1.

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Kaspar von Stieler: 1. (1660)

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Der Vorraht in Saturnus Welt
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war Korn und reiche Wolle/
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ein grüner Busch/ ein Brunn ein breites
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dar lebte man ohn allen Neid und
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Sint daß der Geiz und Hoffartkahm
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und Herrschafft nahm
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entstund’ ein Reich des Eisens.
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Man wolte Gold und Sammet tra-
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die Einfalt samt der Tugend golte nicht.
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Die Sucht hält nu die Jungfern auch
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darum werd’ ich vorbey gegangen.
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Man liebt die Runzel-haut’ den Husten

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Weil Hektor in dem Harnisch schwizzt
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liegt Paris in den weichen Federn
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und wird in Venus-Krieg erhizzt.
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Ich lobe diesen Streit/
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wo Lieb’ und Freundligkeit
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mehr/ als wenn mir der Feind ist auf den
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Warum solt’ ich um Reichtuhm krie-
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da Lieb’ und Lieb’ im Bette nakkend

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Komm/ Pylades/ zu mir/
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es steht dir meine Tühr
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zu allen Zeiten offen.
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Ich teile mit dir Brot und Wein/
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das Hauß ist mein und dein.
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Ich gebe dir auch gar den Schlüssel zu
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Diß alles sey gemeine:
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die Liebste bleibe mein alleine/
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Greiffstu mir hie zu weit; so sag’ ich
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Geh hin/ du bist mir eine Last.

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Der sagt er sey mit dir aufs Land gefah-
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er hab’ auff weicher Streu’
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einsmahls mit dir sich dürffen paaren.
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der hat mit dir zu Nacht gesessen/
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der hat mit dir allein gegessen/
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und jener hat wol ehr
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dich nakkend angesehen/
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er weiß an dir ein schwarzes Wärzgẽ/
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Was ist denn daß nun mehr?
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Ich laß es geschehen.
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Ein guter Wein
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wil ja getrunken sein.
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Drum fürcht dich nicht/ daß ich dich wer-
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ich würde dich/ werstu der sauren/ stehen

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Ich wiche hin zum strengen Norden/
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und dennoch fühlt’ ich Liebe.
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Ich bin Gradivens eigen worden/
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ich pflügt ein hartes Feld/
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ich schiffte durch Ozeans Wellen-welt/
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und dennoch fühlt’ ich Liebe.
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Woher? ist deñ vor Liebe nicht ein Raht?
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Ach! jezt besinn’ ich mich/ daß Amor Flü-

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Was rühmstu alte Tichter-welt/
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du habest durch dein Singen
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die Löuen können zwingen/
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und Föben auß den Flam̃en bringen/
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du habest manchen Stein an Tebens
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durch einen Leyer-klang gestellt!
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Kupido zog mir Seiten auff
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und reichte mir den Fiedelbogen/
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der hat die Rosilis bewogen/
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daß sie verliebet worden ist.
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Kupido sey geküßt/
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du Herzen-dieb.
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Dein Fiedelbogen machts/ sonst wär’ ich

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Ach ja! Es ist ein greiser Bahrt/
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dem meine Venus nicht gefället/
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der ist von keuscher Art.
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die Keuschheit stekket in den Runzeln/
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ich habe keine Runzeln nicht/
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Die jungen Leute schmunzeln/
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wenn sie die Venus lesen:
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du Bleicher bleichst/ wenn du mein
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das ist ein tolles Wesen.
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Jezt fällt mirs ein/ woher es kommen
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du blässest/ weil du fürchtst den Jüng-

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Verzweiflung/ Sorge/ Furcht und
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Schmerz/ Leiden/ Angst und Quaal/
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ein Regiment von Gekken/
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Verspottung ohne Zahl/
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das ist der Liebe Leib-gedinge.
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wer das nicht kennt/ der weiß auch
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Sey nu geehrt/ geliebt/ geküßt/
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und sey darbey ein Haubt der Narren.
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Wißt ihr/ wem ich das Lieben wolte gön-
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(nen.
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dem (mein’ ich) der mich nie hat lieben kön-

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Die Nas’ an dir ist Spannen-lang/
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das Maul steht als ein Tohr-weg offen/
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die Zäne sind zwey Daumen breit/
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der Wangen Schwärz’ ist Qwitten-
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Der Augen Glanz sicht wie die teure Zeit:
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doch bistu stolz und hältst dich trefflich
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das macht: ein Mahler hat die Venus
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und Mopsa oben an geschrieben/
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Das Bild hastu vor deines angesehn
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und meinst es müß’ in dich sich jederman

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Einst sah’ ich einen alten Narren
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die grauen Haare reissen auß
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vor einer Schönen Haus’
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und wer alldar vorüber gieng
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hub weidlich an zulachen/
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daß er erst an-im Alter-fieng
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die Liebe mit zu machen.
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Sich/ Alter/ das steht dir nicht an
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und deines gleichen.
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Der Jugend/ die mit Rechte lieben kan
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und ihrer Liebe Zwekk erreichen/
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der geht das Lieben hin.
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Drum lache nicht/ daß ich verliebet bin.

