IiI. Der beste Sinn/ das Fühlen

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Kaspar von Stieler: IiI. Der beste Sinn/ das Fühlen (1660)

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Du bist es/ edles Fühlen/
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du schönster Sinn allein/
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dehm aller Tichter Kielen
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zu Dienste sollen sein/
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und ihm ein Lobmahl sezzen
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das nicht Gewalt noch Zeit/
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noch Unfall kan verlezzen/
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biß nach der Ewigkeit.

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Kommt her/ ihr Weißheit-Gründer/
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ihr Priester der Natur/
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kommt alle Föbus-Kinder/
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wofern ihr nur der Spur
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der Wahrheit/ nachzugehen
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ein wenig seid gesinnt:
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daß fühlen überwindt.

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Gesicht/ die Götter-Gabe/
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bringt manchen zu dem Grabe/
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der sich zusehr vergist
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in einer Schönen blikken/
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was ich nicht sehen kan/
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das kan mich nicht bestrikken
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noch sträfflich reizen an.

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Das hören bringt offt Schrekken
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und schafft Uneinigkeit.
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Was Mus
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währt eine kurze Zeit.
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Ach! manche wird bethöret/
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wenn sie der Rede Tohn
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der Junggesellen hönet/
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und kömmt in Spott und Hohn.

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Geruch ist kaum zunennen/
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Die Rosen-wind nicht kennen/
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veriaget kein Gestank
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Ein Mensche kan wol leben/
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und hätt’ ihm nimmermehr
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das Riechen Lust gegeben.
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Bleibt Schmekken denn die Ehr.

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Dem Wollust-vollem Schmekken/
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dem Lufft/ Fluht/ Erde dient/
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dem Vogel’ junge hekken/
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dem Wald und Wiese grünt/
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umb den der Fischer leget
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die falschen Reusen ein/
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ists nicht/ der Beutel feget/
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und heißt uns kranke sein.

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In Fühlen nur alleine
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besteht der Sinnen Grund/
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ohn diesen Leben keine.
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Aug/ Ohren/ Nase/ Mund/
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ergreiffen keine Sachen
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die ihnen Gegend stehn.
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Was alle Sinnen machen/
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muß erst durch den geschehn.

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Du aller Sinnen König
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nimst gar die Seel’ auch ein
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der Leib ist dir zu wenig.
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bedenkt den Kuß’ allein/
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da das besüßte Rühren
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der Lippen mehr ergezzt/
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als keiner von den vieren
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uns in Vergnügung sezzt.

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Der Hände drukk/ das Reiben
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an unsrer Liebsten Brust/
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und was man nicht darff schreiben/
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die wolbekannte Lust/
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darum wir alle lieben/
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Guht/ Leben wagen hin
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in Kunst und Krieg’ uns üben/
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ist mehr als aller Sinn.

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Diß ist es/ Schaz Rosille/
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daß ich so gern an dir
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des Fühlens Werk erfülle.
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Vergönn mir für und für
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nur diß bey dir zu üben/
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Geruch/ Schmakk/ Sehen/ Lieben/
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und hassen das Gehör.

(Filidor der Dorfferer [i. e. Stieler, Kaspar von]: Die Geharnschte Venus. Hamburg, 1660.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Kaspar von Stieler
(16321707)

* 02.08.1632 in Erfurt, † 24.06.1707 in Jena

männlich, geb. Stieler

deutscher Gelehrter und Sprachwissenschaftler

(Aus: Wikidata.org)

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