Anleitung zum vergnügten und gelassenen Sterben. Beym Anfange des 1747 Jahres entworfen

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Barthold Heinrich Brockes: Anleitung zum vergnügten und gelassenen Sterben. Beym Anfange des 1747 Jahres entworfen (1748)

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O Gott! du Wesen aller Wesen,
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Das anders denkt, als alle Welt,
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Der anders ist, und anders wirkt, als je ein Geist sich
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vorgestellt,
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Der Geist und Körper, Welt und Sonnen, zu seines Da-
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seyns Prob', erlesen!
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O Gott! du lebst in deinen Werken, die Seele siehet dei-
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ne Spur
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In allen deinen Kreaturen, und in der wirkenden Natur.
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Die Mittel dazu sind die Sinnen, wodurch wir, mit der
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Welt verbunden,
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Durch die geläuterte Vernunft, derselben Schöpfer aus-
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gefunden.
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Durch Ordnung, den Zusammenhang, durch Pracht und
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Absicht wird der Grund,
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Ein weises, liebreichs, mächtigs Wesen, vernünftigen
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Geschöpfen kund,
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Die, wenn sie, Herr, von deinen Werken, von Welt und
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Sinnen nichtes wüßten,
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In ewiger Unwissenheit von deinem Daseyn bleiben müßten.
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Wie könnten immermehr Begriffe, Gedanken, Bilder und
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Jdeen
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In einer sinnen-körperlosen und leeren Menschenseel’ ent-
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stehen?
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Der klügste Geist müßt’ ohne Kraft, ohn’ Ueberlegung
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und Vergnügen,
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Ein nimmerdenkend Wesen bleiben, kein Geist seyn, ewig
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brache liegen.
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Muß eine Seele denn nicht billig den Werth, o Herr,
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von deinen Werken,
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Die deine Herrlichkeit uns zeigen, mit Andacht, Dank
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und Ehrfurcht merken?
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Dein Schaffen, Formen und Erhalten, dein unbegreifli-
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ches Regieren
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So ungeheurer Himmelskörper, der Welt und aller Wesen
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spüren,
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Bewundern und dich anzubeten, und zwar dich ewgen
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Gott allein
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Tief unterwürfig zu verehren, gereizet und verbunden seyn?
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Du rufst Geschöpfen, und sie kommen; du sprichst: ver-
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geht, und sie vergehen,
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Da andre denn, auf deinen Wink, aufs neu, an ihrer
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Stell', entstehen.
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Wobey jedoch vernünftge Wesen auf deine Liebe sich ver-
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lassen,
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Und, daß sie nicht vernichtigt werden, zu deiner Ehr’ im
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Glauben fassen.
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Sie sehen die Zerstörlichkeit der Körper, und ihr Aendern an
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Als Folgen deiner weisen Ordnung, doch die den Geist
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nicht treffen kann.
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O großer Trost, in dem wir sterben, (da wir doch alle
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sterben müssen)
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Daß wir die Wahrheit, welche sich in Gottes Liebe grün-
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det, wissen.
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Wer wird nicht kräftig aufgerichtet im Tode selbst, wenn
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man ermißt:
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Daß unser Sterben ein Verändern, das Aendern ein
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Verbessern ist.
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Ich will, von unserm letzten Wechsel, bey diesem Jah-
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reswechsel, singen,
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Und mich bemühen solche Gründe von unserm Scheiden
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vorzubringen,
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Die in der That unwidersprechlich; und zeigen, daß fast
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jedermann,
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Nach einem
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auch sterben kann.
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Die Gründe, die ich aus
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lebenSiehe des gelehrten Spaniers A. A. de Sarasa Ars semper gaudendi. Tract. XV., meist genommen,
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Verhoff und wünsch ich, daß sie vielen zu statten und zu
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Nutzen kommen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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