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Es ist nicht wahr/
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daß Amor den und die verzaubern kan.
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hier komt es nicht auf einen Segen an/
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nicht auf ein wächsern Bild.
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Kein Kraut hegt Tessalis das zu dem Lie-
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kein Laubfrosch tuhts kein Jungfer-
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es ist nicht wahr.
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Dir Zauberey sizzt in den Augen
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Sich sie nicht an die Eitelkeit/
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verschweer das Küssen/

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Du sprichst: Ich liebe nicht/
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und dein hoffertiges Gesicht
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hat bald den Spiegel durchgebohret.
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Du gehst durch alle Gassen schwänzen
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und findst dich gern bey Hochzeit-tänzen.
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Sonst stehstu an der Tühr
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und liegst am Fenster für und für.
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Florille/ Mein! sind diß der keuschheit Werke/
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die Buhler durch die Augen anzulokke
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Mein! bleibe bey dem Rokken.
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Doch nein. Solltstu dich nicht den Leuten
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wer kennt’ und würde dich vor eine Keusche

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Gaminde weiß an allen einen Tadel
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der ist ihr allzuklug und der ein Gekk/
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der ist zu still’ und der zu kekk
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der andre pflegts zurisch zuwagen
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und dieser läst sich schlagen.
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Die Arme müssen Kurz um weichen/
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Und keinem ist sie doch getreu
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Gaminde sich dich für. Die Zeit fleugt fort
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wie bald ist deine Schönheit port.
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Was achts Gaminde: die der Leute lachen/
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kan man zulezt zu Kupplerinnen machen.

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Verschließ die Tühr mit hundert Schlössern/
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der Hund steh auff der Wacht/
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die Mutter schlaf’ auch selbst bey ihr zu
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laß sie nicht an der Pforten stehen/
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verbiet ihr das Spazieren-gehen:
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Es ist umsonst.
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Die Geilheit ist als eine Mauß/
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und übet mehr/ als eine Kunst/
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verwahrt die Tugend nicht das Hauß.

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Es ist wol ehr geschehn/
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daß eine hat geweinet.
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wenn ihr die halb-verfaulten Zähn’
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auß ihrem Munde Fleisch-loß blekkten.
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Und niemand hat sie denn gemeinet.
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Es hat noch keiner dich genommen.
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Die Zeit kan an dich kommen/
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daß man dich fragt:
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weistu vor mich kein schön Gesicht/
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denn dich begehr ich nicht?

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Nim Gold einmahl/ und leg es in das Bette/
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Versuch es ob es Wärme gibt
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und ob dichs wieder liebt.
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Ein frisches Bluht/ ein Mund mit Rosen
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das ist/ daß Lieb’ und Lieb’ ergezzet.
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Vom Gelde mustu Alten sagen/
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die sonst nichts liebens wehrt an ihren Lei-
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Nim einen Alten hin:
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was gilts? du wirst einst klagen:
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Ach! hätte mich mein junger Sinn
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zu meines gleichen hingetragen!

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Ich lobte dich durch meine Leyer/
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das macht’ ich meinte niemand wäre treuer.
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Nun fluch’ ich auf der Feder schnelle fahrt.
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Gebt Feuer her. Ich wil den Vers verbren-
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Nicht zu geschwinde! Nein.
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Wie wolte man denn sonst erkennen/
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daß/ was ich schrieb/ solt’ ein Gedichte sein.

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Wärstu nicht schön wie hätt’ ich dich gelie-
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nu bistu schön so hasset mich der Neid/
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und gönnet mir nicht deine Freundlig-
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Wärstu nicht schön/ so haßte dich ein Je-
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nu/ bistu schön/ so liebt dich jeder wieder.
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Ach! möchtestu doch mir nur schöne
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daß du nu schöne bist/ ist recht und auch nicht

(Filidor der Dorfferer [i. e. Stieler, Kaspar von]: Die Geharnschte Venus. Hamburg, 1660.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Kaspar von Stieler
(16321707)

* 02.08.1632 in Erfurt, † 24.06.1707 in Jena

männlich, geb. Stieler

deutscher Gelehrter und Sprachwissenschaftler

(Aus: Wikidata.org)

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