, du Stimme der Liebe,
286
Durch die Menge der Schauenden nach. Die huben ihr Antliz
287
Zu dem Blutenden auf, und sahn die Blässe des Todes,
288
Deine, du tödtlichster unter den Toden, über ihn strömen.
289
Dieß nur sahe der Sterblichen Auge; der grossen Gestorbnen
290
Seelenvolleres sahe geheimere Dinge: Sein Leben,
291
Wie es rang, sein Leben von keinem Tode zu tödten,
292
Hätte Gott den Tod nicht gesandt! wie allmächtige Schauer
293
Durch den Sterbenden schütterten! wie er, verlassen vom Vater,
294
Hing am hohen Kreuze! zu welchem Heile sein Blut floß!
295
Welche Versönung dieß Blut, aus diesen Wunden, herabquoll!
296
Sieh, er hub sein Auge gen Himmel, und suchte nach Ruhe,
297
Aber er fand nicht Ruhe! Mit iedem fliegenden Winke
298
Starb er Einen furchtbaren Tod; und fand nicht Ruhe!
299
Und es waren mit ihm zween Missethäter gekreuzigt.
300
Denn, zu dieser Tiefe, beschloß des Ewigen Rathschluß
301
Und sein eigner, ihn zu erniedrigen. Einer der Mörder
302
Hing zu seiner Rechte, der Andre zur Linke. Der eine
303
War ein versteinerter Sünder, ein graugewordner Verbrecher.
304
Dieser kehrte sein finstres, verstelltes Gesicht zu dem Mittler:

305
Christus wärst du? Wärst du es; hülfst du uns! hülfst du dir selber!
306
Stiegst du diesem Baume, den Gott verflucht hat, herunter!

307
Aber der andre Verbrecher, ein Jüngling verführt in der Blühte,
308
Nicht von ruchlosem Herzen; doch hingerissen zur Sünde,
309
Rang aus seinem Elend sich auf, und strafte den andern:

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Gottlieb Klopstock
(17241803)

* 02.07.1724 in Quedlinburg, † 14.03.1803 in Hamburg

männlich, geb. Klopstock

deutscher Autor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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